Wie geht ihr damit um wenn das Kind eskaliert ?

Hier könnt ihr euch über ADS und ADHS austauschen.

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Ronja77
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Wie geht ihr damit um wenn das Kind eskaliert ?

Beitragvon Ronja77 » 08.02.2019, 12:25

Hallo zusammen

Derzeit bin ich nervlich Nahe dem Limit :-(
Sohnemann ist 8, ADHS, Pflegerad 3 bekommen, da er auch starke Ängste hat (Sozialphobie?), keine Wege alleine macht und elektiven Mutismus.
Gefördert wird er seit Jahren, Ergo, Grühförderung etc.

Leider bekam er durch Medikinet und Eqasim Tics, die immer schlimmer wurden, obwohl die angepeilte Dosis nicht einmal erreicht war.
Intuniv wirkte gar nicht bis kaum, Kreislauf total im Keller.

Nun sind wir aktuell in der Diagnostik bei einer Tagesklinik und vielleicht wird er dort auch teilstationär aufgenommen, das entscheidet sich Anfang März, wenn die Diagnostik durch ist.
2. Klasse, es wären wohl so 12 Wochen, ich denke wenn nicht jetzt wann dann? Wir können nur daran gewinnen.

Jetzt ohne Medis merkt man aber deutlich dass er teilweise keinerlei Frustrationsgrenze hat. Impulskontrolle kennt er dann auch nicht.
An manchen Tagen komme ich gar nicht erst zum verschnaufen, bis er wieder eskaliert, massiv provoziert, die Tiere quält, den großen Bruder,.... ich denke ihr kennt das alle oder ?

Neuerdings beschimpft er einen dann. Du Assi, Arschloch, ich hasse Dich, halt Deine Schnauze..... Es ist mir schon unangenehm dies zu schreiben.
Ich weiß dass er um Liebe schreit, aber die bekommt er sooooo viel, ich lobe wie wild wenn was gut läuft, wir kuscheln viel, spielen sofern es geht mit ihm, machen Ausflüge, kochen zusammen etc. etc.

Es tut mir einfach so sehr weh, auch wenn ich weiß dass er mich eigentlich gar nicht meint.
Ich beschütze die Tiere, den Bruder, die Einrichtung (er wirft in der Wut alles was er finden kann).

Mal gehen 3 Tage gut, mal ist es die Hölle.

Vorgestern als er mich beschimpfte als ich ihn ins Bett brachte bin ich aufgestanden, habe das Licht ausgemacht, die Türe geknallt und bin runter.
Er kam auch erstaunlicherweise nicht raus, weinte auf und schlief ein.
Wir haben uns noch vertragen als ich ihn noch einmal aufs Klos setzte, so soll er nicht in den Schlaf, aber ich war echt am Ende :-(

Kennt ihr solche extremen Situationen? Wie geht ihr damit um?
An manchen Tagen bin ich dankbar wenn mein Mann am Abend endlich kommt.

Tja, der macht dann eine Fackelwanderung mit den Jungs und den Hunden und fragt mich was ich denn habe, er war ja sooooo lieb!

Witzig. Anziehen, Essen, losgehen, Hausaufgaben, aufräumen, Naschen verbieten etc. etc. bekommt er ja auch selten mit, oder macht Wetten mit ihm wer schneller ist.
Zieht bei ihm, bei mir nicht mehr.....

Habt ihr Tipps für mich?
Hier fallen keine Schimpfwörter, ich achte sehr auf eine anständige Ausdrucksweise.

Danach ist er am Boden zerstört, beschimpft sich selbst. Er sei so ein doofer Junge etc. Er leidet auch. Aber ADHS kann doch auch kein Freibrief sein .....
Sein bester Freund ist zum Glück so toll, selbst wenn er ihn als Wix...er beschimpft, ihm den Zutritt zu seinem Zimmer verbietet, er hält zu ihm und nimmt es nicht ernst. Bisher ....

Danke falls jemand diesen Roman tuende gelesen hat.

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HeikoK
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Beitragvon HeikoK » 08.02.2019, 13:01

Hallo Ronja,

oh man. Das ist hart. Aber ganz wichtig ist. Wenn ein Kind zusammenbricht, biete ihm eine noch sicherere Bank. Damit meine ich nicht "Du weißt doch ich bin da" sondern ein ruhiges, zugewandtes Präsent-sein...so wie du es wahrscheinlich schon praktizierst. Aber davon geht es nicht weg, es wird nur besser aushaltbar für deinen Sohn (ohne die Selbstvorwürfe danach etc.)...und irgendwann vielleicht auch weniger. Du machst das gut so wie du bist! Und dein Mann hat lesbar (wie häufig) den Part des guten Cops, klar läuft da vieles besser... Setze dich da nicht in Konkurrenz.
Ich wünsche Dir Nerven wie Drahtseile!

Heiko
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Sprachanbahnung, Fachtherapeut für kindliche Schluckstörungen

"Wie hast du den Vogel zum Singen gebracht, Momo? Niemand hat das bisher geschafft!" "Ich denke, man muss ihm auch zuhören, wenn er nicht singt!" (M.Ende)

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Engrid
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Beitragvon Engrid » 08.02.2019, 15:46

Hallo Ronja,

da sammelt sich einiges an Frust an, bei den Kindern, an einem Tag einerseits, über die Jahre andererseits. Da, wo sie Vertrauen haben, wo sie sich fallen lassen können, also zuhause bei Mama, kommt es dann geballt raus.
Allerdings tut es den Kindern auch nicht gut, wenn sie lernen, Mama ist mein seelischer Mülleimer und Boxdummie, und Mama tut das auch nicht gut.
Diesen Spagat haben wir hier auch.

Was mir sehr auffällt: solange ich die Ausfälle nicht persönlich nehme (denn so sind sie wirklich nicht gemeint), und selber im Lot bin (dafür tu ich eine Menge, und nehme mich auch mal raus), kann ich ohne negative Emotionen meinerseits reagieren, das tut der Sache sehr gut.
Bei unserer Ergotherapeutin habe ich mir Deeskalationstechniken abgeguckt, ich baue mich nicht vor Junior auf, guck ihm nicht streng in die Augen, wenn er hochdreht, rede gedämpft, wenig „Nein“. Ich konzentriere mich auf ihn, bin auch inhaltlich klar und konsequent, aber von der Körperhaltung eher „weggewandt“. Das funktioniert VERBLÜFFEND gut.
Ich glaube, unsere Kinder haben manchmal den Kanal so voll mit Reizen, Lärm, mit Emotionen, mit Kritik, ... dass sie einfach nicht mehr raus finden.
Es tut mir einfach so sehr weh, auch wenn ich weiß dass er mich eigentlich gar nicht meint.
Was mein Sohn hat, und viele Autisten, AD(H)Sler und andere Wahrnehmungsspezialisten: Eine „Gefühlsansteckung“, ein extrem feinfühliges „mitschwingen“ müssen (ohne unbedingt vom Kopf her zu verstehen). Ich habe das selbst auch, muss also aufpassen, dass wir uns nicht gegenseitig in die Negativspirale ziehen... Passt vielleicht auch auf Deinen Sohn?

Grüße
Engrid
mit Sohn vom anderen Stern (frühkindlich autistisch)
"Wir sehen die Dinge nicht wie sie sind, wir sehen sie wie wir sind." (Anais Nin)

Ronja77
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Beitragvon Ronja77 » 08.02.2019, 18:58

Vielen Dank für Eure Antworten.
Ja, er spiegelt mich viel, das stimmt.

Heute war es auch wirklich besser, das freut mich sehr.

Seit Beginn der Medikamente schläft er auch nicht vor elf, halb zwölf.
Daher auch am Abend keine Chance mal runter zu kommen.

Ich werde Eure Tipps beherzigen und ausprobieren, danke dafür.

Generell würde ich auch sagen dass wir es ganz gut schaffen, aber manchmal wünschte ich mich auf eine einsame Insel.

Unser Großer ist 12 und hat teilweise Angst vor seinem kleinen Bruder, weiß aber auch wie er ihn zum eskalieren bringt. Andersrum genauso.
Und dann findet man den Kleinen im Bett des Großen in der Nacht wieder :-)

MamaMonika0912
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Beitragvon MamaMonika0912 » 09.02.2019, 15:18

Hallo Ronja,

ich lese heraus, dass du dir sehr viele Gedanken um deinen Sohn machst und er dir sehr wichtig ist und es hört sich so an, als machst du doch vieles richtig gut.
Ich finde Engrids post hat es (mal wieder) ziemlich auf den Punkt gebracht.
Ich finde wir dürfen uns nicht vergessen, auch wir haben emotionale Grenzen, und auch wir müssen uns nicht alles gefallen lassen. Ich denke, wenn man es schafft, dem Kind gegenüber zwischen "ich ertrage dein Verhalten nicht" und "ich ertrage dich nicht" zu unterscheiden, hat man jedes Recht auch nicht jegliches Verhalten zu dulden. Ich könnte mir vorstellen, dass unsere Kinder auch dadurch etwas über Selbstwirksamkeit mit ihrer Außenwirkung auf andere lernen.
Zu Hause sollte der sichere Hafen sein und dort sollte es möglich sein auch mal auszuflippen (oder oft auszuflippen, ich habe auch einen Autisten mit Angststörung hier, ich weiß was das bedeutet). Ich denke aber auch, dass dies nicht zu einem grenzenlosen Freifahrtschein ausarten darf und gewisse Grenzen der anderen Familienmitglieder nicht permanent übertreten werden dürfen.
Ich traue mich mittlerweile, beiden Kindern gegenüber sehr klar zu sagen, wann ich einfach nicht mehr kann und mir dann das Recht herausnehme mich auf meine einsame Insel zu flüchten. Wenn mein Mann da ist, gehe ich einfach raus, spazieren,..wenn er nicht da ist, ist es schwieriger, dann sperre ich mich schonmal ins Bad ein und atme mit geöffneten Fenster einfach tief die frische Luft ein.
Bezüglich des späten Einschlafens kann ich sehr sehr gut nachvollziehen wie es dir geht. Mein Sohn hat eine Schlafstörung und da ich relativ viel Schlaf brauche um die Tage gut meistern zu können bin ich vor eineinhalb Jahren völlig zusammengebrochen. Wir haben uns dann entschieden es mit Melatonin zu versuchen. Bei ihm ist es allerdings eine primäre Schlafstörung, keine Nebenwirkung von Medikamenten, und es scheint ihm wirklich zu helfen. Er schläft mittlerweile mit Meltonin meistens sogar vor 22.00 Uhr ein. Bis dahin muss man für ihn allerdings immer präsent sein sonst verfällt er in absolute Panik. Wenn nach 22.00 Uhr noch etwas ist, ist mein Mann zuständig, das packe ich nämlich einfach nicht mehr.
Was mir mit am meisten geholfen hat, war mehr Verantwortung auch an meinen Mann abzugeben. Das hat auch das Vater-Sohn Verhältnis intensiviert und entlastet mich zusätzlich (außer mein Mann ist auf Dienstreise, dann ist es jetzt schwieriger).
Das Geschwisterverhältnis ist hier auch sehr angespannt, beide kennen die Schwachstellen des anderen und nutzen sie gnadenlos. Allerdings hat hier zur Zeit der große Bruder Angst vor seiner Schwester und kommt andauernd angerannt weil ihm die Handlungsmöglichkeiten fehlen. Das wird leider zunehmend schwieriger weil die Kleine sozial viel geschickter agiert als ihr älterer Bruder. Das sind die Dinge, die mir so zusetzen, dass der Umgang miteinander bei unseren speziellen Kindern sich eben nicht häufig alleine regelt und lernen durch miteinander agieren nur sehr eingeschränkt funktioniert. Das dauernde präsent sein in Situationen, die ein Familienleben nunmal mit sich bringt und immer immer immer wieder in gleichen/ähnlichen Situationen deeskalierend zu agieren. Das zieht so viel Kraft und ich glaube genau das ist etwas, das nur Familien verstehen können, die in ähnlichen Situationen leben.

Ronja77
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Beitragvon Ronja77 » 09.02.2019, 16:51

Danke für Deinen langen Post, es tut so gut zu lesen von Menschen die wissen wovon ich rede.

Wie geht Dein Großer denn damit um? Meiner wird teilweise hysterisch weil der Kleine dann in Eskalationssituationen unkontrollierbar ist. Leider begreift er bisher nicht, dass er ihn dann ignorieren soll wenn er ärgert und die Situation verlässt. Er ist auch „erst“ 12, es ist schwer. Aber so schaukelt es sich halt immerzu hoch.

Dem Kleinen signalisiere ich dass ich ihn liebe, immer, egal was ist, aber in den Momenten sein Verhalten doof und verletzten finde, es mir weh tut!
Schaue auch dass wir dann sehr zeitnah vernünftig darüber sprechen können. Das gelingt auch gut....meist.
Manchmal dauert es dann keine 5 Minuten und es geht erneut los.
Dann hat es wieder 3 Tage am Stück die super sind.


Heute hat mein Mann ihn zum Fußballturnier gebracht und der Trainer nahm ihn beiseite. Er eskaliert immer öfter beim Training, verbale und körperlich. Die Jugendlichen Trainer sind zunehmend überfordert und es wäre gut wenn einer von uns dabei bleibt beim Training.

Ich bin froh dass mein Mann es nun mal zu hören bekam, zu 99% muss ich solche Gespräche führen. Wir müssen schauen ob das zu realisieren ist.
Ich arbeite ausschließlich Home Office wegen dem Kleinen und muss jede Stunde nutzen um auf meine Stunden zu kommen, ich kann das nicht wirklich begleiten :-(

Ich hoffe sehr auf die Tagesklinik, mir wurde schin gesagt dass Stratera vielleicht eine Möglichkeit wäre bei MPH Unverträglichkeit. Am 07.03. haben wir das Auswertungsgespräch..... endlich.

Ich möchte dass er glücklich ist, ein sozialverträgliches Leben führen kann.
Jetzt ist er 8, im Sommer 9, wo führt das hin mit 14,15 wenn wir das nicht in den Griff bekommen :-(

Viele Grüße und vielen vielen Dank.

MamaMonika0912
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Beitragvon MamaMonika0912 » 09.02.2019, 18:23

Mein Mann hat auch lange gebraucht um das gesamte Ausmaß der Spezialitäten unseres Sohnes zu akzeptieren. Manches checkt er bis heute nicht (z.B. das das Verhalten unseres Sohnes auch Auswirkungen auf die Gefühlslage unserer Tochter hat), Vielleicht würde es deinem Mann helfen mal eine Zeit lang mit den Jungs alleine zu sein?  8)

Auch wenn es Parallelen gibt liegen unsere Problematiken etwas verschoben, der Große ist ja der mit der "Sozialblindheit", und Wahrnehmungsproblematik. Wenn sein Tag so geplant ist, dass dem genug REchnung getragen wird, ist es auch zu Hause ruhiger. Ist sein Tag außerhalb schon turbulent geht es zu Hause rund. Dann ist sein Akku leer und jede Kleinigkeit zu Hause führt zur Eskalation.
Zum Geschwisterthema: Er ist in sozialen Situationen häufig hilflos und wenn die kleine Schwester mit einem Kleiderbügel auf ihn zuläuft oder ihn mit dem Fuß zur Seite schiebt fällt ihm nur entweder Flucht ergreifen und nach Mama jammern oder überschießende körperliche Gewalt ein. Zeitweise wusste ich genau, wenn beide zusammen im Raum sind, wird es nach kürzester Zeit eine gewaltsame Auseinandersetzung mit zwei weinenden Kindern geben. Zur Zeit überwiegt Flucht und Hilflosigkeit, so dass zumindest die Verletzungsgefahr nicht so groß ist.
Meine Strategien sind: es nicht zu häufig zu den Situationen kommen lassen, d.h. Kinder getrennt halten (anstrengend), gemeinsame Situationen "moderieren" (schwierig und anstrengend), Situationen mit viel Gottvertrauen einfach ignorieren (primär weniger anstrengend, Folgen dafür mehr). Manchmal flippe ich aber auch einfach aus und schicke beide Kinder ins Zimmer weil ich keine Kraft habe schon wieder einzugreifen. Das führt im Allgemeinen auch zu Geschrei bei beiden Kindern (Tochter mehr als Sohn, der ist manchmal selbst froh die Situation verlassen zu können. Alleine schafft er den Absprung nicht). Ich versuche auch die Situationen nachzubesprechen, was sich allerdings häufig als schwierig erweist (Visualisierung, Handlungsalternativen besprechen, ect.). Ich war letztes Jahr in der Mutter-Kind-Kur mit Beiden und das hat mir schon viel gebracht: Raus aus dem Trott, Kinder in getrennter individuell abgestimmter Betreuung, Zeit für mich. Beide Kinder haben auf unterschiedliche Weise davon profitiert.

Wann hast du denn mal Zeit durchzuschnaufen?
Ich arbeite (bewusst) regulär nicht im HomeOffice, um auch raus und unter Leute zu kommen. Leider ist es auch für mich häufig so, dass ich mit meinem Sohn zusammen das Haus betrete. Auch wenn ich anfangs ein richtig schlechtes Gewissen gegenüber meiner Tochter hatte, habe ich mich entschieden zumindest meine Tochter länger in der Betreuung zu lassen, damit mein Sohn zu Hause noch seine Akkus laden kann bevor sie kommt. Das ist für uns alle besser als wenn beide sofort aufeinandertreffen. Diese Entscheidung war goldrichtig.

Ich tue mir zeitweise immernoch schwer mit dem Gedanken, dasss es bei uns keine gemütlichen Familien-Spielnachmittage und entspannte Familienunternehmungen gibt. Leider ist es meistens einfach nur anstrengend. Aber im Großen und Ganzen habe ich das akzeptiert und bin wahnsinnig stolz darauf was wir schon geschafft haben.
Als mein Sohn 2,5 Jahre alt war hatte mir eine Erzieherin mal prophezeit, dass er, wenn wir so weiter machen mit 5 überhaupt nicht mehr handlebar sein wird. Jetzt ist er fast 10 und es wird von Entwicklungsschub zu Entwicklungsschub besser.

Lisaneu
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Beitragvon Lisaneu » 09.02.2019, 20:09

Ich möchte dass er glücklich ist, ein sozialverträgliches Leben führen kann.
Jetzt ist er 8, im Sommer 9, wo führt das hin mit 14,15 wenn wir das nicht in den Griff bekommen :-(
Hallo Ronja77!

Ganz ehrlich - JETZT ist er Zeitpunkt, der wichtig ist! Wenn du Dir JETZT schon Sorgen machst, was VIELLEICHT mal in 6 oder 7 Jahren sein KÖNNTE fehlt dir die Kraft für die Herausforderungen HEUTE. Und vor allem kann man durch sicht-Sorgen-machen und die Zukunft schwarz sehen absolut nichts verhindern oder besser-machen!

Ich kenne solche Situationen wie du sie beschreibst nur zu gut. Da meine Jungs beide ihre Besonderheiten haben wechseln sie sich mit den Schwierigkeiten ab, frei nach dem Motto "einer spinnt immer" :roll: .

Gerade haben wir eine relativ gute Urlaubswoche hinter uns - relativ gut, weil wir es uns einfach "leicht" gemacht habe. Wir waren mit unseren beiden Autisten (einer noch zusätzlich gehörlos, der andere zusätzlich mit ADHS) im selben Kinderhotel wie auch die letzten Jahre. Das nimmt schon ganz viel Stress weg, weil die Räumlichkeiten und Abläufe schon bekannt sind. Mein älterer Sohn war (auf seinen Wunsch) für den Schikurs angemeldet, aber es hat (wieder mal) nicht geklappt. Sein Verhalten war einfach nicht tragbar, obwohl wir es erstmals mit 10mg Ritalin unretardierd versucht haben.

Als nach 2 Tagen klar war, dass das mit dem Kurs nichts wird, haben wir das Ritalin abgesetzt und die Tage einfach "kommen lassen". Dabei haben wir uns abwechselnd um die Kinder und um uns selbst gekümmert. Einen Tag war ich auf einer Schneeschuhwanderung, da hatte mein Mann beide Jungs. Drei Tage war mein Mann Schi fahren, da hatte ich sie. Leider kam eine heftige Erkältung bei mir dazwischen, sonst hätte ich beim Rodelausflug (ohne Kinder) auch mitgemacht. Mein älterer Sohn war den Großteil des Tages mit meinem Handy als "Spielzeug" in der Kinderbetreuung. Vermutlich war er lieber dort, weil ich mit dem Bruder mit dem Tablett am Zimmer war und daher mein Handy nicht zurückverlangen konnte :P .

Einmal am Tag war ich mit beiden Jungs im Hallenbad, wo Alexander je eine Privatstunde bei einer Schwimmlehrerin hatte. Und er hat im Urlaub tatsächlich schwimmen gelernt :D .

Man kann uns (meinem Mann und mir) jetzt vorwerfen, alles "schleifen" zu lassen, die Kinder nicht ständig zu irgend etwas zu motivieren, es uns "leicht" zu machen, indem wir die Handy- und Tablettspiele erlauben - aber ganz ehrlich: es hat insgesamt sehr gut geklappt! Während wir im Vorjahr kein einziges Mal eine gemeinsame Mahlzeit beim Familientisch "geschafft" haben war das dieses Mal fast immer möglich :) . Mein älterer Sohn hat ohne größeren Kreischanfall den Casino-Abend im Hotel überstanden :) (naja, ein paar kleinere Kreischanfälle gab es, aber da war er nicht der einzige). Mein jüngerer Sohn hatte im ganzen Urlaub keinen einzigen Meltdown :D . So viele tolle Erfolge!

Klar kann ich meinen Fokus auch auf das lenken, das NICHT geklappt hat. Der Schikurs, der (mit Leih-Ausrüstung) 150 Euro gekostet hat, ist eines davon. Und mein älterer Sohn wollte auch nur 1x für ca. 20min rodeln, dann nicht mehr! Mein jüngerer Sohn, der voriges Jahr viel Spaß beim rodeln gehabt hat, wollte gar nicht. Denn er war bis zuletzt nicht bereit, seine Winterschuhe anzuziehen :roll: . Und er hat jeden Tag zum Abendessen ausschließlich Eis gegessen und war zu keiner normalen Mahlzeit zu überreden (wozu auch, wenn es Eis gibt?).

Wir haben auch nicht an der Sozialverträglichkeit der Jungs "gearbeitet" sondern sie einfach nur das tun lassen, was ihnen Spaß gemacht hat.

Ehrlich - wenn ich auf die letzten Jahre zurückblicke sehe ich viele total anstrengende, aufregende, kräftezehrende Zeiten! Natürlich wünsche auch ich mir, dass meine Jungs mal ein selbstbestimmtes, glückliches Leben mit guten sozialen Beziehungen führen können. Aber ich weiß nicht, ob das möglich sein wird, oder nicht.

Der vergangene Urlaub hat mir aber deutlich gezeigt, dass BEIDE sozial unauffälliger sind, wenn man sie selbst bestimmen lässt, in wie weit sie sich sozialen Situationen (auch mit anderen Kindern) aussetzen. Immerhin war der ältere Sohn öfter in der Kinderbetreuung, auch wenn er dort fast nur mit meinem Handy gespielt hat. Mein jüngerer Sohn war mit der Zeit im Speisesaal unter so vielen Erwachsenen und Kindern voll "ausgelastet". Kontakte zu anderen Kinder gab es kaum. Aber ich spüre instinktiv, dass meine Jungs im Moment einfach nicht zu mehr bereit und imstande sind. Das kann ich entweder akzeptieren oder nicht-wahrhaben-wollen.

Hin und wieder gibt es Lichtblicke, von denen zehren wir dann alle. Dann, in der Begeisterung, vergesse ich wieder mal, was meine Jungs können und was sie nicht können und bin frustriert und enttäuscht, wenn wieder Situationen eskalieren. Aber das ganze Leben ist Versuch und Irrtum!

Liebe Ronja, dein letzter Post hat mir ziemlich verzweifelt gewirkt. Du glaubst, alle möglichen Schwierigkeiten "in den Griff kriegen" zu müssen damit dein Mini mal ein sozial verträgliches Leben führen kann. Aber so ist es nicht. Du brauchst ihn nur begleiten und beobachten. Das ist eben die Kunst im Umgang mit so besonderen Kinder, sich noch viel mehr als bei NT-Kindern nach ihren Bedürfnissen zu richten. Für NT-Eltern oder Leute, die das Kind und seine Besonderheiten nicht kennen schaut es so aus, als würde man in der Erziehung versagen und das Kind würde einem auf der Nase rumtanzen. Tatsächlich ist Kooperation und Respekt der einzige Weg, wie man bei solchen Kindern überhaupt was erreichen KANN.

Bitte, glaub an Dich und deinen Mini! Du weißt doch, dass er kein asoziales Monster ist, sondern einfach ein MANCHMAL in seinen Emotionen gefangenes, einmaliges Kind! Wie es sein wird, wenn dein Mini mal 15 ist, wirst du erleben, und es gibt keinen Grund, sich davor zu fürchten! Ich wünsche Dir ganz viel Kraft für die nächsten Tage, dann wird es sowieso wieder leichter (weil nach schweren Phasen erfahrungsgemäß immer wieder leichte kommen :wink: )!
Sohn 3/2010 hochfunktionaler Asperger-Autist + ADHS
Sohn 7/2012, gehörlos + kurzsichtig + frühkindlicher Autist
Mama und Papa stark kurzsichtig (Kommentar eines Optikers: Wie habt ihr euch überhaupt gefunden?)

Ronja77
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Beitragvon Ronja77 » 10.02.2019, 22:07

Hallo

Wow, vielen lieben Dank für Eure ausführlichen Antworten.
Und Hut ab wie ihr das meistert.

Ich habe grade nur kurz Zeit, nehme mir Eure Worte aber zu Herzen und muss morgen noch einmal in Ruhe lesen und antworte dann länger.

Das DANKE wollte ich aber gerne schnell loswerden.

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JohannaG
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Beitragvon JohannaG » 10.02.2019, 22:15

Hallo Ronja,

Ich hab hier auch so einen Wutzwerg (naja, inzwischen ist er schon fast so groß wie ich). Mehr dazu in einer PN.

Liebe Grüße!

Johanna
Johanna, *73, Morbus Bechterew;
C., (w), 11/2004, adoptiert, FASD, Bindungsstörung, lernbehindert, juvenile Polyarthritis;
J. (m) 01/2008, adoptiert, ADHS; Depressionen und ???,
M. (w) 01/2012 FG bei 23+6 SSW, Kleinwuchs, GÖR, Nahrungsmittelallergien, leichte ICP, Schielen, Weitsichtigkeit, allg Entwicklungsverzögerung


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