Mein verhaltensorigineller Sohn und Andere mit Behinderung

Eltern, Geschwister, Großeltern - die ganze Familie ist gefordert, wenn es um die Belange des besonderen Kindes geht. Häufig ist das Familienleben durch die besonderen Bedürfnisse von Sohn oder Tochter großen Belastungen ausgesetzt. Ein Austausch mit Familien, die auch ein besonderes Kind haben, tut gut und kann sehr hilfreich sein.

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Katrin2001
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Beitragvon Katrin2001 » 10.12.2018, 09:32

Hallo Engrid........also sozusagen dem Kind zu suggerieren die Gefühle zu benennen,gern auch motzig............statt dann zu explodieren??

Hm......das versuchen wir schon ziemlich lange......Kind sagt auch,""Ja ich gebe gleich Bescheid wenn es mir zu viel wird"".......Schafft es aber nicht.LG Katrin
Katrin mit Sophie geb.Juli 01 entwicklungsverzögert, wahrnehmungsst. ,Hirnschädigung,motor.Probleme.,Autistische Züge,verhaltensauffällig. Genetische Auffälligkeiten ,Sprachprobleme ,aber ne total süße Maus

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Konrad02
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Beitragvon Konrad02 » 10.12.2018, 10:28

Hallo Johanna,

mein Sohn (ASS, ADHS, 16) hatte auch viele Jahre ein ähnliches Verhalten gegenüber anderen Behinderten, jetzt wird er toleranter. Hat viel damit zu tun, dass er seine eigenen Besonderheiten zunehmend besser erkennt und er sich auf die wertfreie Sichtweise -jeder ist anders/besonders- einlassen kann (Reifungsprozess wahrscheinlich).
Schwierig für Deinen Sohn ist vielleicht auch ,dass er "in keines der Bilder richtig rein passt", damit hat seine "Behinderung" für ihn auch keinen richtigen Namen.
Sind Risperidon und die ADHS- Medikation ausreichend dosiert? Zu wenig würde das Verhalten auch erklären.
Womöglich hat er in seiner Schule doch sehr zu kämpfen mit seiner Besonderheit, vielleicht gibt er das dann 1:1 privat weiter?
Ich würde wahrscheinlich Deinem Sohn gegenüber meine Haltung zu Behinderung mit einem Satz ruhig klarstellen und dann auf sein Geschimpfe und seine Vorwürfe nicht weiter eingehen, mit der Begründung, dass behindert sein einfach auch normal ist.
Und dann viel Geduld haben.
Ich schicke Dir noch eine PN.
Viele Grüße
Konrad02

Lisaneu
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Beitragvon Lisaneu » 10.12.2018, 20:06

Ich glaube eher es ist "aktives zuhören" gemeint. Die eigenen Gefühle benennt das Kind ja ohnehin schon ansatzweise, indem es über andere "Behinderte" schimpft und diese abwertet. Und genau HIER kann man mit "aktivem zuhören" ansetzen - indem man die Gefühle des Kindes einfach nur mit eigenen Worten wiederholt und SELBST den dazu gehörigen Gefühlen einen Namen gibt. Das ganze geschieht, OHNE diese Gefühle zu bewerten!

Kann z.B. im Beispiel von Johanna so aussehen "Du empfindest es als Zumutung, dass zur Feier deiner Schwester drei behinderte Kinder gekommen sind. Du magst sie überhaupt nicht und möchtest nichts mit ihnen zu tun haben!". Das kann mal der Einstieg sein. Vermutlich wird das Kind die Chance aufgreifen und sich weiter über die eigenen Gefühle auslassen z.B. mit den Worten "Ja, ich hasse diese Behinderten! Sie sabbern und reden blödes Zeug! Ich will sie nicht hören und sehen! Und am allermeisten hasse ich meine Schwester!". Hier kann z.B. die Antwort des aktiv zuhörenden Elternteils sein "Dir wäre lieber, deine Schwester wäre nie geboren worden!". Hier kann dann z.B. kommen "Ja, dann hätte ich meine Ruhe! Dann wäre alles viel besser!" . Die Antwort kann dann sein "Du wärst also lieber ein Einzelkind!". Hier kann der Sohn z.B. dementieren und sagen "Nein, ich hätte aber lieber einen coolen, älteren Bruder, der nicht behindert ist! Einen, der schon ein Moped hat und mich damit mitnimmt!". Dann kann die Antwort sein "Du glaubst, dein Leben wäre mit einem gesunden, älteren Bruder besser als mit deiner behinderten Schwester!". Und dann kommt wieder die Antwort vom Kind...


Es geht dabei darum, die Aussagen des Kindes NICHT zu bewerten sondern einfach stehen zu lassen. Und es ist natürlich schwer, diese Aussagen als Eltern auszuhalten! Aber deinem Sohn hilft es, weil er sich so endlich einmal verstanden fühlt. Bisher hatte er sehr, sehr heftige Gefühle, die er aber immer unterdrücken sollte, weil sie als "nicht gut" oder "unfair" und "bösartig" gesehen wurden. Das will er aber nicht mehr, und das ist gut so. Gefühle MÜSSEN besprochen werden, um DANN vielleicht bearbeitet werden zu können. Dazu muss aber erst mal der ganze, große Frust, der in diesem Kind steckt, raus!

Manchmal kommen Kinder zu Ende eines solchen Gespräches ganz von selbst auf erstaunliche Lösungen, die man ihnen gar nicht zugetraut hätte. Manchmal hört das Gespräch aber auch einfach auf, ohne erkennbare Änderung. Aber auch das ist okay. Gerade Kinder mit wenig Selbstwertgefühl haben oft das Gefühl, dass sie selbst (als Person) für ihre Gefühle abgelehnt werden. Das kann zu permanenter Unterdrückung der Gefühle führen oder eben zum ständigen, verzweifelten Kundtun, in der Hoffnung, doch irgendwann einmal gehört (im Sinne von "verstanden") zu werden. Und auch, wenn man als Eltern das Verhalten des Kindes tatsächlich nicht versteht, kommt man durch solche Gespräche (es sollte nicht bei einem bleiben) meistens dem Hintergrund der Sache auf den Grund. Irgendeinen verborgenen Wunsch, irgendeine versteckte Angst, die hinter dem Wall der heftigen Gefühle bisher nicht hervorkommen durfte, weil die Gefühle sofort immer bewertet und abgelehnt wurden.

Ich hoffe du verstehst, was ich meine.

Selbst hatte ich mit meinem älteren Sohn schon einige solche Gespräche über seinen behinderten Bruder und allein das aussprechen-dürfen seiner Eifersucht und Wut (oft mit sehr starken Worten) hat das Verhältnis zwischen den beiden deutlich gebessert. Mittlerweile stehe ich auch selbst dazu, dass mich sein Bruder phasenweise extrem nervt, was meinen älteren Sohn dann freut, weil es ihm nicht alleine so geht. Ich dar z.B. sagen "Der Alexander nervt mich wieder total! Ich würde ihn gerade am liebsten auf den Mond schießen!". Nicht klug wäre hingegen, selbst komplett verzweifelt und hilflos zu tun, denn dann glaubt mein Sohn, seinen Bruder quasi "in Vertretung" für mich bestrafen zu müssen, weil es mir selbst ja offensichtlich zu schlecht geht, das zu tun :P .

Sehr gut erklärt ist das Konzept des "aktiven zuhörens" im Buch "Familienkonferenz" von Thomas Gordon.
Sohn 3/2010 hochfunktionaler Asperger-Autist + ADHS
Sohn 7/2012, gehörlos + kurzsichtig + frühkindlicher Autist
Mama und Papa stark kurzsichtig (Kommentar eines Optikers: Wie habt ihr euch überhaupt gefunden?)

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Beitragvon JohannaG » 10.12.2018, 22:27

Ihr Lieben,

ich danke euch für eure vielen Ideen.... ich muß mir das in Ruhe durchlesen. Und dann frage ich auch noch mal nach. Ich hatte nur heute nicht viel Zeit. Morgen Abend seh ich bessere Chancen, wenn die zwei Beerdigungen morgen rum sind... (und ich dann hoffentlich nicht total krank im Bett liege).

Liebe Grüße!

Johanna
Johanna, *73, Morbus Bechterew;
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Beitragvon Kati_Li » 11.12.2018, 12:15

Angela77 hat geschrieben:Hallo Johanna,
nur kurz aus Zeitmangel: Ich könnte mir aus deiner Beschreibung gut vorstellen, dass dein Sohn seine Behinderung sehr wohl und sehr schmerzhaft registriert, aber sich - vor sich selbst und anderen - aus Scham nicht traut, sich die eigentliche Ursache seines Schmerzes/ seiner Wut einzugestehen.

Nun muss also ein "Sündenbock" her, der (ihm und anderen) erklärt, warum er sich so schlecht fühlt und so schlecht drauf ist.

Und da könnte es vielleicht (!) naheliegen, die ganze Misere auf seine deutlich behindertere Schwester und/oder deren deutlich behinderteren Freunde zu schieben.

Durch die krasse Abwertung der "noch Behinderteren" versucht er sich vielleicht selbst aufzuwerten. Und vielleicht ärgert es ihn sogar am meisten, dass diese Behinderten sich mutmaßlich deutlich besser fühlen als er...., denn das "dürfte ja eigentlich nicht sein".

Ich kann da völlig falsch liegen, nur so als Idee ... Aber vielleicht machen ihm seine Probleme und v.a. seine "Depressionen" (ist da eigentlich gesichert und/oder behandelt) mehr Stress im Sinne einer Kränkung als man von außen sieht.

Liebe Grüße
Angie


Das war auch exakt mein erster Impuls. Das ist der klassische Abwehrmechanismus der Projektion. Dabei kann man unbewusst(!) einen bestimmten Anteil bei sich selbst nur schwer ertragen und lagert ihn deshalb in andere Menschen aus.

Das funktioniert in etwa so: Ich merke, dass ich selbst irgendwie "behindert" bin, kann dieses Gefühl aber nur sehr schwer aushalten. Also sucht sich das Gefühl eine Projektionsfläche -->> meine Schwester. Da kann ich dann so richtig schön alles ausagieren und diesem miesen Gefühl freien Lauf lassen. Mir selbst bringt das Entlastung und ich fühle mich besser. Das miese Gefühl wird bearbeitet (nur leider auf Kosten meiner Schwester). Das ganze läuft nicht als bewusster (absichtlicher) Prozess ab, sondern ist ein "Überlebenstrick" der Psyche.

Man kann das zum Beispiel in einer tiefenpsychologisch fundierten oder einer analytyschen Psychotherapie bearbeiten. Eine Bindungsstörung ist so ziemlich die schlimmste Narbe, die man einer Kinderseele zufügen kann. Ihr müsst da nicht alleine durch!

Liebe Grüße
Kati
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Beitragvon JohannaG » 11.12.2018, 12:21

Hallo Kati,

tja, gerade eben habe ich die dritte Absage einer psychoanalytischen Praxis bekommen. Zwei hatten keinen Platz. Die dritte wollte uns nicht.
:roll:

Johanna
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Beitragvon Kati_Li » 11.12.2018, 21:01

JohannaG hat geschrieben:Hallo Kati,

tja, gerade eben habe ich die dritte Absage einer psychoanalytischen Praxis bekommen. Zwei hatten keinen Platz. Die dritte wollte uns nicht.
:roll:

Johanna


Sowas ist doch nur scheiße! Das ärgert mich ungemein.

Ich weiß nicht ob ihr auf dem Land wohnt oder eine größere Stadt erreichbar ist, aber vielleicht wäre ein Ausbildungsinstitut für Kinder und Jugendpsychotherapeuten noch eine alternative Anlaufstelle. Da behandeln Ausbildungskandidat*innenn unter der Supervision von erfahrenen Analytiker*innen. Wenn die Fälle zu "schwer" sind, werden sie oft an die Praxen der erfahrenen Analytiker*innen weitergegeben (zumindest ist das bei uns so). Ich schreib dir dazu noch mal ne PN.

Liebe Grüße
Kati
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Beitragvon JohannaG » 12.12.2018, 11:16

Hallo Kati,

Nähe einer großstadt. Und bei einem ebensolchen Ausbildungsinstitut waren wir auch schon. Die dort vorgeschlagene Person konnte uns aber keinen Termin anbieten zu einer Zeit, wo auch wir können. Jetzt bin ich da dran, noch jemand anderen über die zu finden.... hoffentlich klappts.

LG Johanna
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Beitragvon JohannaG » 12.12.2018, 15:48

Hallo ihr,

jetzt meld ich mich mal bisschen ausführlicher zurück...

Engrid, du schiriebst, dein Junior WILL sich in die Wut stürzen. Ja, exakt so empfinde ich das auch bei meinem Sohnemann. Er WILL sich da gar nicht rausholen lassen.

Die Idee mit stellvertretend Gefühle verbalisieren hatte ich auch schon - das klappt nicht, da fühlt er sich von mir auch noch verarscht, zusätzlich zu allem anderen. Also, jedenfalls IN der Situation klappt es nicht. Manchmal kann ich auf diese Art und Weise etwas nachbesprechen mit ihm - leider kann es das beim nächsten mal dann halt wieder nicht abrufen.

Tragfähigkeit der Bindung ist ganz sicher ein großes Thema hier... und Sündenbock für seine Geschichte und Geschicke auch. Und ja, er hat auch ein paar Päckchen zu tragen, für die er wirklich nichts kann und die in anderen Familienkonstellationen auch einfacher wären. Allerdings, wiederum, stürzt er sich da voller Wut rein und verbeißt sich in alles, was blös ist - und scheint unfähig, die guten Seiten auch zu sehen. Ebenso unfähig, den blöden Dingen aus dem Weg zu gehen, auch wenn er recht leicht die Möglichkeit dazu hätte.

Autismustherapie kriegt er nicht, da ja ohne Diagnose. Ergotherapie hatte er in Form von Neurofeedback (bedingt erfolgreich). Heileurythmie an der Waldorfschule hatten wir auch schon (war für ihn eine nette Auszeit...). Aktuell bin ich dringend auf der suche nach einer guten Psychoanalyse oder tiefenpsychologisch orientierten VT - reine VT erreicht ihn auch nicht. Gestaltet sich aber auch nicht so einfach. Und deckt auch nicht das ganze Problem ab. Die kann hoffentlich was in Hinblick auf die Bindungsthematik klären, aber seine sonstigen sozialen Probleme mit anderen sehe ich da eher nicht bearbeitet.... Naja, man muß nehmen was man kriegt.

Es ist leider auch oft schwierig mit dem Papa - der lebt nicht mehr bei uns, ist aber präsent im Leben der Kinder. Papa hat selbst erhebliche psychsische Probleme, Sohnemann vergöttert ihn aber und spart sich seine Ausraster für mich auf. Nur selten passiert es auch beim Papa, oder wenn wir beide da sind. Wenn es aber so ist wie letzten So, dann rastet a) auch der Papa aus und b) wird mir dann von beiden die Schuld an der Situation gegeben. Das fühlt sich so richtig, richtig gut an.... :roll:

so, jetzt muß ich aber schon wieder los.

Wünsch euch was und bin neugierig, ob jemand noch Ideen hat.
Johanna, *73, Morbus Bechterew;

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