Wann ist schulische Inklusion möglich, wann sinnvoll?

Integrative Kindertagesstätte oder Sonderkindergarten? Kann mein Kind die Regelschule schaffen oder muss es doch eine Sonderschule besuchen? Hier dreht sich alles um Kindergarten- und Schulbesuch.

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Lisaneu
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Beitragvon Lisaneu » 05.01.2019, 22:13

Hallo RikemitSohn,

danke für deine Gedanken und deinen Beitrag. Du triffst es sehr gut mit deiner Einschätzung, ich sehe es ähnlich. Die einzige Möglichkeit für Inklusion, die ich mir bei Alexander vorstellen könnte, wäre eine Kleinklasse mit nur-Gehörlosen. Das hätte sowohl Nachteile als auch Vorteile. Ein Nachteil wäre dass er nicht Extra-Stoff nach seinen Fähigkeiten bekommen würde, sondern laut Gehörlosenlehrplan erste Klasse. Das ist teilweise zu leicht und teilweise zu schwer für ihn. Da in denn reinen Gehörlosen-Kleinklasse 5-8 Schüler sind müsste er außerdem mit weniger Exklusiv-Betreuung auskommen und es würde auch nicht immer wieder ein Lehrer 1:1 Blickkontakt einfordern können. Vorteil wären Klassenkameraden, die er verstehen kann, auch wenn sie sich z.B. in der Pause unterhalten. Alexander beteiligt sich zwar nicht an diesen Gesprächen, aber er beobachtet sie immerhin. Und wenn er sich mal beteiligen wollte, hätte er die Chance. Auch als Vorbilder würden nur-gehörlose Kinder gut sein, zum Beispiel was das sauber-werden betrifft.

Ich kann nicht sagen, dass ob es insgesamt in so einer Klasse besser wäre als in der aktuellen Spezial-Sonder-Klasse. Ich könnte mir aber vorstellen, das ausprobieren zu wollen. Nur "gilt" das ja nicht als echte Inklusion, weil die nur-gehörlosen Kinder ja auvmch Behinderte sind!

Silvia hat meinen Sohn ja schon mal kennengelernt und kennt auch seine Schule schon etliche Jahre. Und dort sind durchaus auch Inklusions-Klassen und Klassen mit gesunden Kindern im gleichen Schulgebäude. Die Sprachbarriere ist aber trotzdem da.

Sport könnte er mMn durchaus gemeinsam mit gesunden Kindern machen. Es müsste aber trotzdem wer dabei sein, der Gebärdensprache kann. Heute waren wir im Schwimmbad und dort erscheint er fast wie ein gesundes Kind. Da sind ja etliche Kinder im Wasser und außer, dass er ein bisserl groß für Schwimmflügerl ist, fällt er (dank diskreter Inkontinenz-Badehose) nicht auf. Denn quitschende, lachende Kinder gibt es im Bad jede Menge.
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HeikeLeo
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Beitragvon HeikeLeo » 06.01.2019, 13:17

Lisaneu hat geschrieben: Warum seine Klasse als Sonderklasse laufen muss? Klare Antwort: weil es die Direktorin so wollte!

Bei Inklusion geht es auch sehr viel um Bezeichnungen und Benennungen. Du selbst bist ja der Meinung, dass es Alexander mit dieser Klasse gut geht.
Warum wehre ich mich nicht dagegen? Klare Antwort: weil es Alexander in seiner bestehenden Klasse gut geht und er meiner Einschätzung nach dort bestmöglich gefördert wird.

Deshalb ist an der Klasse an sich - aus seiner Perspektive - auch keine Änderung nötig. ABER: Warum muss die Klasse Sonderklasse heißen? Klar: Weil die Direktorin es so wollte!

Im Name liegt auch schon eine Vorbedeutung. Von der jetzigen Gegebenheit wirkt die Schulsituation inklusiv - sie ist aber begrifflich auf den exklusiven Weg festgelegt. Der Name ist eine Weiche, der zunächst einmal auf eine Sonderschiene führt.

Und dann sind wir wieder beim Ausgangspunkt, warum Inklusion noch mehr in den Köpfen ankommen muss.

Liebe Grüße
Heike

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Beitragvon Susanne1887 » 06.01.2019, 15:58

@HeikeLeo Du schreibst mir aus der Seele. Ich finde diese Bezeichnungen auch furchtbar. Bei uns an der Förderschule Lernen steht auch ganz groß: Sonderpädagogisches Förderzentrum. Warum muss es da so stehen? Weil Menschen mit Handicap Sondermenschen sind ? Was für ein schrecklicher Gedanke !
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Lisaneu
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Beitragvon Lisaneu » 06.01.2019, 18:51

HeikeLeo hat geschrieben: ABER: Warum muss die Klasse Sonderklasse heißen? Klar: Weil die Direktorin es so wollte!


Ich kann Dir keinen konkreten Paragraphen nennen, aber ich glaube nicht, dass es für eine als "Regelschulklasse" oder "Inklusionsklasse" die Genehmigung für eine Klasse mit 4 Schülern und 2 Sonderpädagogen geben würde.


HeikeLeo hat geschrieben:Im Name liegt auch schon eine Vorbedeutung. Von der jetzigen Gegebenheit wirkt die Schulsituation inklusiv - sie ist aber begrifflich auf den exklusiven Weg festgelegt. Der Name ist eine Weiche, der zunächst einmal auf eine Sonderschiene führt.


Ach Heike, völlig egal wie die Klasse von Alexander jetzt heißt, Alexander IST auf der Sonderschiene und zwar nicht, weil ich das so will, sondern weil der Unterschied zwischen ihm und NT-Kindern mit jedem Tag größer wird. Abgesehen davon, dass der Klassenname KEF1 jetzt nicht sofort nahelegt um welche Klassenart es sich handelt sieht und merkt es jeder, der nur 30 Sekunden in dieser Klasse verbracht hat.

Mir geht es nicht um so Spitzfindigkeiten wie Namen. Ja, es wäre ganz nett, wenn man das eine oder andere anders nennen könnte. Wenn ich hier im Forum immer noch das Wort "taubstumm" lese, frage ich mich auch wer das noch verwendet, wo es doch von mindestens 90% der Gehörlosen diskriminierend empfunden wird.

Was mich aber viel mehr ärgert ist z.B. die Tatsache, dass hörgeschädigte Schüler dieser Schule (der Großteil davon lautsprachlich beschult!) bis vor ca. 3 Jahren ein ganz normales Abschlusszeugnis bekommen haben, ohne Hinweis auf ihre Behinderung. Dann gab es eine Gesetzesänderung und jetzt muss auf dem Zeugnis "nach Gehörlosenlehrplan beschult" draufstehen :evil: ! Abgesehen davon, dass beim Gehörlosenlehrplan inhaltlich dasselbe verlangt wird wie beim Regelschullehrplan (nur sprachlich vereinfacht und etwas anderen Stundenzahlen) weiß kein Lehrherr, wo sich diese Jugendlichen mal vorstellen gehen, was damit gemeint ist. Zählt eine 2 in Mathe nach Gehörlosenlehrplan nicht wie eine 4? Sicherheitshalber lassen viele Personalchefs dann lieber die Finger von solchen Bewerbern, weil sie zu wenig Ahnung haben. Und DAS müsste nicht sein. Damals gab es eine Petition zum unterschreiben damit diese Schüler weiterhin das Recht auf ein neutrales Zeugnis haben. Haben aber dann zu wenig unterschrieben und es hat nichts genutzt :cry: .

SO WAS regt mich weit mehr auf, als ob am Schild neben der Klassenzimmertür KEF1 draufsteht.
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Elke35
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Beitragvon Elke35 » 06.01.2019, 19:11

Hi,

wirklich? War das vor ein paar Jahren anders?

grace
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Beitragvon grace » 06.01.2019, 19:46

Lisaneu hat geschrieben:..jetzt muss auf dem Zeugnis "nach Gehörlosenlehrplan beschult" draufstehen :evil: ....wo sich diese Jugendlichen mal vorstellen gehen, was damit gemeint ist. Zählt eine 2 in Mathe nach Gehörlosenlehrplan nicht wie eine 4? Sicherheitshalber lassen viele Personalchefs dann lieber die Finger von solchen Bewerbern, weil sie zu wenig Ahnung haben.


Hallo Lisa,

Meinst du es macht auf die HR‘s einen besonders guten Eindruck wenn auf dem Curriculum vitae „Sonderpädagogisches Förderzentrum“ oder „Förderschule für geistige Entwicklung“ draufsteht, oder im Vorstellungsgespräch danach gefragt wird?
Nur mal so als Frage?

Und bitte Niemand antworten das die sowieso auf die WfbM gehen, es gibt nähmlich recht viele die den Haupschulabschluss schaffen und andere berufliche Wünsche haben.

LG

Grace

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Beitragvon Lisaneu » 06.01.2019, 19:47

Elke35 hat geschrieben:Hi,

wirklich? War das vor ein paar Jahren anders?


Ja, das war anders! Ich habe die Pedition damals auch unterschrieben (Alexander war da ca. 3 Jahre alt) und bin im Bekanntenkreis mit den Unterschriftenlisten rumgelaufen. Hat leider nichts genutzt...
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Beitragvon HeikeLeo » 06.01.2019, 21:43

Lisaneu hat geschrieben: Dann gab es eine Gesetzesänderung und jetzt muss auf dem Zeugnis "nach Gehörlosenlehrplan beschult" draufstehen Evil or Very Mad


Das ist ganz sicher ein Rückschritt. Nicht schön. Ist aber an sich die gleiche Kategorie wie ich meine.

Vor 500 Jahren hat Comenius empfohlen altersgleiche Klassen zu bilden und 25 Kinder pro Klasse vorgeschlagen. In manchen Kleinschulen gab es aber pragmatischerweise auch schon früher altersgemischte Klassen und auch zum Teil nur eine Handvoll Kinder. Wer sagt denn, dass eine Klasse mit vier Kindern und zwei Lehrern nicht eine Regelklasse ist? - Die Schulgesetze, die extra einen Exklusionsstempel draufmachen. ...Aufgabe der Schule ist die Selektion...(irgendwo steht das bei uns im Schulgesetz - und es hat sich manchen Lehrkräften fest ins Hirn eingebrannt).

Das zu ändern, wird man aber keine Mehrheiten finden. Denn Mehrheiten und Demokratien sind nicht für Minderheiten gemacht. Wenn in einer Fünfer-WG vier beschließen, dass IMMER der fünfte spülen muss, dann ist das höchst demokratisch, aber trotzdem sehr unfair. Und genau diese Unfairness haben wir auf Seiten der Behörden/Schulen, wenn es um Inklusion geht. Da braucht es Abhilfe. Und das fängt eben schon bei Benennungen an.

Liebe Grüße
Heike

kati543
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Beitragvon kati543 » 06.01.2019, 23:45

Hallo Lisa,
ich kenne es nur aus Deutschland und von den Zeugnissen meiner Kinder. Sobald eine irgendwie lernzieldifferente Beschulung vorliegt, steht das auf dem Zeugnis. Gerade bei inklusiver Beschulung besucht das Kind ja eine „normale“ Schule und da kann man am Schulnamen nicht erkennen, dass hier ein sonderpädagogischer Förderbedarf vorlag.
Mein Jüngster hat auf all seinen Zeugnissen noch einen Dreizeiler stehen, dass er Förderbedarf GE hat gemäß Paragraph.... und das Zeugnis nach den entsprechenden Vorschriften für GE-Schüler erstellt wurde. Sein Zeugnis hat auch eine komplett andere Aufteilung als das seines Bruders.
LG
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Susanne1887
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Beitragvon Susanne1887 » 07.01.2019, 09:22

Ich wusste nicht, dass die Bezeichnung "taubstumm" als diskrimminierend empfunden wird. Meine Tochter wird ja inklusiv beschult, so dass ich kein Kontakt zu anderen Hörgeschädigten habe. Selbstverständlich werde ich den Begriff nicht mehr verwenden.

Man stelle sich ein Seniorenwohnheim vor, an einem Gang hinge ein Schild: Sonderabteilung für Demenzkranke. Und vor den Zimmern wäre auch ein Schild angebracht: Sonderzimmer.
Was wäre das für ein Gefühl ?

Vielleicht wird manchen bei dieser Vorstellung bewusst, wie wir unsere Kinder selektieren. Die vielen Testungen die Mia über sich ergehen lassen musste hatten nicht nur den Zweck ihr helfen zu wollen: es ging hauptsächlich darum zu selektieren. Förderschule ja oder nein ?

LG Susanne
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