Werkstatt - Länge der Arbeitszeit

Unsere Kinder werden älter, verlassen die Schule und auch oft das Elternhaus. Wie sehen die Perspektiven für behinderte Jugendliche und junge Erwachsene aus? Wo können sie arbeiten? Wo finden sie geeignete Wohnformen? Hier können sich Eltern austauschen und informieren!

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IlonaN
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Re: Werkstatt - Länge der Arbeitszeit

Beitragvon IlonaN » 04.04.2019, 11:24

Hallo Isa,
es ist schwer für deinen Sohn und für dich als Mutter, ich kann dich so gut verstehen. Jedoch gibt es Menschen die leider auf Grund ihrer Einschränkungen nicht Werkstattfähig sind. Meine Tochter schrammt auch immer kurz an dieser Grenze. Auch für den Werkstattbereich braucht man ein Minimum an Eignung. Da gibt es abläufe wo leider auch nicht auf jeden einzeln Rücksicht genommen werden kann. allerdings sehr ich den Fahrdienst als das kleinste Problem, entweder du kannst ihn fahren oder er bekommt auf Grund seines "Krankheitsbildes" einen Einzeltransport genehmigt. Aber für gerade einen bauerhof stell ich mir ein zu spätes anfangen schlecht vor, Tiere müssen ja zu bestimmten Zeiten Versorgt werden. Wäre denn vielleicht eine Art Nachmittagsschicht denkbar?
Ich 1961 Ösophagusatresie
Großfamilie mit leibl.Kindern/Ado-Kind und Pflegekindern mit FASD, ADHS, Autismus, Bindungsstörung mit Enthemmung ,Asthma, Neurodermitis u.v.m.

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isa
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Re: Werkstatt - Länge der Arbeitszeit

Beitragvon isa » 04.04.2019, 12:08

Hallo,
wenn er nachmittags anfangen könnte,es gibt ja nicht nur Tiere,käme ihm das sehr entgegen.Werkstattfähig im Sinne von arbeiten ist er in jedem Fall.Aber auch diese Möglichkeit wurde ihm nicht vorgeschlagen,ich versteh einfach nicht wieso diese Werkstätten so wenig flexibel sind und nicht auf die Bedürfnisse bzw.Schwierigkeiten der Menschen eingehen.Auf dem ersten Arbeitsmarkt waren verschiedene ASrbeitszeitmodelle vor Jahren auch undenkbar,mittlerweile gibt es eine Vielzahl ,auch bei Firmen mit Produktionsprozessen oder im Dienstleistungsbereich.Das Recht auf Teilzeit ist sogar gesetzlich vorgegeben...aber hier scheint man gar nicht an diese Möglichkeiten zu denken oder zu überlegen wie man etwas ändern könnte.
Gruß
Isa
Isa u Sohn

MiriamP
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Re: Werkstatt - Länge der Arbeitszeit

Beitragvon MiriamP » 04.04.2019, 16:13

Hallo,

auch wenn es verschiedene Arbeitszeitmodelle inzwischen auf dem ersten Arbeitsmarkt gibt, sind diese nur dann möglich, wenn die Arbeitnehmer selbstständig arbeiten können und die Koordination der einzelnen Arbeitnehmer entsprechend funktioniert. Für Behörden mit festen Öffnungszeiten ist es z.B. auch heute noch üblich, dass gewisse Kernarbeitszeit abgedeckt wird, d.h. man kann vielleicht ne Stunde eher als die anderen kommen oder gehen, aber muss zwischen 9 und 16 Uhr da sein. Da hängt es halt auch einfach von der Tätigkeit ab, ob die Arbeitszeit flexibilisiert werden kann.

Für Werkstattbeschäftigte gilt, dass hier immer eine Betreuungsperson anwesend sein muss. Flexible Arbeitszeiten sind damit nicht nur vom Fahrdienst organisationstechnisch schwerer durchzusetzen, sondern man muss auch sicherstellen, dass immer ausreichend Betreuungspersonal da ist. Für einen Werkstattbereich mit nur wenigen Leuten ist das einfach nicht machbar.

Könnte dein Sohn vielleicht als Hilfskraft direkt bei einem Bauernhof oder einem Garten-Landschaftsbetrieb arbeiten?

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Re: Werkstatt - Länge der Arbeitszeit

Beitragvon Karin D. » 06.04.2019, 22:09

Mein Sohn arbeitet verkürzt. Ich glaube, wir haben damals eine Bescheinigung oder Verordnung vom Arzt vorlegen müssen. Er bekommt weniger Geld deshalb.
Karin (06/67) mit Zwillingen (12/96)
Frühgeborene (SSW 25), 1 Zwilling ohne Behinderung, 1 Zwilling mit Epilepsie, CP (Rollikind), Kyphose, Skoliose, Hydrocephalus

Lisaneu
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Re: Werkstatt - Länge der Arbeitszeit

Beitragvon Lisaneu » 07.04.2019, 09:12

isa hat geschrieben:Hallo,
wenn er nachmittags anfangen könnte,es gibt ja nicht nur Tiere,käme ihm das sehr entgegen.Werkstattfähig im Sinne von arbeiten ist er in jedem Fall.Aber auch diese Möglichkeit wurde ihm nicht vorgeschlagen,ich versteh einfach nicht wieso diese Werkstätten so wenig flexibel sind und nicht auf die Bedürfnisse bzw.Schwierigkeiten der Menschen eingehen.Auf dem ersten Arbeitsmarkt waren verschiedene ASrbeitszeitmodelle vor Jahren auch undenkbar,mittlerweile gibt es eine Vielzahl ,auch bei Firmen mit Produktionsprozessen oder im Dienstleistungsbereich.Das Recht auf Teilzeit ist sogar gesetzlich vorgegeben...aber hier scheint man gar nicht an diese Möglichkeiten zu denken oder zu überlegen wie man etwas ändern könnte.
Gruß
Isa


Ich denke dass ist mit dem ersten Arbeitsmarkt nicht unmittelbar vergleichbar ist. Mein Mann und ich arbeiten in derselben Firma. Er kann mit seinem Gleitzeitmodell z.B. durchaus auch außerderhalb der Öffnungszeiten im Büro arbeiten. Ich bin im Verkauf und daher muss meine Arbeitszeit (auch, wenn es Teilzeit ist) innerhalb der Öffnungszeiten sein. Meine Arbeitszeit-Karte (welche mir den Zutritt zur Firma ermöglicht) ist daher so programmiert, dass sie mich nur zu festgelegten Zeiten rein oder raus lässt. Wenn mein Mann viel Arbeit hat (z.B. Aufträge erstellen) kann er mit seiner Karte hingegen auch am Samstag rein. Wenn er dafür unter der Woche weniger arbeitet, muss er das vorweg selbstständig mit Vorgesetzten und Kollegen abklären und danach in ein Arbeitszeitprogramm eintragen (z.B. "Montag, 8.4. Dienstbeginn erst um 12h").

Grundsätzlich sollte das z.B. in einer Werkstätte auch möglich sein, Selbstständigkeit des Arbeiters vorausgesetzt. Nur wird es dann schwierig, wenn Aufsicht nötig ist, weil man das ja auch zeitlich koordinieren muss.

Was Landwirtschaft "ohne Tiere" betrifft, fällt mir in erster Linie Obst- und Gemüseanbau ein, da man für die meisten Tätigkeiten im Ackerbau nun mal schwere langwirtschaftliche Geräte bedienen können muss. Die klassische Landwirtschaft aus dem Bilderbuch, wo Kühe, Schweine, Schafe, Hühner , Getreidefelder und ein Gemüsegarten von einem Bauern betreut werden, gibt es heute praktisch nicht mehr. Kaum ein Bauer produziert heute Fleisch, Milch, Eier, Wolle, Obst, Gemüse und Getreide. Die meisten sind spezialisiert auf EINEN Schwerpunkt, z.B. Milchwirtschaft, Mutterkuhhaltung (Fleisch), Obstanbau,... und halten vielleicht im kleinen Rahmen, quasi für den Eigenbedarf, vielleicht noch ein paar Hüher oder Schweine dazu bzw. haben einen kleinen Gemüsegarten.

Ich weiß von Landwirten, die sich z.B. auf den Anbau von Gürkchen (für Essiggurken) spezialisiert haben. Die haben so riesige Maschinen, welche sie bei der händischen Ernte über die Felder ziehen. Hinten liegen dann bäuchlings die Erntehelfer drauf, welche, während die Maschine langsam fährt, den ganzen Tag nichts anderes tun, als Gürkchen einzusammeln. Die Ernte-Arbeiten, die nicht maschinell, sondern händisch erledigt werden, sind meistens körperlich ziemlich anstrengend (unnatürliche, liegende oder gebückte Haltung, auch bei Hitze, Kälte oder Wind im freien,...). Abgesehen davon ist es eben eine saisonelle Arbeit, die - je nach Frucht - nur einige Wochen bis Monate dauert.

Eine dauerhafte, landwirtschaftliche Tätigkeit, wo man NICHT früh anfangen muss, keinen Trakter- oder sonstigen Führerschein braucht,und die NICHT saisonal ist, wird schwer zu finden sein.

Trotzdem würde ich die Hoffnung nicht aufgeben, nur die eigene Einstellung ("am ersten Arbeitsmarkt ist es doch auch möglich" und "es gibt ja nicht nur Tiere") mal überdenken. Sie stimmt zwar grundsätzlich, nur tun sich dann eben andere Schwierigkeiten auf.

Vielleicht kann man über eine regionale, landwirtschaftliche Vereinigung eine Anfrage stellen, wo sich dein Sohn quasi "bewirbt" und wo gleich vorweg klargestellt wird, was ihm zeitlich (sowohl von der Beginnzeit als auch vom Arbeitsausmaß) möglich ist und auch, was seine Stärken sind und was er gern machen würde. Die Vereinigung gibt die Bewerbung dann an ihre Mitglieder (die Bäurinnen und Bauern) weiter und vielleicht kommt so doch noch was zustanden. Alles Gute!
Sohn 3/2010 hochfunktionaler Asperger-Autist + ADHS
Sohn 7/2012, gehörlos + kurzsichtig + frühkindlicher Autist
Mama und Papa stark kurzsichtig (Kommentar eines Optikers: Wie habt ihr euch überhaupt gefunden?)

isa
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Re: Werkstatt - Länge der Arbeitszeit

Beitragvon isa » 19.04.2019, 09:35

Hallo Lisaneu,
da ich selbst über 45 Jahre Berufstätig war sind mir deine Argumente und die Probleme die auftauchen können narürlich nicht neu.Mein Sohn möchte einfach nur 2 Stunden später anfangen.Er hat eine Mail an die Leiterin dieser WfbM geschickt und seine Probleme sowie die Leitsätze der Lebenshilfe genau ausgeführt.Er kann jetzt ein Praktikum zu der gewünschten Arbeitszeit machen.Desweiteren meinte diese Dame das bei einer Beschäftigung der Kostenträger für die Arbeitszeit sprich ob er Teilzeit arbeiten kann oder nicht zuständig sei.Im übrigen sollte man sich mal überlegen dass die Menschen welche dort arbeiten normalerweise nicht 3 Stunden arbeiten könne ,dort aber in der Regel Vollzeit arbeiten,auch wenn nicht die gleichen Ansprüche wie auf dem normalen Arbeiotsmarkt gestellt werden.Ich stehe den Einrichtungen WfbM sowieso kritisch gegenüber seit mir bekannt ist das es sogenannte Außenarbeitsgruppen gibt welche ganz normale Gartenarbeiten ausführen welche für die Werkstätten normal bezahlt werden oder dass Autozubehörteile hergestellt werden wofür auf dem 1.Arbeitsmarkt ganz andere Löhne gezahlt werden.Ich will aber keine neue Diskussion anfangen,bin froh dass mein Sohn wenigstens das Praktikum machen kann.Natürlich ist mir auch bekannt dass es durchaus Menschen gibt die in einer WfbM glücklich sind und für die es wohl durchaus das richtige ist.Aber über die Bezahlung wird scho seit einer geraumen Weile sehr kontrovers diskutiert.
Wünsche allen ein schönes Osterfest
Isa
Isa u Sohn


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