Geschwisterlich auch betroffen, obwohl so ganz anders?

Hier könnt ihr euch rund ums Thema Autismus austauschen.

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JennyK
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Geschwisterlich auch betroffen, obwohl so ganz anders?

Beitragvon JennyK » 05.12.2018, 20:50

Ich muss mal nachfragen, wie das bei euch ist. Sind Geschwisterkinder betroffen? Wann/wie habt ihr es bemerkt?
Unser Kleiner ist im letzten Jahr im Kindergarten und seit einiger Zeit bekommen wir fast täglich besorgniserrregende Rückmeldungen. Er ärgert andere Kinder, zieht sich nicht alleine um, provoziert ganz bewusst die Erzieherinnen, saut beim Essen rum... zuhause erlebe ich ihn als sehr zerrissen in letzter Zeit, er heult ganz viel und schnell, ist oft bockig und provoziert, ist oft aber auch ganz „klein“ und will betüddelt werden. Ein weiterer großer Kritikpunkt ist seine Konzentration und Ausdauer, Stifthaltung etc...

Ich mache mir gerade große Sorgen, dass er auch betroffen ist und würde gerne noch vor Schulstart reagieren. Er ist einerseits so ganz anders als der Große, empathisch, zugewandt, hat Freunde. Aber er hat auch einige „Macken“, die eher autistisch sind, als der Große, z.B. bemerkt er sofort kleinste Veränderungen in Räumen, auch wenn er nur einmal vorher dort war, ist in neuen Situationen sehr ängstlich.
Mittlerweile erlebe ich mit ihm sehr ähnliche Situationen wie mit dem Großen damals, das Umziehen nach dem Schwimmkurs dauert über eine Stunde, die Berichte über seine Missetaten und seine Probleme mit der Konzentration..

Ich möchte einerseits nicht die Pferde scheu machen, andererseits aber auch nichts übersehen und erneut so eine Odyssee durchmachen wie mit dem Großen. Macht es Sinn, mit ihm eine Diagnostik zu starten? Was würdetihr tun?
Sohn 1 (06), ADS und Asperger Autismus; PG 3; SBA 50 mit B, G, H
Sohn 2 (13), Asperger Autismus, leicht ausgeprägt

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Michaela44
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Beitragvon Michaela44 » 05.12.2018, 21:16

Autistische Geschwister können genauso unterschiedlich sein wie nichtautistische auch. Es gibt hier glaube ich mehrere Familien im Forum, die die Probleme des jüngeren Kindes nicht im Autismus vermuteten, weil es so anders war als das ältere autische Geschwisternind. Und dann war es doch Autismus. Manchmal haben Geschwister von Autisten auch "nur" ADHS, ADS, Hochsensibilität usw.

Eine Diagnose bzw. Abklärung macht immer dann Sinn, wenn es Probleme gibt, und das scheint doch bei deinem jüngsten der Fall zu sein.
Asperger Autistin
mit neurodiverser Familie

NicoFalco
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Beitragvon NicoFalco » 05.12.2018, 22:31

Hallo,

Ich habe 2 Autisten, wobei uns erst durch den kleinen bewusst wurde das auch der große betroffen sein könnte. Die beiden sind sehr unterschiedlich und doch haben sie viel gemeinsam. Der kleine jedoch bekam seine Diagnose mit 4 Jahren und ist viel auffälliger wie der große, er bekam die Diagnose erst mit 17 Jahren.

Wenn du dir sorgen machst, lass es abklären.

Lg. Christina
Ich: 84.5(G), 40.1(VA)
Nico 08.2000, Asperger Autist, ADS, LRS, Allergiker, Asthma, SBA 60% unbefr.
Falco 03.2010, Frühchen 31ssw, Asperger Autist, ADHS, LRS, Dyskalkulie, SBA 70% H und B, PG 2
*Henry 18.03. - 24.03.*

birgit d.
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Beitragvon birgit d. » 05.12.2018, 23:36

Hallo,
bei unserem zweiten Sohn waren Auffälligkeiten so ab dem dritten Lebensjahr zu sehen, so ähnlich wie du es bei deinem Kleinen beschreibst. Zuerst haben wir gedacht, es komme von der besonderen Familiensituation mit dem behinderten großen Bruder - und haben in der Richtung nach Hilfe geschaut (Eltern- und Erziehungsberatung). Das war es aber nicht - schlussendlich hat er die Diagnose mit knapp 6 Jahren bekommen.
Meine Söhne sind zwar auch beide aus dem Spektrum, aber vom Wesen her völlig unterschiedlich.
LG, Birgit
Sohn, 19 Jahre, atypischer Autismus, Intelligenzminderung, arbeitet im Berufsbildungsbereich einer WfbM; Sohn, 13 Jahre, Asperger, besucht Realschule mit SB

Nicole_
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Beitragvon Nicole_ » 06.12.2018, 06:02

Hallo,

mir riet die Autismustherapeutin: "Wenn Sie unsicher sind, dann lassen Sie ihn negativ testen. Und wenn es doch positiv ist, dann haben Sie eben Gewissheit, aber Sie müssen nicht bei jedem speziellen Verhalten überlegen: Ist das ein Zeichen für Autismus oder nur seine Art oder sogar vom Großen abgeguckt."

So weit bin ich noch nicht, aber der Rat ist eigentlich gut.

LG

Nicole
Großer (6) Asperger Autist mit Insel Hochbegabungen
Kleiner (nur der normale Wahnsinn)

JennyK
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Beitragvon JennyK » 06.12.2018, 06:06

Danke für eure Antworten. Ich werde es dann mal angehen...
Sohn 1 (06), ADS und Asperger Autismus; PG 3; SBA 50 mit B, G, H
Sohn 2 (13), Asperger Autismus, leicht ausgeprägt

susi_muc
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Beitragvon susi_muc » 06.12.2018, 11:19

Hier auch - meiner Meinung nach - komplette Gegensätze... Trotzdem stecken wir jetzt auch mit Nr. 2 in der Diagnostik, ob es auch aus dem Bereich ASS ist, werden wir in einiger Zeit genauer wissen. Es wird von ärztlicher Seite zumindest in Betracht gezogen.
Susi mit großem Sohn (ASS+HB), großer Tochter (ASS, ADHS+HB), kleiner Tochter (auch irgendwie anders) und den Zwillingen (ganz normaler Zwillingswahnsinn - hoffe ich)

Lisaneu
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Beitragvon Lisaneu » 06.12.2018, 19:49

Bei uns wurde der jüngere, wesentlich auffälligere Sohn mit 4 Jahren diagnostiziert und sein älterer Bruder bekam mit 7 die Diagnose "Asperger Autismus" und ein Jahr später die Zusatzdiagnose "ADHS".

Vom Wesen her sind beide sehr verschieden - ich habe es schon oft in meinen Beiträgen erwähnt.
Sohn 3/2010 hochfunktionaler Asperger-Autist + ADHS
Sohn 7/2012, gehörlos + kurzsichtig + frühkindlicher Autist
Mama und Papa stark kurzsichtig (Kommentar eines Optikers: Wie habt ihr euch überhaupt gefunden?)

Lisaneu
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Beitragvon Lisaneu » 06.12.2018, 19:55

So, ich habe das mal aus einem anderen meiner Beiträge hier reinkopiert, weil es so gut dazu passt :) :

Meine Jungs sind beide diagnostizierte Autisten, aber unterschiedlich wie Tag und Nacht. Beim jüngeren Sohn, der außerdem gehörlos ist, hatten wir die fixe Diagnose schon mit 4 Jahren. Er entspricht vielen Klischees: kaum Blickkontakt (blöd, wenn man nur in Gebärdensprache kommunizieren kann), Kommunikation nur das Nötigste, ständige Wiederholungen "seiner" Themen, keine WARUM-Fragen, Stereotypen (Kopfzucken), lautieren (auch weil er sich ja selbst nicht hört), Spezialinteressen (vor allem Zahlen und Mathe) und Inselbegabungen, Meltdown-Anfälle, keinerlei Interesse an sozialen Kontakten zu anderen Kindern...

Dagegen hat sein Bruder immer in die Augen geschaut, ist sehr klug und sprachgewandt, vielseitig interessiert, hat keine Stereotypen und wirkt auf den ersten Blick ganz normal. Er versteht auch Sprichwörter oder Redewendungen nicht wörtlich und wendet sie korrekt an.

Seine Defizite liegen ausschließlich im sozial-emotionalen Bereich, dafür aber da gewaltig. Mein älterer Sohn hat eine sehr niedrige Frustrationsschwelle, stört häufig in Gruppen (z.B. beim Programmierkurs) wenn was nicht nach seinem Kopf geht, textet andere (Kinder) ungefragt mit seinen Themen zu, sucht zwar Kontakte, weiß aber nicht, wie er sie halten könnte, und bezieht alles auf sich (anderes Kind lacht - Sohn glaubt grundsätzlich ER wird ausgelacht). Ein andere Problem ist seine Distanzlosigkeit. Wenn ihm danach ist umarmt er ungefragt wildfremde Kinder oder Erwachsene. Oder er fragt in der U-Bahn eine alte Dame ob sie vielleicht aufstehen kann, weil er sich hinsetzen möchte... Ganz normale soziale Regeln, die er permanent vorgelebt bekommt, versteht er nicht.

Bei ihm wäre ich lange nicht auf Autismus gekommen, weil er eben so komplett anders ist als sein Bruder. Erst nach der Diagnose wurde mir das Buch "Autismus als Kontextblindheit" empfohlen, und genau DA (wo es um hochfunktionale Asperger-Autisten ging) habe ich meinen Sohn wiedererkannt.

Wenn meine Jungs z.B. bei McDonalds in ein Spielgerät mit anderen Kindern laufen kommt nach spätestens 1 Minute mindestens ein Kind anklagend heraus und meint "Da drin ist ein Bub, der hat...." (meine Schwester geschubst, auf die Rutsche Lulu gemacht, einen Schuh geworfen, ein Gaga-Wort gesagt,--) - und das ist IMMER mein älterer Sohn. Mein jüngerer Sohn hat wirklich NIE Probleme mit anderen Kindern - weil er sie einfach ignoriert. Ein anderes Kind kann ihn weder provozieren noch zum mitspielen animieren, er macht stur SEIN Ding. Mein älterer Sohn dagegen wäre gern wo dabei, schafft es aber nicht, sich so zu verhalten, dass andere Kind ihn annehmen können. Darüber ist er selbst unglücklich und meint öfter, er hätte einen "Knopf im Hirn", wo "die Nervenstränge falsch verknotet sind".

Seit 2 Wochen haben wir zusätzlich zur Autismus-Diagnose noch eine ADHS-Diagnose bekommen. Das verwundert mich nicht weiter, glaube ich doch selbst, seit jeher (nie diagnostizerte) ADHSlerin zu sein. Und sehr viele von den Verhaltensmustern meines Sohnes ähneln meinen eigenen in der Kindheit.

Als ich seiner Lehrerin von der ADHS-Diagnose erzählt habe meinte sie nur mit leicht verdrehten Augen "Na so was!" - so, als wäre das ohnehin so offensichtlich, dass sie sich wundert, dass es erst jetzt erkannt wurde. Naja, der Verdacht in die Richtung war von meiner Seite ja schon länger da. Nur haben wir jetzt eben einen KJP, der das klar bestätigt hat.
Sohn 3/2010 hochfunktionaler Asperger-Autist + ADHS
Sohn 7/2012, gehörlos + kurzsichtig + frühkindlicher Autist
Mama und Papa stark kurzsichtig (Kommentar eines Optikers: Wie habt ihr euch überhaupt gefunden?)

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kati543
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Beitragvon kati543 » 07.12.2018, 10:45

Hallo,
meine Jungs sind beide Frühkindliche Autisten - und unterschiedlich wie Tag und Nacht.
Im Grunde wie bei Lisaneu, nur dass die Kinder „vertauscht“ sind. Die Eigenschaften ihres Ältesten hat mein Jüngster und umgekehrt.

LG
Katrin
Katrin (Epilepsie)
O. (Frühk. Autismus (HFA), Sprachentwicklungsstörung, Ptosis, Hypotonie, AVWS, LRS, Vd. Valproatembryopathie)
D. (geistige Behinderung, Frühk. Autismus, Epilepsie, Esstörung, Trigonoceph., Hypertonie, Opticushypoplasie, Amblyopie, Mikrodeletion 3p26.3, Vd. Valproatembryopathie, Z.n. Schädelbasisfraktur)


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