Zwei Ärzte, zwei Einschätzungen - normal?

Mit einem besonderen Kind sind Eltern oft Dauergäste beim Kinderarzt. Hinzu kommen Krankenhausaufenthalte und Besuche bei Spezialisten und im Sozialpädiatrischen Zentrum.
Welche Untersuchungen machen Sinn? Wo ist mein Kind in guten Händen? Zahlt die Krankenkasse alle Behandlungen? Fragen über Fragen...

Moderator: Moderatorengruppe

LuisaM
Mitglied
Mitglied
Beiträge: 26
Registriert: 18.10.2018, 06:33
Wohnort: bei Bremen

Zwei Ärzte, zwei Einschätzungen - normal?

Beitragvon LuisaM » 22.01.2019, 13:35

Hallo,

ich muss kurz von einem erneuten Besuch in einer Kleinkind-Diagnostikstelle in einem städtischen Klinikum berichten. Diese Ärztin hat sich drei Stunden Zeit genommen und ist zu einer ganz anderen diagnostischen Einschätzung als das SPZ gekommen. Sie meint meine Tochter wäre auf keinen Fall kognitiv retardiert, während die andere Ärztin aus dem SPZ in den Bericht geschrieben hat, dass meine Tochter "gesellschaftlich (...) perspektivisch nur mit starken Einschränkungen" teilhaben kann.
Sie meinte, Lina wäre kognitiv sogar weiter, als für ihr Alter angemessen, und die Dinge die die andere Ärztin bemängelt hat, müsste sie noch nicht können.
Sie hat auch die Mehrsprachigkeit mit berücksichtigt und die motorischen Probleme auf orthopädische Ursachen geschoben. Und sie hat einige Maßnahmen empfohlen, die das SPZ nicht in Betracht gezogen hat (Sehtest, Test auf Stoffwechselkrankheiten, Hörtest). sie meint, man kann eine geistige Behinderung aber ausschließen.
Wie können zwei Ärzte, anhand ein und desselben (standardisierten) Tests zu solchen verschiedenen Einschätzungen kommen? Zeitabstand 2 Monate.
Ich war sehr niedergeschlagen, weil die die Meinung der ersten Ärztin so stark geswchtet habe, gleichzeitig habe ich Angst dass diese heutige Meinung wieder revidiert wird. Die heutige Ärztin meinte sogar, wenn alle Tests unauffällig waren, sollen wir nicht mehr wiederkommen...
Luisa mit Lina (*2017)
22q13.3 - Phelan Mc Dermid Syndrome

Werbung
 
LovisAnnaLarsMama
Stamm-User
Stamm-User
Beiträge: 623
Registriert: 12.10.2016, 22:23

Beitragvon LovisAnnaLarsMama » 22.01.2019, 13:45

Hallo Luisa, das ist normal. Du hattest doch geschrieben, dass der erste Test abgebrochen werden musste, er konnte gar nichts richtiges ergeben. Freu dich, es klingt besser dass die Zweisprachigkeit etc. berücksichtigt wurde.
Lg LovisAnnaLarsMama
Meine drei kleinen Wunder: Wunderkind (2009), Schneckenkind (2011) und der kleine Bruder (2015): Hemiparese, expressive Sprachenwicklungsstörung, Epilepsie und diverse Baustellen nach Asphyxie/Frühgeburt

TanjaJ1972
REHAkids Urgestein
REHAkids Urgestein
Beiträge: 1221
Registriert: 09.07.2007, 21:02
Wohnort: NRW

Beitragvon TanjaJ1972 » 22.01.2019, 13:50

Hallo Luisa,
ja, das passiert. War bei uns auch so. Das hängt zum einem von den beteiligten Personen, aber auch von der Tagesform dergleichen ab.
Ich hab hier IQ-Tests für Nico liegen, die von "schwersten Beeinträchtigungen mit nicht messbarer Intelligenz" bis hin zur "leichten Lernbehinderung" alles und nichts aussagen...
Man gewöhnt sich mit der Zeit daran... Papier ist geduldig...

LG und Kopf hoch, Deine Kleine wird ihren Weg schon gehen, so oder so...
Tanja
Tanja mit N1. (*2003, Kabuki-Syndrom) und N2. (*2006, gesund)

LuisaM
Mitglied
Mitglied
Beiträge: 26
Registriert: 18.10.2018, 06:33
Wohnort: bei Bremen

Beitragvon LuisaM » 22.01.2019, 13:54

danke, ja wir waren gestern erst dort und haben den Bericht von der neuen Diagnostik daher noch nicht.
Aber wieso hat das SPZ denn nicht geschrieben, dass der Test nicht durchgeführt werden konnte und einfach einen neuen Erhebungstermin vereinbart? Da steht auch nichts von Abbruchkriterium, oder dass meine Tochter Angst hatte und sich im Grunde nur versteckt hat und dass man den Test daher vermutlich nicht auswerten könne?

Da steht nur schwarz auf weiss "Entwicklungsstörung und gesellschaftliche Teilhabe nur eingeschränkt möglich", ist das nicht etwas... heftig?

wie habt ihr die Ärztemeinungen denn gewichtet und habt ihr immer eine 2. Meinung eingeholt?
Luisa mit Lina (*2017)

22q13.3 - Phelan Mc Dermid Syndrome

TanjaJ1972
REHAkids Urgestein
REHAkids Urgestein
Beiträge: 1221
Registriert: 09.07.2007, 21:02
Wohnort: NRW

Beitragvon TanjaJ1972 » 22.01.2019, 14:05

Bei Nicos Test, wo "schwerste Beeinträchtigung mit nicht messbarer Intelligenz" bei rauskam, war ich dabei und ich weiß, wie der Test abgelaufen ist: Nico hat die Psychologin regelrecht "boykottiert". Er war am Anfang sehr motiviert, sie hat es dann allerdings geschafft, ihn total zu demotivieren, sodaß er nach dem ersten Drittel dann nur noch stumpf alles boykottiert hat und nicht mehr richtig mitgemacht hat. Als ich der Dame sagte, sie könne diesen Test doch wohl nicht ernsthaft auswerten, sie hätte doch gesehen, daß mein Sohn nicht mehr mitgemacht hat, meinte sie nur schnippisch, daß ja auch schon die Mitarbeit bei so einem Test eine Frage der Intelligenz sei und wenn er nicht mitmachen würde, wäre ja schon alles klar. Auch die Tatsache, daß er zum damaligen Zeitpunkt (mit 4) noch nicht komplett trocken war, wertete Sie so, daß er einfach schwerste geistige Behinderungen haben müsse, sonst wäre er ja längst trocken...
Ich habe den Arztbrief zu dieser Diagnostik nie jemandem gezeigt oder vorgelegt. Er war zu diesem Zeitpunkt auch nicht entscheidend für irgendwas, daher hab ich die Sache auf sich beruhen lassen und hab für Folgetermine einfach Termine bei anderen Psychologen und Ärzten gefordert und diese Dame von da an nicht mehr aufgesucht.

Wenn Du diese Diagnostik jetzt aktuell für irgendwas brauchst, dann hol Dir eine Zweitmeinung ein, mit der Begründung, daß Deiner Meinung nach der Test nicht richtig durchgeführt wurde. Wenn Du dieses Ergebnis jetzt aktuell nicht brauchst, dann schau einfach, daß Du beim nächsten Termin im SPZ an einen anderen Arzt gerätst. vor dem Deine Tochter vielleicht nicht soviel Angst hat.

LG
Tanja
Tanja mit N1. (*2003, Kabuki-Syndrom) und N2. (*2006, gesund)

kati543
REHAkids Urgestein
REHAkids Urgestein
Beiträge: 4031
Registriert: 12.05.2009, 17:48

Beitragvon kati543 » 22.01.2019, 14:42

Hallo Luisa,
schon deine erste Beschreibung klang eher nicht nach einem sehr stark beeinträchtigten Kind.
Sprachlich ist dein Kind etwas hinterher wegen der Zweisprachigkeit - das ist aber normal und geht allen mehrsprachigen Kindern so. Die müssen erstmal die verschiedenen Sprachen im Kopf sortieren, bevor sie mit sprechen anfangen können. Gut bei deinem Kind ist, dass es adäquat reagiert auf Anweisungen. Dass zeigt, dass es versteht.
Dein Kind hat motorische Probleme und muss in dieser Hinsicht gefördert werden. Aber ich bin mir sicher, dazu brauchst du keinen Arzt um das zu wissen.

Ich halte von SPZs nicht sehr viel. Die Meinung bei Ämtern, Versicherungen und Einrichtungen über ein Gutachten vom SPZ ist extrem hoch - wenn Ärzte Götter in weiß sind, dann entspricht das SPZ dem Göttervater. Du solltest das Gutachten niemanden zeigen. Auch bei uns lag das SPZ gleich bei beiden Kindern vollkommen daneben.

LG
Katrin
Katrin (Epilepsie)
O. (Frühk. Autismus (HFA), Sprachentwicklungsstörung, Ptosis, Hypotonie, AVWS, LRS, Vd. Valproatembryopathie)
D. (geistige Behinderung, Frühk. Autismus, Epilepsie, Esstörung, Trigonoceph., Hypertonie, Opticushypoplasie, Amblyopie, Mikrodeletion 3p26.3, Vd. Valproatembryopathie, Z.n. Schädelbasisfraktur)

LuisaM
Mitglied
Mitglied
Beiträge: 26
Registriert: 18.10.2018, 06:33
Wohnort: bei Bremen

Beitragvon LuisaM » 22.01.2019, 14:52

Hallo,

das ist ja krass.

Ich schreibe jetzt nochmal hier auf, was eine Bekannte mit Hintergrund in Rechtspsychologie und Gutachten mir noch gesagt hat:

- Einmalige Nichtkooperation sagt nichts aus, chronische schon, d.h. man kann einen Test nicht basierend auf einer einmaligen Nichtkooperation interpretieren

- Verhaltensweisen wie Sabbern oder Trockenwerden werden zuerst medizinisch abgeklärt und nicht im Rahmen einer Diagnostik (meine erste Diagnostikerin hat bemängelt, dass Lina so stark sabbert, obwohl sie zu dem Zeitpunkt erst 12 Monate alt war und 2 Backenzähne bekommen hat)

- im Bericht muss die Dauer der Erhebung, und das Setting protokolliert werden

- Eltern müssen die Möglichkeit haben, dem Gesprächsbefund zu widersprechen und das muss auch vermerkt werden

ich vermute, unsere erste Diagnostikerin hat nicht ganz sauber gearbeitet!! es geht mir letztendlich nicht ums Ergebnis aber um die Durchführung, Transparenz und das Vertrauensverhältnis und auch wie sehr sie auf Fragen eingeht... das alles war bei den ersten zwei SPZ- Besuchen leider gar nicht gegeben. Hab mir nichts von der neuen Diagnostik versprochen, bin jetzt aber positiv überrascht von dem ganzen Setting und dieser zugewandten Art der Diagnostikerin gewesen. Sie hat sich auch 3 Stunden Zeit genommen und das SPZ keine halbe Stunde..

Weiss jemand, ob die Art des Testes auch im Bericht vermerkt werden muss?
Luisa mit Lina (*2017)

22q13.3 - Phelan Mc Dermid Syndrome

melly210
Stamm-User
Stamm-User
Beiträge: 486
Registriert: 19.02.2018, 20:07

Beitragvon melly210 » 22.01.2019, 15:59

Bei uns war die SPZ Diagnostik auch zu vergessen. Laut denen hat mein Sohn einen vermuteten IQ von unter 70. Das bei einem Kind daß mit 2,5 Bücher für Kinder von Vorschulalter aufwärts bevorzugt hat, mit 3 alle Ziffern und mit 3,25 sinnerfassend die Uhr ablesen konnte. Dh er hat gewusst wann der Papa heimkommt und wie lange es bis dahin noch ca dauert.
Wie wir das gewichtet haben ? Nun, nachdem die Einschätzung vom SPZ weder mit unserer übereinstimmg, noch mit der meiner Schwester (selber Entwicklungspsychologin), noch mit der von seinen Therapeuten, haben wir dieses Gutachten einfach ignoriert und sind dort NIE WIEDER hingegangen.
Wir zeigen das her wenn wir irgendwelche Therapien bei der Krankenkasse bewilligt bekommen wollen. Aber selbst da hat letztes Mal die Ärztin zweifelnd geschaut, weil das Kind vor ihr halt nicht zu dem Gutachten gepasst hat...

Benutzeravatar
Alexandra2014
REHAkids Urgestein
REHAkids Urgestein
Beiträge: 2652
Registriert: 04.12.2014, 14:04

Beitragvon Alexandra2014 » 22.01.2019, 17:07

Das liebe SPZ... :roll:

Beim allerersten Entwicklungstest (mit knapp 2,5 Jahren) im SPZ, war die Diagnostikern dermaßen unfreundlich und demotivierend meinem Kind gegenüber, dass mein Kind nach der dritten Aufgabe, jedes weitere Material provokativ mit dem Arm vom Tisch gewischt hat. Mich hat das überhaupt nicht gewundert. Die Frau war einfach dermaßen unsympathisch, auch schon mir ggü. bei der Begrüßung und mein Kind hat sehr feine Antennen.
Die Sachen, die verweigert wurden, indem sie sie vom Tisch wischte, wurden voll als „nicht gekonnt“ gewertet. Die Diagnostikerin war der Meinung, dass das ein Verhalten von Überforderung sei. :roll:
Tatsächlich hat sie ähnlich Dinge (Holzstäbchen in Schachtel sortieren etc.) x Mal vorher schon gemacht.
Wurde mir natürlich nicht geglaubt... :lol:

Wir waren danach nie wieder in diesem SPZ. :wink:

Gruß
Alex
R. *12/2007, Autismus-Spektrum-Störung, okzipitale Epilepsie mit Ausbreitung nach frontozentral

Werbung
 
Bika
Stamm-User
Stamm-User
Beiträge: 175
Registriert: 12.04.2017, 13:25

Beitragvon Bika » 22.01.2019, 18:07

Hallo,

LuisaM hat geschrieben:
wie habt ihr die Ärztemeinungen denn gewichtet und habt ihr immer eine 2. Meinung eingeholt?


Jupp.
Man merkt ja , ob ein Diagnostiker kompetent, erfahren, empathisch und vor allem menschenfreundlich (explizit kinderfreundlich) ist.

Auch in dem Job gibt es selbstgerechte und untalentierte Idioten, die ihre Unfähigkeit dann auch noch durch Überheblichkeit überspielen.

Ein guter Arzt gibt jedem Patienten immer wieder das Gefühl, ein einzigartiges Individuum zu sein, dem man sich wertschätzend und mit voller Aufmerksamkeit widmet und dem man vor allem vollkommen UNVOREINGENOMMEN begegnet.

Besonders wichtig ist das, wenn Befunde durch Zuhilfenahme von Testungen, erhoben werden. Dann tritt der Interpretationsspielraum deutlich hervor und das unterschiedliche Menschenbild, über was der Diagnostiker verfügt,
kann zu einer wohlwollend/motiviermeden Beurteilung führen oder eben
defizitär/ menschenverachtend und demotiviernd ausfallen.



LG


Zurück zu „Krankenhausaufenthalte, Arzttermine etc.“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 0 Gäste