Wann ist schulische Inklusion möglich, wann sinnvoll?

Integrative Kindertagesstätte oder Sonderkindergarten? Kann mein Kind die Regelschule schaffen oder muss es doch eine Sonderschule besuchen? Hier dreht sich alles um Kindergarten- und Schulbesuch.

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SandyErgo
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Beitragvon SandyErgo » 30.12.2018, 01:29

uschi brand hat geschrieben:Hi,
Ich finde ihr solltet eurem Hang zur Exklusion weiter nachgehen und versuchen ja auch jedes weiter Haar in der Suppe zu erhaschen


Sorry, aber davon spricht keiner!!
Man muss aber auch schauen, was mit den vorhandenen Mitteln (leider auch die Finanzen - auch wenn das keiner hören will), den räumlichen und personellen Gegebenheiten realisierbar ist.
Und das ist aus meiner Sicht eine Regel-Schule mit einem Großteil an Regelschülern und I-Kindern aus 2-3 Förderrichtungen. Alle Förderschwerpunkte > am Ende in einer Klasse - das kann aus meiner Sicht kein Lehrer leisten - mag er auch so viel Hilfe haben wie möglich ist.
Eine Spezialisierung auf 2-3 Förderbereiche führt aus meiner Sicht auch dazu, dass sich alle schneller auf den aktuellen Stand pädagogischer Entwicklungen bringen können > Regellehrer sind in den Förderbereichen ja normalerweise auch Laien >> und wenn ich mein Kind inklusiv beschulen lassen will, möchte ich auch, dass die Lehrer wissen, was sie tun, warum sie es tun, wie sie es tun.
Und eben auch bauliche Veränderungen in der Schule lassen sich - dem Träger, anderen Eltern, ... - besser begründen, wenn dann später vielleicht noch andere Kids mit ähnlicher Problematik die Schule besuchen können. Dann werden bauliche Veränderungen vielleicht dauerhaft geschaffen - und ggf. nicht nur provisorisch, weil ja nur ein Kind mit diesem Schwerpunkt die Schule besucht.
Worauf dann natürlich geachtet werden sollte, dass die Schulen in einer Stadt/Region die Förderschwerpunkte gleichmäßig verteilen - es also mind. eine Schule für Kids mit Sehbeeinträchtigungen, ... gibt.
Mama 12/77
mit Tochter 11/06 FG 30+6 (nach HELLP-Syndrom) Kombinierte umschriebene Entwicklungsstörung mit noch leichter Sprachentwicklungsstörung, Hämochromatose (homozygot C282T im HFE-Gen)
und Sohn 08/09 FG 34+1 ADHS und kombinierte umschriebene Entwicklungsstörung mit starker Betonung der aktiven Sprache

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Silvia & Iris
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Beitragvon Silvia & Iris » 31.12.2018, 09:22

Hallo ihr Lieben,

also wenn ich jetzt so berichten darf...
ich habe jetzt eine Schule gefunden, die passt... doch, da läuft es so:
Es gibt keine I-Klassen, keine Sonderpädagogen...
Es gibt 12 Klassen je 21 Schüler,
es gibt 24 Kinder mit "Besonderheiten"...
es gibt empathische Lehrkräfte...

nur ganz wenige diese Kinder sind tatsächlich nicht mit dem Regelschullehrplan unterwegs...

Alle Kinder sind immer in den Klassen... - während der Unterrichtszeit...
1 Pädagoge pro Unterrichtseinheit... nur in 2 Stunden pro Woche in D, E, M gibt es einen 2. Pädagogen in der Klasse... (statt wie eigentlich beworben in jeder Stunde dieser Fächer...)

... und es gibt einen Raum der Nachmittagsbetreuung, den man vormittags bis 11 Uhr nutzen könnte... die 2 Turnsäle werden von gesamt 24 Klassen genutzt und sind daher ständig belegt...

Die Kinder schaffen es in den 4 Jahren - zumindest meistens - das Schulziel zu erreichen! - Es ist kein Kind mit Rollstuhl dabei, da die baulichen Gegebenheiten dafür nicht gegeben sind... - aber sehr wohl Autismus, Wahrnehmungsstörungen, Sehprobleme...

Es fordert die Lehrer... es ist anstrengend - die Ressourcen sind nur punktuell gegeben... - mehr ist seitens der Schulverwaltung nicht möglich...

Wirklich stärker beeinträchtigte Kinder können hier aber nicht aufgefangen werden und bereits die mitlaufenden Kinder finden häufig nicht wirklich Freunde... Es ist nicht leicht!

... Inklusion, wirkliche Inklusion kann so nicht laufen... - da fehlt so vieles....

- zumindest an Personal...
Welcher Lehrer sollte denn hier jetzt Kinder rausnehmen :roll: Wie soll denn das laufen?

Ich kann es mir halt wirklich nicht vorstellen, wie das gehen soll...

zumindest nicht mit den vorhandenen und bestehenden Möglichkeiten und Strukturen...

Ja, in Spezialeinrichtungen, wo es Sonderpädagogen (NOCH) gibt und auch die nötigen baulichen Gegebenheiten...
Ich finde es schon notwendig diese Strukturen zu erhalten...
Und hier auch weiterhin nicht gruppenfähigen und auch wirklich nicht lernfähigen Kindern die Möglichkeit zu geben im geschützten Rahmen einige Stunden des Tages verbringen zu können!

Man kann meist auch mit jenen Kindern etwas machen, sei es Therapie, sei es sie zu unterhalten... auch wenn kein A-B-C und 1, 2, 3 möglich ist...
Bei manchen ist dies schon möglich, aber keine Klassen von 20 und mehr Kindern...

LG
Silvia

Kinder, die man sehr wohl nach Regelschullehrplan UND die gruppenfähig sind, kann man ja auch in normale Klassenverbände integrieren... das ist doch Integration, oder? Hier geht es doch vor allem darum technische Hilfsmittel zu stellen...
Liebe Grüße
Silvia
Tochter *03/2003, PCH, HG-versorgt, ein Sonnenschein
Sohn *03/2006 AVWS + was so dazu gehört

Lisaneu
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Beitragvon Lisaneu » 31.12.2018, 11:07

Silvia & Iris hat geschrieben:Hallo ihr Lieben,

also wenn ich jetzt so berichten darf...
ich habe jetzt eine Schule gefunden, die passt... doch, da läuft es so:
Es gibt keine I-Klassen, keine Sonderpädagogen...
Es gibt 12 Klassen je 21 Schüler,
es gibt 24 Kinder mit "Besonderheiten"...
es gibt empathische Lehrkräfte...

nur ganz wenige diese Kinder sind tatsächlich nicht mit dem Regelschullehrplan unterwegs...

1 Pädagoge pro Unterrichtseinheit... nur in 2 Stunden pro Woche in D, E, M gibt es einen 2. Pädagogen in der Klasse... (statt wie eigentlich beworben in jeder Stunde dieser Fächer...)

... und es gibt einen Raum der Nachmittagsbetreuung, den man vormittags bis 11 Uhr nutzen könnte... die 2 Turnsäle werden von gesamt 24 Klassen genutzt und sind daher ständig belegt...

Die Kinder schaffen es in den 4 Jahren - zumindest meistens - das Schulziel zu erreichen! - Es ist kein Kind mit Rollstuhl dabei, da die baulichen Gegebenheiten dafür nicht gegeben sind... - aber sehr wohl Autismus, Wahrnehmungsstörungen, Sehprobleme...

Alle Kinder sind immer in den Klassen... - während der Unterrichtszeit...
Wirklich stärker beeinträchtigte Kinder können hier aber nicht aufgefangen werden und bereits die mitlaufenden Kinder finden häufig nicht wirklich Freunde... Es ist nicht leicht!



So ähnlich ist es auch in der Grundschule meines älteren Sohnes. Nur, dass es dort bis zu 26 Kinder in einer Klasse sind und generell eine Doppelbesetzung gibt (eine Grundschullehrerin und eine Sonderpädagogin mit zusätzlicher Sprachheil-Ausbildung). Auch hier sind etliche besondere Kinder, grossteils nach Regelschulplan beschult.

Die Kinder sind auch nicht immer in den Klassen sondern können sich frei im Schulgebäude bewegen. Es ist nur eine kleine "Kernarbeitszeit", wo die Kinder wirklich in den Klassen anwesend sein müssen. Hört sich jetzt total seltsam an, klappt aber trotzdem. Natürlich wäre das nichts für ein Kind wie Alexander mit seinen Fluchttendenzen :roll: .

Silvia & Iris hat geschrieben:... Inklusion, wirkliche Inklusion kann so nicht laufen... - da fehlt so vieles....

- zumindest an Personal...
Welcher Lehrer sollte denn hier jetzt Kinder rausnehmen :roll: Wie soll denn das laufen?

Ich kann es mir halt wirklich nicht vorstellen, wie das gehen soll...

zumindest nicht mit den vorhandenen und bestehenden Möglichkeiten und Strukturen...


Ich glaube mit dem Beispiel wollte Uschi nur zeigen, wie engagiert Lehrer sein können. So als positives Beispiel, was bei gutem Willen UND entsprechenden Ressourcen möglich wäre. Mit Inklusion hat es ja nicht wirklich was zu tun, wenn ein Lehrer die besonderen Kinder aus den I-Klasse RAUSholt um mit ihnen extra was zu machen. Für mich ist das eher Exklusion. Oder ich verstehe da was falsch...


Silvia & Iris hat geschrieben:Ja, in Spezialeinrichtungen, wo es Sonderpädagogen (NOCH) gibt und auch die nötigen baulichen Gegebenheiten...
Ich finde es schon notwendig diese Strukturen zu erhalten...
Und hier auch weiterhin nicht gruppenfähigen und auch wirklich nicht lernfähigen Kindern die Möglichkeit zu geben im geschützten Rahmen einige Stunden des Tages verbringen zu können!

Man kann meist auch mit jenen Kindern etwas machen, sei es Therapie, sei es sie zu unterhalten... auch wenn kein A-B-C und 1, 2, 3 möglich ist...
Bei manchen ist dies schon möglich, aber keine Klassen von 20 und mehr Kindern...

LG
Silvia


Das sehe ich wie du :) !

Silvia & Iris hat geschrieben:Kinder, die man sehr wohl nach Regelschullehrplan UND die gruppenfähig sind, kann man ja auch in normale Klassenverbände integrieren... das ist doch Integration, oder? Hier geht es doch vor allem darum technische Hilfsmittel zu stellen...


Das ist ja genau das, was hier oft nicht verstanden wird. Gerade bei den technischen Hilfsmitteln und baulichen Maßnahmen kann man nicht ÜBERALL ALLES machen. Man kann nicht alles Klassen des Landes mit Lichtglocken und FM-Anlagen ausstatten, alle Schulen mit riesigen Braille-Bibliotheken und Blindenleitsystemen installieren, alle Türen an allen Schule so umbauen, dass ein Krankenbett durchpasst,...

dafür BRAUCHT man Spezialeinrichtungen! Das schließt aber nicht aus, dass auch der Großteil der Schüler an diesen Spezialeinrichtung gemeinsam mit nicht-behinderten Kindern im Klassenverband unterrichtet wird.

Was die "Gruppenfähigkeit" betrifft so muss man ALLE Bedürfnisse sehen: die der besonderen Kinder, die der nicht-behinderten Kinder und die der Lehrer! Ich habe heute in der Früh noch einige Kuverts adressiert und habe dafür über eine Stunde Zeit benötigt, weil Alexander so intensiv lautiert hat, dass ich mich nicht auf das schreiben der Adressen konzentrieren habe können.

Mein älterer Sohn ging im vergangenen Jahr unter anderem deshalb in der Hort, weil es unmöglich war, zu Hause in Ruhe HÜ zu schreiben, weil Alexander ständig lautiert hat.

Will ich wirklich 20 anderen Schülern zumuten, mit ihm täglich gemeinsam in einer Klasse zu sein und neben diesen ganzen Geräuschen zu lernen und Klassenarbeiten zu schreiben? Wer hat da was davon, wer profitiert? Mein Kind? Die anderen Kinder? Die Lehrer? Die Gesellschaft?
Sohn 3/2010 hochfunktionaler Asperger-Autist + ADHS
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Beitragvon NicoleWW » 31.12.2018, 12:12

Hallo,

was die Diskussion um Inklusion so schwierig macht ist dass es für einige nur schwarz oder weiß gibt und andere Meinung überhaupt nicht akzeptiert werden.

Mir leuchtet nun mal nicht ein warum echte Inklusion nur dann ist wenn es nur noch die eine Schule für alle gibt, warum nur eine Gruppe Personen die Wahlmöglichkeit haben soll (Förderschule oder die Schule für Alle) und alle andere einfach diese Art von Inklusion schlucken sollen, sorry für mich klingt das sehr egoistisch so nach dem Motto "Ich will aber", wenn ich will das mein (völlig untalentiertes) Kind in den Musikzweig geht dann muss die Schule das so hinnehmen und weil das vielleicht selbst für diese Leute absurd ist, soll es sowas erst gar nicht mehr geben damit es ja keine Schule oder ein Schulzweig gibt der eventuell für mein Kind nicht geeignet ist.

Vielleicht habe ich da was ganz falsch verstanden aber so kommt es bei einigen hier für mich rüber. Ich bin nicht gegen Inklusion, und hier gab es schon einige gute Beispiele und Vorschläge für gute Inklusion, aber ich halte diese eine Schule für alle oder auch jede Schule muss jeden aufnehmen nicht für zielführend. Das es mancher Orts besser ist mit den Wahlmöglichkeiten und in anderen Gebieten dann absolut furchtbar ist, ist natürlich schade und so sollte es nicht sein, aber zu glauben das alles besser ist wenn man nun jede Schule zwingt jeden aufzunehmen dessen Eltern das wollen, ist meiner Meinung nach viel zu kurz gedacht.

Leider wird unsere Gesellschaft immer egoistischer und für mich ist es auch egoistisch zu sagen "Inklusion ist nur Inklusion wenn ich alleine entscheiden darf auf welche Schule und in welche Klasse mein Kind geht, egal ob es passt oder nicht, denn wenn es nicht passt müssen es die anderen passend machen . Ein anderes Kind könnte darunter leiden ? Die anderen müssen dafür sorgen dass das andere Kind nicht darunter leidet ! Wie soll das geschehen ? Es muss einfach Möglichkeiten geben, weil ich will dass mein Kind in diese Klasse geht !" Und wenn das Jemand für nicht so gut hält dann ist er gegen Inklusion ! Völlig egal dass es da eventuell eine andere Schule gibt wo das Kind hin könnte, eine Schule die mit den Problemen gut klar käme, da will man das Kind ja nicht haben. Sorry aber so klingt das bei manchen hier für mich.

Am besten noch Privatschulen schließen weil man die ja nicht zwingen kann jeden aufzunehmen und die sich ja nicht jeder leisten kann.

Wir können uns Privatschulen auch nicht leisten (bzw wenn dann nur die die nicht so arg teuer sind), kämen deshalb aber nie auf die Idee das für ungerecht zu halten und nein auch wir haben nicht die riesen Auswahl supertoller Schulen und wenn es eine unserer Töchter nicht aufs hiesige Gymnasium geschafft hätte, dann hätten auch wir erst mal ein Problem gehabt da die anderen Schulen nicht unbedingt geeignet waren/sind.

Inklusion ist für mich dass jedes Kind nach seinen Möglichkeiten beschult und gefördert wird. Inklusion bedeutet für mich nicht dass das unbedingt an jeder Schule möglich sein muss.

Liebe Grüße
Nicole
Nicole (70, Morbus Bechterew, Asthma) mit

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rena99
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Beitragvon rena99 » 31.12.2018, 12:14

Lisaneu hat geschrieben:Will ich wirklich 20 anderen Schülern zumuten, mit ihm täglich gemeinsam in einer Klasse zu sein und neben diesen ganzen Geräuschen zu lernen und Klassenarbeiten zu schreiben? Wer hat da was davon, wer profitiert? Mein Kind? Die anderen Kinder? Die Lehrer? Die Gesellschaft?


Ja, das kann man anderen zumuten (und sollte es auch!), wenn (!)
- es Nebenräume gibt, in denen sich Kleingruppen gegebenenfalls zurückziehen können
- wenn es für jedes Kind einen Gehörschutz gibt, wenn es sich abschotten und konzentrieren will
- wenn die Decken mit (gar nicht so teurem) schalldämpfenden Trockenbau umgestaltet werden

Ich gebe dir ja Recht, dass nicht überall alles geht, aber es geht erstaunlich viel an vielen Orten, wenn man sich da mal wirklich mit auseinander setzt. Aber es braucht eine passende räumliche Ausstattung (die kann man aber oft mit einfachen Mitteln schaffen) und es braucht eine Erziehung, die sehr auf Eigenverantwortung und Rücksichtnahme aller Kinder setzt. Dabei muss aber die eigene Individualität ausgelebt und die eigenen Entwicklungsmöglichkeiten für jedes Kind gefördert werden.

Jede Gruppe erträgt 2-3 besondere Kinder. Mehr sollten es nicht sein, aber so viele gibt es ja auch gar nicht.

Für die Peergroupbildung und den Austausch von Erfahrungen finde ich regelmäßige, zeitlich begrenzte Schwerpunktbeschulung sinnvoll, gerade in der Pubertät. Aber auch das gilt eigentlich für alle Kinder. Warum soll da nicht jemand 4 Wochen in einen Schneider- oder Tischlerkurs, ein Sportcamp, an die Musikhochschule oder in eine Juniorakademie. Oder halt in ein Mobilitätstraining für Blinde oder oder....

LG
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Beitragvon Dario » 31.12.2018, 12:20

Lisaneu hat geschrieben:Will ich wirklich 20 anderen Schülern zumuten, mit ihm täglich gemeinsam in einer Klasse zu sein und neben diesen ganzen Geräuschen zu lernen und Klassenarbeiten zu schreiben? Wer hat da was davon, wer profitiert? Mein Kind? Die anderen Kinder? Die Lehrer? Die Gesellschaft?


Hallo Lisa,

ich verstehe deinen Gedanken und kann mich erinnern, dass zu meiner Zeit in den 1980er-Jahren noch als selbstverständlich galt, dass Inklusion bzw. Integration nur dann gelingen kann, wenn beide Seiten ihren Teil dazu beitragen: Die Gesellschaft, aber auch der behinderte Mensch selbst. Inklusion kann - bildlich gesprochen - keine Einbahnstraße sein.

Ich musste früher beispielsweise noch lernen, dass der Besuch einer Regelschule mit bestimmten Anforderungen verbunden ist, an sie sich alle (!) Schüler zu halten haben: Dass man sich im Unterricht ruhig und leise verhält, niemanden stört, dass man nach besten Kräften mitarbeitet, dass man seine Hausaufgaben erledigt und Lehrer schlussendlich auch als Autoritätspersonen respektiert.

Dass man mir diese Werte vermittelt hat, fand ich auch richtig - nur die Methoden, mit denn man das getan hat (oft mit Druck und Strafen), die fand ich nicht richtig und die würde ich heute nicht mehr billigen. Deshalb wünsch ich mir keinesfalls die 1980er-Jahren zurück, aber einen Teil der damaligen Werte fand ich nicht verkehrt und darauf könnte man sich heute durchaus wieder ein Stück zurückbesinnen.

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Beitragvon Inge » 31.12.2018, 12:35

SandyErgo hat geschrieben:Man muss aber auch schauen, was mit den vorhandenen Mitteln (leider auch die Finanzen - auch wenn das keiner hören will), den räumlichen und personellen Gegebenheiten realisierbar ist.


Man muss schauen, dass genügend Mittel vorhandenen sind, um die räumlichen und personellen Erfordernisse zu ermöglichen.

Sie ist anders als die andern, und ihre Sprache geht weit an uns vorbei.
Doch wenn sie lächelt, lächelt sie mit Leichtigkeit dir dein ganzes Herz entzwei.

'Sommerkind' von Wortfront


Viele Grüße
Inge

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Beitragvon Susanne1887 » 31.12.2018, 13:45

Die Vorstellung, dass Jedes Kind inklusiv beschult werden kann, ist auch nicht ralitätsnah. Aber selbst in diesem Fall kann es immer noch Projekttage, gemeinsame Ausflüge, Kooperationen etc etc mit der Regelschule geben.
Ich bin überzeugt, dass viele Kinder inkludiert werden könnten.

Die Blinden- und Hörgeschädigtenschule sind beide ca 60 Kilometer von hier entfernt und haben einen weiten Einzug. Wäre mein Kind dort, wäre es fast nicht möglich andere Schulfreunde nachmittags zu treffen. Hier vor Ort wäre mein Kind auch immer außen vor. Einerseits durch die Behinderung und dann noch weil es nicht in die Gemeinschaft integriert wäre. Das fände ich furchtbar schrecklich.

Ich weiß auch nicht was sich die Menschen gedacht hatten, die in den 60 er das Schulgebäude hier gebaut hatten. Es ist überhaupt nicht behindertengerecht, ganz viele steile Treppen, keine Schalldämmung. Noch nicht mal ein Rollstuhlfahrer kann die Schule besuchen. Und warum sollte ein Kind im Rolli auf eine andere Schule gehen ? Oder ein Kind, dass einfach langsamer lernt oder schwerhörig ist ? Doch irgendwie hatte man in den 60 ern den furchtbaren Gedanken, dass nur Gesunde diese Schule besuchen dürfen - alle anderen werden in andere Schulen aussortiert. So als gäbe es auch keine Lehrer oder Eltern mit Behinderung. Furchtbar oder !
Mia'10: auditive Wahrnehmungsstörung nach langjähriger sehr starker Schwerhörigkeit,
Hypersensibilität, Verd. a. LRS

Fabienne'14: gesund

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Beitragvon Lisaneu » 31.12.2018, 15:55

Susanne1887 hat geschrieben:Die Vorstellung, dass Jedes Kind inklusiv beschult werden kann, ist auch nicht ralitätsnah. Aber selbst in diesem Fall kann es immer noch Projekttage, gemeinsame Ausflüge, Kooperationen etc etc mit der Regelschule geben.
Ich bin überzeugt, dass viele Kinder inkludiert werden könnten. !


Das bin ich auch :) .

Ich finde schon grotesk, hier als Inklusionsgegnerin angegriffen zu werden, obwohl ich ausdrücklich mehrmals geschrieben habe, dass JEDE Klasse eine I-Klasse sein sollte. Was aber nicht heißt, das eine I-Klasse der bessere Weg für JEDES besondere Kind ist!

Und bei den Kindern, für die eine I-Klasse einfach nicht der bessere Weg ist, hat das gute Gründe. Diese muss man auch bedenken, wenn man gemeinsame Projekttagen, Ausflüge, usw. plant.

Susanne1887 hat geschrieben:Die Blinden- und Hörgeschädigtenschule sind beide ca 60 Kilometer von hier entfernt und haben einen weiten Einzug. Wäre mein Kind dort, wäre es fast nicht möglich andere Schulfreunde nachmittags zu treffen. Hier vor Ort wäre mein Kind auch immer außen vor. Einerseits durch die Behinderung und dann noch weil es nicht in die Gemeinschaft integriert wäre. Das fände ich furchtbar schrecklich.!


Diese beiden Behinderungen (blind bzw. gehörlos) werden oft in einem Atemzug genannt, sind aber was die Inklusionsmöglichkeiten betrifft total verschieden!

Meiner Meinung nach sind sehgeschädigte und auch blinde Kinder sehr gut inklusionsgeeignet und können ohne gröbere Probleme in I-Klassen beschult werden. Und "blind" bedeutet ja nicht zwangsläufig "gar nichts sehen". Ich bin selbst technisch blind (heißt: ohne Brille ist meine Sehkraft so schlecht, dass ich als blind gelten würde), kann aber mit meinem Rest-Sehvermögen noch einiges erkennen. Und selbst bei komplett blinden Kindern kann man mit gutem Willen und ev. einer Schulbegleitung inklusive Beschulung ermöglichen. Freundschaften mit gesunden Kindern sind problemlos möglich.

Bei Hörschäden ist es ganz was anderes. Selbst wenn jemand nicht komplett gehörlos ist und lautsprachlich kommunizieren kann, tun sich diese Kinder unter gesunden Kindern deutlich schwerer. Dass man ihnen ihre Behinderung von außen nicht ansieht macht es nochmal komplizierter. Viele Hörgeschädigte haben eine undeutliche, verwaschene Aussprache, was sie auf den ersten Eindruck oft geistig behindert wirken lässt. Die meisten wollen nicht, das man merkt, wie schlecht sie wirklich hören, und fragen daher selten nach, wenn sie was nicht verstanden haben. Sie kriegen auch nichts "nebenbei" mit, was zu Bildungslücken führt und die Kinder für Mitschüler leicht "dumm" erscheinen lässt. Freundschaften mit gesunden Kindern sind daher wesentlich schwieriger als bei blinden Kindern. Bei komplett gehörlosen, gebärdensprachigen Kindern kommt noch die Sprachbarriere dazu. Diese Kinder inklusiv beschulen zu wollen, indem man sie in Klassen mit lauter hörenden Kindern steckt, ist eher Exklusion!

Für meinen gehörlosen, autistischen Sohn wünsche ich mir daher ausdrücklich KEINE Inklusion im Sinne von "stecken wir ihn in eine Klasse mit lauter hörenden Kindern"! Während NUR-Gehörlose sich zumindest noch um Kontakte zu hörenden Klassenkameraden bemühen könnten (wie erfolgreich ist eine andere Sache), fällt diese Option für meinen Sohn von vorne herein weg.

Daher würde in diesem Fall einer weit entfernten Schule, wo zumindest in Gebärdensprache die Möglichkeit zu echt barrierefreien Freundschaften besteht, den Vorzug gegenüber der I-Schule "ums Eck" geben.

Susanne1887 hat geschrieben:Ich weiß auch nicht was sich die Menschen gedacht hatten, die in den 60 er das Schulgebäude hier gebaut hatten. Es ist überhaupt nicht behindertengerecht, ganz viele steile Treppen, keine Schalldämmung. Noch nicht mal ein Rollstuhlfahrer kann die Schule besuchen. Und warum sollte ein Kind im Rolli auf eine andere Schule gehen ? Oder ein Kind, dass einfach langsamer lernt oder schwerhörig ist ? Doch irgendwie hatte man in den 60 ern den furchtbaren Gedanken, dass nur Gesunde diese Schule besuchen dürfen - alle anderen werden in andere Schulen aussortiert. So als gäbe es auch keine Lehrer oder Eltern mit Behinderung. Furchtbar oder !


Was die baulichen Gegebenheiten betrifft kann man zumindest die neuen Schulen von Haus aus baulich für die meisten körperlichen Behinderungen barrierefrei planen. Und je nach Machbarkeit kann man auch alte Schulen umbauen und z.B. mit Liften oder Rampen versehen.

ECHTE Barrierfreiheit ist aber was anderes, auch wenn die meisten erst mal an einen Rollstuhl denken. ECHTE Barrierefreiheit ist auch ein Leitsystem für Blindenstöcke. Oder eine leuchtende Anzeigetafel in jeder Klasse, wo Mitteilungen nicht nur akkustisch (durch die Sprechanlage) sondern auch optisch dargestellt werden. Barrierefreiheit, das sind Bücher und Spiele in Braille! Barrierfreiheit, das sind Lichtglocken statt Pausengongs! Barrierefreiheit, das sind Snoozelräume, Barrierefreiheit, das sind FM-Anlagen in allen Klassen, Barrierefreiheit, das sind für Krankenbetten ausreichend breite Türen,...

...und DAS kann es eben aus finanziellen Gründen nicht ALLES in ALLEN Schulen geben. Aber es könnte z.B. eine von 20 Schulen barrierefrei für Blinde und Sehgeschädigte sein, eine für Gehörlose und Hörgeschädigte, eine für Liegekinder. Auch an diesen Schulen kann jeder Klasse eine I-Klasse mit gesunden Mitschülern sein. Es soll aber an diesen Schulen auch nach wie vor Sonder-Klassen geben weil eben es eben nicht für ALLE Kinder vorteilhaft ist, gemeinsam mit gesunden Kindern beschult zu werden.

Wobei an diesen Schulen natürlich nichts gegen gemeinsame Ausflüge, Projektarbeiten, Freigegenstände, unverbindliche Übungen, usw. spricht. Aber hier sollte es auch kein ZWANG für alle sein sondern es sollte Sinn machen. Ein Rolli-Kind in eine Kletterhalle mitzunehmen oder ein gehörloses Kind in ein Konzert macht (bis auf spezielle Einzelfälle) keinen Sinn!

Rein körperlich behinderte Kinder und Kinder gruppen-integrierbare Kinder mit Wahrnehmungsstörung könnten mMn in praktisch jeder (baulich geeigneten) Schule inklusiv beschult werden. Vermutlich auch ein Großteil der sehbehinderten und hörbehinderten Kinder, der lernbehinderten Kinder und ein Teil der mehrfach behinderten Kinder.
Sohn 3/2010 hochfunktionaler Asperger-Autist + ADHS

Sohn 7/2012, gehörlos + kurzsichtig + frühkindlicher Autist

Mama und Papa stark kurzsichtig (Kommentar eines Optikers: Wie habt ihr euch überhaupt gefunden?)

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Susanne1887
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Beitragvon Susanne1887 » 31.12.2018, 16:25

@Lisaneu : meine Post sind auf niemanden persönlich bezogen. Jeder kann hier natürlich seine Meinungen frei äußern und ich kann auch andere Meinungen akzeptieren.

Ich finde es sehr interessant, was für eine Sicht der Dinge du hast, denn meine Sichtweise ist eine Andere. Meine Tochter war ja auch bis zu ihrem 4. Lebensjahr praktisch taubstumm. Und ja es war genau wie du es oben beschrieben hast: es wirkte selbst auf Fachkräfte wie geistig behindert. Doch im Rahmen der Inklusion konnte ich den Kindern die Schwerhörigkeit erklären. Die anderen Kindern waren total betroffen und haben sich Sorgen gemacht. Mit unglaublich viel Mühe haben sie mit meiner Tochter kommuniziert. Trotz alledem war es notwendig Mia ein Jahr in die SVE zu geben, die sprachliche Barriere war zu groß. An diesem Punkt war die Inklusion gescheitert.
Die Kinder haben von Anfang an gelernt und begriffen, was es bedeutet sehr schlecht hören zu können. Und sie haben gelernt dass auch Menschen mit Handicap genauso dazugehören. Mia wurde nie gehänselt obwohl sie wirklich teilweise wie vom anderen Stern wirkte. Die Kinder lernten so Akzeptanz.

Nein, es waren alleine manche Eltern, die meine Tochter als dumm, schüchtern und zurückgeblieben einstuften.
Mia'10: auditive Wahrnehmungsstörung nach langjähriger sehr starker Schwerhörigkeit,
Hypersensibilität, Verd. a. LRS

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