Förderschule - ja oder nein?

Integrative Kindertagesstätte oder Sonderkindergarten? Kann mein Kind die Regelschule schaffen oder muss es doch eine Sonderschule besuchen? Hier dreht sich alles um Kindergarten- und Schulbesuch.

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mel1220
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Förderschule - ja oder nein?

Beitragvon mel1220 » 20.11.2018, 16:15

Hallo an alle,

wir kommen mit und für unseren Junior (7) nicht weiter.
Kurze Zusammenfassung: Junior kam als Adoptivkind mit 2 Jahren zu uns. Er ist schwer traumatisiert aufgrund mehrfacher Bindungsabbrüche und wir sind deshalb auch seit Beginn des Jahres in Psychotherapie, 2 x die Woche.

Seine Baustelle, von Anbeginn der Schule an, ist die Konzentration. In der ersten Klasse ging es gerade noch so, mittlerweile geht aber gar nichts mehr. Seit Januar bekommt Junior auch Medikamente bezgl. ADHS.
Sein Verhalten in der Klasse hat sich hier zu 100 % gedreht und er ist quasi ein Musterschüler.
Er macht aber einfach nicht mit. Gar nichts. Wenn nicht permanent nach ihm geschaut wird kommt nichts. Er legt im Prinzip den Stift weg und träumt sich davon.
Auch bei den Hausaufgaben. Ich sitze in der 1:1 Situation mit ihm und leite ihn Punkt für Punkt an. Dann geht es. Aber sonst geht eben gar nichts.
Unsere Therapeutin sagt er geht in die Dissoziation. Ist dann einfach weg.
Wir verstehen das vom Prinzip her.
An manchen Tagen hat er dann so eine Form, da wirft er die REchenergebnisse gerade so raus, schreibt auch flüssig als gäbe es kein morgen.
Nur diese Tage sind eben seehhrr seehhrr selten und reichen nicht.

Nun stehen wir da... wissen nicht was wir tun sollen.
Vor der medikamentösen Behandlung hatten wir schon ein AOSF Verfahren angestrossen. FS lernen wurde ausgeschlossen, wir waren uns bei SE einig.
Nach den Medikamenten war das aber für die Prüferin kein Punkt mehr, in Absprachen haben wir das Verfahren nun seit März ruhen lassen.

Wir sehen aber, dass es nicht weiter geht. Die Überlegung ging jetzt dahin ihn die 1. Klasse zurück zu nehmen. Wäre eine Option.
Wir sehen aber nicht, dass wir hier eine Hilfe auf Dauer bekommen. Er wird auch dort nur beschränkt mitarbeiten. Spätestens in einem Jahr stehen wir wieder vor den gleichen Problemen.
Er kann so den gestellten Anforderungen nicht gerecht werden.
Er quält sich weil er selbst merkt dass er nicht mit kommt.

Wäre es nicht besser zu versuchen ihn an einer Förderschule besser zu fördern? Die Prüferin hat uns vorgeschlagen uns doch mal die Förderschule anzusehen.
Oder erhoffen wir uns hier zu viel?
Unsere Psychotherapeutin hat uns gewarnt, dass er dort vielleicht noch mehr Probleme bekommt weil ja jedes Kind dort ein Paket zu tragen hat.
Aber dafür sind es doch besser ausgebildete Lehrkräfte? Mit mehr Erfahrung mit Special Edition Kindern?

Könnt ihr unsere Bedenken unterstreichen oder zerstreuen?

WAs ist richtig, was ist falsch?

Ratlose Grüße
Mel

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Beitragvon RikemitSohn » 20.11.2018, 17:20

Hallo,

wenn ich das richtig verstanden habe, kommt er inhaltlich durch das ständige Abdriften nicht mit. Wäre er konzentriert dabei, könnte er auch den Schulstoff wie die anderen Kinder erarbeiten.
Unter diesen Umständen würde ich definitiv die Klasse nicht wiederholen, denn das löst das Problem nicht, sondern kaschiert es. Er würde weiter dissoziieren, aber es würde durch die Wiederholung des Stoffes erst einmal nicht stören. Dissoziation ist eine psychische Störung, die wahrscheinlich nicht in einem Jahr verschwunden ist. Also sollte geschaut werden, wie er bis zu einer Besserung gut lernen kann. Mir würde als erstes eine Schulbegleitung einfallen, die ihn immer wieder zurück holt. So könnte er mitarbeiten und müsste nicht ständig in diesen Zuständen leben.
Die Förderschule könnt ihr euch mal anschauen-das tut ja nicht weh. Aber ich würde erst einmal noch an der Regelschule experimentieren, wenn er sich dort sonst wohl fühlt.
LG Rike
Mama mit Sohn 2004 ADHS und HB

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Beitragvon heidipet » 20.11.2018, 17:42

Hallo Mel,

das hatte ich vor ca. einem Jahr geschrieben und es stimmt für uns immer noch:
Hallo zusammen,
unser Sohn war erst 4 Jahre mit I-Helfer auf einer Regelschule. Es klappte sehr gut, weil alle sehr engagiert waren. Das hängt aber sehr stark von der Schulleitung und den ganz konkreten Lehrern ab, nicht von der Schulform.
Unsere Argumente waren:
Wenn er auf die Förderschule geht, ist er aus der Dorf-Kindergemeinschaft raus.
Auf der Förderschle ist der maximale Bildungsabschluß Hauptschule. Damit fehlt eine Durchmischung und auch z. B. eine zweite Fremdsprache, wenn man später zum Abitur will.
In der Vierten riss aber der Kontakt zu den anderen Kindern privat sowieso ab, und er wird ohnehin nur mit Mühe vielleicht den Realschulabschluß schaffen. Also hat er zur 5. auf eigenen Wunsch zur Förderschule gewechselt (Sein Argument: Keine Hausaufgaben, nicht etwa andere Rollifahrer oder so).

Diese ist ok, aber nicht so toll, wie sie sich verkauft. Vorteil sind z.B. Therapien in der Schule und große Flexibilität, was Arztbesuche, Ausfallzeiten, etc. betrifft. Das geht natürlich zu Lasten des Lernstoffs.
Zudem stuft die Schule Kinder gern in "L" herunter, das ist unser Eindruck. Bei unserem Sohn berechtigt, bei anderen fraglich.

Unser Junior fühlt sich an der Schule wohl, wir halten ihn für gut versorgt.

Unser Fazit: Hätte er Aussichten auf Abitur, hätten wir ihn definitiv nicht auf die Förderschule geschickt. So, wie es ist, leben wir gut damit.

Gruß
Heidi
Gruß
Heidi

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Beitragvon HeikeLeo » 20.11.2018, 17:43

Liebe Mel,

wenn er so sehr abdriftet, wurde da schon nach Epilepsie geschaut? Das könnte ja noch zusätzlich sein?

Liebe Grüße
Heike

sandra8374
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Beitragvon sandra8374 » 20.11.2018, 18:21

Guckt euch die Förderschulen an. Ruhig mal alle.

Wie sieht es mit I-Helfer aus?

Man kann auch von der Förderschule aus noch weitere Abschlüsse machen.
LG Sandra

S+F mit PT(*00 FAS, Microdelitation 16p11.2, ADHS, GB, Z.n.Absencen?, Sehfehler, Lordierung LWS, Skoliose 17,8%, Beckenschiefstand, Hüftkontraktur, Korsettversorgung, mit SBA 90 HBG) u. PS (*01 ADS, GB, Sehfehler, Knick-Senk-Füße, Z.n.Epilepsie, mit SBA 60)

kati543
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Beitragvon kati543 » 20.11.2018, 18:50

Hallo,
ob in einer Förderschule mehr Fachkräfte sind, ist wahrscheinlich vom Bundesland abhängig. Bei uns geht die inklusive Beschulung auf Kosten der Ressourcen der Förderschulen. Sehr viele Lehrer der Förderschulen sind hier im Außendienst tätig. Die Förderschulklassen haben zwar theoretisch eine doppelte Lehrerbesetzung, aber praktisch wird die schon lange nicht mehr erreicht.
Bei meinen beiden Söhnen war in der inklusive Grundschule und auch jetzt in der inklusive weiterführenden Schule immer ein Förderschullehrer als Zweitbesetzung in der Klasse anwesend.
Wenn dein Kind aber effektiv eine 1:1 Situation benötigt, dann schau doch mal, ob du das irgendwie in einem Gutachten bekommen kannst und beantrage dann eine Schulbegleitung. Das ist doch genau das, was du dir wünschst. Dann könnte man sogar noch etwas weiter gehen und den Arbeitsplatz in der Schule etwas optimieren. Manchmal hilft da schon ein anderer Sitzplatz, manchmal braucht es ein paar Hilfsmittel.
LG
Katrin
Katrin (Epilepsie)
O. (Frühk. Autismus (HFA), Sprachentwicklungsstörung, Ptosis, Hypotonie, AVWS, LRS, Vd. Valproatembryopathie)
D. (geistige Behinderung, Frühk. Autismus, Epilepsie, Esstörung, Trigonoceph., Hypertonie, Opticushypoplasie, Amblyopie, Mikrodeletion 3p26.3, Vd. Valproatembryopathie, Z.n. Schädelbasisfraktur)

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Tanja2014
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Beitragvon Tanja2014 » 20.11.2018, 20:23

Hallo Mel,

ich würde es wohl erstmal mit einer Schulbegleitung versuchen. Das Problem ist ja scheinbar nicht, dass er nicht versteht, was die Lehrerin erklärt, sondern das "mental dabei bleiben". Dieses Problem würde sich ja vermutlich auch an der Förderschule nicht in Luft auflösen. Vermutlich würde sich das an einer Förderschule mit Schwerpunkt ES sogar eher noch verschærfen, bei den anderen Kindern gibt es ja auch einen Grund, warum sie dort sind. Eine Schulbegleitung würdet Ihr -zumindest in NRW -ja auch ohne AOSF bekommen.
Viele Grüße
Tanja
mit B. (*2012) - Extremfrühchen, spastische ICP beinbetont GMFCS Level 1
und Wirbelwind (*2013)

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Beitragvon melly210 » 20.11.2018, 20:53

Ich wäre auch für eine Schulbegleitung. Den Stoff versteht er ja ansich sagst du, und von einer Förderschule ES aus den Sprung zurück in eine weiterführende Regelschule zu schaffen ist nicht leicht. Auch dann wenn dort theoretisch der Regelschullehrplan gemacht wird, kommen sie oft aufgrund der Baustellen der Schüler trotzdem langsamer voran als eine Regelschule, und ja vom Miteinander und Sozialverhalten her ist das was er sich dort von den Mitschülern abschaut halt auch nicht das was man gerne hätte. Außerdem hätte er auch dort keine 1:1 Lernsituation. Ich würde daher solange geistig die Möglichkeit zu Matura/Abitur besteht sicher eine inklusive Beschulung nehmen.

mel1220
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Beitragvon mel1220 » 20.11.2018, 22:04

Vielen lieben Dank euch allen für eure Inputs!
Es stimmt schon. Wenn wir auf unseren Bauch hören wäre die Schulbegleitung das richtige. Ich hatte nur so
grosse Bedenken weil er sich auch zu Hause eben auch in der 1:1 Situation so schwer tut. Meistens.... Wenn er „kann“, dann kann er zu Hause. Wir brauchen einfach Zeit. Das mit der Dissoziation trifft es eben zu 100%
Keiner weiss wann und wie es besser wird.
Den Versuch der Schulbegleitung hatten wir schon mal gestartet, da hat uns das Jugendamt ans Sozialamt und umgekehrt verwiesen. Jeweils der andere sei zuständig.
Inklusive Schulen haben wir hier leider nicht.
Wir setzen uns am besten wohl mit allen nochmal zusammen. Zur Not müssen wir uns Hilfe bei der Durchsetzung der Schulbegleitung suchen.
Junior ist endlich in der Klasse angekommen und liebt seine Selbständigkeit beim nach Hause laufen etc...
Das ist sooo viel mehr wert als schnell zu rechnen (im Moment noch)
Danke euch, wir versuchen es!!!

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r.bircher
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Beitragvon r.bircher » 21.11.2018, 01:56

Hallo

Kommt mir bekannt vor, und zwar von mir selbst. Ich war auch ein Zerstreutes Kerlchen in der Schule und wusste eigentlich nicht warum, und schon gar nicht, was ich dagegen tun kann. Das komische war auch, dass ich zu gewissen Zeitpunkten sehr konzentriert sein konnte.

Mit 15 Jahren begann ich mich im Rahmen meines sportlichen Trainings mit NLP (Neuro Linguistisches Programmieren) zu Befassen. Es ist ein Teil des Mentaltrainings. Es geht dabei um Positives Denken, Konzentration und was im Kopf alles so ab geht. Ein hoch spannendes Gebiet.

Dabei lernte ich, dass diese Zerstreutheit, die Vorstufe der Hochkonzentration ist. In dieser Phase wird der Kopf quasi komplett geleert. wenn man dann auf sich auf etwas fokussiert ist man 100% Konzentriert (oder fast). Ein Trick das die Brücke von diesem Geistigen Schweben in die Hochkonzentration zu gelangen ist, ein markanten Punkt in einem Raum zu avisieren. Damit werden die Gedanken quasi zurückgeholt und man ist da wie kaum jemand anders.

Mir wurde immer gesagt, dass ich mit dieser Tagträumerei aufhören sollte, dass das nichts gutes ist. In diesem Buch (was ich leider nicht mehr weiss wie es hiess), lernte ich, dass ich eine Waffe hatte, die sich andere Menschen mühsam antrainieren müssen. Die Hochkonzentration.

Die Hochkonzentration hat allerdings den Nachteil, dass man sie nicht lange aufrecht erhalten kann. Sie gibt einem zwar einen klaren Vorteil in Stresssituationen oder bei sehr komplizierten Aufgaben, aber im Alltag ist sie eigentlich nicht zu verwenden.

Die Durchschnittskonzentration zu halten musste ich mir mühsam erlernen. Mittlerweile kann ich sie auch. Ich habe wie ein Gasregler der Konzentrationsstufe in mir. Ich habe verstanden wie ich Funktioniere und das ist extrem wichtig.

Konzentration ist eh ein schwieriges Thema und wie oft sagen Lehrer "Konzentriere dich" und keiner versteht eigentlich was zu tun ist. Du kannst ja mal das Experiment machen, und einen Lehrer fragen, ob er bitte mal Konzentration erklären kann und das Kindgerecht. Meine Antwort ist. Mit Kopf, hand und Herz an EINER Aufgabe zu sein.

Klar, bei einem sieben Jährigen ist es noch schwer, solche Sachen zu erklären. Dennoch geht es nicht darum, einen Menschen auf Standard Mensch 0815 aus dem Lehrbuch zu trimmen. Das ist schon von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Es geht darum, seine Stärken und Schwächen kennen zu lernen. An den Schwächen zu arbeiten und mit den Stärken trumpfen. Nur so finden Special Edition ihren Platz in der Gesellschaft.

Gruss Raphael
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