Wie umgehen mit Vorurteilen?

Hier könnt ihr euch über ADS und ADHS austauschen.

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Lisaneu
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Wie umgehen mit Vorurteilen?

Beitragvon Lisaneu » 08.12.2018, 22:16

Hallo, mir ist auf die Schnelle kein anderer Titel eingefallen. Ich lese gern populärwissenschaftliche Bücher oder höre sie als Hörbücher. Aktuell ein Buch über "Das Gedächtnis des Körpers" welches sich hauptsächlich mit Wirkung (und Nebenwirkungen) von allem möglichen auf Gesundheit und Wohlbefinden beschäftigt.Also Kinheitserfahrungen, genetische Voraussetzungen, Lebensstil, Medikamente, Psychotherapie, usw.

Jetzt bin ich vorhin zu einem Kapitel über AD(H)S-Medikation gekommen. Da hieß es lapidar, dass die Symptome der betroffenen Kinder Konzentrationsschwierigkeiten und (mit H) motorische Unruhe wären und nachweislich häufiger Kinder betroffen sind, die "zu viel" fernsehen. Auch "Reizüberflutung" wird verantwortlich gemacht. Von Medikation sei abzuraten, statt dessen sollten diese Kinder Psychotherapie und integrative Bewegungstherapie und heilpädagogische Behandlung.

Kritisiert wurde auch die "Verschreibungspraxis" von Ritalin und dann würden die möglichen Nebenwirkungen hervorgehoben. Alles in allem kam quasi raus, dass man durch Verhinderung von Reizüberflutung und mit wenig Fernsehkonsum ADHS verhinder kann. Irgendwie regt mich das gerade ziemlich auf. Denn einerseits war ich selbst in den 1970er und 1980er Jahren ziemlich sicher (nicht diagnostiziert) schwer betroffen. Und wie bei meinem Sohn lagen die Hauptprobleme nicht in mangelnder Konzentration oder motorischer Unruhe, sondern in massiven Schwierigkeiten mit sozialen Situationen und Kontakten, ausgelöst durch Impulsivität und geringe Frusttoleranz.

Nach langem hin und her (obwohl wir die endgültige Diagnose erst 3 Monate haben "wusste" ich es schon lange) wollen wir es jetzt doch mit Medikation versuchen. Denn eine langfristige Psychotherpie können wir uns schlichtweg nicht leisten und allein durch den "heilpädagogischen" Hort sind die Schwierigkeiten meines Sohnes in der Welt "da draussen" leider nicht besser geworden. Integrative Bewegungstherapie hört sich ja auch recht nett an, aber mein Sohn schafft nicht einmal die Schul-Turnstunde ohne Drama durchzustehen, weil es ihn nervlich so fertig macht, dass andere vielleicht was besser können als er. Wir sorgen dafür, dass er immer wieder Bewegung macht (Radfahren, schwimmen, klettern, zu Fuß gehen), aber alles, was in einer Gruppe nach Vorgabe gemacht werden soll ist von vorne herein zum Scheitern verurteilt.

Und da regt mich einfach auf, wenn es so dargestellt wird, als wäre ich selbst an der ADHS meines Sohnes schuld , weil ich ihn zu viel Fernsehen erlaubt habe und/oder irgenwie eine Reizüberflutung ausgelöst habe. Dabei ist mir völlig klar, dass das Quatsch ist. Also nicht, dass ADHS vielleicht häufiger bei Kindern mit hohem Fernsehkonsum auftritt, aber dass man es als Eltern durch "alles richtig machen" in der Hand hat, ob ein Kind ADHS bekommt, oder nicht! Und dass niemsnd erwähnt, wo tatsächlich die Hauptschwierigkeiten mit solchen Kindern liegen.
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Beitragvon JennyK » 09.12.2018, 08:46

Mir geht es da sehr ähnlich, ich höre unterschwellig Vorwürfe raus. Auch die Gabe der Medikamente wird kritisiert, man vergifte die Kinder, die Pharmaindustrie will sich bereichern, man setze Kinder unter Drogen, damit sie funktionieren....
Und dann sehe ich mir meinen Sohn an, der lange Jahre sehr gekämpft hat, ohne wirklich Resultate zu erzielen. Der jetzt, mit Hilfe der Medikamente, seinen Platz gefunden hat, Vertrauen in seine Fähigkeiten und das Gefühl, dazu zu gehören. Wie sagte seine Lehrerin beim HPG? Er ist glücklich. Das ist das schönste, was ich seit langem gehört habe und bestätigt uns, diesen Weg weiter zu gehen.
All die Nörgler, Besserwisser oder Uninformierten verunsichern mich hin und wieder, das regt mich dann zum Hinterfragen an und letztlich komme ich immer wieder zu dem Ergebnis, dass wir auf unserem Weg richtig sind und uns diesen Schuh nicht anziehen müssen...
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Beitragvon Engrid » 09.12.2018, 13:06

Hallo Lisa,

Zu AD(H)S und ASS begegnen einem ziemlich oft allerlei abgenudelte doofe Vorurteile. Es kostet viel zuviel Energie, sich daran immer wieder aufs neue abzuarbeiten. Deshalb mache ich das inzwischen nach dem Prinzip „choose your battle“.
In Deinem konkreten Beispiel würde das für mich heißen, das Buch wegzuschmeißen (steht wahrscheinlich noch mehr Unfug drin, wenn es bezüglich ADHS schon so versagt)

Grüße
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Beitragvon Lisaneu » 09.12.2018, 17:38

Engrid hat geschrieben:Hallo Lisa,

Zu AD(H)S und ASS begegnen einem ziemlich oft allerlei abgenudelte doofe Vorurteile. Es kostet viel zuviel Energie, sich daran immer wieder aufs neue abzuarbeiten. Deshalb mache ich das inzwischen nach dem Prinzip „choose your battle“.
In Deinem konkreten Beispiel würde das für mich heißen, das Buch wegzuschmeißen (steht wahrscheinlich noch mehr Unfug drin, wenn es bezüglich ADHS schon so versagt)

Grüße


Nein, bei den anderen Themen fand ich das Buch durchaus interessant und die Aussagen plausibel und kompetent (ich befasse mich ja schon länger "hobbymäßig" mit Genetik, Gesundheit, Psyche usw.

DAS ist es ja, was mich so ärgert! Die Mutter gesunder Kinder, für die ADHS "hausgemacht" ist und die Medis ablehnt, regt mich auch auf, aber längst nicht so sehr.
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Beitragvon Engrid » 09.12.2018, 18:48

Naja, für mich ist sowas halt ein klarer Hinweis, dass der wissenschaftlichen Arbeit des Autors generell zu misstrauen ist.
Falls Du fest überzeugt bin, dass der Rest wissenschaftlich seriös ist, und nur der ADHS-Teil ein unerklärlicher Ausrutscher, dann schreibe ihm einen Brief.

Grüße
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Beitragvon Lisaneu » 09.12.2018, 19:01

Engrid hat geschrieben:Naja, für mich ist sowas halt ein klarer Hinweis, dass der wissenschaftlichen Arbeit des Autors generell zu misstrauen ist.
Falls Du fest überzeugt bin, dass der Rest wissenschaftlich seriös ist, und nur der ADHS-Teil ein unerklärlicher Ausrutscher, dann schreibe ihm einen Brief.

Grüße


Das (dem Autor schreiben) habe ich ohnehin vor. Es ist übrigens nicht SEINE wissenschaftliche Arbeit, sondern eine Zusammenfassung verschiedener wissenschaftlicher Arbeiten anderer, also so eine Art Überblick über den Zusammenhang zwischen Körper, Psyche, Genetik, usw.

Und was mich am meisten stört ist eben, dass ich ihm in den anderen Bereichen (die mich und meine Familie aber nicht persönlich betreffen) durchaus zustimme.

Und in gewisser Hinsicht liegt der Autor ja vielleicht sogar in Sachen ADHS teilweise richtig. Ich vermute schon, dass Psychotherapie für meinen Sohn durchaus hilfreich sein könnte. Ich selbst habe ja in komplett anderem Konsens in einer Selbsthilfegruppe sehr viel Hilfe bekommen - mMn durchaus vergleichbar mit Psychotherapie, wenn auch nicht mit professionellem Therapeuten. Aber dazu waren wirklich ETLICHE Treffen notwendig, also nicht nur 20 oder 30. Das ist aber für uns wirklich finanziell nicht möglich. So ähnlich schaut es mit Neurofeedback aus. Wir wollen es auf jeden Fall ausprobieren, aber dann 30 oder mehr Einheiten selbst finanzieren ist einfach nicht drin. Da kann man leicht von "alternativen Methoden" tönen, wenn die nicht leistbar sind, die Medis aber im Gegensatz dazu nur gegen eine geringe Rezeptgebühr verschrieben werden :evil: .

Ganz ehrlich - ich würde GERN dem grundsätzlichen Rat des Autors folgen und erst mal andere Wege einschlagen. Der Leidensdruck ist nicht so gewaltig groß, dass sofortiger Handlungsbedarf besteht. Nur weiß ich eben durchaus auch von Kindern, denen die Medis vor allem bei ihrer sozialen Entwicklung sehr geholfen haben, weil durch das veränderte Verhalten der Kinder positive, soziale Kontakte überhaupt erst möglich wurden. Und genau das ist es, was meinem älteren Sohn am meisten "fehlt": Kontakte auf Augenhöhe zu anderen Kindern!
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Beitragvon Engrid » 09.12.2018, 19:20

Hallo,

ich sag mal ganz freimütig, dass in einer Gesellschaft, die Schule, Arbeitsleben, usw komplett anders organisiert (wie das zb in vormodernen Gesellschaften war), die allerallermeisten ADHSler ohne Medikation gut klarkämen. Die Notwendigkeit von Medikamenten bei vielen ergibt sich aus dem unpassenden Setting, das quasi oft von ganz früh an, spätestens aber ab Schuleintritt auf die Kinder einwirkt.

Dass Alternativen (Therapien zb, v.a. aber günstigeres Setting) zuwenig oder in zu schlechter Qualität da sind, ändert ja nichts daran, dass die Alternativen eigentlich besser sind.

Ich habe den Professor gegoogelt, so ganz unumstritten ist er wohl nicht in seinen Thesen. Die Zusammenfassung und Darstellung des Forschungsstandes gehört zur Wissenschaft übrigens genauso, wie eigene Forschung. Die Kriterien wissenschaftlicher Arbeit gelten dafür genauso (zb Quellenkritik)

Grüße
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Beitragvon Anna-Alice » 09.12.2018, 19:28

Hallo Lisa,

auch innerhalb einer Wissenschaft (und zwischen verschiedenen Wissenschaften sowieso) kann es zu ein und dem selben Thema sehr unterschiedliche Positionen (ich schreibe bewusst nicht "Meinung", weil es in der Wissenschaft nicht um Meinungen gehen sollte) geben - ein (partieller) Dissens ist da nichts ungewöhnliches und gerade im Bereich von Geistes-/Humanwissenschaften kommt es auch sehr darauf an, welcher "Schule" die jeweiligen Wissenschaftler angehören. Wenn ich richtig gegoogelt habe, dann ist der Autor des Werkes selbst Psychotherapeut und vertritt seine Position in seinem Buch vielleicht auch deswegen in dieser Art.
Ein weiteres Problem kann das Vorhaben, populärwissenschaftlich zu schreiben, an sich sein: Für eine verhältnismäßig breite Masse von "Laien" zu schreiben und dabei nach wissenschaftlichen Maßstäben vorzugehen, ist mitunter wirklich sehr schwierig (ich bin selbst in der Wissenschaft tätig und habe auch oft Probleme damit, meine Themen wirklich adäquat und dabei "einfach" zu erklären... oft wird das dann in meinen Augen "unscharf"/zu wenig analytisch. Führe ich aber alle Aspekte aus (und das fängt bei der Begriffsdefinition an), ist mein Gegenüber nach spätestens 5 Minuten verwirrt) und nicht jedem Autor ist das Talent in die Wiege gelegt bzw. hat auch nicht jeder Autor automatisch ein Bewusstsein dafür, wie das eventuell bei der Leserschaft ankommen könnte. Es könnte auch sein, dass die Argumentation deswegen hochgradig verkürzt ist und so eine Schieflage entwickelt.
Noch eine mögliche (ich weiß es nicht, kenne weder das Werk noch den Autor näher und mutmaße aufgrund verhältnismäßig "typischer" Probleme) Ursache: Wer populärwissenschaftlich schreibt, der muss und/oder möchte seine Werke auch verkaufen können (in der Wissenschaft im engeren Sinne hingegen geht es mehr um die Veröffentlichung an sich, nicht um die verkauften Exemplare), sprich: Das Werk muss bei den potentiellen Käufern "ankommen" - und oft ist es halt auch so, dass Menschen sich verhältnismäßig einfache Lösungen für sehr komplexe Probleme unbewusst "wünschen": Mach A (nicht), dann passiert B (nicht) - das ist eine schöne, Sicherheit und Orientierung vermittelnde Regel... nur entspricht sie nicht zwingend der Komplexität des realen Problems. Auch das könnte zumindest theoretisch eine Rolle gespielt haben.

Viele Grüße
Anna

JennyK
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Beitragvon JennyK » 09.12.2018, 19:56

Mein Großer ist so einer. Erst mit den Medis war er überhaupt in der Lage, in einer Gruppe von Kindern klar zu kommen. Nun, knapp 1,5 Jahre später, ist er voll akzeptiertes Mitglied der Klassengemeinschaft. Die erste Telefonnummer eines Mitschülers hat er ein paar Wochen nach dem Medikamentenstart erhalten, das war ein riesiger Durchbruch. Sowas ist für Eltern gesunder Kinder gar nicht nachvollziehbar...
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Bika
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Beitragvon Bika » 10.12.2018, 10:43

Hallo,

Verunsicherte Eltern und, unzureichend bis gar nicht therapierte, AD(h)Sler
sind für den Markt ein ewiger Quell der Ausschöpfung.
Von diversen, zukünftigen Süchten (allen voran natürlich Alkohol) über teure Antidepressiva bis zu zahlreichen alternativen Therapiemethoden ( Wieviel Geld lassen Eltern jährlich in diesem Bereich?). :wink:

Ein gut therapiertes und selbstwertstabiles Kind ist für viele Branchen nicht wünschenswert.

LG


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