Entwicklungsverzögerung: Regelschule vs. Sonderpäd. Schule

Integrative Kindertagesstätte oder Sonderkindergarten? Kann mein Kind die Regelschule schaffen oder muss es doch eine Sonderschule besuchen? Hier dreht sich alles um Kindergarten- und Schulbesuch.

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Lisaneu
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Beitragvon Lisaneu » 27.11.2018, 14:52

Silvia & Iris hat geschrieben:Die Frage, die man sich ernsthaft stellen muss, ist: Kannst du dir wirklich vorstellen, dass dein Kind in der Schulstufe 4 problemlos eine Schularbeit schreiben kann? Eines Stunde still sitzen und das vorgegebene Quantum vollständig erledigen?


Ich greife diese Frage von Silvia mal auf. Zumindest ICH kenne (auch) keine Eltern von komplett gesunden Kindern, die sich noch VOR der Einschulung vorstellen konnten, wo ihr Kind in der 4. Klasse stehen wird!

Konnte ich mir auch nicht, als mein Großer in die Schule kam - und damals war er noch völlig ohne Diagnosen. Jetzt haben wir fixe Diagnosen für Autismus und ADHS und Regelgrundschule klappt trotzdem. Sohnemann ist in der dritten Klasse und es fängt schon an mit Noten, Lernzielkontrollen, Tests und Schularbeiten.

Auch an Regelschulen gibt es oft mehr Möglichkeiten als man als Eltern weiß. In der Schule meines älteren Sohnes sind alle Klassen I-Mehrstufen-Klassen. Mein Sohn ist immer noch als Regelkind dort, weil es bisher keinen Anlass gab, diesen Status zu ändern. Dort können z.B. langsamere Kinder die ersten beiden Klassen in 3 Schuljahren absolvieren oder schnellere Kinder in einem Schuljahr. Mit 3. und 4. Klasse ist es dasselbe. Und da alle Klassen Mehrstufenklassen sind verbleiben die Kinder dabei sogar in der Klassengemeinschaft.


Was aber jetzt die konkrete Enscheidung (welche Schule?) betrifft, kannst du, liebe Nelli, nur nach der JETZT-Situation gehen. Bedenke dabei, dass bis zur Einschulung noch 9 Monate Zeit sind, in denen er sich natürlich auch weiter entwickeln wird! Wenn du auf die bisherige Entwicklung deines Sohnes schaust (nicht nur kognitiv, sondern auch sozial-emotional) und ihn Dir in 9 Monaten vorstellst, glaubst du, dass er DANN die Anforderungen der 1. Klasse schaffen kann?

Was einen möglichen Schulwechsel betrifft, kommt es immer auf die Situation an. Wenn du merken solltest "Es läuft nicht so gut, ein Wechsel wäre besser!" wird es reichen, wenn der zum nächsten Halbjahr oder Schuljahresende stattfindet. Wenn unmittelbarer, schwerer Leidensdruck da ist, dann muss es auch andere Lösungen geben. Ich hatte selbst in so einer Situation in den 1980er Jahren einen Schulwechsel mitten im Schuljahr - war sogar im stockkonservativen Hinterland von Niederösterreich möglich!
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Silvia & Iris
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Beitragvon Silvia & Iris » 27.11.2018, 15:21

Liebe Lisa,

da ich keine Mehrstufenklasse kenne, ich nur Noten vom ersten Halbjahr an kenne (natürlich nicht bei meiner Tochter) - wurde ich das auch gleich gefragt von der Lehrerin, als ich damals hospitierte...
Ob ich mir das vorstellen kann, dass mein Sohn ruhig am Sessel sitzen bleibt...

... sie hat ja auch die Kinder dann während des Unterrichts angesprochen von hinten und gemeint "ihr seid ja nicht schwerhörig!" Nein, die Kinder haben die HGs und CIs nur als Attrappe :oops: weil es so lustig ist... - aber die Partnerschaft wurde inzwischen aufgelöst...

aber das ist eben meine Geschichte, überlebt haben wir es und danach die Konsequenzen gezogen...

Wir haben das mit dem Wechsel zwischen der 2. und 3. Schulstufe deshalb nicht geschafft, weil ich eine von 4 Unterschriften nicht fristgerecht holen konnte (da derjenige krank war zu der Zeit).

Aber wer weiß wofür es gut war...

Jedenfalls wurde keine Klasse wiederholt...

LG
Silvia
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Lisaneu
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Beitragvon Lisaneu » 27.11.2018, 17:22

Hallo Silvia & Iris,

schade, dass ihr so schlechte Erfahrungen mit dieser Lehrerin machen musstet. Aber darum soll erst recht ihre Aussage (ob man sich das Kind schon VOR Schuleintritt in der 4. Klasse eine Schularbeit schreibend vorstellen kann) nicht ernst genommen werden!

Und der Grund, warum ihr den Wechsel zwischen der 2. und 3. Schulstufe nicht geschafft habt war ja auch nicht, dass dein Sohn keine Schularbeit schreiben konnte.

Das soll nicht heißen, dass ich Regelschule generell bevorzuge. Aber das, worauf ich bei der Einschulungs-Entscheidung schauen muss, ist immer der IST-Stand des Kindes. Sowohl übertriebene Ängste (was dem Kind "zu viel" werden könnte) als auch übertriebene Hoffnungen (was das Kind bis dannunddann schon noch lernen wird) sind da fehl am Platz.

Ich hätte mir für Alexander durchaus einen I-Platz in einer gebärdensprachigen Mehrstufenklasse auch mit gesunden Mitschülern gewünscht. Dieser Wunsch war halt mit der Realität, also dem Punkt, wo er, als sich die Frage stellte, stand, einfach nicht zu vereinbaren. Und Alexander ist in seiner jetzigen Klasse sicher besser aufgehoben und wird besser gefördert.

Aber im Gegensatz zur TE hatte ich keine Wahl. Naja, ich hätte die Realität ignorieren und stur "meine" Vorstellung durchboxen können - auf Kosten meines Kindes. Mit Anerkennung der Realität gibt es im Umkreis von mindestens 100km genau EINE passende Klasse für ihn und das ist die, die er jetzt besucht.

Aber ich frage mich, was ich mit meinem älteren Sohn gemacht hätte, wenn mir zum Einschulungszeitpunkt seine Diagnosen schon bekannt gewesen wären. Hätte ich ihm dann überhaupt ZUGETRAUT eine Regelschule zu besuchen? Ich weiß es nicht!

Tatsächlich war es so, dass ich zum Zeitpunkt der Einschulung davon ausgegangen bin, dass er ein gesundes Kind ist und das alles schon schaffen wird. Vielleicht war es genau DIESER Glaube an ihn, der ihm das auch ermöglicht hat. Im normalen Grundschulbereich gibt es (zumindest in Österreich) doch einige Möglichkeiten. Wie das in D ist kann ich nicht sagen, aber wer suchet der findet doch manchmal :wink: .
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Beitragvon Lisa Maier » 27.11.2018, 19:50

Hallo Silvia,

ich glaube, daß das Risiko für ein rein körperbehindertes Kind, unnötigerweise gepampert zu werden, wesentlich höher ist, wie schulisch überfordert zu werden. Bei mir kam damals der Schularzt, um meine Mutter ohne vorherige Untersuchung meiner Person davon zu überzeugen, daß ein behindertes Kind niemals mit 6,5 Jahren schulreif sein könnte - er hat was gelernt. Der Sohn der Threateröffnerin scheint sozial gut integriert zu sein, was dafür spricht, daß es an der Regelschule wahrscheinlich klappt.
Kannst du dir wirklich vorstellen, dass dein Kind in der Schulstufe 4 problemlos eine Schularbeit schreiben kann? Eines Stunde still sitzen und das vorgegebene Quantum vollständig erledigen?
Wenn er kein ADHS hat, wird er wohl genauso lange still sitzen können wie andere auch. Und falls er motorisch bedingt signifikant langsamer schreiben sollte, dann muß es eben als Nachteilsausgleich Zeitverlängerung geben - ist bei motorisch Verlangsamten auch in Neckargemünd. Wenn er die Regelgrundschule schafft, muß er immerhin das zusätzliche Grundschuljahr nicht absitzen. Man sollte einem rein körperlich beeinträchtigen Menschen nicht von vorneherein unterstellen, daß er auch im Lerntempo verlangsamt ist. Das wäre sonst eine Diskriminierung. Wie gesagt, ich schrieb auch langsamer und ging wegen Krankenhausaufenthalte eigentlich nur 3,5 Jahre in die Grundschule. War trotzdem besser wie die meisten meiner nichtbehinderten Klassenkameraden. Bei der weiterführenden Schule kann man sich die Sache ja auch noch mal überlegen. Da war für mich wegen der sonstigen Selbständigkeit (Schutz vor Überbehütung durch die Mutter) das Behinderteninternat die bessere Lösung. Bin allerdings auch stärker eingeschränkt und hätte zuhause ohne Mutter nichts unternehmen können.

Viele Grüße

Lisa

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Beitragvon Silvia & Iris » 27.11.2018, 21:37

Liebe Lisa,

ja, manchmal muss man schon ins kalte Wasser springen und - meist lernt man dann auch schwimmen... -
ich wünsche dir empathische Lehrer, die das Kind aber nicht in Watte packen... leider kenne ich in meiner Umgebung kein einziges Kind mit ICP welches den normalen Schulabschluss bis zum 18. Geburtstag geschafft hat... -


Eine Mutter hatte das ganze Dilemma so gelöst - sie hat ihr Kind in 2 Schulen geschickt - ein Jahr zur Förderung des Lernens, ein Jahr zur körperlichen Förderung - beides an einem Standort gibt es bei uns leider nicht...


Das mit dem still sitzen - da haben auch andere Probleme damit... nicht nur ADHS... :roll:


LG

Silvia
Liebe Grüße

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Beitragvon grace » 27.11.2018, 21:54

Liebe Nelli,

Ganz ehrlich: So wie du deinen Sohn beschreibst ist das der ideale Inklusions-Kandidat der sehr viel davon profitieren wird in eine ganz normale Grundschule zu gehen und der eine Bereicherung für seine Klassenkameraden sein wird.

Du selbst scheinst ja auch recht entspannt der Situation gegenüber zu sein mit realistischen Erwartungshaltungen und positiv gestimmt.

Du musst nur absichern das die Regelschule deinen Sohn wirklich gerne willkommen heißt und keine Vorurteile hat, nix ist schlimmer als wenn das Kind eine abwertende Haltung erfährt, aber du hast ja noch genügend Zeit das zu überprüfen und die zukünftigen Lehrer kennenzulernen :)

Und wie Lisa schon schrieb, erst mal abwarten ob der Bub dann wirklich so viel langsamer ist als alle anderen....nach der Grundschule kann man immer noch andere Entscheidungen treffen und die Förderschule rennt euch ja auch nicht weg.

Und lass dich nicht entmutigen von einigen leider sehr schlechten Erfahrungen hier, es gibt auch sehr viele gute, sogar schwer mehrfach Behinderte oder sehr kranke Kinder werden erfolgreich inkludiert, die wirkliche Herausforderung für die inklusion sind übrigens körperlich fitte, aber sehr verhaltensauffällige Kinder.

Dein Sohn braucht einfach nur eine positive und liebevolle Schule und ein paar Hilfsmittel.

Alles Gute!

Grace

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Beitragvon Lisa Maier » 27.11.2018, 22:01

Hallo Silvia,
leider kenne ich in meiner Umgebung kein einziges Kind mit ICP welches den normalen Schulabschluss bis zum 18. Geburtstag geschafft hat

Stimmt, läuft oft so. Eine Ursache ist: Kind wird, weil es sich langsam oder ungeschickt bewegt, zurückgestellt, geht dann in eine 5-jährige Grundschule und verliert noch ein weiteres Jahr durch Krankenhausaufenthalte.
Eine anderer Grund ist, daß sie in eine KB-Schule eingeschult wurden, in der mangels genügend geistig fitter Schüler maximal auf L-Niveau unterrichtet wurde. Wenn man dann noch einen normalen Abschluß will, kostet das zusätzliche Zeit. Jaqueline hier aus dem Forum mußte zwei Schuljahre zurückgehen, als sie nach Neckargemünd und den normalen Lehrplan wechselte. Da kann man richtig alt dabei werden.
Ein anderer ICP'ler war 21 bis er einen mittleren Bildungsabschluß hatte- Das war kein Wunder, wenn man erst in eine G-Schule geschickt wird, hatte aber in Wirklichkeit nichts mit seiner ICP zu tun.
Ich hatte allerdings 3 ICP'ler in meiner Abiturklasse, die trotz unserer um ein Jahr zwangsverlängerten Oberstufe beim Abschluß 20 und 21 Jahre alt waren.

Viele Grüße

Lisa

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Beitragvon Silvia & Iris » 27.11.2018, 22:24

Liebe Lisa,

ich glaube auch, dass es in D anders läuft, als in A... - was ich jetzt nicht grundlegend als in allen Punkten schlechter oder in allen Punkten besser einstufen möchte... - aber beim Thema Inklusion ist Ö sicher kein Vorzeigeland :roll:

Gute Nacht
wünscht
Silvia
Liebe Grüße

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Beitragvon Lisaneu » 28.11.2018, 07:16

Silvia & Iris hat geschrieben:Liebe Lisa,
ja, manchmal muss man schon ins kalte Wasser springen und - meist lernt man dann auch schwimmen... -
ich wünsche dir empathische Lehrer, die das Kind aber nicht in Watte packen... leider kenne ich in meiner Umgebung kein einziges Kind mit ICP welches den normalen Schulabschluss bis zum 18. Geburtstag geschafft hat... -


Hallo Silvia,

ein Cousin von mir hat eine armbezogene ICP. Der hat immerhin Handelsschulabschluss und ist jezt, mit über 30 Jahren, schon über 10 Jahre in derselben Firma am 1. Arbeitsmarkt :) . Akutell macht er am 2. Bildungsweg nebenberuflich die Berufsreifeprüfung, weil er noch studieren will.

Ja, er hatte teilweise Probleme mit Mobbing, aber er hat sie überwunden. In Mathe, eigenlich "seinem" Fach, hatte er auch Probleme mit den kleinen Tasten des Taschenrechners. Und er war immer zu stur für Nachteilsausgleiche (die er durchaus hatte) und hat dann ganze Aufgabenstellungen verweigert, trotz dem Wissen, dass sich dadurch seine Note verschlechtert. Aber er wollte einfach keine "Sonderbehandlung".

Matura zum 18. Geburtstag hatte ich übrigens auch nicht (hab sie immer noch nicht) :wink: .
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Beitragvon Silvia & Iris » 28.11.2018, 07:33

Liebe Lisa,

ein Schulabschluss mit 18 ist ja keine Matura :wink:
Manche haben da noch nicht einmal die Hauptschule abgeschlossen, und das trifft nicht unbedingt nur Menschen mit Behinderung... - zumindest meine ich jene, mit einer nachgewiesenen... - die anderen Balken und Schranken die sich so manche Menschen so aufbauen... - die meine ich hier nicht :wink:

LG
Silvia
Liebe Grüße

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