Sozialverhalten/ Unsicherheit/ Adhs

Hier könnt ihr euch über ADS und ADHS austauschen.

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Engrid
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Beitragvon Engrid » 02.03.2019, 19:02

Hey Rike, hab Dir eine PN geschrieben. :wink:
Engrid
mit Sohn vom anderen Stern (frühkindlich autistisch)
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RikemitSohn
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Beitragvon RikemitSohn » 04.03.2019, 10:45

Danke für eure Antworten.

Ich habe als erste Handlung beschlossen noch einmal mit der Therapeutin zu sprechen. Ausserdem werde ich mal nach ASS-Angeboten forschen.
Eine Diagnostik auf ASS wird schwer sein. Da bin ich vor einiger Zeit schon gescheitert, denn er zeigt im offensichtlichen Verhalten keine Anzeichen in diese Richtung. Er kann z.B. Menschen unglaublich analysieren, aber wie er darauf reagieren soll, das ist ihm ein Rätsel. Diese Diskrepanz verstehen und glauben viele nicht.
Erst wenn man genauer hinschaut, wird das deutlich. Die meisten Menschen unterstellen ihm Sturheit oder Unfreundlichkeit oder asoziales Verhalten. Die Erwartungen an ihn sind auf Grund seiner Intelligenz auch im Sozialen sehr hoch. Manche seiner Eigenheiten werden schon gesehen, aber einfach als spleenig abgetan.
Ich hoffe, dass ich da noch einmal für Unterstützung sorgen kann.

LG Rike

P.s.: Falls noch jemand Ideen hat, immer her damit.
Mama mit Sohn 2004 ADHS und HB

Bika
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Beitragvon Bika » 04.03.2019, 11:52

Hallo Rike,
Er kann z.B. Menschen unglaublich analysieren, aber wie er darauf reagieren soll, das ist ihm ein Rätsel. Diese Diskrepanz verstehen und glauben viele nicht.
Erst wenn man genauer hinschaut, wird das deutlich. Die meisten Menschen unterstellen ihm Sturheit oder Unfreundlichkeit oder asoziales Verhalten. Die Erwartungen an ihn sind auf
Ein hochbegabter Asperger kann Menschen THEORETISCH (bei Interesse) super analysieren, die Probleme treten erst im praktischen zwischenmenschlichen Interagieren auf und je mehr Akteure ins Spiel kommen, desto mehr Probleme können entsehen.
Ein HB-Autist kann das, was ihm intuitiv zur Interpretation sozialer Signale fehlt, durch rationale Analyse kompensieren.
Das dauert aber viel länger als die intuitive Verarbeitung und klappt daher theoretisch besser.

Mein Sohn wurde mit 7 das erste Mal mit dem HAWIK getetstet.
Uns wurde damals gesagt, dass seine Besonderheiten von seiner extrem ausgeprägte HB kämen und man Asperger, aufgrund der Testbeobachtung und der Ergebnisse ausschließen könne.
Er deckelte in diversen Untertests auch im
-sziales Verständnis- des Indexes SV, was laut Testerin bei Autisten nicht möglich wäre.

Blödsinn! :lol:

3 Jahre später erhielten wir seine Diagnose.

Falls dein Sohn von ASS betroffen ist, muss es ihn so unsäglich frustrieren, dass er trotz seiner Bemühungen ständig auf Unverständnis stößt.



LG

HeikeLeo
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Beitragvon HeikeLeo » 04.03.2019, 12:26

Ein hochbegabter Asperger kann Menschen THEORETISCH (bei Interesse) super analysieren, die Probleme treten erst im praktischen zwischenmenschlichen Interagieren auf

...genau! Ich finde da Big-bang-Theory immer sehr erfrischend. Prof. Dr. Sheldon Cooper demonstriert es eindrucksvoll.

Liebe Grüße
Heike

Lisaneu
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Beitragvon Lisaneu » 04.03.2019, 15:00

Ein hochbegabter Asperger kann Menschen THEORETISCH (bei Interesse) super analysieren, die Probleme treten erst im praktischen zwischenmenschlichen Interagieren auf und je mehr Akteure ins Spiel kommen, desto mehr Probleme können entsehen.
Das ist es, was ich hier täglich sehe. Wenn der Fokus auf einen bestimmten Menschen gelenkt wird, und hinterfragt wird, was dieser wohl fühlt, weiß mein sehr kluger Asperger Autist immer die richtige Antwort. Er käme nur nie auf die Idee, das von sich aus, also "automatisch" zu tun. Seine Mißverständnisse im sozial-emotionalen Bereich lassen sich meistens schon durch kurze Gespräche auflösen, wo ich nur den Fokus zu lenken brauche. Den Rest schafft er selbst.

Wenn niemand da ist, der hilft, den Fokus zu lenken, interpretiert mein Sohn ganz normale Alltagssituationen immer wieder falsch, was dann (von seiner Seite) zu Irritiationen und Frust fühlt. Im heilpädagogischen Hort weiß man um seine Schwierigkeiten, und dort ist sein Verhalten im letzten halben Jahr auch DEUTLICH besser geworden. Einfach weil Verständnis da ist, und weil mein Sohn nicht noch zusätzlich zu seinem eigenen Ärger auch noch angepflaumt wird!
Sohn 3/2010 hochfunktionaler Asperger-Autist + ADHS
Sohn 7/2012, gehörlos + kurzsichtig + frühkindlicher Autist
Mama und Papa stark kurzsichtig (Kommentar eines Optikers: Wie habt ihr euch überhaupt gefunden?)

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Beitragvon RikemitSohn » 07.03.2019, 16:39

Hallo,

ich möchte euch noch einmal für eure Antworten danken. Ich habe die letzten Tage viel nachgedacht. Ich habe viele Dinge an meinem Sohn, die mir autistisch vorkommen, die ich aber auf sein ADHS geschoben habe. Vielleicht könnt ihr mir noch mal eine Rückmeldung geben, ob ihr das von ADHSlern auch kennt oder es doch eher in den Autismusbereich passt. Das sind die Dinge, die mir so einfallen und die ich der Therapeutin erzählen möchte in der Hoffnung, dass sie mir glaubt. Denn mein Sohn wirkt nach Aussen sozial gefestigt und bisher gab es immer nur Beschwerden und Verwunderung, warum er sich so daneben benimmt:

- mein Sohn fühlt sich (früher mehr) angegriffen, wenn die falschen Menschen grüßen
- er unterhält sich gern und ist offen, wenn er selbstbestimmt auf Menschen zugeht. Kommen Menschen auf ihn zu, reagiert er aggressiv und abweisend (mittlerweile eher unhöflich).
- Kleidung wird nur weit getragen- alles drückt
- er war/ist mit Essen sehr wählerisch ( früher ging nur eine Sorte Nudeln, sobald die Nudeln eine andere Form hatten, schmeckten sie nicht), Essen darf nicht zu kalt/warm sein
- er versteht Altersunterschiede nicht und beurteilt auch kleine Kinder von seinem Standpunkt, kann sich aber ausgesprochen lieb kümmern, wenn er verstanden hat, dass er der Ältere ist. Diese Einsicht muss aber immer wieder erneuert werden.
- versteht erst so allmählich, dass andere Kinder etwas nicht können und ich muss es ihm immer wieder erklären ( Fragt immer wieder, warum jemand Mathe nicht versteht, kann aber bei einer fünf denjenigen ganz empatisch trösten)
- er ist mit anderen/ Freunden sehr pragmatisch ( ist ein Freund schwierig, wird er nicht zum Geburtstag eingeladen, denn er könnte Ärger machen. Es fällt ihm dann auch schwer zu verstehen, dass der andere verletzt sein könnte-ich muss nachhelfen)
- bekam seine erste Smalltalkwhatsapp : ,, Wie geht es dir?" Mein Sohn hat gelacht und war total irritiert, wieso der Klassenkamerad einfach ohne Grund so was fragt.
- er mag Freunde, kann auch gut mit anderen in Kontakt kommen. Allerdings hat er auch gern und viel seine Ruhe und es fällt ihm schwer mit anderen Kindern im Kontakt zu bleiben. Wenn alle auf eine Party gehen, ist er froh, dass er das nicht ertragen muss.
- braucht Regelmäßigkeit ( z.B. sind Schulausflüge, Schulfeste, Klassenfahrten für ihn anstrengend und extrem nervig)
- kann Besuch in der Wohnung nur bedingt ertragen
- er hat seine eigene Logik ( ist ein Freund krank, findet er es unhöflich nach seinem Befinden zu fragen. Das stört doch beim krank sein)

Etwas lang, aber vielleicht hat jemand Muße zum Lesen.

LG Rike
Mama mit Sohn 2004 ADHS und HB

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Engrid
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Beitragvon Engrid » 07.03.2019, 23:01

Hallo Rike,
er versteht Altersunterschiede nicht und beurteilt auch kleine Kinder von seinem Standpunkt, kann sich aber ausgesprochen lieb kümmern, wenn er verstanden hat, dass er der Ältere ist. Diese Einsicht muss aber immer wieder erneuert werden.
- versteht erst so allmählich, dass andere Kinder etwas nicht können und ich muss es ihm immer wieder erklären ( Fragt immer wieder, warum jemand Mathe nicht versteht, kann aber bei einer fünf denjenigen ganz empatisch trösten)
- er ist mit anderen/ Freunden sehr pragmatisch ( ist ein Freund schwierig, wird er nicht zum Geburtstag eingeladen, denn er könnte Ärger machen. Es fällt ihm dann auch schwer zu verstehen, dass der andere verletzt sein könnte-ich muss nachhelfen)
- bekam seine erste Smalltalkwhatsapp : ,, Wie geht es dir?" Mein Sohn hat gelacht und war total irritiert, wieso der Klassenkamerad einfach ohne Grund so was fragt.
...
- er hat seine eigene Logik ( ist ein Freund krank, findet er es unhöflich nach seinem Befinden zu fragen. Das stört doch beim krank sein)
Das sind alles Sachen, die hinweisen auf eine eingeschränkte Fähigkeit zur Perspektivübernahme. Für Autismus typisch, für AD(H)S nicht. Oft wird ja behauptet, Autisten wären nicht empathisch, das war schon immer Unsinn, inzwischen ist es auch wissenschaftlich widerlegt. Im Gegenteil, viele empfinden „Zuviel“, sind quasi überempathisch auf der Ebene des „Mitschwingens“ und bekommen so von den Menschen um sie rum alle (und eben auch belastende) Gefühle mit. Können sie aber gleichzeitig oft nicht einordnen, weil die Perspektivübernahme nicht gut klappt, weil sie den Kontext nicht verstehen.
phpBB2/viewtopic.php?p=2115449#2115449

Übersensibel bei Kleidung, eingeschränkt beim Essen, Vermeidung von Trubel: das lässt auf eine extrem sensible Wahrnehmung schließen. Kommt auch oft vor bei Autismus. Gibt’s aber auch bei ADHS, wenn auch nicht so ausgeprägt, würde ich sagen.
er hat seine eigene Logik ( ist ein Freund krank, findet er es unhöflich nach seinem Befinden zu fragen. Das stört doch beim krank sein)
Ich habe von Aspergern schon öfter gehört/mitbekommen, dass für Sie das Trösten und auch das emotionale Teilen von schönen oder schlechten Erlebnissen etwas typisch Nichtautistisches ist. Mein Sohn ist mit Schmerz zb definitiv auch erstmal lieber für sich. Es muss sich da drauf konzentrieren, um damit umgehen zu können. Da hat er überhaupt keinen Nerv für Betroffenheit oder Anteilnahme von Danebenstehenden ...

kann Besuch in der Wohnung nur bedingt ertragen
Für Menschen, die auswärts aufgrund ihrer Wahrnehmungsbesonderheit stark kompensieren, die sich „maskieren“ (Masking nennt man das bei Autisten im Englischen), ist das Zuhause ein Raum der Erholung und des Rückzugs, ein Ort zum Kraft Tanken, ein ABSOLUTER Schutzraum. Deshalb halten es manche nicht gut aus, wenn Besuch kommt - denn dann müsste man ja zuhause kompensieren. Dann ist die Absolutheit gefährdet.

Grüße
Engrid
mit Sohn vom anderen Stern (frühkindlich autistisch)
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_Marta
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Beitragvon _Marta » 08.03.2019, 13:41

Hallo Rike,

ich hab schon ein paar Mal bei deinen Posts gedacht: Dein Sohn und meiner sind ganz schön ähnlich. Was du an Auffälligkeiten beschreibst, kann ich zu 90 % unterschreiben.

Mein Sohn z.B. hat ähnlich deinem eine - ich möchte schon sagen - Inselbegabung, was Sprache angeht. Das wurde im K-ABC 2 und im HAWIK bestätigt. Ganz spannend: Alleine das Allgemeine Sprachverständnis lag 90 Wertepunkte unter den anderen SV-Testergebnissen: Kontext ist eben nicht seine Sache. Ist nur ein kleines Einzelergebnis. Das ich jedoch im Alltag täglich erlebe.

Seine ganze Genese passt gar nicht zu ADHS. Sein Verhalten ist teilweise das GEgenteil: Regeln und einhalten dieser REgeln ist für meinen Sohn das wichtigste überhaupt. Dabei hat er ebenfalls seine eigene Logik. Er versucht alles, logisch einzuordnen, teilweise mit spannenden Begündungen, so wie du es von deinem Sohn beschreibst. Intuitives Erfassen: GAnz schlecht.

Bei uns heißt es weiterhin: das sind autistische Züge. In der Gesamtheit reicht es nicht zur ASS-Diagnose.

Auch wenn meine Bericht jetzt nicht ermutigend ist: Ihr seid nicht alleine. Vielleicht hilft das auch ein bisschen. Dranbleiben ist die Devise. Jedenfalls meine ...

Gruß von Marta
Sohn *09/10, Frühgeburt
F90.0G, F84.1V, Entwicklungsverzögerung Feinmotorik, HB, Funktionsniveau: 3 - 4


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