Inklusion von schwer mehrfachbehinderten Kindern ab der 5.Kl

Integrative Kindertagesstätte oder Sonderkindergarten? Kann mein Kind die Regelschule schaffen oder muss es doch eine Sonderschule besuchen? Hier dreht sich alles um Kindergarten- und Schulbesuch.

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Ainslie2009
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Beitragvon Ainslie2009 » 10.12.2018, 20:27

Also bei uns in Thüringen ist es so, dass aufs Gymnasium kann, wer in den 3 Hauptfächern (D, Ma und Sachkunde) im Halbjahr 4. Klasse eine 2 hat. Hat das Kind in einem oder mehreren Hauptfächern eine 3 kann die Klassenlehrerin eine Empfehlung zur gymnasialen Laufbahn abgeben, dann geht das Kind auch aufs Gymnasium. Bekommt das Kind keine Empfehlung, geht es noch über eine 1wöchige Probebeschulung auf dem Gymnasium. Misslingt die Woche, kann ich als Elternteil noch darauf bestehen, dass das Kind das Gymnasium besucht.

Als ich 1991 aufs Gymnasium bin, hatte ich in einem Hauptfach eine 3 und musste eine Aufnahmeprüfung machen. Hätte ich die nicht bestanden, hätte ich nicht aufs Gymnasium gekonnt. Mir hat die Lehrerin allerdings auch eine Empfehlung verweigert. Und? Heute habe ich Abitur. So kann man sich irren.

In Marc Fabians Klasse sind von 25 Schülern 13 aufs Gymnasium gegangen und da waren einige dabei, wo ich nicht glaube, dass das die richtige Entscheidung war. Marc Fabian hat eine Dyskalkulie und damit in Mathe eine (geschmeichelte) 5. In Deutsch und Sachkunde hat er die Bedingungen erfüllt. Wir haben uns aber gegen das Gymnasium entschieden, wenn er es unbedingt will, steht ihm die Tür immer noch offen. Aber er will nicht.
Arlett 8/78 starke Störung der Grob- und Feinmotorik, Sehstörung (GdB 50) mit Marc Fabian 7/07 ADHS, GdB 50, PG 3 und Ainslie Lucy 5/09 Kombinierte Entwicklungsstörung, ADHS, Atypischer Autismus, AVWS, Sprachentwicklungsstörung, Epilespie, GdB 60 mit Mz. H, B, PG 3

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Dario
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Beitragvon Dario » 10.12.2018, 20:35

Ainslie2009 hat geschrieben:Misslingt die Woche, kann ich als Elternteil noch darauf bestehen, dass das Kind das Gymnasium besucht.


Und genau dieses sog. Elternwahlrecht finde ich absoluten Schwachsinn, der das System total konterkariert. Die wenigsten Eltern können (und wollen) objektiv sein, wenn es um ihr eigenes Kind geht. :wink:

Aufgrund dieser natürlichen Befangenheit der Eltern (das meine ich ganz wertfrei) ist es für mich nicht nachvollziehbar, ausgerechnet den Elternwillen zum KO-Kriterium zu machen. Es müssen objektive Kriterien her, z.B. ein bestimmter Notendurchschnitt oder ein Aufnahmetest.

Bika
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Beitragvon Bika » 10.12.2018, 21:06

In Hamburgs reichsten Stadteilen gehen bis zu 85% der Kinder auf das Gymnasium, in Hamburgs ärmsten Stadteilen keine 20%.

Jede, wirklich jede, durch Leistungstests aufoktroyierte, Beschränkung, würde von engagierten Eltern (und Eltern mit Möglichkeiten) aufgeweicht.
Davon bin ich überzeugt.
Meine Wunschvorstellung wäre eine gemeinsame Beschulung ALLER bis zur 10. Klasse, mit guter Binnendifferenzierung, die sowohl der Begabungsspitze gerecht wird als auch bei starken kognitiven Einschränkungen, würdevolle, integrierende, ressourcenbedachte und selbstwertstabilisierende Beschulung ermöglicht.

Scheint aber eindeutig nicht allgemeiner Konsens zu sein und wird nur eine Wunschvorstellung bleiben. :(

Ich finde es sehr schade, dass meine Kinder Integration im Alltag kaum erleben und denke, dass Separierung unser aller Erfahrungsspektrum einschränkt.

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Beitragvon RikemitSohn » 10.12.2018, 21:17

Hallo Bika,

ich habe mir das auch gewünscht, weil ich die Trennung nach Leistung eigendlich nicht mag.
Mein Sohn kam deshalb zur fünften Klasse auf eine IGS. Leider sind wir gescheitert. Mein Sohn war mit Abstand der Leitungsbeste und gegen die anderen Kinder schon anders. Man hat es nicht geschafft ihn dort zu integrieren. Die einen haben ihn geärgert und die anderen hatten einfach keinerlei Gemeinsamkeiten mit meinem Kind. Diese Faktoren machten ihn einsam. Ausserdem hat die Binnendifferenzierung schlecht funktioniert.
Obwohl ich vieles an Gymnasien nicht gut finde, haben wir dann gewechselt und es war die beste Entscheidung. Mein Sohn braucht diese ,,elitäre Leistungsschmiede". Das was mich abgeschreckt hat, braucht er zum Wohlfühlen.
Ich finde gemeinsames Lernen immer noch gut, aber ich weiß nicht, wie es nach der Grundschule funktionieren kann, ohne dass Kinder auf der Strecke bleiben.

LG Rike
Mama mit Sohn 2004 ADHS und HB

Dario
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Beitragvon Dario » 10.12.2018, 21:23

Bika hat geschrieben:Meine Wunschvorstellung wäre eine gemeinsame Beschulung ALLER bis zur 10. Klasse, mit guter Binnendifferenzierung, die sowohl der Begabungsspitze gerecht wird als auch bei starken kognitiven Einschränkungen, würdevolle, integrierende, ressourcenbedachte und selbstwertstabilisierende Beschulung ermöglicht.


Es gibt sicherlich ernst zu nehmende Konzepte, nach denen das funktionieren könnte. Darüber kann und sollte man auch diskutieren.

Der entscheidende Punkt ist für mich: Solange es dieses dreigliedrige Schulsystem gibt, das wir heute haben, muss man auch akzeptieren, dass in diesem Schulsystem nach Leistung differenziert wird. Das bedeutet in der Konsequenz eben auch, dass das Gymnasium den besonders leistungsstarken Schhülern vorbehalten ist - oder zumindest vorbehalten sein sollte.

Sorry, wenn es jetzt ein wenig flapsig klingt, aber Schule als Wunschkonzert oder Selbstbedienungsladen (wo man sich auf Wunsch genau das zusammenstellt, was man haben will), davon halte ich nichts. Ich musste es in den 1980er-Jahren auch akzeptieren, dass ich den Bedingungen am Gymnasium nicht gewachsen war. Nicht weil es mir an Intelligenz gefehlt hätte, sondern weil ich psychisch nicht stabil genug dafür war. Trotzdem hatte ich immer großen Respekt vor Gymnasien, weil sie eben etwas "Besonderes" sind, auch wenn ich diesem besonderen Anspruch nicht einmal selbst gerecht geworden bin.

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Beitragvon Jörg75 » 10.12.2018, 21:31

Moin Dario,

das ist genau auch mein Ansatz. Andere Länder zeigen, dass es mit längeren gemeinsamen Lernen klappen kann - dann muss aber radikal umgesteuert werden.
Bis dahin werden wir mit einem dreigliedrigen Schulsystem leben müssen, dass leider nur sehr eingeschränkt inklusionsfähig ist.

Wobei der kognitiv fitte Rollifahrer eigentlich in diesem System kein Inklusionsfall ist - ich hatte Ende der 80er Jahre auf dem Gymnasium von Klasse 7 bis 10 eine Rollifahrerin in der Klasse - die haben wir Jungs alle die Treppen mit hochgeschleppt im Schulgebäude und sonst fuhr sie halt, wo wir liefen ... das klappte schon damals gut.

Gruß
Jörg
K., *2013, Extremfrühchen (27. +3 SSW), ICP, GdB 100 G aG H B, PS II+/ PG 4
J., *2016, aktuell keine Besonderheiten

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Beitragvon Dario » 10.12.2018, 21:46

Hallo Jörg,
das war auch meien Erahrung: Reine Körperbehinderungen wurde auch in den 1980-er Jahren schon weitgehend akzeptiert. Auf mein (damals noch sehr starkes) Stottern wurde fast immer eine erstaunliche Rücksicht genommen, nur meine autismusbedingten Besonderheiten, damit wusste keiner umzugehen.

Aber genau das ist ja das Problem, dass hier (und anderswo) schon so oft angeprochen wurde: Die unausgesproche Unterscheidung zwischen Behinderungen "erster Klasse" und "zweiter Klasse", die es in einer wirklich inklusiven Gesellschaft so nicht mehr geben darf.

Ich gebe zu, auch ich bin ein Kind der 1980er-Jahre, das durch diese Zeit geprägt wurde, im Guten wie im Schlechten, mit allem was dazu gehört. Und ich geben zu, so eine Prägung läst sich kaum jemals wieder vollständig ablegen, dazu sitzt sie zu tief, wenn man erstmal das Erwachsenenalter erreicht hat. Vieles, was heute in der Inklusionsdebatte vorausgesetzt wird (z.B. dass das dreigliedrige System längst nicht mehr unhinterfragt ist wie früher), erscheint mir deshalb wie aus einer völlig neuen Zeit und einer neuen Welt, die ich selbst nie erlebt habe. Klingt ein wneig kryptisch, aber ich weiß jetzt nicht, wie ich es besser ausdrücken soll...

Bika
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Beitragvon Bika » 10.12.2018, 21:47

Na ja, das dreigliedrige Schulsystem ist bei uns schon auf zwei Glieder geschrumpft. :wink:
Ausserdem ist G8 hier alles andere als elitär und für normal Begabte problemlos stemmbar. Daher habe ich wohl einen anderen Blick auf schulische Bildung und auf das, was sie leisten soll.

Elitenförderung ist ein anderes Thema.
In diesem Bereich sind wir deutlich zurückhaltend und das halte ich für falsch.

r.bircher
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Beitragvon r.bircher » 11.12.2018, 00:51

Hallo Jörg und Dario

Ja, offensichtliche Behinderungen werden von der Gesellschaft leichter akzeptiert, das stimmt. Aber dass in den 80ern die Inklusion eines Körperlich behinderten schon selbstverständlich war... nein. Ja, es gab es damals schon, aber nur wenn alles reibungslos klappte. Um da in die Regelschule zu kommen mussten die Eltern sich schon sehr einsetzen und wenn man nicht ein Musterschüler war, dann war Schluss mit Regelschule.

Und als rein körperlich Behinderter hast zu zwar intellektuell keine Einschränkungen. Es dauert halt aber doch vieles länger. Das musst du irgendwie kompensieren, was nicht immer einfach ist. Zum Beispiel bei mir: Vor dem Rechner bin ich natürlich nicht behindert. Wenn ich aber ein Termin ausser Haus habe sieht das sofort anders aus. Da brauche ich einfach mehr Energie als ein Nichtbehinderter. Ich habe das Glück, Home Office zu haben. Hätte ich das nicht, könnte ich auf die Dauer maximal 50% Leisten.

Mit körperlicher Behinderung aufs Gymnasium braucht auch einiges mehr als ein Nichtbehinderter leisten muss.

Gruss Raphael
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Beitragvon Inge » 11.12.2018, 08:24

kati543 hat geschrieben:Alle GE-Kinder sind sabbernde, stark lautierende Monster, die nur gelagert, gefüttert und therapiert werden müssen. Leute! Wie redet ihr von unseren Kindern? Das ist ein Forum für Eltern von behinderten Kindern! Habt ihr wirklich so wenig Respekt? Meint ihr, nur weil ihr ein GE-Kind kennt, kennt ihr ALLE? Dürfen unsere Kinder keine Individuen sein?

Ich ziehe mich hier zurück. Es wurde nach positiven Erfahrungsberichten aus der Inklusion gefragt. Was kam sind Seitenweise Hasstriaden auf Inklusion von Menschen, die damit zumeist keine Erfahrung hatten.


[center]*unterschreib*
Ergänzend noch dazu: Inklusion ist kein Gnadenakt, sondern ein Menschenrecht.
Gestern war übrigens der Tag der Menschenrechte. [/center]

Sie ist anders als die andern, und ihre Sprache geht weit an uns vorbei.
Doch wenn sie lächelt, lächelt sie mit Leichtigkeit dir dein ganzes Herz entzwei.

'Sommerkind' von Wortfront


Viele Grüße
Inge


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