Verdacht auf ADHS

Hier könnt ihr euch über ADS und ADHS austauschen.

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Jakobspapa
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Beitragvon Jakobspapa » 01.01.2019, 15:36

Hallo Julia,
Ich frage mich gerade,ob dieses schlechte Gedanken haben auch zu adhs gehört.Oder ob es einfach an seiner sensiblen Art liegt oder wie schwer er es im schulalltag und sozial leben hat.
Mein Sohn redet seit einigen Tagen wieder davon,das er an den Tod denken muss,wenn er abends im Bett liegt.
Sagen wir mal so: das eine bedingt das andere. Probleme im Alltag machen das Leben nicht gerade zu einem Vergnügen, das kann in eine Depression führen. Ich würde es als sicher bezeichnen, dass auch AD(H)Sler aus ihrer alles andere als glücklichen Situationen eine Todessehnsucht entwickeln können, einige setzen sie auch um, wenn sie keinen anderen Ausweg finden.

Daraus folgt aber noch lange nicht, dass Dein Sohn akut suizidgefährdet wäre. Als durchaus ernst zu nehmendes Anzeichen für eine Depression würde ich es aber in jedem Fall werten.
In 2 Tagen sind wir im spz zu einem Test und da werde ich das mal ansprechen.
Unbedingt!

Mein Großer hat seinerzeit eine mittelschwere Depression entwickelt, als alle nur noch auf ihm herumgehackt haben, und er keine Chance hatte, sein Verhalten anzupassen. Wenn Du nur negatives Feedback bekommst, wenn alles schief läuft, egal was Du tust (im Rahmen dessen, was zu tun Du überhaupt in der Lage bist), zerbrichst Du mit der Zeit daran. Er hat oft geweint (in der Schule ein Grund, nochmal extra draufzuhauen, und zwar erschreckender Weise lehrer- wie mitschülerseitig), und war schlicht und ergreifend am Ende mit der Welt.

Er war deshalb in stationärer Behandlung, dort konnte man ihn auffangen - zum Glück, wer weiß, wie die Abwärtsspirale sonst ausgeartet wäre.
Die Depression ist heute heute weg, in meinen Augen vor allem durch die ADHS-Medikation (das sind keine Antidepressiva, sondern Stimulanzien), weil er damit seinen Alltag recht gut bewältigt bekommt - das wurde dadurch überhaupt erst machbar.

Ich wünsche Euch ein gutes, vor allem besseres neues Jahr, und drücke die Daumen, dass ihr an einen guten Arzt geratet.

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Lisaneu
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Beitragvon Lisaneu » 01.01.2019, 15:52

Ich habe ja selbst sehr wahrscheinlich unbehandelte ADHS und ich war in meiner Schulzeit, als ich so gemobbt wurde, schwer depressiv. Musste dann mit 12 Jahren mitten unter dem Schuljahr Schule wechseln, weil ich von meinen Mobbbern mit Mord bedroht worden bin und daraufhin meinerseits mit Selbstmord gedroht habe (völlig ernst gemeint!) falls mich wer zwingen sollte, DIESE Schule noch einmal zu betreten.

Ich gehe davon aus, dass es bei deinem Sohn nicht so krass ist. Aber diese dunklen Gedanken, und vor allem das Gefühl, nichts "richtig" zu machen, kenne ich sehr gut. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich als Kind mit 10, 11, 12 Jahren vor dem einschlafen intensiv darum gebetet habe, das mich der liebe Gott endlich "brav" werden lässt. In der Volksschule war es mir noch gut gegangen, da war ich voll integriert gewesen und hatte Freunde gehabt (hauptsächlich "wilde" Buben, aber was macht das schon :wink: ?). Da habe ich diese dunklen Gedanken nie gehabt. Diese Abwärtsspirale mit täglichen, ernsthaften Selbstmordgedanken am Höhepunkt, hat erst mit dem Eintritt in die Hauptschule begonnen und ist von meinen Eltern leider erst sehr spät erkannt worden.

Diagnose hatte ich keine, obwohl meine Eltern mit mir bei mehreren KJPs waren. Aber damals wurde ADHS noch sehr selten diagnostiziert und bei Mädchen schon gar nicht. Ich hoffe sehr, durch die rechtzeitige Diagnose und Behandlung meinem Sohn so Erfahrungen ersparen zu können.

Ernst nehmen würde ich diese Aussagen deines Sohnes auf jeden Fall, auch wenn keine konkreten Suizidgedanken dahinter stecken. Mit meinem heutigen Wissen würde ich in so einem Fall (also wenn es meinen ADHS-Sohn betreffen würde) eine Psychotherapie in Kombi mit Medikation versuchen. Neurofeedback kann auch gut sein, aber da habe ich noch keine Erfahrungen.

Um auf deine Frage zurückzukommen. MMn gehören solche Gedanken nicht zwangsläufig zu ADHS, können aber durch schwierige Lebensumstände, welche durch ADHS "entstanden sind", ausgelöst werden.
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Beitragvon Julia-82 » 01.01.2019, 16:33

Er hat das ja schon seit schulbeginn immer wieder phasenweise.Leider ist er vor den Ferien mal wieder öfter von anderen Kindern in der schule geärgert und auch körperlich angegangen worden.Ich hatte schon mit der Lehrerin gesprochen und das wird auch im Auge behalten,aber er wehrt sich eben wirklich gar nicht und diese Kinder wissen das und es wird vermutlich so weiter gehen.
Vielleicht hängt es auch damit zusammen,das die schule bald wieder los geht.Das er deshalb jetzt wieder oft daran denken muss.

Das mit den Depressionen sehe ich auch so,ich denke,er braucht da wirklich fachliche Hilfe.Ich werde es am Donnerstag ansprechen.
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Beitragvon sonjasigor » 01.01.2019, 17:35

hallo julia,
ich möchte nichts schönreden, und ansprechen ist sicher richtig, aber mein sohn, damals 7 jahre alt (ohne ADHS, aber mit schwerem herzfehler, vielen KH aufenthalten, OPs etc.) hatte auch eine phase, in der er oft über den tod reden wollte, davon träumte etc. ich habe mir auch sorgen gemacht (trauma etc) und habe mich dann eingelesen, und habe festgestellt, dass das eine normale phase in der entwicklung ist (ende kiga bis in die grundschule) dieses begreifen, dass alle sterblich sind, also auch man selbst. das ist als neue erkenntnis natürlich ein päckchen, das man erstmal verkraften muss, und es dauert eine weile, bis man das thema dann auch wieder "zur seite legen kann".
was ich damit sagen will: das kann auch alles ganz normale entwicklung sein. muss nicht, und natürlich sollte man das im auge behalten, aber vielleicht findet ihr ja z.b. ein buch zum thema, das ihr zusammen lesen könnt, und das klärende/lösende gespräche ermöglicht? ich bin mir nicht mehr ganz sicher, aber ich glaube wir hatten "hat opa einen anzug an" oder so ähnlich gelesen. war gut.
ich wünsche euch viel glück und hoffe, dass er das thema wieder loslassen kann.
herzliche grüße
sonja

Jakobspapa
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Beitragvon Jakobspapa » 01.01.2019, 19:21

Leider ist er vor den Ferien mal wieder öfter von anderen Kindern in der schule geärgert und auch körperlich angegangen worden.
[...]
Aber er wehrt sich eben wirklich gar nicht und diese Kinder wissen das und es wird vermutlich so weiter gehen.
Und da liegt des Hase vielleicht im Pfeffer. Dein Sohn kann sich dieser wiederkehrenden Situation (die wahrscheinlich häufiger eintritt, als Du Dir das vorstellen möchtest) durch die Schulpflicht weder entziehen, noch hat er die Möglichkeit, sie sinnvoll zu bewältigen.

Gerade in Konfliktsituationen mit anderen müssen wir Unmengen von Informationen verarbeiten, um "richtig" zu handeln - das überfordert oft schon neurotypische Kinder. Ein AD(H)Sler ist damit quasi sofort überfordert - er kann nur falsch reagieren, entweder, indem er sich gar nicht wehrt (das passiert Deinem Sohn), oder in dem er aufgrund mangelnder Impulskontrolle zuhaut (dann steht er plötzlich als Aggressor da).

Ich habe meinem Sohn damals versucht, beizubringen, wie er sich durch Worte (!) wehren kann. Das war völlig vergebene Liebesmüh, denn die "normalen" Kinder haben einen meilenweiten Vorsprung, und geben sich dann vor der Lehrerschaft so, als könnten sie kein Wässerchen trüben. Mein Sohn galt entsprechend bei der Lehrerin als aggressiv, obwohl er sich lediglich mit Worten gewehrt hat. Wir haben dann immer zu hören bekommen, dass er sich nicht wehren dürfe, sondern sich an einen Lehrer zu wenden habe - und wann immer er das versucht hat, bekam er keine Hilfe, sondern einen blöden Spruch in der Art, dass er sich da nicht so anstellen solle.
Zum verzweifeln.

Letztendlich hat er nicht mal mehr uns erzählt, wenn etwas vorgefallen war, denn offensichtlich war ja auch das sinnlos - sondern hat das alles in sich hineingefressen. Er ist dann gegen Ende der Grundschule bei einem Vorfall, bei dem er vor der ganzen Klasse gedemütigt wurde, explodiert, hat einem Mitschüler, der ihm ein Lineal weggenommen und zerbrochen hatte, auf die Finger gehauen, und seinen Mitschülern, die ihn auslachten, schriftlich eine tödliche Krankheit gewünscht. Prompt wurde er von Seiten der Schule mit einem Terroristen und Amokläufer verglichen. Das Warum hat niemanden interessiert, wir haben lediglich einen Packen abgeschobener Verantwortung in den Briefkasten bekommen.

Dein Kind verhält sich höchstwahrscheinlich ebenfalls auf subtile Weise anders als die anderen, und zieht den Ärger regelrecht an. Menschen können diese Andersartigkeit selten benennen, aber durchaus spüren, und einige, auch (oder gerade?) Kinder, nehmen jede Gelegenheit wahr, auf einem - wenn man es so ausdrücken möchte - geborenen Opfer herumzuhacken, um ihren eigenen Druck abzubauen (der entsteht u.a. auch durch die Schule).

Für neurotypische Kinder ist das eine Art Sparring, sie lernen daraus und entwickeln Strategien, um ihre Angriffsfläche zu reduzieren. Ein AD(H)Sler ist damit schlicht überfordert, und kann das nicht leisten. Keine seiner ihm möglichen Handlungsoptionen ist zielführend bzw. akzeptabel.

Aus dieser Lage kommt er ggf. aus eigener Kraft nicht heraus.

Eine normale Beschäftigung mit dem Thema Tod gibt es natürlich auch, bei unserem Kleinen noch gar nicht so lange her. Dies kann, weil das Thema nun mal kein Alltägliches ist, irritieren. Er hat mich damals gefragt: "Du Papa, stirbst Du bald?". Da bleib mir auch erst mal die Spucke weg - aber es war nichts Bedrohliches dabei. Ich lese aus Deinen Zeilen heraus, dass Du es bedrohlich empfindest. Dann vertrau Deinem Bauchgefühl, dieser Sensor funktioniert oft besser als der schärfste Verstand.

Lisaneu
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Beitragvon Lisaneu » 01.01.2019, 19:53

@jakobspapa: danke für die sehr detaillierte Beschreibung von Verhalten von ADHS-Kindern. Du triffst es sehr gut, sowohl was meinen Sohn betrifft, als auch was mich als Kind damals selbst betroffen hat.

Auch bei meinem Sohn ist es völlig sinnlos, ihm vermitteln zu wollen, wie man sich mit Worten wehrt. Eigentlich grotesk, weil er in deutsch sehr gut ist und einen sehr großen Wortschatz hat. Aber die "Zwischentöne" fehlen ihm komplett. Zugeschlagen hat er GsD nur selten, aber wenn, dann wurde er auch immer als aggressiv und unberechenbar hingestellt - Vorgeschichte egal und hat niemanden interessiert. Meistens war aber seine Reaktion ein wütendes Gesicht und Drohgebärden in die Luft, begleitet von Gebrüll. Zugegeben - mit Zahnlücke und den Grimassen, die da dabei waren, hat es wirklich komisch ausgesehen - aber trotzdem war es für ihn in dem Zustand sehr schwer, auch noch auszuhalten, für den Ärger ausgelacht zu werden!

Ich selbst habe auch den Sinn des "Sparrings" unter Kindern nie verstanden und bin froh, das heute als Erwachsene nicht mehr tun zu müssen. Aber mein Sohn muss da noch ein paar Jahre durch, was hart werden wird.
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Julia-82
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Beitragvon Julia-82 » 01.01.2019, 20:19

Mein Sohn ist so eingestellt,das man andere nicht haut.Er hat Angst,das er anderen mehr weh tun könnte,als ihm weh getan wurde.Das gilt für alle,außer zuhause seinem kleinen Bruder.Da wehrt er sich auch körperlich,wenn der kleine Bruder ihn penetrant bedrängt,ihm weh tut oder dergleichen.

Es ging hier bei besagten Kindern übrigens um Mädchen aus der 4.klasse.mein sohn ist ein großer,kräftiger Junge und innen sehr sensibel.Er würde sich Mädchen gegenüber natürlich noch viel weniger wehren.Er geht zur Pausenaufsicht,die schaut sich das dann an und in der Zeit passiert nichts.Schaut die Aufsicht dann weg,geht es weiter.Er sagt schon,das sie aufhören sollen,aber offensichtlich wird er nicht ernst genommen.Bisher gab es auch noch nie einen Vorfall seinerseits,aber irgendwann wird es den sicherlich geben,wenn es ihm dann zuviel ist.

Für mich ist es sehr schwer,das auszuhalten.Er ist oft sehr traurig,weil er keine Freunde hat.
Er lernt eigentlich gerne und geht auch gerne zur schule,wenn da nicht die sozialen Probleme wären.Vom Kopf her ist er ja auch keine 9,also er versteht vieles von gleichaltrigen dann einfach nicht.
Das er anders ist,wissen die kinder quasi vom ersten Tag.Ich hatte recht schnell die ersten Gespräche mit der Lehrerin,weil die anderen Kinder einfach nicht mit ihm zurecht kommen.Sie gibt sich wirklich viel Mühe,ihn in die Klasse zu integrieren und laut ihr ist es auch viel besser geworden.Nur seine Erzählungen und Empfindungen zeigen mir,das es eben nur nach außen hin so ist.

Der Psychologe hat mir letztes Jahr im Februar schon gesagt,das sein schulaltag nur schwer durchzustehen ist.Ich frage mich allerdings,wieso er die Gruppen ergo macht,die irgendwie auch nicht wirklich etwas zu bringen scheint.Selbst dort eckt er meist nur an.Ich finde nicht,das es ihn stärkt oder ihm bei der Bewältigung hilft.Der Psychologe meinte,das ihm sowas mehr helfen würde als einzelne Gespräche bei ihm.

Wie schafft ihr es das alles durchzustehen? Ich habe immer öfter Probleme damit,meine Kraft zu sammeln.Ich habe ja nicht nur ihn,sondern auch den 4 jährigen mit verdacht auf ASS und jeder Tag ist einfach irgendwie ein Kampf.Ich würde gerne viel mehr mit den Jungs unternehmen,aber sie sind solche Stubenhocker,das es ewig dauert bis wir mal alle fertig sind.Ich muss sie da regelrecht zu ihrem Glück zwingen.Da es ja schon im Alltag so stressig ist,spare ich mir das in den Ferien meist und so sitzen wir hier tag für tag rum.
Meine Tochter braucht auch noch Aufmerksamkeit und gerade in dieser Situation kann man nicht allen gerecht werden.
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Jakobspapa
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Beitragvon Jakobspapa » 01.01.2019, 22:20

Mein Sohn ist so eingestellt,das man andere nicht haut.Er hat Angst,das er anderen mehr weh tun könnte,als ihm weh getan wurde.
Dieses Verhalten ist normal, was bedeutet: es genügt den gesellschaftlichen Normen. Ob das "gut" oder "schlecht" ist, ist wieder eine ganz andere Kategorie.
Für meinen Vater - undiagnostiziert, aber ein ADHSler wie er im Buche steht - war es "gut", dass es in seiner Jugend die heute propagierte "Gewaltfreiheit" nicht gab. Damals wurden die Fronten unter Jungs auf heute nicht mehr akzeptable Weise geklärt. Mit dem heutigen Gesellschaftssystem wäre er als Kind dagegen völlig gegen die Wand gefahren.

Als kleine Randnotiz, auch wenn ich körperliche Gewalt ablehne: am hiesigen SPZ werden Kurse angeboten, in denen die Kinder wieder lernen, "normal" (!) miteinander zu raufen. Sie dürfen das heute im normalen Alltag gar nicht mehr, und wenn es dann doch passiert, gibt es Schwerverletzte und Tote.

Die heutige "Gewaltfreiheit" ist auch nur eine scheinbare - man tut so, als sei Gewalt ausschließlich körperlicher Natur. Psychische Gewalt ist aber kein Bisschen harmloser, und die Kinder weichen darauf aus (irgendwie muss der Druck nun mal raus). Sie ist lediglich leichter zu übersehen - esonders, wenn man gar nicht genau hin sehen mag. Und da kommen wir zu den Mädchen:
Es ging hier bei besagten Kindern übrigens um Mädchen aus der 4.klasse.mein sohn ist ein großer,kräftiger Junge und innen sehr sensibel.Er würde sich Mädchen gegenüber natürlich noch viel weniger wehren.Er geht zur Pausenaufsicht,die schaut sich das dann an und in der Zeit passiert nichts.Schaut die Aufsicht dann weg,geht es weiter.Er sagt schon,das sie aufhören sollen,aber offensichtlich wird er nicht ernst genommen.Bisher gab es auch noch nie einen Vorfall seinerseits,aber irgendwann wird es den sicherlich geben,wenn es ihm dann zuviel ist.

Für mich ist es sehr schwer,das auszuhalten.Er ist oft sehr traurig,weil er keine Freunde hat.
Gerade Mädchen raufen selten miteinander (diese Gesellschaftsnorm gibt es schon deutlich länger als bei Jungs), aber sie führen dafür Zickenkriege und Intrigen. Und sie können dabei ausgesprochen grausam sein. Eine Gruppe von Mädchen hat ein ganz ähnliches Spiel mit unserem Großen getrieben. Immer wenn ein Lehrer dabei war, waren dann alle plötzlich ganz brav.

Er wurde von den wenigen Kindern, mit denen er sich angefreundet hatte, isoliert, indem diese Mädchen diesen Kindern den Umgang mit ihm verboten haben - unter Androhung, andernfalls ebenso isoliert zu werden, und nicht mehr mitspielen zu dürfen. Zum Geburtstag eingeladene Kinder, die zugesagt hatten, sagten urplötzlich ab, weil sie von diesen Mädchen unter Druck gesetzt wurden. Die Anführerin drohte meinem Sohn sogar mit Ärger für mich an meinem Arbeitsplatz (ihr Vater war Geschäftsführer der Firma, in der ich arbeitete). Wir haben unserem Sohn das alles erst mal gar nicht geglaubt, ich hätte geschworen, dass Kinder in diesem Alter (7-8 Jahre) nicht derart gemein und niederträchtig sein könne. Und doch: sie können.

Fast die gesamte vierte Klasse über war er völlig isoliert - der einzige Freund, der ihm geblieben war, und uns auch von den Erpressungsversuchen erzählt hat, war weggezogen. Eine schreckliche Situation!
Die Schule erklärte uns, dass unser Sohn kein Anrecht darauf habe, mit jemandem Kontakt zu haben, und dass er seine Situation ohnehin selbst verschuldete.

Für Gewalt braucht man keine Fäuste. Es geht auch ohne, wenn es sein muss auf Dauer sogar wesentlich zerstörerischer.
Er lernt eigentlich gerne und geht auch gerne zur schule,wenn da nicht die sozialen Probleme wären.Vom Kopf her ist er ja auch keine 9,also er versteht vieles von gleichaltrigen dann einfach nicht.
Das er anders ist,wissen die kinder quasi vom ersten Tag.Ich hatte recht schnell die ersten Gespräche mit der Lehrerin,weil die anderen Kinder einfach nicht mit ihm zurecht kommen.Sie gibt sich wirklich viel Mühe,ihn in die Klasse zu integrieren und laut ihr ist es auch viel besser geworden.Nur seine Erzählungen und Empfindungen zeigen mir,das es eben nur nach außen hin so ist.
Auch da finde ich unseren 1:1 wieder. Nur dass wir keine verständnisvolle Lehrerin hatten. Die hat die Sache auch noch gefördert, indem sie ihn an einen Einzelplatz in die hinterste Reihe verbannt hatte - ausgesondert von der ganzen Klasse, damit sie ihn "nicht direkt sehen muss", wie sie uns damals ins Gesicht sagte.

Für die Anpassung an die Klasse, die bei anderen Kindern automatisch passiert, muss Dein Sohn aktiv Energie aufwenden - man sagt: er kompensiert. Das geht eine Weile lang auch gut. Diese Energie fehlt ihm aber anderweitig. Eine Dekompensation ist nur eine Frage der Zeit, wenn er das nicht mehr leisten kann, denn die Anforderungen steigen von Tag zu Tag.
Der Psychologe hat mir letztes Jahr im Februar schon gesagt,das sein schulaltag nur schwer durchzustehen ist.Ich frage mich allerdings,wieso er die Gruppen ergo macht,die irgendwie auch nicht wirklich etwas zu bringen scheint.Selbst dort eckt er meist nur an.Ich finde nicht,das es ihn stärkt oder ihm bei der Bewältigung hilft.Der Psychologe meinte,das ihm sowas mehr helfen würde als einzelne Gespräche bei ihm.
Therapien sind gut und recht, und helfen unseren Kindern definitiv. Aber ohne Medikation wäre das bei beiden völlig zwecklos. Das wäre wie Lesetraining ohne Brille bei Kurzsichtigkeit.
Wie schafft ihr es das alles durchzustehen? Ich habe immer öfter Probleme damit,meine Kraft zu sammeln.Ich habe ja nicht nur ihn,sondern auch den 4 jährigen mit verdacht auf ASS und jeder Tag ist einfach irgendwie ein Kampf.Ich würde gerne viel mehr mit den Jungs unternehmen,aber sie sind solche Stubenhocker,das es ewig dauert bis wir mal alle fertig sind.Ich muss sie da regelrecht zu ihrem Glück zwingen.Da es ja schon im Alltag so stressig ist,spare ich mir das in den Ferien meist und so sitzen wir hier tag für tag rum.
Meine Tochter braucht auch noch Aufmerksamkeit und gerade in dieser Situation kann man nicht allen gerecht werden.
Das kann niemand dauerhaft durchstehen! Bei uns waren die Medikamente der entscheidende Schalter, und wir haben uns lange - viel zu lange - aus Angst und Vorurteilen dagegen gewehrt. Heute führen wir wieder ein fast normales Leben (mal von diversen wöchentlichen Fahrten zum Aufmerksamkeitstraining, zur EP-Gruppe etc. abgesehen - aber das ist Pipifax gegenüber dem früheren Stress, es gab kaum einen Tag ohne Ärger), die Kinder haben ihre Freunde und sie kommen gut klar (Luft nach oben ist immer ;-)).

Auf Urlaub würde ich aber auf keinen Fall verzichten. Das waren früher die wenigen Wochen, in denen der Stress weitestgehend zuhause blieb, und nicht mit eingepackt wurde. Es muss ja kein Erlebnisurlaub nach Terminplan sein! 1-2 Wochen auf dem Campingplatz am Strand, und einfach mal nichts tun hat bei uns die leeren Batterien noch immer wieder etwas gefüllt. Inzwischen geht auch da wieder deutlich mehr!

JennyK
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Beitragvon JennyK » 02.01.2019, 07:18

@julia und Jakobspapa da sitzen wir im gleichen Boot, unser Großer hat ähnliches durchgemacht in der Schule. Selten offener Streit, viel Ablehnung und Ausgrenzung. GsD nie so extrem von Seiten der Kinder, aber dafür umso mehr bei vielen Lehrern.

Auch hier waren die Medikamente der Durchbruch, die Verhaltenstherapie vorher hat auch ganz gut geholfen, aber wirklich nur häppchenweise. Erst mit Gabe der Medikamente war es ihm möglich, an die Ursachen zu gehen und positive Erlebnisse mit anderen Kindern zu gewinnen. Auch Leistungsmäßig ging wieder mehr, da er eben nicht mehr so extrem viel Energie alleine für die Anwesenheit in der Klasse brauchte.

@julia auch ich bin daran fast zerbrochen. Ich hatte schon körperliche Symptome, die nicht lustig waren und habe mich dann dazu durchgerungen, eine Mutter - Kind- Kur zu machen. Das war echt meine Rettung, dort könnte ich mich zum ersten Mal seit Jahren um mich kümmern und es wurde sich um mich gekümmert. Das ist jetzt 9 Monateher und ich habe ein paar Sachen in unserem Alltag so geändert, dass ich mehr für mich mache. Ich nehme mich und meine Bedürfnisse wieder ernst, das ist echt wichtig. Denn wenn man ehrlich ist, geht hier gar nichts mehr, wenn ich mal länger ausfallen sollte....
Pass bitte gut auf dich auf, dein Alltag mit deinen drei Kindern hört sich wirklich sehr belastend an. Suche dir bitte Unterstützung, damit du auch mal regelmäßig abschalten und was für dich tun kannst. Auch der Austausch mit anderen Eltern hilft mir immer ganz gut, weil man dann sieht, dass man nicht alleine dasteht mit den Problemen.

Urlaub/Ferien sieht bei uns auch oft so aus, dass wir erstmal ein paar Tage nichts machen, einfach um die Akkus aufzuladen. Dann gehen auch wieder Ausflüge etc...
Sohn 1 (06), ADS und Asperger Autismus; PG 3; SBA 50 mit B, G, H
Sohn 2 (13), Asperger Autismus, leicht ausgeprägt

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Julia-82
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Beitragvon Julia-82 » 03.01.2019, 14:35

Wir haben den ersten Termin hinter uns und ich selber brauchte gar nicht viel erzählen,denn mein sohn hat das schon sehr gut selber hin bekommen.
Somit wird er jetzt zusätzlich in Richtung Autismus mit getestet,bzw. vermutlich wird später ein Facharzt nochmal richtig testen müssen.Aber es deutet viel darauf hin,das er beides hat.Wie ausgeprägt,muss man dann sehen.
Die Psychologin meint,das wir einige Termine brauchen werden,bis es eine Diagnose gibt,was ja sicher auch sinnvoll ist.Hätte mich schon gewundert,wenn sie nach heute irgendwas konkretes gesagt hätte.Auch die LRS wird bei den Terminen mit getestet.
Ich habe auf jeden Fall ein besseres Gefühl als beim Erstgespräch mit meinem jüngsten.Für ihn habe ich einen Termin bei einem KJP gemacht,da fühle ich mich wegen den Autismus besser aufgehoben.

Im November ging es mir 3 wochen nicht gut.Da merkte ich zum ersten Mal,das es alles ein wenig viel ist.Aber ich kann nicht wirklich etwas abgeben,Der Vater kümmert sich einen Tag am WE und ansonsten nur,wenn nötig.Von alleine kommt da nichts,ich muss schon nachfragen.Gerade hat er Urlaub und war eine woche weg.Er könnte die kinder also 2-3tage mal nehmen,meinte aber zu meiner Tochter,das sie ja auch mal Urlaub bräuchten.Das war doch ein wenig wie ein Schlag ins Gesicht.Als ob ich hier den ganzen Tag auf der faulen Haut liege...
Er sieht leider den Aufwand nicht und auch scheinen die Kinder bei ihm anders zu sein.Meine Tochter hat erzählt,das es ihr dort weniger schlimm vor kommt.Vermutlich weil sie ja den Tag an der x-box sind und weil es eben nicht der Alltag ist.Da müssen sie nicht irgendwelche Zeiten einhalten,er muss sie nicht angezogen bekommen und pünktlich irgendwo hin.Der Elternfragebogen,den wir und die Lehrerin ausfüllen mussten,spiegelt das auch wieder.Während die Lehrerin und ich fast identisch angekreuzt haben,hat er vieles als nicht vorhanden angekreuzt.

Urlaub mache ich im April das erste Mal ganz alleine mit meinen Kindern,bzw. mit 3 von 4 . Der Große ist leider selber mit seinem Vater unterwegs.Mir ist das raus kommen sehr wichtig und wenn es eben nur die Ostsee ist.Eine Kur ist eigentlich nichts für mich,da muss ich wieder alles nach zeiten haben und der jüngste kann nicht einfach fremd betreut werden,nicht mal im Kiga bliebe er in einer anderen Gruppe.Wenn seine Diagnose steht,versuche ich eine spezielle Kur zu machen.Ich hoffe,das man dort dann auch darauf eingestellt ist.
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