Bodenlos

Hier könnt ihr Gedichte, Texte und kleine Geschichten zum Thema "besonderes Kind" einstellen und darüber dikutieren.

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Gitte
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Bodenlos

Beitragvon Gitte » 07.06.2006, 10:03

Hallo,

hier Gedanken einer Mutter aus einer Ausgabe der
Frax Interessengemeinschaft.

Bodenlos

Der Boden öffnet sich
Ich schaue auf meine Füße
Und sehe - NICHTS
Unter mir
Der freie Fall
Ich stürze
Stürze
Stürze immer tiefer
Kein Boden mehr unter den Füßen
Kein Ende der Reise in Sicht
Wohin geht die Reise?
Wohin führt sie mich?
Keiner da, den ich fragen kann
Keiner da, der Antworten geben kann
Keiner da
Nur ich
Ich
Ich - allein mit all diesen Gedanken
Mit der Trauer
Mit der Wut
Schmerz breitet sich aus
Wird stärker
Wird intensiver
Bis er übermächtig ist
Nachschub im Sekundentakt
Wo ist der Ausgang
Wo endet der böse Traum?
Träume ich
OH NEIN!
Alles real. Alles da. Alles präsent.
Hier. Heute. Jetzt.
Freier Fall.
Und kein Ende in Sicht.
Keine Rettung naht.
Wo ist die helfende Hand die Einhalt geben kann?
WO?
Wie tief muß ich fallen bis der Boden wieder spürbar ist?
WIE LANGE NOCH?

Als ich vor 5 Jahren in dieser, mir vom Humangenetischen Institut ausgehändigten Ausgabe der FRAX, gelesen hatte und dabei auf dieses Gedicht gestoßen war, bekam ich Angst.
Angst vor dem was auf mich zu kommt.
Wir hatten gerade erst vor kurzem die Dianose bekommen.
Ich las dieses Gedicht noch einmal und mir wurde Heiß und Kalt auf einmal.
Da habe ich mich entschieden Gereon zu fördern ohne wissen zu wollen, was dieses Fragile X im Detail bedeutet.
Ich wollte ihn alles schaffen lassen was möglich ist, ohne zu denken"Ach das schafft der eh nicht".
Also informierte ich mich nicht über die vielen Eventualitäten dieses Syndroms.
Ich wurde von vielen Therapeuten bestätigt in meinem Tun und Denken.
Mittlerweile kommen wir sehr gut mit allem klar.
Wenn ich das Gedicht heute lese, kann ich nur mitfühlen mit den Menschen, die sich zur Zeit in einer solchen Lage fühlen, wie im Gedicht beschrieben, und bin froh und stolz über den sooo langen Weg den wir
bis jetzt zurückgelegt haben.

Jetzt habe ich wieder so viel geschrieben und es ist nicht bei dem Gedicht allein geblieben. Danke für Euer Interesse!!!!!!!!!!

Herzliche Grüße Gitte
Es ist gut,
wenn uns die verrinnende Zeit
nicht als etwas erscheint,
was uns verbraucht,
sondern als etwas,
das uns vollendet.


Ruhe schaffen,
still werden,
das Innen mit Schweigen füllen,
den Puls des eigenen Herzens fühlen.

Du darfst nichts positives erwarten,
wenn du nur negativ denkst.

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Gitte
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Beitragvon Gitte » 20.02.2007, 21:12

Dieses Gedicht habe ich vor über einem halben Jahr hier eingestellt.

Heute habe ich nochmal hier hineingeschaut und das Gedicht nocheinmal gelesen.

Und ich muß ganz beruhigt feststellen, das es mir absolut keine Angst mehr bereitet.
Schon lange nicht mehr.

Damals (vor einigen Jahren) kam ich echt dabei ins schwitzen.
Heute bin ich so froh, das ich /wir so sicher geworden bin/ sind.

Natürlich haben wir auch heute noch Momente wo wir zweifeln und uns machtlos fühlen, aber es ist nicht vergleichbar mit der absolut lähmenden Zeit damals.

Wir sind alle sehr gereift und um vieles vieles glücklicher als damals.

Liebe Grüße
Gitte
Es ist gut,

wenn uns die verrinnende Zeit

nicht als etwas erscheint,

was uns verbraucht,

sondern als etwas,

das uns vollendet.





Ruhe schaffen,

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Du darfst nichts positives erwarten,

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Yvonne + Jamie
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Beitragvon Yvonne + Jamie » 20.02.2007, 21:21

Hallo,
das Gedicht sagt alles. In dem Moment wo man erfährt, das sein Kind wohl niemals so sein wird wie andere Kinder. Ich habe für meine Tochter keine Diagnose, keiner kann mir sagen, wie sie sich entwickelt. Aber wir freuen uns über jede neue Entwicklung, versuchen sie zu fördern, wo wir nur können. Erwarten tun wir nichts, umso mehr freuen wir uns über das Jetzt und Hier und staunen wie sie sich bisher entwickelt hat.

Das Gedicht spricht den Schock aus, den man bekommt. Passend und intensiv.

Danke und gruß
Yvonne
Das Lachen eines Kindes vertreibt den größten Ärger, es ist Musik für die Seele.

Ute Maria
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Beitragvon Ute Maria » 04.09.2009, 05:59

Hallo Gitte,

ich stöber jetzt schon seit Stunden in den Gedichten und bin jetzt bei diesem angelangt.

Danke fürs Einstellen. Es beschreibt auch wirklich gut meine Situation, als mit der Arzt sagte, dass unser Sohn blind sei und auch keine Operation daran etwas ändern wird.

Gitte hat geschrieben:Heute habe ich nochmal hier hineingeschaut und das Gedicht nocheinmal gelesen.

Und ich muß ganz beruhigt feststellen, das es mir absolut keine Angst mehr bereitet.
Schon lange nicht mehr.

Damals (vor einigen Jahren) kam ich echt dabei ins schwitzen.
Heute bin ich so froh, das ich /wir so sicher geworden bin/ sind.

Natürlich haben wir auch heute noch Momente wo wir zweifeln und uns machtlos fühlen, aber es ist nicht vergleichbar mit der absolut lähmenden Zeit damals.


Und genaus so wie du, empfinde ich heute auch, wenn ich mir meinen Sohn betrachte und nur noch froh bin, dass wir alle so mutig waren, diesen Weg mit ihm zu gehen. Wohin er führen würde, wussten wir damals nicht.

Aber genau das, was du so schön damit beschreibst:

Wir sind alle sehr gereift und um vieles vieles glücklicher als damals.


ist auch bei uns eingetreten. Und auch Stolz hat sich breitgemacht, dass man es geschafft hat.

Es "stählt" einen auch irgendwie, wenn man so ein Problem gemeistert hat. Es haut einen einfach nichts mehr so schnell um.


Liebe Grüsse,

Ute
André, geb. 1982, SSW 29+1, Blind, leichte Körperbehinderung, Lernbehindert.
André hat noch zwei nichtbehinderte Brüder, geb. 1983 und 1989

http://www.REHAkids.de/phpBB2/viewtopic ... highlight=

Nicht was wir erleben, sondern wie wir empfinden, was wir erleben,
macht unser Schicksal aus. (Marie v. Ebner-Eschenbach)

Gitte
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Beitragvon Gitte » 16.02.2011, 17:39

Hallo,

ich stöbere gerade so in alten Beiträgen die ich mal geschrieben habe.

Und als ich hier ankam und den Beitrag von Ute gelesen habe, bekam ich eine Gänsehaut.
Es trifft einfach alles so genau.
Und es ist schön zu lesen, das es anderen ganz genau so ergeht.
Oje, es ist schon über ein Jahr her, das Ute dies geschrieben hat, und,
genau auf unserem Hochzeitstag :-) , ja, ich weiß, für Euch alle unwichtig, aber für mich schön der Gedanke.

Liebe Grüße an Alle die hier im Forum lesen und schreiben.
Es ist gut,

wenn uns die verrinnende Zeit

nicht als etwas erscheint,

was uns verbraucht,

sondern als etwas,

das uns vollendet.





Ruhe schaffen,

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Petra43
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Beitragvon Petra43 » 20.03.2011, 16:47

Das Gedicht spiegelt derzeit meine Gefühle und auch unsere Situation wider.

Denn ich weiß nicht, wohin der Weg gehen wird.
Was passieren wird
Ob es nach vorn geht
oder nach hinten

Ich weiß nur, dass ich derzeit alles tue, damit meine Tochter Freude hat.
Dass ich ihr alles gebe, was ich geben kann.
Dass ich alles versuche, was ich kann.
Denn sie hat kein normales Leben wie andere Kinder.
Sie kann nicht rennen
Sie kann nicht Fahrrad fahren
Sie kann nicht auf dem Spielplatz spielen
Ihr Leben ist nicht so voll wie das Leben es sein sollte


Und trotzdem lacht sie.

Es ist mir egal, ob sie zur Schule geht, denn sie kann es nicht. Das ist nicht wichtig. Wichtig ist, dass sie ganz viel schönes erlebt.

Denn ich weiß einfach nicht, was in einem Jahr sein wird. Und ich liebe sie unendlich.

Wir waren heute in einem Indoorspielplatz, das hat sie sich gewünscht. Sie ist nicht gerannt, sie hat nicht getobt, sie hat einfach genossen, da zu sein. Hat wenige Runden langsam auf dem Kart gemacht, und mit einer Pistole mit Flauschbällen geschossen, mehr nicht. Aber davon ist sie so ko, dass sie nun ins Bett wollte. Aber sie hat das genosssen.
13jährige Tochter mit angeborener diltertativer biventrikulärer Kardiomypathie mit dreifacher Herzklappeninsuffizienz (Mitralkappe Grad 1-2, Trikuspidalklappe 2-3, Aortenklappe 1-2), NAYA 3 - 4, wartete auf ein Herz. Seit Mitte Juni HTX Herztransplantation


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