Ständiges, unkontrolliertes Reden: Was tun?

Hier könnt ihr euch rund ums Thema Sprachverzögerung/Sprachstörung austauschen und Erfahrungen bezüglich UK (unterstützter Kommunikation) weitergeben. Logopäden dürfen natürlich auch gerne hier Tipps geben!

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Bika
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Beitragvon Bika » 28.11.2018, 14:07

Hallo Marta,

Oh je, da habt ihr es wirklich nicht leicht.

Die Kombination aus HB, Aufmerksamkeiststörung und autistischen Tendenzen muss wahnsinnig herausfordernd sein und ich kann mir vorstellen, dass die meisten Pädagogen damit überfordert sind.

Ich vermute mal einfach, dass dein Sohn ein sehr heterogenes Begabungsprofil aufweist, mit Spitzenwerten im Mustererkennnen räumlichen Denken und dem Untertest “Gemeinsamkeiten finden“.

Wenn das so sein sollte, würde ich dringend zu gezielter, außerschulischer Förderung wie sowas:

https://bildungsserver.hamburg.de/uni-p ... oerderung/

raten.

Es klingt so, als wäre dein Sohn
hoffnungslos unterfordert und verfügt über ein Begabungspotential, was niemals schulisch befriedigt werden könnte.

Nur mein Eindruck,

alles Gute
LG von Bika

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_Marta
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Beitragvon _Marta » 28.11.2018, 14:09

Hallo,
MarinaH hat geschrieben:Hallo!
Wurde ADHS ausgeschlossen?


Nein, er hat ADHS (siehe Signatur ;-) ).
Der Verhaltenstherapeut meinte, die Diagnose musste vom Arzt vergeben werden, weil alle beschreibenden Diagnostik-Bedingungen erfüllt sind. Aber so richtig passt es nicht. Der Kinderpsychiater sagt auch, mein Sohn ist zwischen allem und passt "eigentlich" nicht in die Schubladen vom ICD.
Ein Bsp von mir: Bei ADHS wird ja beschrieben, dass das Arbeitsgedächtnis vermindert/beeinträchtigt/schlecht sei. Bei meinem Sohn war das AG bei 2 verschiedenen Tests im Abstand von 1,5 Jahren beide Male überragend gut im HB-Bereich.

RikemitSohn hat geschrieben: denn eine Förderschule ist bei der Leistungsfähigkeit keine gute Lösung.

Darüber sind sich ausnahmsweise auch alle Fachleute einig.

RikemitSohn hat geschrieben:Hallo,
bekommt dein Sohn Medikamente?

Es wurde angedacht, am Freitag sprechen wir noch mal drüber. Der Kinderpsychiater hätte lieber erst mal ein Konzept der Schule, das HB einbezieht. Kommt aber seit einem Jahr nicht.

Ich selber finde Medikamente nicht toll, würde es aber auf einen Versuch ankommen lassen - auch für mich, wenn ich betroffen wäre. Mein Sohn will auf keinen Fall Medikamente. Totale Verweigerung, auch Ausprobieren will er nicht. Er will nicht, dass jemand/etwas sein Gehirn verändert (Das hat er selber geschlossen und gesagt...).
Ich weiß auch echt nicht so richtig: seine Auffälligkeiten skalieren mit der Gruppengröße - sind da Medis wirklich das Richtige?

Tja, da stehen wir nun: Impuls/Ablenkbarkeit etc. war beim Test auf Prozentränge 2 und 5 (!). In der Schule geht es m.E.n. nur darum, wie der Sohn am wenigsten stört. Ich kann das sogar nachvollziehen. ABer auf Dauer geht das nicht.

Ich weiß, es gibt keine Patentlösung. Schulbegleitung hört sich für mich im Moment als guten Schritt an.

Gruß von Marta
Sohn *09/10, Frühgeburt
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HeikeLeo
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Beitragvon HeikeLeo » 28.11.2018, 15:22

Liebe Marta,

habt ihr eigentlich auch schon mal an Klassensprung gedacht. Bei manchen hochbegabten Kindern geben sich die Verhaltensprobleme manchmal sehr schnell, wenn sie sich nicht so schrecklich langweilen. Zu meiner Tochter kam ein Mädchen von der zweiten Klasse in die vierte. In der Herkunftsschule hatte sie das Klassenzimmer buchstäblich zerlegt. In der vierten Klasse lief sie dann problemlos mit, allerdings wurde sie noch sehr viel zusätzlich beschäftigt, denn auch ein Sprung um ein Jahr war noch ein wenig wenig gewesen. Manche HB-Kinder müssen auch mehr als einmal springen. - Vor dem Springen wird immer gewarnt. Aber ich habe bei solchen Sprüngen bereits viele und eigentlich nur erfolgreiche Versuche gesehen. Dagegen habe ich auch wirklich hochbegabte Mitschüler meiner Kinder an genau ähnlichen Problemen komplett scheitern sehen.

Der Blick, der sich bisher zeigt ist eher defizitorientiert auf die Ablenkbarkeit, die feinmotorischen Schwierigkeiten, das Reinquatschen - ich fürchte eben auch gerade von der Schule aus. Eine Akzelerationsdiskussion könnte den Blick eventuell auf die Stärken lenken. Klassensprünge lassen sich heute leichter auf den Weg bringen als früher und sie sind ein echter Segen.

Liebe Grüße
Heike

RikemitSohn
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Beitragvon RikemitSohn » 28.11.2018, 16:39

Hallo nochmal,

so wie ich es verstanden habe redet er überall zu viel und in der Schule wird es zum echten Problem. Da würde das Überspringen wenig helfen und ihn eher noch mehr ausgrenzen, da die soziale Schere noch ein Jahr größer ist.
Mein Sohn hat seine Diagnose erst mit 11 Jahren erhalten. Ich hatte auch immer die Aussage ,,passt irgendwie nirgendwo rein". Er hat durch seine Intelligenz vieles verschleiern können. Z.B. sprachen für viele seine guten schulischen Leistungen gegen Adhs. Was nicht bedacht wurde, war die Problematik, dass er sich in der Schule gar nicht konzentrieren musste. Da die Noten stimmten hat niemand bemerkt, dass er oft gar nichts machte im Unterricht oder seine Schulsachen im Chaos versanken.
Wenn dein Sohn Adhs hat, könnten Medis ein Segen sein. Mein Sohn und ich haben dadurch ein neues Leben bekommen. Ohne würde mein Sohn das Gymnasium definitiv nicht schaffen und weit unter seinen Möglichkeiten bleiben. Er fühlt sich auch zufriedener.

LG Rike
Mama mit Sohn 2004 ADHS und HB

_Marta
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Beitragvon _Marta » 28.11.2018, 18:21

Liebe alle,

danke fürs Mitdenken.
HeikeLeo hat geschrieben:Eine Akzelerationsdiskussion könnte den Blick eventuell auf die Stärken lenken. Klassensprünge lassen sich heute leichter auf den Weg bringen als früher und sie sind ein echter Segen.

Mein Sohn geht in eine klassenübergreifende Lerngruppe und kann eben auch höheres Material machen. Das funktioniert leider nicht, weil es immer Arbeitszettel sind. Für ihn ist Lernen Arbeitszettel-Lawinen ertragen. Da hat die Arbeitsverweigerung angefangen, und mein Sohn zieht das eiskalt durch. Er hat so gar nicht as Bedürfnis, zu zeigen, was er kann. Das ist für Schule natürlich schwierig.
Trotzdem bestärkst du mich: Ich muss noch intensiver auf eine HB-Beratung dringen.

RikemitSohn hat geschrieben:so wie ich es verstanden habe redet er überall zu viel und in der Schule wird es zum echten Problem.

Naja, er kann sich auch stundenlang zurückziehen und lesen und ganz still sein. Wenn er aber einmal angefangen hat, etwas zu erzählen, dann wird er detailliert bis zum "geht nicht mehr". Sowohl bei Sach- als auch bei Phantaisethemen. Ich bin nicht sicher, aber ich denke, er kann es nicht gut aushalten, wenn eine Antwort nicht vollständig ist. Also vollständig nach seinen Vorstellungen.
Und er akzeptiert nicht, wenn die Lehrerin sagt, eine Antwort ist richtig, wenn er weiß, sie ist nur teilweise richtig. Oder nicht geanu genug. Außerdem passt für ihn so gut wie keine Antwort in einen Satz. Auch nicht in einen Absatz, eher ein Vortrag. Am besten eine Vorlesung. Also - ich bin ja auch detailverliebt (wie man beim Lesen merken kann :-), aber mein Sohn schlägt mich um Längen. Um viele Längen.
Und dann kommt natürlich das Dazwischenrufen und -quatschen dazu. Es ist bestimmt auch icht einfach für die Lehrer.
RikemitSohn hat geschrieben:Mein Sohn hat seine Diagnose erst mit 11 Jahren erhalten. Ich hatte auch immer die Aussage ,,passt irgendwie nirgendwo rein". Er hat durch seine Intelligenz vieles verschleiern können.

Die ADHS-Diagnose haben wir ja schon. Aber es sind eben doch gerade bei Kommunikation/Interaktion einige ASS-Zübe dabei. Das Argument "nicht optionale gesellschaftliche Konvention" (Danke an Sheldon Cooper ;-) ist für ihn tatsächlich akzeptierbar und macht die endlosen Diskussionen über Benehmen und Verhalten erträglich für mich. Ähem.
Ich kann auch hinter vielen Punkten, die Tony Attwood hier beschreibt https://www.youtube.com/watch?v=LuZFThlOiJI, JA schreiben.

Aber ich bin halt wirklich nicht vom FAch. Es ist eben schwer aushaltbar, wenn nichts so richtig hilft. Wenn mein Sohn bloß nicht so schrecklich schlecht mit anderen Menschen zurecht kommen würde. Also wenn es ihm egal wäre - was solls. Ist es aber nicht. Bei den sozialen Spielen wird er in der Klasse immer als letzter gewählt, ausgesucht etc. Er weiß, er ist unbeliebt und hat keinen richtigen Freund. Das verletzt ihn sehr. Und mein Mutterherz blutet natürlich.

OK, das hat jetzt nix mehr mit dem störenden Gequatsche zu tun....

Gruß von Marta
Sohn *09/10, Frühgeburt

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Beitragvon Anne_mit_2 » 28.11.2018, 18:57

Hallo Marta,

doch das hat sehr viel mit dem Gequatsche zu tun. Manche sehr schlauen Kinder fangen an, sich unmöglich zu verhalten, sobald sie das Gefühl haben, dass es sowieso nicht schlimmer werden kann.

Ich halte für Deinen Sohn übrigens eine Mehrstufenklasse für sehr problematisch. Die Zettel können Kinder, die den Inhalt ganz schnell erfassen, aber mit dem emotionalen Druck des großen Blattes nicht fertig werden, sehr schnell demotivieren. Ich habe für meine beiden Kinder jeweils Grundschulen ausgewählt, wo ich mir sicher sein konnte, dass es keine Wochenplanarbeit, aber viele Frontalunterrichtsphasen gibt, eben weil solche Zettel sie immer an die Grenzen der emotionalen Belastbarkeit gebracht haben.

In dieser Situation könnte das Dazwischenquatschen einfach der Hilferuf sein, dass seine Umgebung überhaupt nicht zu ihm passt. "Keiner mag mich, ist doch alles egal, und wenn ich mich mehr anstrenge, werde ich bestraft und bekomme ich nur noch mehr Blätter."

Viele Grüße,
Anne

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Beitragvon HeikeLeo » 28.11.2018, 21:13

Anne mit 2 hat geschrieben: Ich habe für meine beiden Kinder jeweils Grundschulen ausgewählt, wo ich mir sicher sein konnte, dass es keine Wochenplanarbeit, aber viele Frontalunterrichtsphasen gibt,



Wo zum Kuckuck gibt es so etwas noch! Wir werden gerade auch von Wochenarbeit, Ausflügen und Lapbooks getötet. Bei uns ist aber das Ende absehbar. Ich hoffe, Sohn überlebt so lange.

Liebe Grüße
Heike

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Beitragvon Anne_mit_2 » 28.11.2018, 21:27

Hallo Heike,

wir sitzen extrem ländlich in RLP.

Da hast Du auch stellenweise Schulen mit eher alten und altmodischen Lehrern, weil die jüngeren wirklich alles tun würden, um da nicht hinzukommen. Dort werden dann gerne Kinder von ausserhalb dazugenommen werden (offizielle Begründung: Wohnort der Tagesmutter für die Nachmittagsbetreuung), weil mit derselben Begründung viele Kinder von dort abgemeldet werden gerade wegen der altmodischen Lehrer. Im Endeffekt ruckelt es sich dann meist zu einem ungefähren Gleichgewicht zusammen.

Der Nachteil: Immer nur Taxi Mama oder Taxi Papa mit 15-20 Minuten Fahrzeit für die einfache (kürzeste) Strecke -- ohne jemanden in dem Dorf für die Betreuung ist das nicht zu machen.

Viele Grüße,
Anne

Leela
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Beitragvon Leela » 28.11.2018, 22:55

Hallo,
bei uns sprach die Logopädin im SPZ von Logorrhoe. Interessanterweise spricht mein Sohn schlecht (viele Fehler), trotzdem sehr viel. Wir sollen das unterbrechen, inzwischen ist es etwas besser geworden.
https://medlexi.de/Logorrhoe

LG
Sohn geb. Juni 2013 (5 Wochen zu früh, nach vorz. Blasensprung), Hirnblutung.
leicht entwicklungsverzögert
V.a. NF1 (cal)

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_Marta
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Beitragvon _Marta » 29.11.2018, 10:44

Liebe Bika,

Bika hat geschrieben:Ich vermute mal einfach, dass dein Sohn ein sehr heterogenes Begabungsprofil aufweist, mit Spitzenwerten im Mustererkennnen räumlichen Denken und dem Untertest “Gemeinsamkeiten finden“.

Ich musste erst mal nachschauen: In Gemeinsamkeiten hat er Höchst-Wertpunkt-Zahl. Aber welche Tests im HAWIK 4 stehen für Mustererkennen und räumliches Denken? Mosaiktest? Da war er normaler Durchschnitt.

Mit dem heterogenen Begabungsprofil hast du allerdings sehr Recht: die IQ-Werte der Indizes (SV, WLD, AGD, VD) differieren um 70 (!) IQ-Punkte: Überbegabung bei SV, Unter/minderbegabung bei VD.

Die meisten angebotenen Förderungen sind ja Mathe und MINT - das fällt meinem Sohn nicht schwer, interessiert ihn aber nicht die Bohne = Verweigerung. Geschichtenf/Literatur, Musik, Sprachen begeistern ihn, da gibts aber wenig Förderkurse. Musikinstrument ist wegen der Feinmotorik zu frustrierend, bei Theater, Sprachen, Chor haben wir es wieder mit großen Gruppen (mehr als 6 bis 8 Kinder) zu tun....
Ja, eine Quadratur des Kreises geht halt nicht.

Bika hat geschrieben:Die Kombination aus HB, Aufmerksamkeiststörung und autistischen Tendenzen muss wahnsinnig herausfordernd sein und ich kann mir vorstellen, dass die meisten Pädagogen damit überfordert sind.

Ja. Seufz.
Ich habe kein Problem damit, dass die Schule wahrscheinlich einfach vieles nicht leisten kann. Mit klaren Ansagen kann ich arbeiten. Ich habe ein großes Problem damit, dass die Lehrer nicht hinschauen. Wollen. Oder eher nicht können?

Liebe Anna,
Anne_mit_2 hat geschrieben:Ich habe für meine beiden Kinder jeweils Grundschulen ausgewählt, wo ich mir sicher sein konnte, dass es keine Wochenplanarbeit, aber viele Frontalunterrichtsphasen gibt, eben weil solche Zettel sie immer an die Grenzen der emotionalen Belastbarkeit gebracht haben.

Ich schaue ehrlich gesagt auch bereits genau nach solchen weiterführenden Schulen, OHNE Wochenplan, Logbuch etc. und viel Frontalunterricht. Ich komme mir immer so altmodisch vor, was ich mir anhören muss... Meinen Sohn macht es in diesem Sytem irre, dass er ja praktisch NIE zu Ende gearbeitet hat. Er könnte immer noch mehr tun. Er formuliert selber sehr klar: In unserer Schule kommt es nicht darauf an, was oder wie viel man lernt, sondern nur, dass man viele Zettel bearbeitet.

Und auch wenn ich so eine Schule finde: Wir haben immer noch die Verhaltensproblematik in großen Gruppen. Da wird er ja auch auf einer altmodischen Schule größere Probleme haben.

Es wird nie ideal sein, dass weiß ich. aber der Zustand auf der jetzigen Schule ist wirklich miserabel.


Gruß von Marta
Sohn *09/10, Frühgeburt

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