Weitere Diagnostik ja oder nein?

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betty33
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Weitere Diagnostik ja oder nein?

Beitragvon betty33 » 10.12.2018, 15:10

Hallo ihr Lieben,

momentan überlege ich ob es Sinn macht meinen Sohn in einem SPZ vorzustellen. Leider habe ich aber eher negative Erfahrungen bei der ADHS-Diagnostik meiner Tochter machen müssen. Ich habe weder eine ausführliche Auswertung, noch einen genauen Bericht erhalten. Nur kurz die Diagnose Dyskalkulie, die in meinen Augen "nur" eine Folge des ADHS ist.

Mein Sohn ist 7 Jahre alt und seit seiner Geburt gehörlos. Durch die frühzeitige HG und CI-Versorgung hat er gut in die Lautsprache gefunden. Sprachtechnisch staunen Ärzte und Therapeuten und auch jetzt in der Schule ist das akustische Differenzieren von Buchstaben für ihn kein Problem. Er wurde was das Hören-und Sprechen lernen angeht super gefördert und alle versicherten mir das er sich insgesamt toll entwickelt. In meinen Augen wurden aber einige Defizite nicht erkannt, die jetzt natürlich deutlicher werden.

Seine Feinmotorik ist schon immer schlecht ausgeprägt, er hat nie gern gemalt oder gebastelt. Er verweigert das Malen auch deshalb, da seine motorischen Fähigkeiten nicht ausreichen um das auf Papier zu bringen was es tatsächlich darstellen soll. Abstrakte Menschen malt er erst seit ca. 2 Jahren. Mit Besteck in beiden Händen kann er nicht umgehen. Generell "vergisst" er oft das er 2 Hände hat.

Er ist sehr perfektionistisch. Wenn er etwas tut, dann übergenau bzw. wenn er vorab merkt er bringt es nicht, blockiert er.

Seine schlechte visuelle Wahrnehmung ist auch keinem aufgefallen. Bis zum Sonderpädagogischen Gutachten für seinen Förderbedarf Hören wusste ich selbst nichts davon. Was mir immer wieder auffiel, wenn ich andere gehörlose Kinder sah, dass mein Sohn nicht visuell ausgerichtet ist wie das bei Gehörlosen typisch ist. Wenn wir im Speisesaal waren, rannte er völlig orientierungslos umher. Anstatt mir visuell zu folgen, hatte er sich wie sonst auf sein Gehör verlassen, was in dieser Situation nicht möglich war. Er ist auch schon mehrfach auf Parkplätzen vor Autos gelaufen, weil er sie aus einer anderen Richtung vermutete. Er schaut einfach nie so richtig hin. Gott sei Dank ist bisher nie etwas passiert, da ich immer in seiner Nähe bin und eingreife.

Außerdem ist er oft sehr antrieblos, hat kaum eigene Spielideen (außer Tablet schauen) und hat immer wieder Ausraster wenn der Tag mal anders abläuft als sonst. Er braucht klare Regeln und Tagesstruktur. Wenn was außerplanmäßiges passiert macht er den Rest des Tages dicht. Er achtet penibel darauf das Regeln eingehalten werden. Z.Bsp. wenn ein Spielfilm ab 12 ist, dann lehnt er ihn ab. Wenn im Schwimmbad alle Kinder auf dem Bauch rutschen, studiert er das Hinweisschild, rutscht wie vorgegeben auf dem Po und beschwert sich bei mir über die anderen Kinder.

Er geht jeden Dienstag zum Fußballtraining und daher sind wir an diesem Tag erst gegen 18:45 Uhr wieder zu Haus. Dennoch fällt er immer wieder aus allen Wolken, wenn es nach dem Duschen nur noch Abendbrot gibt und es danach ins Bett geht. Sonst darf er immer noch eine Sendung im Fernsehen gucken bis es ins Bett geht.

Er ißt nur ganz bestimmte Dinge. Vollkorntoast mit Nutella oder Käse zum Frühstück. Zwischendurch Kekse und Gummibärchen. Mittags trockene Nudeln oder Reis, Gurke und saure Gurken/Mais. Er möchte partout nichts anderes probieren. Das meiste passt ihm von der Konsistenz her nicht oder riecht schon komisch, sieht eklig aus.

Seine taktile Wahrnehmung ist ebenfalls auffällig. Für ihn ist warm immer noch zu heiß, es darf maximal lauwarm sein. Er kann aber mit massenhaft Steinchen im Schuh den ganzen Tag rumtoben, es stört ihn überhaupt nicht. Mit ca 2 Jahren war er da noch extrem sensibel. Er trat mal aus versehen auf ein Schnecke. Obwohl er Schuhe an hatte, hatte ihn das Gefühl extrem geekelt, so dass er seit dem beim Anblick von Schnecken immer sofort schrie und auf den Arm wollte. Es gab auch einige Dinge die er nicht anfassen konnte vor ekel? Z.Bsp. Tannentapfen, Teig.

Ähnlich war es mit Pilzen als er 3 war. Ich erklärte ihm das er mit Pilzen nicht spielen darf, weil sie giftig sind. Seitdem konnten wir keinen Wald oder Wiese betreten auf der Pilze wuchsen. Er schrie und ging keinen Schritt und musste getragen werden.

Mit ca. 5 Jahren waren diese Verhaltensweisen nicht mehr so ausgeprägt. Mit Motivation konnte man ihn locken.

Seine Konzentration ist sehr von seiner Tagesform abhängig. Wenn früh schon was schief gelaufen ist, kann es sein das er den ganzen Tag verweigert etwas mitzumachen. Außerdem ist er schneller erschöpft als Gleichaltrige, das Hören und Sehen strengt ihn an.

Mit anderen Kindern tut er sich schwer. Er macht was ihm aufgetragen wird, eigene Ideen setzt er nicht durch (oder hat er selten ?)
Auch ist er langsamer als seine Altersgenossen und reagiert eben nicht schnell genug. Er ist dann oft traurig das er nicht mithalten kann.

Bisher bekommt er Ergo 1 mal die Woche, wobei ich kaum Fortschritte erkennen kann.

So einige Eigenarten würde ich getrost der Hörschädigung zuschieben, aber andere Dinge finde ich recht merkwürdig.
Ich würde mir durch eine Diagnostik etwas Licht im Dunkeln erhoffen, bin aber unschlüssig ob es für uns was bringt außer haufenweise Termine. Unnötige Tests möchte ich ihm ersparen. Gerade für die Schule wäre ich für eine Schulbegleitung, da er eben nicht den ganzen Tag durchhält. Die Förderlehrerin sagt aber bei "nur" Hörschädigung haben wir keine Chance das durchzusetzen.

Sorry für den langen Text.

LG betty
Tochter: ADS, Dyskalkulie
Sohn: Gehörlos, vis. Wahrnehmungsstörung, F82.1, F83, V.a. ADS/ASS

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Engrid
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Beitragvon Engrid » 10.12.2018, 15:22

Hallo Betty,

in dem Fall würde ich zur Abklärung nicht ins SPZ gehen, sondern zum (guten und darauf spezialisieren) Kinder- und Jugendpsychiater. Eventuell auch in eine Autismusambulanz. Differentialdiagnostik ADHS und ASS.
Deine Erfahrungen mit dem SPZ decken sich mit denen vieler anderer.

Übrigens, wenn Du keine Fortschritte siehst: auch bei den Ergo-Praxen gibt es himmelweite Qualitätsunterschiede. Grade für wahrnehmungsspezielle Kinder ist eine gute Ergo ein Segen.

Grüße
Engrid
mit Sohn vom anderen Stern (frühkindlich autistisch)
"Wir sehen die Dinge nicht wie sie sind, wir sehen sie wie wir sind." (Anais Nin)

melly210
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Beitragvon melly210 » 10.12.2018, 22:57

Hallo ! Viel was du von deinem Sohn schreibst kenne ich von meinem. Der wird allerdings erst 4 im Februar. Tagesstruktur war und ist bei ihm nicht so arg wichtig, wobei er komplett neue Situationen oft beängstigend findet. Er ist generell sehr ängstlich. Essen war bei ihm wie bei eurem, hat sich jetzt aber schon gebessert, er isst zwar immer noch sehr selektiv, aber halt mit einer größeren Auswahl an Dingen. Antrieb und Ideen war auch so wie du es beschriebst, hat sich aber jetzt schon beides gebessert. So Sachen wie das mit den Schnecken und Pilzen bringt unserer auch. Und auch den Rest den du so beschreibst.

Er hat diagnostizierterweise neben einer Muskelhypotonie die sich vorallem in der Fein-und Mundmotorik äussert auch deutliche Wahrnehmungsstörungen. Er war bei der Testung in allen Basisbereichen auffällig, davon abgeleitet hat er eine recht deutliche visuelle Wahrnehmungsstörung sowie eine Handlungsdyspraxie.

Und ja ich schließe mich Engrid an - wie gut ist eure Ergopraxis ? Sind die auf SI (sensorische Integration) spezialisiert ? Es lässt sich nicht gut an, wenn er so deutliche Wahrnehmungsstörungen hat und das von eurer Ergotherapeutin nicht erkannt wurde !

Unser Ergotherapeut ist meiner Meinung wirklich gut, und auch ausgewiesen auf SI spezialisiert. Der war eigentlich nach unserer Schilderung glaube ich der Meinung, daß wir Helikoptereltern sind und unser Sohn keine Ergo braucht, zumal er noch recht jung war (grade 3 geworden). Aber nach nicht mal 10 min Testung habe ich schon an seinen Reaktionen gesehen, daß er ganz genau verstanden hatte was Sache ist. Er hat die Testung zwar brav fertig gemacht, aber ansich war nach den ersten 10 Min eben alles klar. So stelle ich mir das bei einem Fachmann wenn ein Kind mit einer Wahrnehmungsstörung wie im Lehrbuch kommt auch vor !

Das SPZ war für uns übrigens reine Zeitverschwendung. Die Wahrnehmungsstörungen haben die nicht erkannt, dafür haben sie geglaubt er hat eine Intelligenzminderung, weil er bei einem sprachfreien Intelligenztest nicht in der Lage war ein Puzzle zu machen oder ein Muster nachzulegen. Und das bei einem Kind daß mit 2,5 Bücher für Kinder im Vorschulalter und aufwärts bevorzugt hat und mit knapp über 3 sinnerfassend die Uhr ablesen konnte und sich auch daran orientiert hat :roll: Ich habe mich dann selber belesen um rauszufinden was er hat und ahbe mir dann eben eine darauf spezialisierten Ergotherapeuten gesucht.

Ich würde euch daher auch raten: sucht euch eine GUTE, auf SI spezialisierte Ergopraxis. Mörderische Wartezeiten sind wenn die gut sind übrigens leider normal. Unsere Ergopraxis ist voll bis unters Dach, 6 Tage die Woche ganztags. Darüber hinaus ist die Frage was ihr wollt. Wenn ihr Hilfen A la Schulbegleitung wollt, werdet ihr wohl nicht drum rum kommen auch formal bei einem guten Kinderpsychiater testen zu lassen. Wir werden falls wir nicht für die Schule doch Hilfen brauchen, wonach es aber derzeit nicht aussieht, nicht weiter testen lassen.


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