Katrina mit Sohn (27 Jahre, Besonderheiten unklarer Ursache)

Hier könnt ihr euch und euer Kind bzw. eure Kinder vorstellen.

Moderator: Moderatorengruppe

KatrinaSohn
Neumitglied
Neumitglied
Beiträge: 7
Registriert: 21.01.2019, 10:30

Katrina mit Sohn (27 Jahre, Besonderheiten unklarer Ursache)

Beitragvon KatrinaSohn » 21.01.2019, 11:48

Hallo in die Runde

und vielen Dank an die Moderation für die schnelle Freischaltung!

Eigentlich gehöre ich wohl nicht hier hin, denn mein Sohn S. ist bereits 27 Jahre alt, aber ich suche halt immer nach den Ursachen für seine Besonderheiten und frage mich, ob sie mit den Umständen seiner Geburt zusammenhängen.

Nach schwieriger Schwangerschaft mit Wehen ab der 28. SSW mit entsprechender Medikation und Cerclage wurde S. in der 37. SSW per Sturzgeburt geboren. Nachdem die Cerclage entfernt worden war und der Arzt eine Infektion befürchtete, sollte die Geburt am folgenden Tag eingeleitet werden, darum war ich glücklicherweise bereits im Krankenhaus.

S. war ein blaues Baby, APGAR-Werte 2-3-7, ph-Wert 6,88 (?) und musste per Maske beatmet werden. Ich bekam ihn nicht zu sehen, der Gynäkologe (ein Kinderarzt war nicht da) versorgte ihn, und er
wurde schnellstmöglich in die 20 km entfernte Frühchenintensivstation gebracht.

Er erholte sich gut, nach vier Tagen hatte ich ihn bei mir. Aber die Zeit bis dahin war schrecklich: Ein Baby braucht seine Mutter und eine Mutter braucht ihr Baby. Besuche reichen nicht.

S. war ein anstrengendes Baby, das jede Stunde 10 ml trank, von 0 auf 100 wütend schreien konnte - und absolut geliebt wurde. Im Laufe der Zeit zeigten sich dezente feinmotorische Schwächen, mit denen man sicher gut leben kann. Ergo- und Physiotherapie wurden bis ca. zum Beginn der Schulzeit über Jahre durchgezogen. Laufen konnte S. mit 13 Monaten, Fahrrad fahren mit 6 Jahren. Feinmotorik ist bis heute eher mau, aber keine echte Einschränkung.

Sorgen bereitet die emotionale/geistige/soziale Entwicklung. Mit einem IQ von 140 getestet, ist S. in Alltagsdingen überfordert, kümmert sich nicht um seine Angelegenheiten bzgl. Behörden, meldet sich z. B. nicht arbeitslos und ist dadurch nicht krankenversichert. Er ist deutlich depressiv und geht nicht zum Arzt. Die Schullaufbahn war nehr als holprig und S. war schon früh was Erziehung anging nicht mehr für uns Eltern erreichbar. Auch das Jugendamt konnte mit seinen Maßnahmen nichts ausrichten, Kinder- und Jugendpsychiatrie fanden S. OK, uns Eltern nicht (mit unseren anderen beiden Kindern läuft alles "normal").

Ich glaube bei S. nicht an einen schwierigen Charakter, sondern vermute als Ursache seiner Probleme (ich habe hier nur die Eckdaten geschrieben, die für ein grobes Bild nötig sind) tatsächlich die Geburt und das "Drumrum".

So, jetzt ist aus meiner kurzen Vorstellung ein langer Text geworden. Ich erhoffe mir vom Forum, dass ich aus ähnlichen Verläufen, die nach heutigem Stand der Medizin beurteilt und behandelt werden, Erkenntnisse für mich und freue mich, wenn ich mit meinen Erfahrungen vielleicht jemandem helfen kann.

LG, Katrina

Werbung
 
Benutzeravatar
Jakob05
REHAkids Urgestein
REHAkids Urgestein
Beiträge: 2337
Registriert: 27.10.2005, 17:22
Wohnort: Rhein-Main

Beitragvon Jakob05 » 21.01.2019, 12:12

Hallo Katrina,
keine Sorge, hier gibt es mehrere grosse "Kinder", mein Grosser ist 30.
Willkommen und netten Austausch !
Wurde denn schon mal dezidiert auf Autismus getestet ? Mein Grosser hat auch andere Baustellen, aber mir war ein Autismus-Thema schon früh present, wurde aber erst mit 22 bestätigt.
Deine Schilderungen kommen mir sehr bekannt vor. Eine Depression ist auch nicht verwunderlich , wenn man lebenslänglich nicht so kann, wie man will, aber keiner sagt, warum das so ist.
Bis 27 dürfen die KJP in Ausnahmefällen noch behandeln und testen. Vielleicht lohnt es sich diesen Weg nochmal zu gehen.

C.
Cordula (65) mit I. (86), M. (88 mehrfachbehindert, HF-Autist), J. (†28.07.05,*02.08.05,37.SSW) + K. 10/07 (GS, HD, Rachenfehlbildung,Tracheostoma)

KatrinaSohn
Neumitglied
Neumitglied
Beiträge: 7
Registriert: 21.01.2019, 10:30

Beitragvon KatrinaSohn » 21.01.2019, 14:53

Hallo Cordula,

danke für Deine Antwort und das nette Willkommen.

Dass Du sofort die Möglichkeit in den Ring wirfst, S. könnte Autist sein, finde ich interessant: Darüber habe ich auch schon nachgedacht. Aber bestimmte Eigenschaften passen nicht; so war S. bis zu den ersten Anfängen der Pubertät empathisch, zuverlässig, reflektiert - ein Traumkind, das Probleme nur in der Art und dem Umfang machte, die man eben erwartet bei einem Kind. Wir hatten ein richtig gutes Verhältnis und konnten gut miteinander reden.

Von einem Tag auf den anderen veränderte sich alles: S. log, machte Probleme in der Schule, er wurde manipulativ und leider auch manipulierbar, und am schlimmsten waren die unkontrollierten Zornausbrüche mit Aggressiinen gegen jeden und alles. Vom Gymnasium wurde er nicht geworfen, weil wir schneller waren und ein anderes fanden, das bereit war, ihn aufzunehmen. Allerdings folgten noch weitere Schulwechsel; sein Lebenslauf bzgl. Schule liest sich abenteuerlich. Und all dieses Negative zieht sich bis heute durch: S. hat letztlich die Schule abgebrochen, eine Lehrstelle in der Probezeit verloren, hat nie einen Job für längere Zeit behalten, weil er mit Kollegen niemals klar kommt.

Kannst Du all das mit einer Form von Autismus verbinden? Eine gesicherte Diagnose würde es mir erleichtern, mit S. umzugehen. Allerdings weigert er sich, zum Psychiater zu gehen. Der Psychologin vom sozialpsychiatrischen Dienst (mein letzter Versuch, Hilfe zu bekommen) hat S. freundlich lächelnd ins Gesicht gelogen.

LG, Katrina

Benutzeravatar
Engrid
REHAkids Urgestein
REHAkids Urgestein
Beiträge: 13208
Registriert: 24.10.2011, 10:36

Beitragvon Engrid » 21.01.2019, 15:04

Hallo Katrina,

ich würde da auch entweder an Asperger denken (erinnert mich sogar konkret an jemand, fast 1:1), oder - sogar eher - an AD(H)S. Da laufen die Probleme oft erst im Teenie- und Erwachsenenalter auf, bezüglich Selbstorganisation, Handlungsplanung, oft auch mit Autoritäten, Sozialverhalten, ... das gibt dann zb so Abbrecherkarrieren, und dass man da depressiv wird, ist verständlich und leider häufig.
Ich glaube aber auch, eine Hochbegabung alleine (die ja auch eine Wahrnehmungsbesonderheit ist, eine „andere Denke“, wie Autismus und AD(H)S auch) kann solche Probleme machen.

Wenn er allerdings sich nicht behandeln lassen will als Erwachsener, dann kannst Du ihn nicht zwingen.

Grüße
Engrid
mit Sohn vom anderen Stern (frühkindlich autistisch)
"Wir sehen die Dinge nicht wie sie sind, wir sehen sie wie wir sind." (Anais Nin)

KatrinaSohn
Neumitglied
Neumitglied
Beiträge: 7
Registriert: 21.01.2019, 10:30

Beitragvon KatrinaSohn » 21.01.2019, 16:35

Hallo Engrid,

danke für Deine Antwort. AD(H)S kann ich mir eigentlich nicht vorstellen. S. war passionierter Schachspieler und hat früh angefangen, viel, gerne und über dem altersentsprechenden Niveau zu lesen, z. B. Mitte des 2. Schuljahr die komplette "Herr der Ringe"-Reihe. Hyperaktiv ist er in keinster Weise, wenn man den unbändigen Zorn nicht als Symptom von Hyperaktivität sieht. Auch die Probleme in den Schulen lagen in der Interaktion mit Mitschülern und Lehrern sowie seiner Verweigerungshaltung was den Unterricht betrifft.

Ja, dass er sich nicht untersuchen lassen will, ist ein Riesenproblem. Ich habe Angst vor S., wenn er ausrastet und kann so nicht mehr leben. In seinem Kopf läuft etwas anders, und ich glaube, er hat auch Angst vor einer Diagnose. Dass sie für ihn Hilfsmöglichkeiten eröffnen könnte, glaubt er mir nicht.

Hat denn ein Autist die Fähigkeit zur Manipulation? Dafür braucht man ja eigentlich Einfühlungsvermögen und ein Gespür dafür, wie man den anderen "packen" kann.

Es tut so gut, alles einmal loszuwerden. Mein Mann will nicht mehr darüber nachdenken, geschweige denn reden. Wenn es wieder Ärger gab, mag ich es ihm nicht mehr erzählen, weil er dann nur noch genervt ist.

LG, Katrina

Benutzeravatar
Engrid
REHAkids Urgestein
REHAkids Urgestein
Beiträge: 13208
Registriert: 24.10.2011, 10:36

Beitragvon Engrid » 21.01.2019, 17:48

Hallo Katrina,

AD(H)S gibt es auch ohne Hyperaktivität (=ADS), und viele AD(H)Sler haben, wo sie innere Motivation haben, einen Hyperfokus, der sehr ausgeprägt sein kann. Können sich also gut konzentrieren. Wenn eine sehr gute intellektuelle Begabung vorliegt, können damit jahrelang in der Schule Aufmerksamkeitsdefizite ausgeglichen werden. Wenn dann die Pubertät kommt, oder/und später die Selbständigkeit (ohne gewohnte schulische Alltagsstruktur), dann zeigen sich manchmal erst so richtig die Probleme.

Ich will damit nicht sagen, dass es das IST. Aber es ist eine von mehreren Möglichkeiten. Und letztlich wird er es nur herausfinden, wenn er selber dem nachgeht. Das könnt Ihr ihm nicht abnehmen. Ihr könnt ihm höchstens dezent Info zur Verfügung stellen, und für den Notfall - also eine akute Krise - oder wenn er aktiv werden möchte, vorab in Eurer Stadt die Fachstellen recherchieren ... damit er dann gleich an kompetente Leute kommt.

Grüße
Engrid
mit Sohn vom anderen Stern (frühkindlich autistisch)
"Wir sehen die Dinge nicht wie sie sind, wir sehen sie wie wir sind." (Anais Nin)

Sabine76
Mitglied
Mitglied
Beiträge: 26
Registriert: 16.09.2017, 14:54

Beitragvon Sabine76 » 21.01.2019, 18:43

Hallo Katrina,

erst mal herzlich Willkommen. Ich wünsche Dir einen guten Austausch!
Ich habe mal gelesen, dass sich bestimmte ASS auch im fortgeschrittenen Alter entwickeln (späte Pubertät)...vor allem eine ASS, die dem Asperger zugeordnet wird. Das ist eine sehr milde Form, die aber schon immer irgendwie da war. Zeigt sich durch eine leichte Einschränkung in der Feinmotorik und einer leichten Kommunikationsschwäche. Das stand ein Hinweis, dass manche Jugendliche sich auf einmal anders fühlen und so eine Art Sozialphobie entwickeln, wenn es nicht früh genug erkannt wird. Die Sozialphobie ist wohl gut mit einer Verhaltenstherapie behandelbar.

LG
Sabine

lisa08
Stamm-User
Stamm-User
Beiträge: 269
Registriert: 16.03.2015, 18:47

Beitragvon lisa08 » 21.01.2019, 18:44

KatrinaSohn hat geschrieben:
Hat denn ein Autist die Fähigkeit zur Manipulation? Dafür braucht man ja eigentlich Einfühlungsvermögen und ein Gespür dafür, wie man den anderen "packen" kann.

Es tut so gut, alles einmal loszuwerden. Mein Mann will nicht mehr darüber nachdenken, geschweige denn reden. Wenn es wieder Ärger gab, mag ich es ihm nicht mehr erzählen, weil er dann nur noch genervt ist.

LG, Katrina


Hallo Katrina,

auch von mir ein herzliches Willkommen! Ich bin 2 Jahre älter als dein Sohn und habe Asperger diagnostiziert bekommen. Ein ehemaliges Frühchen bin ich auch (27 SSW). Ich persönlich kann mir schlecht vorstellen, jemanden zu manipulieren oder der Person “lächelnd ins Gesicht zu lügen." Mir ist Ehrlichkeit sehr wichtig, lügen kann ich gar nicht. Aber das ist nur meine Meinung.

LG,
Lisa
Selbstbetroffen: Faktor VII-Mangel, heterozygote Faktor V-Leiden-Mutation, von-Willebrand-Syndrom (Typ 1), strukturelle Epilepsie, Autismus, SBA 80 GdB

KatrinaSohn
Neumitglied
Neumitglied
Beiträge: 7
Registriert: 21.01.2019, 10:30

Beitragvon KatrinaSohn » 21.01.2019, 19:23

Danke für die Antworten. Es tut mir so gut, freundliche Antworten auf all meine Fragen zu lesen. Gerade in der letzten Zeit hatten wir mehrere Situationen, die eskaliert sind, und ich kann mit niemandem reden.

Nachdem was Du, Engrid, schreibst, könnte ADS passen. Aber es stimmt natürlich: Kein Arzt- keine Diagnose - keine Hilfe - keine Veränderung :cry:

Was Du, Sabine, schreibst, klingt auch stimmig; weißt Du noch, wo Du das gelesen hast bzw. wo ich mich dazu einlesen kann?

Danke Lisa, Du bestätigst meine Zweifel an einer ASS bei meinem Sohn. Damit meine ich nicht, dass ich diese Diagnose schlimm fände; es ist einfach ein Punkt auf meiner "Kann sein/Kann nicht sein - Liste".

Liebe Grüße, Katrina

Werbung
 
Benutzeravatar
Engrid
REHAkids Urgestein
REHAkids Urgestein
Beiträge: 13208
Registriert: 24.10.2011, 10:36

Beitragvon Engrid » 21.01.2019, 19:45

@Sabine: das würde mich auch interessieren, vielleicht hast Du einen Link/Quelle?

@Katrina: Es heißt ja bei ASS, und auch bei AD(H)S, dass man, was das Erwachsenwerden betrifft, 1/3 des Lebensalters abziehen muss, sozial-emotional. Ich finde das ganz hilfreich, als Anhaltspunkt. Da geht noch viel. (Und ich kenne einige, bei denen das passt 😉).
Wenn es wirklich eskaliert, mit Fremd- oder Autoaggression, und zuhause sich alles „festgefressen“ im Kreis dreht, dann ist eine Tagesklinik oder notfalls Zwangseinweisung Psychiatrie zwar ein harter, aber manchmal hilfreicher Schritt.

Grüße
Engrid
mit Sohn vom anderen Stern (frühkindlich autistisch)
"Wir sehen die Dinge nicht wie sie sind, wir sehen sie wie wir sind." (Anais Nin)


Zurück zu „Vorstellungsrunde“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast