Wann ist schulische Inklusion möglich, wann sinnvoll?

Integrative Kindertagesstätte oder Sonderkindergarten? Kann mein Kind die Regelschule schaffen oder muss es doch eine Sonderschule besuchen? Hier dreht sich alles um Kindergarten- und Schulbesuch.

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Lisaneu
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Wann ist schulische Inklusion möglich, wann sinnvoll?

Beitragvon Lisaneu » 09.12.2018, 12:00

Hallo,

angelehnt an einen anderen Thread hier möchte ich mal eine allgemeine Diskussion um schulische Inklusion behinderter Kinder anstoßen. Im anderen Thread wollte eine userin konkrete Beispiel gelungener Inklusion - statt dessen ist er in einer Grundsatzdiskussion ausgeartet (und ich war leider auch dabei - sorry!).

Dabei war es für die TE sicher schwer, die echt hilfreichen Beiträge aus den ganzen in der Hitze des Gefechtes geschriebenen Meinungen herauszufiltern. Darum möchte ich den Schauplatz der Diskussion hierher verlagern.

Die Frage lautet: wann ist Inklusion in Regelschulklassen MÖGLICH, wann ist sie SINNVOLL?

Bezüglich Möglichkeit: ich sehe Inklusion grundsätzlich dann als möglich an, wenn das Kind bzw. die für das Kind notwendige Betreuung (z.B. durch Schulbegleiter oder Krankenschwester,...) den Unterricht für die anderen Kinder nicht laufend stört. Die zweite Voraussetzung für die Möglichkeit sind natürlich barrierefreie Klassenräume und schulische Ausstattung (Toiletten, etc,...). Dann sollte noch ausreichend Platz vorhanden sein , z.B. auch für Rollstuhl, Beatmungsgerät, Krankenbett, Begleitperson,... Und last but not least sollte auch der Betreuungsschlüssel in der Klasse so sein, dass das behinderte Kind ebenso die Möglichkeit zu lernen hat wie die gesunden Mitschüler. Wenn z.B. Aufgaben größer kopiert werden müssen oder ein Kind ohne SB gewickelt werden muss, sollte es Personen (außer den Lehrern) geben, die genau für SOLCHE Dinge zuständig sind. Diese Personen müssen nicht unbedingt die ganze Zeit im Klassenzimmer sein, sondern können auch gleichzeitig mehrere Klassen betreuen, wo sie dann dort hingerufen werden können, wo gerade Bedarf für Hilfe besteht.

Bezüglich Sinnhaftigkeit: ich bin FÜR Inklusion, wo sich dadurch für die behinderten Kinder gegenüber Sonderschulen bzw. -Klassen was VERBESSERT und für deren Mitschüler nichts verschlechtert. Diese Verbesserung kann z.B. bei einem durchschnittlich oder überdurchschnittlich intelligenten Kind in der Qualität des Unterrichts liegen. Bei lernbehinderte oder geistig behinderten Kindern kann die Verbesserung auch eine bessere soziale Einbindung, mehr Möglichkeit für soziale Kontakte und Freundschaften sein.

Im Hauptfokus der Überlegung von Inklusion sollte mMn immer das Wohl des Kindes stehen. Ich habe das Buch von Henry gelesen und weiß daher, dass es der Mutter nicht darum gegangen ist, mit dem Kampf fürs Gymnasium für ihren Sohn zu erreichen, dass er mal maturiert. Sondern es ging darum, dass er weiterhin gemeinsam mit seinen Schulfreunden (die er von Kleinkindalter an kennt und die ihn mögen, wie er ist) beschult werden sollte. Diese Überlegung hat mMn nichts mit "Überehrgeiz" oder "weltfremd sein" zu tun.

Ich verstehe andererseits auch die Haltung der Schule, dass man nicht bereit ist, ein Kind zu beschulen, welches ohnehin mit riesengroßer Wahrscheinlichkeit nie eine Matura machen wird. Schließlich ist das (Etappen-)"Ziel" der Gymnasiasten ja die Matura und der Unterricht läuft mit den Jahren ja immer mehr auf das vorbereiten für dieses Ziel hinaus.

Von der Warte gesehen halte ich eine Beschulung im Gymnasium nur für jene besonderen Kinder sinnvoll, wo auch die Chance besteht, dass sie die Matura auch schaffen. WISSEN kann man es ohnehin nicht vorweg, schließlich scheiden ja auch mehr als die Hälfte der neurotypischen Kinder innerhalb der 8 bzw. 9 Jahre aus dem Gymnasium aus. Teils, um auf andere Schulen, die ebenfalls zur Matura führen, zu wechseln, teils um ihre Schullaufbahn zu beenden und eine Lehre oder sonstige berufliche Ausbildung zu machen.

Aber Beschulung von besonderen Kindern in Regelschulklassen, wo nicht speziell auf die Matura hingearbeitet wird, ist bei gutem Willen der Beteiligten (vor allem der Lehrpersonen und der Schulleitung) durchaus möglich.

Die kognitiven Fähigkeiten bzw. den IQ sehe ich nicht als Haupt-Entscheidungskriterium für inklusive Beschulung. Ein sozial sehr auffälliges Kind mit hohem IQ und ohne gesicherte Diagnose kann den Unterricht mehr stören und deutlich mehr Aufmerksamkeit von Seiten der Lehrer benötigen, als ein angepasstes, lernbehindertes Kind.

Bei kognitiv schwächeren Kindern im Klassenverband mit NT-Kindern ist wichtig, dass die Lehrer differenzieren können und ihre Erwartungshaltung an die Leistungen dieser Kinder im realistischen Bereich bleiben. Für diese Kinder wäre es eine zusätzliche Belastung, in der Schule immer wieder ihre Unzulänglichkeiten unter die Nase gerieben zu bekommen. Andererseits sollten die Lehrpersonen auch den Unterschied zwischen nicht-können und keine-Lust-haben erkennen. Und sie sollten imstande sein, die Kinder (nicht nur die behinderten) positiv zu motiveren, ihre individuell bestmöglichen Leistungen zu bringen.

In der Hinsicht sollten wir (als die "Gesellschaft") uns auch fragen: wohin mit den Störenfrieden? Gehört ein sozial auffälliges Kind (z.B. mit ADHS), mit engagierten, liebevollen Eltern wirklich in eine gemeinsame Klasse mit Kindern aus assozialen Verhältnissen? Und wie kann man den Kindern aus assozialen Verhältnissen IN DER SCHULE helfen, sich in eine Gesellschaft zu integrieren, deren Regeln so ganz anders sind als jene, die sie auch ihren Herkunftsfamilien kennen? Bringt es die Gesellschaft weiter, die Störenfriede in speziellen Klassen zu separieren, wo sie von überforderten Lehrpersonen mehr "in Schach gehalten" als unterrichtet werden, und wo sie voneinander mehr Auffälligkeiten annehmen, als allen lieb ist?

Ich glaube nicht, dass es eine Ideallösung für alle gibt! Es gibt aber individuelle Lösungen für jedes einzelne Kind. Mnachmal erkennt man den besten Weg erst durch Versuch und Irrtum.

Meine Jung haben beide ihre Besonderheiten. Bei meinem älteren Sohn ist Inklusion etwas, was aktuell bei ihm gelebt wird, was ich mir auch für die Zukunft wünsche, und was ich auch als Bereicherung für ihn sehe. Da er sehr intelligent ist hoffe ich auf ein gutes, inklusives Gymnasium, wo er einerseits seine kognitiven Fähigkeiten zeigen kann und andererseits (hoffentlich!) von der Sozialkompetenz seiner gesunden Klassenkameraden profitieren und lernen kann.

Bei meinem jüngeren Sohn ist Inklusion - vom momentanen Standpunkt aus - nicht machbar. Es kommen mehrere Faktoren zusammen, die dagegen sprechen: einerseits würde ER SELBST in einer Inklusions-Klasse weniger lernen (sowohl schulisch als auch verhaltenstechnisch) als in seiner Sonder-Klasse, andererseits ist es in der Praxis nicht möglich, eine passende Schulbegleitung zu finden, und drittens wäre er auf Grund des lautierens, der Weglauftendenzen und der Wutanfälle in jeder Klasse mit gesunden Kindern ein Störfaktor. Sein Inklusion würde niemanden helfen und allen schaden.
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JennyK
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Beitragvon JennyK » 09.12.2018, 12:16

Idealerweise wäre Inklusion ganz normal, in Schulen, die so gut ausgestattet sind mit Personal, Material, Räumen, Hilfsmitteln etc sind wie gute Förderschulen. Kleine Klassen, Doppelbesetzung in allen Stunden, zusätzliche Förder- und Forderangebote, Therapiemöglichkeiten in der Schule, individuelles lernen für jedes Kind, gemeinsames Lernen von Anfang bis Ende. Dort wird jedes Kind so angenommen, wie es ist und da gefördert, wo es nötig ist, kann seine Talente einbringen, wo es passt und Lebruns lernt in dieser Gemeinschaft. Lehrer und Sonderpädagogen, Sozialarbeiter, Therapeuten und Pfleger arbeiten im Team und unter Bedingungen, die für sie passen.

Ich weiß, das ist utopisch, aber das wäre mein Verständnis von gelebter Inklusion, die dann auch nach der Schule nicht aufhört.

Dein letzter Satz macht mich nachdenklich und trifft gleichzeitig den Kern der Sache. Es könnte eine Maxime sein für die realistische Einschätzung von Möglichkeiten und Grenzen der aktuellen Inklusionspraxis.
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itsy
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Beitragvon itsy » 09.12.2018, 12:32

Hi,

die Frage denke ich kann man nicht pauschal beantworten. Unsere Tochter geht inklusiv zur Grundschule und es klappt super.
Für sie kam weder eine Förderschule noch eine Schule für GB in Betracht.

Ab Klasse 5 wird es schwieriger, denn jede Schule hat nur eine bestimmte Anzahl an Inklusiv Kindern die sie aufnehmen können.

Für zwei meiner behinderten Kinder wäre eine inklusive Klasse rein gar nichts.

Ich wäre dafür wenn die Schulen für KB oder GB alle mit auf einem Grundstück sind. Denn vieles können Behinderte und Nicht behinderte gemeinsam machen. Manches ist eben besser wenn es getrennt ist.

Inklusion fängt nicht in der Schule an, sondern in den Köpfen der Erwachsenen die ihren gesunden Kinder von Anbeginn Inklusion vorleben.

lg
ines

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Beitragvon HeikeLeo » 09.12.2018, 12:43

Liebe Lisa,

meiner Meinung nach, kann man mit Inklusion schon ganz klein beginnen, wenn für jedes einzelne Kind Lernetappenziele benannt werden. Für das erreichen dieser Lern- oder Entwicklungsziele kann man dann jeweils die geeigneten Förderbestimmungen festlegen.

Förderpläne sind in Förderschulen vorgesehen. Leider habe ich in vielen Jahren Förderschule nicht erleben dürfen, dass ein Förderplan aufgestellt wurde noch, dass etwas in die Richtung je umgesetzt wurde. Es ist bei uns eben leider auch besonders schlecht gelaufen.

Regelschulen haben den Vorteil, dass es einen Rahmenlehrplan gibt. Dadurch ist ein Ziel in gewissem Umfang vorgegeben, auf das man individuell hinarbeiten könnte. Wir haben aber auch in der Regelschule erleben müssen, dass manche Lehrkräfte in diesem Sinn arbeiten und dass andere das eben partout nicht hinkriegen.


Inklusion könnte auch schon kostenneutral zu lösen sein, wenn nur alle Beteiligten ausreichend good-will an den Tag legen würden. Dann würde Inklusion auch niemandem schaden. Inklusion heißt ja nicht, dass alle alles gemeinsam machen müssen, sondern eher, dass jeder sein Ding macht und gegebenenfalls eben auch gemeinsam mit anderen. So wie Du es vorgeschlagen hast, dass eben bei Bedarf jemand zum Wickeln oder Füttern kommen könnte. Das ist aber eine große Kunst. Es ist eben wie in einem Orchester: Jeder spielt etwas anderes, aber es passt zusammen. Wenn alle Geräusche machen, kann man auch ein lautierendes Kind einbinden - man muss aber ein "Händchen" dafür haben.

Solange man aber unter Inklusion nur gemeinsames Zusammenpferchen versteht, solange wird Inklusion ALLEN schaden.

Liebe Grüße
Heike

Lisaneu
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Beitragvon Lisaneu » 09.12.2018, 12:45

JennyK hat geschrieben:Dein letzter Satz macht mich nachdenklich und trifft gleichzeitig den Kern der Sache. Es könnte eine Maxime sein für die realistische Einschätzung von Möglichkeiten und Grenzen der aktuellen Inklusionspraxis.


Momentan besucht mein Sohn eine gebärdensprachige Autisten-Mehrstufen-Kleinklasse. 4 Schüler mit 2 Lehrern. Zusätzlich Sozialarbeiter, die ihn z.B. wicklen. Er bekommt Unterricht auf seinem Niveau und die Lehrer wissen genau, wo er gerade "steht".

Inklusion scheitert bei meinem jüngeren Sohn schon an der Sprache. Bei Gehörslosen-Veranstaltungen wechseln sich die Dolmetscher im Halbstundentakt ab, weil es so wahnsinnig anstrengend ist, simultan zu dolmetschen. Selbst wenn ich eine Schulbegleitung mit ausreichenden ÖGS-Kenntnissen finden würde (sehr unwahrscheinlich!), wäre es unzumutbar, täglich 4 Stunden Unterrichtsstoff und dann auch noch Pausen-Unterhaltungen zu dolmetschen!

Dazu kommt das unterschiedliche Lernniveau. Mein Sohn ist als Erstklässler z.B. in Mathe schon am Stand eines Drittklässers. Er darf in seiner Sonder-Klasse daher schon über den 1000er Bereich hinaus rechnen, während sich gleichaltrige Mitschüler gerade den Zahlenraum bis 10 erschließen. In einer Regelschulklasse müsste er das alles aber mitmachen! Das wäre für ihn furchtbar langweilig, was ihn sicher zum blödeln und stören motivieren würde. Hingegen reicht im Sachunterricht sein Blickkontakt immer noch nicht für langwierigere Erklärungen. Da braucht er unterstützendes Bildmaterial in Kombi mit einfachen Texten (er kann schon etwas lesen).

Der Vorteil von Sonderschulen ist ja, dass Lernstoff eben NICHT nach dem Gießkannenprinzip über alle Schüler ausgeschüttet wird, sondern dass man auf individuelle Stärken und Schwächen eingehen kann. Aber in einer normalen Klasse von, sagen wir, 20 Kindern, wäre ein individuelles Eingehen auf die tatsächlichen Fähigkeiten auch bei Lehrer-Doppelbesetzung und mit Schulbegleitung einfach nicht möglich.
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Beitragvon RikemitSohn » 09.12.2018, 12:54

Danke Lisa.

Ich fände die Vorstellung von einer gemeisamen Schule schön, aber mit leistungsgetrennten Klassen. Alle Kinder könnten sich auf dem Schulhof begegnen und man könnte AGs, Feiern, Sportfeste, Projekte... gemeinsam gestalten. Während des Unterrichts würde jeder die Förderung bekommen, die er braucht.
Und für mich wäre es wichtig bei guter Inklusion, dass jedes Kind mit einer reinen Körperbehinderung auf eine Regelschule geht und dass sein Intellekt nicht übersehen wird.
Ich finde, es sollte auch eine guter Wechsel zwischen alle zusammen oder einfach mal unter seinesgleichen geschaffen werden- ohne dabei böswillig auszugrenzen. Wir freuen uns hier ja auch, dass wir Menschen in unserer Lage gefunden haben.
Um all das umzusetzen, wünsche ich mir für die Schulen viel Platz und viel Personal.

LG Rike
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Beitragvon JennyK » 09.12.2018, 13:37

Rieke aber das wäre immer noch keine Inklusion und würde größter Wahrscheinlichkeit dazu führen, dass dieunterschiedlichen Klassen unter sich bleiben in den Pausen etc.
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Beitragvon Silvia & Iris » 09.12.2018, 13:48

... es ist auch nicht einfach jedem Kind wirklich in vollem Umfang gerecht zu werden, denn wie lange muss denn sein Schultag dauern, z. B. für ein Kind im Rollstuhl, welches täglich Physiotherapie, Ergotherapie, Lauftraining und anderes braucht, länger braucht bei der Nahrungsaufnahme, dann noch die 6 normalen Unterrichtsstunden und die Hausaufgaben schaffen soll? - Dieser Drahtseilakt ist nicht wirklich leicht zu stemmen... und dabei soll die Schullaufzeit für die Regelschule bis zum 18. Geburtstag geschafft sein...

- Wie soll das laufen, ohne, dass da ein Teilbereich auf der Strecke bleibt? - Es bleibt ein Kompromis... und so viele von Geburt an körperlich beeinträchtigte Kinder kenne ich nicht, die die Matura schaffen... - bzw. geschafft haben, das waren eigentlich eher Unfallopfer...

Wie große darf dann eine Klasse sein? Wie soll unterrichtet werden? - Denn, wenn das so ist, wie ich es hier oft lese, brauchen die Kinder Frontalunterricht, klare Strukturen und sind mit Wochenarbeitsplänen, ausschließlich Freiarbeit und anderem überfordert...

Früher, also 1969, da waren noch 45 Schüler in einer Klasse... 1975 kam eine Reduktion auf 36 Schüler...

Ich wäre dafür, wenn alle Kinder in einem Gebäude unterrichtet werden... und es dann regelmäßige "gemeinsame" Tage gibt... - aber nicht für alle Kinder in einer Klasse rund um die Uhr... - ohne Ausnahme wie Turnen, Wandertage oder Schulausflüge...

... bei uns läuft das jetzt so, dass alle Wandertage gemeinsam - also eine Jahrgangsstufe - gemacht werden... bis zu 75 Schüler fahren da gemeinsam auf Wandertag, Schikurs u.s.w... Im Gymnasium ist das dann noch größer, da sind 8 Klassen pro Jahrgang... - da fahren also - weil es sind 28 Schüler pro Klasse, selten nur 25 - da sind also auf den Wandertagen 200 - 224 Schüler gemeinsam unterwegs...

... ich weiß, dass es für mein Kind schon sehr schwer ist in so einer Gruppe zu bestehen... - wie ist es erst mit wirklichen Autisten? oder auch ??? - Auch ich merke immer wieder, dass Kinder, selbst derzeit in Integrationsklassen einfach untergehen... - Niemand kümmert sich, wenn sie nicht zum Unterricht erscheinen, keiner achtet darauf, ob sie auch tatsächlich aufgeschrieben haben, was HÜ ist... bzw. es wird auch oft das Level nicht wirklich dermaßen angepasst, dass es dem entspricht, was das Kind leisten könnte... - man reduziert einfach damit man nicht so viel Arbeit damit hat...

dann geht es weiter - der neue Trend Ganztagsschule kommt den Kindern mit gewissen Problemen nicht wirklich entgegen, wenn dann - in meinem Beispielt mit dem Gymnasium mit 8 Klassen je 28 Schüler... wenn da wirklich die 5 Pflichtschulklassen gemeinsam am Nachmittag zusammengefasst werden...

auch hier dann auf 30 Schüler eine Betreuungskraft... - und richtige Säle... damit man jeden Jahrgang separieren kann...

Ruhe, gezieltes Arbeiten kann ich mir hier nicht vorstellen und ich sehe auch hier verzweifelte Eltern die ihre Kinder mit Wahrnehmungsproblemen nicht täglich bis 17.30 in der Schule lassen möchten... - trotz teilweise Unterricht, auch am Nachmittag...

Das derzeitige System ist sicherlich nicht geeignet, dass Inklusion so gelebt werden kann, dass alle Kinder in einer Klasse sind... - in einem Gebäude ja, aber nicht in einer Klasse...

- Da müssten einige Strukturen geändert werden... angefangen von der Klassengröße über die Lernziele... über die Tagesabläufe... aber worauf arbeiten wir denn hin?

Keiner will mehr körperlich hart arbeiten, jeder will Freizeit, und wir erschaffen die künstliche Intelligenz... - Werden in Zukunft Menschen von Robotern wie Haustiere gehalten? - Dann brauchen wir uns nicht mehr den Kopf darüber zu zerbrechen... :shock:

Nachdenkliche Grüße

Silvia
Liebe Grüße
Silvia
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r.bircher
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Beitragvon r.bircher » 09.12.2018, 14:13

Hallo Lisa

Du findest aber gerade bei Körperbehinderten viele die freiwillig in die Förderschule wechseln. Ein zentraler Grund dafür ist die eigene Überforderung mit dem Anderssein. Dieses Problem kann auch die beste Inklusion nicht abfedern. Also für rein körperlich Behinderte ist die Gesellschaft längst bereit. Ob die Körperlich behinderten ihrerseits auch bereit sind, habe ich so meine Zweifel. Ich hab das Gefühl, bei den Behinderten ist das Gesellschaftsbild bei 1990 stehen geblieben. Die Welt da draussen ist aber nicht mehr so. Ich find es zum Beispiel krass, wie offen Junge Menschen auf mich als Behinderter zugehen. Bei Menschen der jüngeren Generation erlebe ich kaum noch Barrieren. Die gehen damit um, als wärs das normalste der Welt. Im Gegenteil, da wird Inklusion sogar gefordert.

Vor drei Jahren kam an einem Leichtathletik Anlass der Veranstalter auf mich zu, und fragte, weshalb sich hier nicht mehr Behinderte anmelden. Das wäre doch für uns alle gut. Die Infrastruktur haben wir eh schon. Ob wir da jetzt noch zwei drei Serien Behinderte laufen lassen, spielt doch keine Rolle, im Gegenteil, es wäre spannend! Natürlich hatte der Veranstalter recht. Aber Behinderte machen eben lieber ihre eigenen Veranstaltungen.

Vor Einigen Jahren war ich an der SwissHandicap - Einer Messe für Behinderte Menschen. Da kam ein junger E-Rollstuhlfahrer auf mich zu, und meinte. Sie hätten ein Elektro Hockey Club in Bern gegründet. Toll, aber wofür gründet man da einen eigenen Club. Jeder Unihockeyclub hätten die mit offenen Armen empfangen. Dann hätte man einfach eine weitere Mannschaft gemacht, und gut wars. Mehr noch, man hätte Synergieen nutzen können. Man hätte an den Matchs der Nichtbehinderten auch die Turniere der Elektro Hockey Gruppe ankündigen können. Und vor allem, es hätte neue Kontakte gegeben für beide Seiten. Aber vermutlich ist man seitens der Behinderten gar nicht auf diese Idee gekommen. Extrazüglein fahren ist offenbar cool.

Gerade für körperlich Behinderte ist Inklusion längst möglich. Hapern tuts da eher auf der Seite der Behinderten.

Ich weiss, dass ich für diesen Beitrag gesteinigt werde, aber es ist mir egal. Denn es ist das was ich leider die ganze Zeit beobachte.

Gruss Raphael
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Beitragvon RikemitSohn » 09.12.2018, 14:18

Hallo,

ich weiß, dass dies nur begrenzte Inklusion ist, aber ich weiß auch nicht, ob die totale Inklusion immer machbar ist. Für mich gibt es Dinge, die nicht vereinbar sind. Und ich persönlich empfinde dies auch als nicht schlimm, wenn man damit vernünftig und wertschätzend umgeht.
Das liegt vielleicht auch an meinen eigenen schlechten Erfahrungen. Ich habe meinen Sohn nach der Grundschule bewusst auf eine IGS geschickt, weil ich gemeinsames Lernen toll fand. Leider wurde mein Sohn sehr ausgegrenzt und hat einfach niemanden auf seiner Wellenlänge gefunden. Zudem wurde man ihm inhaltlich nicht gerecht. Ihm geht es nach einem Schulwechsel und einem weiteren Klassenwechsel endlich gut, denn er hat Menschen um sich, die ihn verstehen und seine Interessen teilen. Ich finde eine ausgrenzende Gesellschaft immer noch nicht gut und würde mir viel mehr miteinander wünschen. Aber ob das totale gemeinsame Lernen der richtige Weg ist, das weiß ich nicht.

LG Rike
Mama mit Sohn 2004 ADHS und HB


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