Entwicklungsverzögerung: Regelschule vs. Sonderpäd. Schule

Integrative Kindertagesstätte oder Sonderkindergarten? Kann mein Kind die Regelschule schaffen oder muss es doch eine Sonderschule besuchen? Hier dreht sich alles um Kindergarten- und Schulbesuch.

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Nelli82
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Entwicklungsverzögerung: Regelschule vs. Sonderpäd. Schule

Beitragvon Nelli82 » 23.11.2018, 11:30

Hallo in die Runde,

ich habe mich schon etwas durchs Forum gelesen, allerdings konnte ich keinen Fall finden, der unserem ähnelt, bzw. die gleichen Fragen aufwirft, falls es bereits einen ähnlichen Thread gibt, komme ich gerne auch darauf zurück.

Vielleicht sind hier Eltern von Kindern, deren Einschränkungen ähnlich sind und die bereits Erfahrungen in die ein oder andere Richtung machen konnten. Wir stehen aktuell vor folgender Situation:

Unser Sohn ist 6 Jahre alt und hat durch einen schweren Sauerstoffmangel unter der Geburt eine leichte Entwicklungsverzögerung, im Detail bedeutet das: Er hat in beiden Händen einen Tremor, er ist in allen Bewegungsabläufen verlangsamt, auch das Sprechen ist verlangsamt, die Aussprache auch noch etwas holprig, er kann rennen, springen, klettern, aber eben mit vielen Unsicherheiten und alles in seinem Tempo. Kognitiv ist alles fit. Zusammengefasst könnte man ihn wohl so beschreiben: Er ist ein völlig normal entwickelter Junge, aber eben recht langsam und wackelig. :)

Der Kindergarten rät schon seit etwa 2 Jahren dazu, ggf. über eine Einschulung in einer Sonderpädagogischen Schule nachzudenken, konkret: Stephen Hawking Schule Neckargemünd.

Wir haben ihn nun zunächst ein Jahr zurückstellen lassen, so dass er erst mit 7,5 Jahren eingeschult wird.

Nun steht aber doch demnächst die Frage nach der passenden Schule im Raum.

Regelgrundschule bedeutet: Kein besonders guter Ruf dank hohem Pensum, hohen Erwartungen an die Kinder und deren Selbständigkeit, Klasse mit 30 Kindern. (Alles Hörensagen, ob die Grundschule nun großartig anders oder schlechter ist als andere, sei mal dahingestellt, das kann ich nicht beurteilen.)

Kontra: Individualbetreuung = 0, Tempo Schule vs. Tempo Kind, hohes Pensum vs. Tremor und Sprache, wenig Einflussnahme auf Ausgrenzungssituationen (seine Defizite fallen anderen Kindern durchaus auf)

Pro hingegen: Normalität, gewohntes Umfeld/ Freundeskreis, bester Freund wird zeitgleich eingeschult + eventuelle Möglichkeit von I-Hilfe und Nachteilsausgleich

Gegenüber steht die Sonderpäd. Schule mit:

Kontra: andere Schule als seine jetzigen Freunde = Sonderstellung, ggf. Verlust der bisherigen Freunde, die sich in eine andere Richtung entwickeln + keine neuen Freundschaften, weil die meisten Kinder nicht aus direkter Umgebung kommen und natürlich für ihn ein bisher unbekanntes Umfeld und eventuell ein großes Fragezeichen "warum bin ich hier?"

Pro: eigentlich alles, Klasse mit max. 10 Kindern, alle Therapien wie zB. Ergo inhouse, Betreuung bis nachmittags, interessante AGs, Individualbetreuung, und und und...

Ich glaube, ihn in die SHS zu schicken, wäre schon verbunden damit, dass er den Anschluss an die anderen Kinder/ Freunde in seiner Nachbarschaft ziemlich verliert.

Die Entscheidung kann einem keiner abnehmen, das weiß ich, aber vielleicht gibt es ja Erfahrungswerte in punkto Normalität durch Regelschule (mit entsprechender Unterstützung durch eine I-Hilfe und ggf. Nachteilsausgleich) vs. beste Individualbetreuung in Sonderp. Schule.

Würde mich über Input freuen!

LG
Nelli mit Leonard (03/12, 40+2 SSW), schwere Asphyxie unter der Geburt, milde CP/ Entwicklungsverzögerung, fein- und grobmotorische Probleme, Tonus-Regulationsstörung (Tremor), Mikroschielen

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Beitragvon JohannaG » 23.11.2018, 11:51

Hallo Nelli,

wir haben uns bei ähnlicher Problematik für die Förderschule entschieden (beim jüngsten Kind, allerdings ohne Rückstellung). Und sind sehr froh darüber.

Ja - der Kontakt zu den Freunden vor Ort wird schwieriger. Aber nicht unmöglich.
Aber Kind ist glücklich an der Schule, neue Freundschaften entstehen (ja, Mama fährt.... aber es geht noch).

Und als Option steht noch, wenn sie es gut schafft, daß sie dann an die Regelgrundschule geht, kognitiv ist das durchaus drin bei ihr.

Ich muß allerdings fairerweise sagen, daß wir beim gesunden Sohm mit der Regelgrundschule auch nicht die glücklichsten Erfahrungen haben machen dürfen....

LG Johanna
Johanna, *73, Morbus Bechterew;
C., (w), 11/2004, adoptiert, FASD, Bindungsstörung, lernbehindert, juvenile Polyarthritis;
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Beitragvon Michaela44 » 23.11.2018, 11:54

Die meisten Schulen bieten vor Anmeldebeginn Kennenlerntage an, an denen ihr euch über die Schule informieren könnt. Die würde ich nutzen (mit deinem Sohn) und dann gucken, was das Bauchgefühl sagt. Wo würde sich dein Sohn wohler fühlen? Das ist nach meiner Meinung die wichtigste Frage.
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Beitragvon IlonaN » 23.11.2018, 11:58

Die Entscheidung kann einem keiner abnehmen, das weiß ich, aber vielleicht gibt es ja Erfahrungswerte in punkto Normalität durch Regelschule (mit entsprechender Unterstützung durch eine I-Hilfe und ggf. Nachteilsausgleich) vs. beste Individualbetreuung in Sonderp. Schule.

Hallo,
ja das mit dem Kontakt stimmt schon, aber das wird sich leider sowieso bald minimieren weil Kinder sich nunmal ihre freunde nach gleichen Interessen suchen und er ja leider auf grund seiner Einschränkungen auf Dauer nicht mit ihnen mithalten kann. Auch ist es für ein Kind spätestens ab 3 Klasse oder so nicht schön zu bemerken das sie eine Sonderstellung in der Klasse haben, einer meinr Mäuse hat sich gar als Versager gefühlt weil er diese Etrawurst in der Klasse war, jetzt ab Klasse 5 auf der Sonderschule blüht er richtig auf obwohl er kognitiv immer richtig an der anderen Schule war.
Ich 1961 Ösophagusatresie
Großfamilie mit leibl.Kindern/Ado-Kind und Pflegekindern mit FASD, ADHS, Autismus, Bindungsstörung mit Enthemmung ,Asthma, Neurodermitis u.v.m.

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Beitragvon Line86 » 23.11.2018, 12:23

Hey,
was du von deinem Kind beschreibst hört sich für die Ausgangssituation erst einmal gut an. Aber wie du schon beschreibst, wird dein Kleiner wahrscheinlich schnell Probleme mit dem Lerntempo etc. bekommen. Die Bildungspläne in Ba-Wü sind schon recht voll.....
Vielleicht nutzt ihr erst einmal die Zeit in der Grundstufe der SHS damit euer Kind noch mehr Zeit zum Reifen hat. Nach der 4. Klasse könnt ihr immernoch wechseln. In der SHS bieten sie auch Regelunterricht, somit ist der Übertritt möglich. Ich kenne das SBBZ und finde es ist ein Besuch wert.
Lg Line
Ich habe selbst viele Besonderheiten (u.a. Psoriasis Arthritis, Asthma, z.n 20 Operationen) und Sonderpädagogin mit FS GENT/L im SBBZ KMENT

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Beitragvon Rita2 » 23.11.2018, 12:50

Hallo Nellie,

in der ShS geht die Grundschule 5 Jahre, auch im Regelschulbereich. Das sollte man wissen. Ob man das gut oder schlecht findet muß jeder für sich selber oder sein Kind entscheiden.
Mit der SHS hast du auf jeden Fall eine Köperbehindertenschule auf der wirklich Regelniveau unterrichtet wird. Auf der Martinschule in Ladenburg hätte ich so meine Bedenken.

Ich würde nicht bis zu den Kennenlerntagen in der Grundschule warten, sondern schon jetzt das Gespräch mit der Schule suchen. Je nach dem wie sich die Schule/Rektor zu dem Thema stellt, wird das sicher deine Entscheidung beeinflussen.

Wenn du die Beschulung in der örtlichen Grundschule überlegst ist sicher die Elterninitiative Gemeinsam lernen gemeinsam leben eine gute Infoquelle. Die Verantwortlichen dort werden dir aber auf jeden Fall zur Grundschule raten. Aber entscheiden tust du ja es am Ende. Die Wissen aber sehr genau was an Unterstützung geht und was nicht.
Hier der Link zur Elterninitiative: http://www.elterninitiative-rhein-necka ... dexneu.htm
Einmal im Monat gibt es ein Elterntreffen. Das nächste Treffen zum Thema Schule/Kiga ist am 3.12.18 um 20:00h im Selbsthilfebüro Heidelberg (hier der Link zu Anfahrtsbeschreibung: http://www.selbsthilfe-heidelberg.de/he ... o/anfahrt/ ). Es gibt auch eine Telefonnummer unter der man anrufen kann.

Bei einem kognitiv fitten Kind würde ich an deiner Stelle die örtliche Grundschule versuchen, wenn das nicht klappt hat man die SHS immer noch als Option.
Aber sprecht mit beiden Schulen möglichst bald und entscheidet danach. Uns hat damals auch sehr eine Hospitation in der Sonderschule geholfen. Ich weiß nicht, ob so etwas auch in der Regelschule möglich ist.

Viele Grüße
Rita
Rita mit Sohn *Dezember 1995, ohne Diagnose,
cerebrale Koordinations- und Tonusregulationsstörung mit Zehenspitzengang, kognitive und sprachliche Entwicklungsstörung, süßer Bengel

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Beitragvon Lovis3 » 23.11.2018, 13:33

Hallo Nelli,

Ich würde ganz schnell das direkte Gespräch mit der Grundschule suchen. Dann bekommst du ein persönliches Gefühl, wie die Schule zu diesem Thema steht.
Wir dachten damals, Grundschule geht nie, weil Anton damals noch nicht sprechen könnten auch klar war, dass er das Tempo nicht mitmachen kann. Aber die Grundschule war so offen und positiv, dass wir es doch versucht haben. Und die Grundschuljahre waren die besten Jahre! Ab Klasse 5 wurde die Inklusion schwierig, weil die Interessen auseinander gingen. Jetzt in Klasse 7 geht er an eine Sonderschule.

Ich kenne auch einen Jungen an einer Grundschule hier in der Nähe, der auf Grund seiner motorischen Schwierigkeiten viel langsamer Israels seine Klassenkameraden. Er hat eine Schulbegleitung, Nachteilsausgleiche und ist sehr gut in seiner Klasse integriert.

Der Wechsel ist immer schwierig. Entweder muss dein Sohn nach dem Kindergarten weg von seinen Freunden und sich damit auseinandersetzen warum er an eine andere Schule gehen muss, oder dieser „Bruch“ kommt evtl. später. Was besser ist, weiß man vorher leider nie.

Wir versuchen immer, uns Ein eigenes Bild zu machen und dann auf unser Bauchgefühl zu hören.

Liebe Grüße
Katrin
Katrin mit A. *06, SSW 23+0, 600g, Sauerstoffpflichtige BPD und Lungenschädigung durch RSV-Virus, pulmonale Hypertonie, Rechtsherzinsuffizienz, Hypotonie,entwicklungsverzögert, sehbehindert, sehr glückliches Schulkind
und M. *08 und L. *11

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Beitragvon Leela » 23.11.2018, 13:48

Hallo, darf ich fragen, wie Ihr die Rückstellung durchgesetzt habt? mein Sohn hat dieselben Probleme (außer Tremor), dazu Konzentrationsprobleme durch die Muskelhypotonie, ist auch zurückhaltend, ängstlich, wehrt sich nicht usw. Trotzdem wird die Rückstellung von den Sonderpädagogen der hiesigen Grundschule nicht befürwortet, da kognitiv fit.
Vom SPZ bekommen wir wohl auch keine solche Empfehlung, weil sie sowas generell nicht machen...
LG
Sohn geb. Juni 2013 (5 Wochen zu früh, nach vorz. Blasensprung), Hirnblutung.
leicht entwicklungsverzögert
V.a. NF1 (cal)

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Beitragvon Nelli82 » 23.11.2018, 14:00

Kommt wahrscheinlich auf das Bundesland an, kann das sein? Wir wohnen in BW und es war recht simpel.

Hier gab es mit Vorschulalter eine Prüfung der Schul"fähigkeit" durch eine Ärztin o.ä. im Kiga. Diese hat Defizite in der motorischen Entwicklung erkannt, daraufhin gab es eine erneute Beurteilung durch eine Amtsärztin. Diese hat auf dem Einschul-Zettel vermerkt, dass eine Rückstellung empfohlen wird. Damit sind wir zum Einschulungszeitpunkt zur Grundschule gegangen und damit war das Thema durch. Kann sein, dass wir ggf. noch den ein oder anderen Entwicklungsbericht aus Logo, Ergo und Kiga angeheftet haben, aber mehr nicht.
Nelli mit Leonard (03/12, 40+2 SSW), schwere Asphyxie unter der Geburt, milde CP/ Entwicklungsverzögerung, fein- und grobmotorische Probleme, Tonus-Regulationsstörung (Tremor), Mikroschielen



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Beitragvon Silvia & Iris » 23.11.2018, 14:29

Liebe Nelli,

damals als ich in deiner situation war, sah ich mir alle Möglichkeiten an. Regelschule, da fand ich eine blutjunge Direktorin - damals gerade 26 Jahre alt, die sich das nicht zutraute... ich ging zur Sonderschule, hier wurde ich darüber aufgeklärt, dass mein Kind genau ein solches ist, welches in dem Schulsprenge von einer Schule zur anderen geschoben wird, von einer Klasse zur anderen um dann in der 3 oder 4. Schulstufe in der Sonderschule zu landen... Dort kommt er dann mit einem Sack von Minderwertigkeitskomplexen an, und die Lehrer haben ein Jahr zu tun, damit das Kind wieder mitmacht. Fazit: Ich habe ihn in die Spezialschule geschickt, dort die einzige Klasse erwischt, wo Integration nur am Papier statt findet, die Zähne zusammengebissen, wollte wechseln, aber es ging nicht... Er konnte nun in die Regelschule wechseln, musste dafür jetzt auch einiges in Kauf nehmen, und alle sind bemüht, leicht ist es dennoch nicht....

Aber auch ich konnte beobachten, dass derI-Status nich nur positiv ist...
Doch meine Prämisse ist inzwischen: kann das Kind in keinem Fach mithalten? Dann ist eine Integration eine große Belastung für alle Beteiligten... Ist es nur ein Fach oder ein Thema, so ist ein Besuch mit Unterstützung eine Option...

Vielleicht kann ich dir so helfen?

LG
Silvia
Liebe Grüße
Silvia
Tochter *03/2003, PCH, HG-versorgt, ein Sonnenschein
Sohn *03/2006 AVWS + was so dazu gehört


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