Inklusion von schwer mehrfachbehinderten Kindern ab der 5.Kl

Integrative Kindertagesstätte oder Sonderkindergarten? Kann mein Kind die Regelschule schaffen oder muss es doch eine Sonderschule besuchen? Hier dreht sich alles um Kindergarten- und Schulbesuch.

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Mellie
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Beitragvon Mellie » 10.12.2018, 14:22

Hallo,

ich weiß gar nicht, warum ihr euch alle so auf das Gymnasium versteift. Es wurde doch nur nach Erfahrungen für eine weiterführende Schule gesucht.

Mein Sohn (gesund) geht auf eine weiterführende Schule (Sekundarschule), wo auch Inklusionskinder hingehen. In seiner Klasse waren zuerst 3 Kinder mit Lernbehinderung. Sie blieben aber nicht von Dauer. Zur Zeit ist nur noch ein Inklusionskind (lernbehindert) in seiner Klasse. In all den Jahren habe ich nichts negatives über die Inklusionskinder gehört. In der Klasse sind auch viele Kinder, die nach der 10 Klasse das Abitur anstreben. Es hat ihnen also nicht geschadet, dass besondere Kinder in der Klasse oder auf dem Schulgelände sind.

Im übrigen gibt es mittlerweile auch einen Fahrstühl und auch sonst wurde einiges behindertengerecht an der Schule umgebaut.
Viele Grüße,
Mellie

Anne_mit_2
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Beitragvon Anne_mit_2 » 10.12.2018, 14:29

Hallo Bika,

versuch bitte mal einen wertneutralen Standpunkt bzgl. Sonderschule einzunehmen. Dann ist das Gymnasium von seiner ursprünglichen Bauart her eine Sonderschule für Schüler, die mehr gefordert (mit 'o' nicht 'ö') werden müssen. Dem trugen früher auch die Eignungsprüfungen Rechnung, die Du durchaus strukturell mit der Feststellung eines Förderschwerpunkts (wieder wertneutral zu verstehen! -- vielleicht korrekterweise hier ohne " auf dem o) gleichsetzen kannst.

Aus dieser Perspektive kann man am Gymnasium schon Inklusion leben, aber eben so wie an einer Förderschule -- indem man andere Kinder dazunimmt und trotzdem die Stärken der Schulform weiter lebt. Wenn du das und nicht die Realität, dass in manchen Gegenden über 50% der Schüler aufs Gymnasium gehen, vor Augen hast, dann siehst Du auch die andere Seite der Medaille.

Ehe mich jetzt jemand lyncht: Meine Tochter ist auf ein Gymnasium gegangen, weil es vom Kognitiven zu ihr passte und sie gleichzeitig den Schutzraum brauchte, dass sie nicht nach dem Körperlichen, sondern nach dem Kognitiven beurteilt wird.

Ich bin aber trotzdem dafür, dass wir Inklusion für die große Masse der Schüler leben und dafür muss das Abitur an einer IGS eben auch einer der dort angebotenen normalen Abschlüsse werden und gleich gut auf ein Studium vorbereiten wie das Gymnasium. Das ist eine genausogroße Herausforderung für die IGS wie die Inklusion von GE und S/E Schülern!
Nicht die Gymnasien müssen in erster Linie inklusiv werden, sondern ein Großteil der Gymnasiasten sollte inkludiiert werden. Gleichzeitig würde das die Gymnasien wieder auf ein gesundes Maß zusammenschrumpfen, so dass sie eine Option sie für Kinder, die das brauchen, aber nicht mehr das erklärte Ziel vieler Eltern unabhängig vom Leistungsniveau (und oft auch dem Wohl) des Kindes.

Viele Grüße,
Anne

P.S.: Die obigen Zeilen sind nicht elitär gemeint (jedes Kind mit den entsprechenden Anlagen sollte die Möglichkeit zum Abitur und Studium haben), sondern strukturell analysierend vor dem Hintergrund der Inklusionsdebatte.

Bika
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Beitragvon Bika » 10.12.2018, 15:17

Hallo Anne,

Auch wenn du deinen Ansatz nicht als “elitär“ verstanden wissen möchtest, ist er es, nach alter Tradition, dennoch. :wink:
Das sehe ich aber ebenfalls vollkommen wertneutral.
Wenn du von “zusammenschrumpfen“ sprichst, meinst du doch, dass nur noch die begabtesten Schüler übrigbleiben und wieder eine Schulform bilden, wie sie ursprünglich gedacht war, eine höhere Bildungsanstalt für die kongitiv Begabtesten, die auf wissenschaftliches Arbeiten vorbereitet.
Auf praxisbezogene Studiengänge könnte dann viel besser auf Gesamtschulen vorbereitet werden.
Die Begabungsforscherin Elsbeth Stern fordert ähnliches und ich finde ihre Ansätze nachvollziehbar. Aber ich glaube nicht, dass das gesellschaftlich akzeptiert würde.
Fast jeder glaubt doch, dass sein Schatz ein kleiner Einstein wäre und das Bedürfnis, sich von der Masse abzuheben ist sehr stark.
Würde das Konzept der Gymnasien alter Schule heute funktionieren, ohne langfristig doch wieder von überehrgeizigen Eltern ausgehebelt zu werden?

Total am Thema vorbei, ich weiß. :oops:

HannahKillian
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Beitragvon HannahKillian » 10.12.2018, 15:53

Hallo,

manche Beiträge hier lesen sich als müsste nun endlich die "letzte Bastion elitärer Wissensvermittlung" - sprich Gymnasium - "fallen"... :wink:

Zu meiner Gymnasialzeit lag der Fokus des Unterrichts darauf, uns die Fähigkeit zu vermitteln, komplexe Zusammenhänge zu erkennen und Lösungsmöglichkeiten weitgehend selbst zu erarbeiten. Diese Unterrichtsform war vom gängigen "Zuhören, wiederholen, wiedergeben, Note kriegen und setzen!" weit entfernt.

Auch damals gab es an meinem Gymnasium schon Kinder mit Einschränkungen/Besonderheiten - außer mir selbst gab es noch einen Jungen mit ICP und einige, die heute wohl als "Savants" im Hinblick auf ihre Spezialgebiete Mathematik und Physik bezeichnet würden. Für diese "Überflieger" war die Schule eine "Spielwiese" für den Geist und für uns alle zusammen ein geschützter Raum im Hinblick auf unsere "technischen" Besonderheiten. Funktionierender "Kopf" war wichtig, "Körper" eher Nebensache... von daher war die Schule für uns immer ein Ort der Toleranz und das war eine phantastische Erfahrung für uns.

Aber trotz allem kann ich mir nicht vorstellen, wie Inklusion von geistig behinderten Kindern an einem Gymnasium - vor allem praktisch - funktionieren soll. Zeitgleicher Unterricht ist aufgrund der hohen Anforderungen in der Umsetzung des Stoffplans und des Lerntempos doch gar nicht möglich. Dazu kommt - wie überall - Lehrermangel und hohe Arbeitsbelastung an sich - wie soll man dann noch den speziellen Bedürfnissen von GB-Kindern ausreichend gerecht werden können? Ich glaube nicht, dass die Schulen die Möglichkeit hätten, spezielles Personal für die pflegerischen Aufgaben vorzuhalten. Wer soll das dann leisten? Das Lehrpersonal? Wohl kaum möglich...

Sicher ließe sich diese inkludierte Beschulung unter Berufung auf die Gesetzeslage und mit dem entsprechenden Druck auf Schulen und Lehrkräfte irgendwie umsetzen und verwirklichen... Dennoch sollte man sich die ehrliche Frage stellen, ob man damit den Bedürfnissen des Kindes auch tatsächlich gerecht wird, wenn eigentlich schon abzusehen ist, dass die Rahmenbedingungen nicht wirklich optimal sind.

Für mein Kind wäre mir wichtiger, dass es alle in seiner persönlichen Reichweite liegenden Ziele - in einem geschützten, kindgerechten - schulischen Lebensraum erreichen dürfte. Wir als Selbstbetroffene müssen ja immer erst mal da hin kommen, wo alle anderen schon sind... und je kürzer und einfacher dieser Weg für uns ist umso erfolgreicher können wir ihn gehen!

In diesem Sinne...

Liebe Grüße,

Hannah

P.S. ... "Gymnasium" bzw. "weiterführende Schule" schenkt sich per se im Hinblick auf Anforderungen/Lerntempo nicht viel -
"Aufgeben?'" Komisches Wort, kenn ich gar nicht...

Meine Vorstellung: http://www.REHAkids.de/phpBB2/viewtopic ... hannah+icp

Bika
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Beitragvon Bika » 10.12.2018, 16:29

Hallo,


manche Beiträge hier lesen sich als müsste nun endlich die "letzte Bastion elitärer Wissensvermittlung" - sprich Gymnasium - "fallen"... :wink:
Aber das ist doch schon längst geschehen. In meinem Bundesland gehen nach Klasse 4 über 50% der Kinder auf das Gymnasium.
Deshalb verstehe ich auch nicht, warum die eine Hälfte mit Inklusion selbtstverständlich leben soll und die andere Hälfte damit auf keinen Fall konfrontiert werden darf.
Die Separierung nach oben, durch konsequente Zugangsbeschränkungen für Gymnasien, die nur überdurchschnittlich begabte Schüler zulassen,
wäre ja ein ganz anderes Thema.

Aktuell gibt es für die Leistungselite auf Regelgymnasien bessere, schlechtere oder gar keine Begabungskonzepte.

Meine Kinder sind auf der gleichen Schule im gleichen Jahrgang und zum Teil berarbeitet mein Sohn Unterrichtstoff, den meine Tochter auch nach 1000 Erklärungen niemals bearbeiten könnte.
Muss sie auch nicht. Der aktuelle Gymnasialstoff überfordert sie nicht und für die anderen gibt es (im besseren Fall) Binnendifferenzierung.
Ein geistig behindertes Kind, behaupte ich einfach mal, würde da kaum auffallen. Das Gefälle im Begabungsniveau ist sowieso schon immens.

HeikeLeo
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Beitragvon HeikeLeo » 10.12.2018, 16:39

für die anderen gibt es (im besseren Fall) Binnendifferenzierung

und genau das ist das Problem. Idealerweise gibt es Binnendifferenzierung. Jeder wird auf seinem Stand gefördert und der Rest ist Betreuung. Dazu muss man aber Förderung und Betreuung/Aufbewahrung trennen. Das geschieht bis dato nicht. Die Schulen, die ich kenne, sehen sich vor allem in der Pflicht Betreuung zu stemmen, was kein Mensch von ihnen erwartet - zumindest ich nicht. Stattdessen wünsche ich mir Binnendifferenzierung und differenzierten Unterricht - das bekomme ich wiederum nicht für mein Kind. Denn gedacht wird Schule immer noch als Einheitsangebot für Klassen mit 30 Kindern. One size fits all. Und wenn man auf homogene Gruppen setzt, dann funktioniert Inklusion natürlich nicht.

Und es kommt noch besser. Gerade die Schule, die unser Problem ist, macht jetzt auf - das heißt die Klasse mit 30 Kindern löst sich auf zugunster einer schulweiten Gruppe von 600 Kindern. Da sticht einer dann noch mehr heraus, wenn er sich nicht in ein Normraster pressen lässt. Statt erweiterter Binnendifferenzierung wird aber nur das Betruungsangebot erweitert. Mein Problem wird damit noch größer. Leider versteht die Schule darunter Inklusion.

Liebe Grüße
Heike

kati543
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Beitragvon kati543 » 10.12.2018, 19:07

Ich glaube, es wird sich hier viel zu einfach gemacht!

Es soll wohl ein Witz sein, das es egal ist, wo die Kinder den Lehrplan bearbeiten??

Und wenn Inklusion angeblich bedeutet, dass das Kind nicht den Stoff der Regelkinder machen brauch, könnnte ja theoretisch auch ein Kind auf´s Gymnasium, wo von vornerein klar ist, das es kein Abschluss kriegt?

Na dann
Hallo Senem,
ja, genau das bedeutet Inklusion. Ich glaube jetzt hast du es verstanden. Du hast es nocheinmal kurz und knapp in deinen Worten zusammengefasst. Danke dafür.

Inklusion bedeutet „Einschluss“ - Jeder darf mitmachen, niemand wird ausgegrenzt. Man kann wegen Vielem ausgeschlossen werden, u.a. auch wegen Behinderung. Vor der Emanzipation der Frau waren Männer grundsätzlich der Meinung, Frauen sind das unterlegene Geschlecht - schwächer und dumm.

Inklusion ist der Normalzustand - alles Andere ist eine künstlich hergestellte Umgebung und führt prinzipiell zu großen Problemen. Im Bereich der Politik führt Exclusion zu Kriegen mit sinnlos vielen Toten, im Bereich der Sonderschulen - nun, ihr seht selbst, wie sehr hier diskutiert wird. Wieviele von den Gegnern haben auch nur EINMAL in ihrem Leben eine GUTE inklusive Schule auch nur betreten?
Was hier gemacht wird kann einen wirklich nur ärgern. Klar, ein Kind mit PG4 ist definitiv noch zu gesund. Alle GE-Kinder sind sabbernde, stark lautierende Monster, die nur gelagert, gefüttert und therapiert werden müssen. Leute! Wie redet ihr von unseren Kindern? Das ist ein Forum für Eltern von behinderten Kindern! Habt ihr wirklich so wenig Respekt? Meint ihr, nur weil ihr ein GE-Kind kennt, kennt ihr ALLE? Dürfen unsere Kinder keine Individuen sein?

Ich ziehe mich hier zurück. Es wurde nach positiven Erfahrungsberichten aus der Inklusion gefragt. Was kam sind Seitenweise Hasstriaden auf Inklusion von Menschen, die damit zumeist keine Erfahrung hatten.

LG
Katrin
Katrin (Epilepsie)
O. (Frühk. Autismus (HFA), Sprachentwicklungsstörung, Ptosis, Hypotonie, AVWS, LRS, Vd. Valproatembryopathie)
D. (geistige Behinderung, Frühk. Autismus, Epilepsie, Esstörung, Trigonoceph., Hypertonie, Opticushypoplasie, Amblyopie, Mikrodeletion 3p26.3, Vd. Valproatembryopathie, Z.n. Schädelbasisfraktur)

ehemalige Userin

Beitragvon ehemalige Userin » 10.12.2018, 19:23

In meinem Bundesland gehen nach Klasse 4 über 50% der Kinder auf das Gymnasium.
Das beweist ja, dass es das Gymnasium "alter Schule" schon lange ncht mehr gibt. Wenn über 50% eines Jahrgangs auf ein Gymnasium gehen, dann können die Gymnasien (wage ich zu behaupten) heutzutage keine Schule mit überdurchschnittlichen Leistungsanspruch mehr sein, wie ich es von einem Gymnasium traditionell erwarten würde.

Ich persönlich finde das schade, dass das heutzutage so viel "aufgeweicht" wird, denn wie schon geschrieben: Gerade auf dem Gymnasium sollte die Beurteilung eines Schülers ausschließlich nach Leistung und fachlichem Können erfolgen - völlig unabhängig davon, wie behindert oder nicht behindert ein Kind auch immer ist. Das wäre für mich die fairste und letzten Endes transparenteste Form der Inklusion!

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Sandra1978
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Beitragvon Sandra1978 » 10.12.2018, 20:02

Hallo,

bei uns in der Stadt ist das Gymnasium zur neuen Realschule geworden. Da es keine Hauptschule mehr gibt muss die Realschule alles aufnehmen was nicht aufs Gymnasium oder auf das Förderzentrum geht.

So wie die Inklusion im Moment läuft wird sie den wenigsten Kindern gerecht.

Was mich stört ist das sich das Gymnasium immer noch vor dem Thema Inklusion drückt. Alle anderen SchulFormen müssen da auch durch ob sie wollen oder nicht.

Gruß Sandra
Mama Sandra (Asperger Autist)
Papa Jochen (Lernebehindert)
Sarah (2003) (Lernbehindert)

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Beitragvon 8Ilona8 » 10.12.2018, 20:21

hallo.

Eine Frage: Wenn es um eine Gesamtschule geht, in der die Kinder in die Kurse A (höchstes Leistungsniveau) bis D (niedrigstes Leistungsniveau) für jedes Fach eingeteilt werden (je nach Wissensstand z.B.)... Dann landet doch ein schwerstbehindertes Kind z.B. nur in den D-Kursen. Ein Hochleistender würde dann nur A-Kurse besuchen, und hätte mit dem behindertem Kind wiederum nix zu tun.

Oder werden behinderte Kinder dann quer durch die Kurse gewürfelt?

Gruß


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