Katrina mit Sohn (27 Jahre, Besonderheiten unklarer Ursache)

Hier könnt ihr euch und euer Kind bzw. eure Kinder vorstellen.

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GabySP
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Beitragvon GabySP » 21.01.2019, 20:15

Hallo Katrina,

vieles, was du schreibst, erinnert mich trotzdem doch an das AspergerSyndrom. Mein Sohn ist jetzt 19 und mittlerweile doch in der Lage, auf eine gewisse Art zu manipulieren. Gelegentlich lügt er auch, wobei ich da nicht sicher bin, ob er das bewusst macht oder ob das eine Konsequenz auf seine andere besondere Wahrnehmung auf erlebte Situationen ist.

Da dein Sohn momentan mit seinem Leben so gar nicht klarzukommen scheint, hast du mal an eine gesetzliche Betreuung gedacht? Vielleicht wäre das eine Option, im ihm weiterzuhelfen,

LG Gaby
Asperger-Sohn, 01/2000

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lisa08
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Beitragvon lisa08 » 21.01.2019, 22:01

KatrinaSohn hat geschrieben:Danke Lisa, Du bestätigst meine Zweifel an einer ASS bei meinem Sohn. Damit meine ich nicht, dass ich diese Diagnose schlimm fände; es ist einfach ein Punkt auf meiner "Kann sein/Kann nicht sein - Liste".

Liebe Grüße, Katrina


Hallo Katrina,

hat dein Sohn auch Wahrnehmungsbesonderheiten? Die gehören ja auch zum Autismus.. ich denke, um eine vernünftige Diagnostik werdet ihr nicht herum kommen, was Autismus bei Erwachsenen anbelangt gibt es einige Spezialambulanzen in Deutschland, die aber auch alle lange Wartelisten haben. Eine Spezialambulanz lohnt sich nach meiner Erfahrung, wird aber vermutlich schwierig, wenn dein Sohn nicht möchte.

LG,
Lisa
Selbstbetroffen: Faktor VII-Mangel, heterozygote Faktor V-Leiden-Mutation, von-Willebrand-Syndrom (Typ 1), strukturelle Epilepsie, Autismus, SBA 80 GdB

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Jakob05
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Beitragvon Jakob05 » 22.01.2019, 07:39

Hallo Katrina,
wenn ich deine Texte so lese, entsteht mir der Eindruck, dass dein Sohn deine Sorge waidlich ausnutzt. Mit seiner ungeklärten Krankengeschichte, kann er sich Deiner Fürsorge sicher sein und eine Entschuldigung keinen Job zu finden, hat er auch.
Vielleicht wäre es an der Zeit den Spieß herumzudrehen und ihm klar zu machen, dass er ohne Diagnostik auf keinerlei Verständnis mehr hoffen kann. Egal ob Autismus, WS oder AD(H)S, jeder kann sich zumindest bemühen, anderen nicht zur Last zu fallen. Jeder kann etwas zum Zusammenleben beitragen.
Manchmal muss man ins kalte Wasser springen, um schwimmen zu lernen un dmanch eine rmuss ein bisschen geschubst werden, weil er nicht springen will.
Cordula (65) mit I. (86), M. (88 mehrfachbehindert, HF-Autist), J. (†28.07.05,*02.08.05,37.SSW) + K. 10/07 (GS, HD, Rachenfehlbildung,Tracheostoma)

Michaela44
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Beitragvon Michaela44 » 22.01.2019, 08:56

Hallo,

zunächst würde ich gerne einige Vorurteile bzgl. Autisten aus dem Weg räumen, die genannt wurden:

1. Autismus ist angeboren und entsteht nicht erst in der Pubertät. Manchmal erreichen die Probleme aber erst in der Pubertät ein Ausmaß, dass man sie als Außenstehender bemerkt!

2. Es ist zwar richtig, dass sich Autisten oft nicht in die Denkweise und Wahrnehmung von NTs einfühlen (!) können - genau wie umgekehrt übrigens - sie können aber kognitiv lernen, wie Menschen auf x oder y reagieren, insbesondere Aspies mit einem hohen IQ. Bei den eigenen Eltern klappt das natürlich besonders gut.

3. Es ist zwar richtig, dass Autisten sehr wahrheitsliebend sind und sie tatsächlich eine innere Sperre haben, eine Unwahrheit auszusprechen. Auch diese kleinen Alltagslügen, die viele Menschen im täglichen Umgang miteinander benutzen und es oftmals nicht mal merken, können von Autisten meistens weder verstanden noch selbst eingesetzt werden (außer in auswendig gelernten Standardsituationen). Wenn sie aber von der Notwendigkeit einer Lüge überzeugt sind und diese planen können, bekommen sie das oft auch hin. Je höher der IQ und je stärker die Willenskraft, desto besser klappt es.

Und was mir sonst einfällt:

Mein autistischer Sohn ist 17 und würde eine Diagnostik auch verweigern, aber er hat sie zum Glück schon als Kind bekommen. Er verweigert auch jegliche Unterstützung. Er will alles selbst entscheiden und wie ein Erwachsener behandelt werden, gleichzeitig versucht er vieles auf mich abzuwälzen. Aber ich nehme es nicht mehr an. Er meint, er benötigt keine Hilfe? Ok, dann behandel ich ihn wie einen gesunden 17jährigen und erwarte die gleichen Dinge von ihm.

Du kannst deinen Sohn nicht zur Therapie zwingen und auch sonst zu nichts. Aber du kannst von ihm verlangen, dass er entweder Hilfe annimmt oder auszieht und sich selbst um alles kümmert. Setze ihm eine einwöchige Entscheidungsfrist und hänge ein Diagramm mit beiden Möglichkeiten an einem gut sichtbaren Ort auf inklusive Entscheidungsfrist. Wenn er sich entschieden hat, kommt der nächste Schritt: Suche von Therapieplatz oder Wohnung. Auch wenn es schwerfällt, dass klappt nur, wenn du davon wirklich überzeugt bist und ihn notfalls vor die Tür setzt.

Was vielleicht auch hilft: wenn du dir selbst fachliche Unterstützung holst (Beratungsstellen, Psychologe...). Damit meine ich nicht, dass es an dir liegt, aber im Umgang mit einem derart herausfordernden Sohn sind Tipps Gold wert.

LG Michaela
Asperger Autistin
mit neurodiverser Familie

Anne_mit_2
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Beitragvon Anne_mit_2 » 22.01.2019, 10:26

Hallo Katrina,

differentialdiagnostisch sollte auch noch eine Traumatisierung (z.B. aus der Schule) ausgeschlossen werden. Achtung, das kann von den Eltern völlig unbemerkt in der Schule durch Mobbing, offen gezeigte Geringschätzung oder ähnliche Ereignisse geschehen. Dann kann Lügen und sich ins Schneckenhaus Zurückziehen eine Vermeidungshaltung vor Verletzungen durch 'die anderen' darstellen. Bei einem Mobbing-geschädigten Jugendlichen kann schon ein unbedachtes Wort von einem engen Familienangehörigen dann zu einem Abkapseln auch in der Familie führen.

Übrigens hat Dein Sohn doch schon eine Diagnose: Hochbegabung. Dies imanifestiert sich bereits als eine Abweichung gegenüber der Norm, wenn man es aus der Sicht der Gesellschaft und vor allem der Schule (!!) betrachtet sogar als Störung. Ich kenne beruflich eine ganze Zahl von HB Erwachsenen, die sich alle seit Pubertät falsch in der Welt fühlen und bei denen laut von ihnen angestoßenen Testungen (durch Spezialisten!) weder Autismus noch AD(H)S vorliegt Durch das 'sich falsch Fühlen' und einen instinktiven Rückzug kommt es dann ganz schnell zu einer Abwärtsspirale -- wenn sie es nicht schaffen, sich durch geistige Anregung da rauszureissen.

Viele Grüße,
Anne

Sabine76
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Beitragvon Sabine76 » 22.01.2019, 10:44

Hallo Katrina, Hallo Engrid,

ich habe das im Buch Autismus von Susan Dodd und in einem Diagnostikleitfaden Psychologie von Hobmair gefunden. Beide haben schlüssige Argumente dazu. Letzten Endes folgt natürlich der Hinweis, dass eine ausführliche Diagnose nur von einem Fachmann gestellt werden kann. Aber das steht ja in fast jeden Leitfaden.

Ich wünsche dir viel Erfolg Katrina bei einer Lösungsfindung. Das ist bestimmt nicht einfach. Aber manchmal öffnen sich unterwartet ein paar Türen, die zu einer Lösung führen. Ich drücke dir die Daumen!

LG
Sabine

Sabine76
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Beitragvon Sabine76 » 22.01.2019, 10:50

Ich gebe Michaela recht, eine Diagnostik kann nicht erzwungen werden. aber vielleicht schafft man mit den richtigen Argumenten und der richtigen Strategie die Einsicht, dass sich was ändern muss und dass man hierfür professionelle Unterstützung braucht...

KatrinaSohn
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Beitragvon KatrinaSohn » 22.01.2019, 11:18

Hallo,

@Engrid: Mit Deiner Anmerkung mit dem Abziehen von 1/3 des Lebensalters liegst Du bei S. richtig. Wir reden hier von einem körperlich fertig entwickelten 1,90 m-Mann, der meine Haushaltsgegenstände in seinem Zimmer hortet und für Experimente benutzt, die nur er versteht. Meine Küchenwaage ist verschwunden? Die hat S., Sand musste abgewogen werden. Die große Rührschüssel? Da wohnen jetzt die Flusskrebsbabys. Das kleine Sieb? Vor und nach dem Wiegen muss der Sand gesiebt werden usw. usw.
Und die Zwangseinweisung werde ich das nächste Mal veranlassen, ich rufe heute in der Klinik an und erfrage den Ablauf.

@Gaby: Genau, das Problem kenne ich: Was ist Lüge, was ist einfach seine Wahrheit? Und über gesetzliche Betreuung habe ich nachgedacht, wenigstens für den Bereich der Ämterangelegenheiten. Wir scheitern an der fehlenden Diagnose. Ich habe versucht, ihm den Arzt schmackhaft zu machen mit der Perspektive, dass eben für diesen ungeliebten Bereich mit entsprechender Diagnose Hilfe möglich wäre. S. verweigert...

@Lisa: Ja, S. hat eine in meinen Augen verschobene Wahrnehmung. So scheint er einfach nicht zwischen Dingen, die die ganze Familie benutzt und persönlichen Eigentum unterscheiden zu können oder wollen. Ein Beispiel: Ich stricke oft Socken, habe immer welche in Arbeit und habe eine Kiste mit Wolle und Stricknadeln etc. Immer wieder fehlt etwas daraus, das ich bei S. wiederfinde. Was genau er mit meiner Wolle und einer einzelnen Stricknadel vorhatte, bleibt sein Geheimnis. Ich gebe ihm gerne, wenn er etwas braucht, aber ich möchte gefragt werden. Das versteht er einfach nicht. Wenn ich aber sein Zimmer nur betrete, ist der Teufel los.

@Cordula: Das ist so, er nutzt mich definitiv aus. Wir haben ihn schon zweimal vor die Tür gesetzt (mit 17 in die Hände seines Betreuers über das Jugendamt, mit 22 nachdem er hier randaliert hat. Beide Male totaler Kontaktabbruch durch ihn). Vor 2 Jahren hat er wieder Kontakt aufgenommen, weil er mit dem Rücken zur Wand stand und nichts mehr ging.
Nach der letzten Eskalation stand ein Rauswurf im Raum. Wir haben tatsächlich zur Bedingung gemacht, dass er zum Psychiater geht. Erst musste er seine Krankenversicherung klären und den Jahreswechsel abwarten (Praxen geschlossen). Jetzt schiebt er es vor sich her, und ich erhöhe den Druck. Er rastet allerdings aus, wenn er nicht direkt durchkommt, weil das Telefon des Arztes besetzt ist.

@Michaela: Es ist für mich so wertvoll, Input von Dir als selbst von Autismus Betroffener und gleichzeitig Mutter eines Autisten zu bekommen. Tausend Dank dafür!
Ich könnte mit jeder Diagnose leben, weil ich dann wüsste oder Information kriegen könnte, wie uns ein guter Umgang gelingen kann und welche Hilfe S. braucht. Ich will mich auch gerne in seine Besonderheit einfühlen und -denken, ich muss sie halt nur kennen.

Danke Euch allen!!!

LG, Katrina

KatrinaSohn
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Beitragvon KatrinaSohn » 22.01.2019, 11:31

@Anne: Ja, die Schule ist ein dunkles Kapitel in S. Leben. Potenzial im Überfluss, aber weil S. "anders tickt" war er Ausschuss, unbequem, eben kein Zinnsoldat... S. hasst diese HB-Diagnose.

@Sabine: Danke!
Die Argumente gehen mir aus. Darum habe ich mich nach langem Mitlesen und Zögern hier angemeldet und bin sehr glücklich über all die Anregungen.

LG, Katrina

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Anne_mit_2
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Beitragvon Anne_mit_2 » 22.01.2019, 11:59

Hallo Katrina,

hast Du schonmal versucht mit zweckgebundenen Vollmachten zu arbeiten, die er Dir oder jemand anderem ausstellt? Es sind zwei paar Schuhe, eine Handlung als notwendig anzusehen und dann auch das Stehvermögen zu haben, sie mit allen Behördengängen/Terminabsprachen etc. durchzuziehen.

Bei uns in der Familie wurden immer alle Arzttermine von einer Person ausgemacht, die eben diesen Job in der Familie hatte. Erst meine Oma, dann meine Mutter, jetzt ich. Von den Männern hätte KEINER es geschafft, solange durchzuhalten oder immer wieder zu probieren, bis jemand dran ist. Ich muss mich da auch immer erst dazu aufputschen, bis ich drangehe, aber, weil es nunmal mein Job ist, mache ich es gewissenhaft.

Bei allen Behördengängen, die nicht zwingend persönlich auszuführen waren, war immer mein Vater dran, solange er es konnte, da er beruflich bedingt wusste, wie die Sachbearbeiter ticken. Wenn man persönlich hin musste, dann war er immer bereit, den Termin vorher mit einem durchzusprechen oder sogar mitzugehen. Seit er krank geworden war (und dann irgendwann gestorben ist), fehlte uns da jemand Erfahrenes und ein Cousin hat es auf sich genommen, weil er selbst einen Verwaltungsjob hat.

Bei all diesen Dingen haben wir immer mit zweckgebundenen Vollmachten gearbeitet, d.h. es war keine allgemeine Handlungsvollmacht, sondern z.B. ein Schriftstück, auf dem Stand, dass meine Mutter einen Arzttermin für meinen Mann in dem laufenden Quartal beim Facharzt für ... ausmachen soll.

Was Du mit den Experimenten beschreibst, klingt für mich, als sei er in Regression auf dem Entwicklungsstand der frühen Pubertät stehengeblieben (vielleicht, weil ihm diese Zeit noch sicher erschien). Kannst Du mal versuchen, Dich zu erinnern, wann die Probleme anfingen und ob da etwas Spezielles (Schlüsselerlebnis?) war? Das können für den Psychiater wichtige Informationen sein bei der Therapie -- Übrigens kannst Du solche Informationen auch dann an ihn weitergeben, wenn er nicht von der Schweigepflicht entbunden wurde. Du musst ihm nur vorher sagen, dass Du ihm Informationen geben willst und keine Antwort von ihm (ausser der Empfangsbestätigung) erwartest.

Viele Grüße,
Anne

P.S.: Wir haben in der Nachbarschaft einen Mann, der noch bei den Eltern lebt. Als er 14 war, erkrankte seine Schwester an Krebs und es stand lange auf der Kippe. Sie hat es überlebt und führt heute ein ganz normales Leben mit Familie und (nicht-leiblichen) Kindern. Bei dem Mann ist der innere Entwicklungsstand, auf dem er stehengeblieben ist, gerade 14-15 Jahre. Er hat zwar einen erfolgreichen Berufsabschluss in einem anspruchsvollen Beruf, arbeitet am ersten Arbeitsmarkt, aber ohne das Elternhaus würde er bis in die tiefe Nacht am Computer spielen, einfach mal ausschlafen statt zur Arbeit zu gehen, das Essen vergessen, keine Behördengänge erledigen etc. Erst jetzt mit knapp 40, nachdem seine Eltern alt und gebrechlich werden und er das auch gemerkt hat, hat er sich zu einer Therapie entschlossen und macht langsam Fortschritte.


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