Ausgewogene Doku über Pro und Contra ABA (englisch)

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Jojo111
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Ausgewogene Doku über Pro und Contra ABA (englisch)

Beitragvon Jojo111 » 11.11.2018, 22:38

Hallo zusammen,

nachdem ABA ja immer wieder Thema ist und gerade im Zusammenhang mit dem Film „Elternschule“ viele die Parallelen diskutieren, möchte ich Euch gerne auf eine Doku hinweisen, die ich heute entdeckt habe.

Die Doku ist von der BBC und leider nur auf englisch verfügbar (aber gut zu verstehen).

Ich finde den Film genial, weil er erstmals beide Seiten zu Wort kommen lässt und die Kritik ebenso aufgreift und ernst nimmt wie die (angeblichen oder tatsächlichen) Erfolge. Ich fand die Doku sehr ausgewogen.

https://youtu.be/O8j3LsHcnNc

Bin gespannt, wie Ihr die Doku findet.
LG, Jojo
mit dem bezaubernden Trio (Mademoiselle 2006, JIA, sehbehindert, SH rechts mit HG versorgt, ADHS --- Monsieur 2006, Asperger, ADHS, LRS, AVWS --- kleiner Charmeur 2010, HFA, SEV, VED, V.a. Tourette)

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Beitragvon Anjali » 12.11.2018, 15:52

Hallo Jojo,

vielen Dank für den Hinweis.

Ich habe mir die Doku angesehen.
Mir gefällt der „unaufgeregte“ Erzählstil und der Verzicht auf Schuldzuweisungen und erhobene Zeigefinger.

Da ich schon vorher ABA gegenüber kritisch eingestellt war, bestätigte mich der Film in meiner kritischen Haltung.
(Besonders berührend fand ich die Worte der autistischen Mutter (Joss‘ Mutter) ab Filmminute 49:45 ff. )

Aber ich habe durch den Film auch mehr Einsicht in die Motive/Hoffnungen derjenigen Eltern bekommen, die in ABA ihre letzte Chance sehen.
Viele Grüße
Anja

Mutter mit Sohn (18 Jahre / Asperger-Autist)

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Beitragvon Jojo111 » 12.11.2018, 19:34

Mir ging es wie Dir, Anja. Auch ich habe mich in meiner kritischen Einstellung eher bestätigt gesehen, kann mir aber gut vorstellen, dass andere das anders sehen, wenn sie mit einer anderen Einstellung rangehen. Genau das ist die Stärke der Doku, dass sie eben keine Meinung vorgibt sondern verschiedene Ansichten zulässt.

Ich persönlich fand ja, dass die ABA „Experten“ recht unsympathisch rüberkommen, insbesondere der Typ (Holländer? Norweger?), der zu den Familien nach Hause kommt. Das mag aber auch an meiner Einstellung liegen, ich fand das von ihm und z.B. auch der Schulleiterin propagierte Menschenbild ziemlich befremdlich.
LG, Jojo
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Beitragvon Anjali » 12.11.2018, 20:10


Ich persönlich fand ja, dass die ABA „Experten“ recht unsympathisch rüberkommen, insbesondere der Typ (Holländer? Norweger?), der zu den Familien nach Hause kommt. Das mag aber auch an meiner Einstellung liegen, ich fand das von ihm und z.B. auch der Schulleiterin propagierte Menschenbild ziemlich befremdlich.
Da hatten wir beide den gleichen Eindruck.
Ich fand auch die Szenen, in denen der ABA-Therapeut die Familie des 16jährigen schwedischen Jungen (Richard) besuchte, sehr „unangenehm“ anzuschauen. (Ab Filminute 40).
Für mich lag eine große Spannung in der Luft.
Irgendetwas Unausgesprochenes „hing“ zwischen dem Therapeuten und der Familie.
Besonders die Mutter des Jungen schien sehr ambivalente Gefühle gegenüber dem Therapeuten (und der erfolgten Therapie) zu haben.
Aber das ist jetzt nur mein ganz persönlich gefärbter Eindruck.
Viele Grüße
Anja

Mutter mit Sohn (18 Jahre / Asperger-Autist)

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Beitragvon Jojo111 » 12.11.2018, 20:45

Mir tat in der Szene besonders der Junge leid, dass er die Videoaufnahmen anschauen muss. Der Therapeut wollte wohl gelobt werden für die „Heilung“ und Richard aufzeigen, wie weit er ihn gebracht hat. Richard hingegen wirkte vor allem traumatisiert, als er sich da sah. Vielleicht hat er das Erlebte vergessen oder zumindest weit weggeschoben. Durch die Konfrontation mit den Bildern von damals retraumatisiert man ihn doch nur.

Ich musste da an einen Artikel denken, den ich mal in einer amerikanischen Zeitschrift gelesen habe. Da haben sie einige der von Lovaas angeblich „geheilten“ Autisten ausfindig gemacht und mussten feststellen, dass die meisten von ihnen unter massiven psychischen Problemen wie Angststörungen, schweren Depressionen etc. litten. :?
LG, Jojo
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Beitragvon Engrid » 12.11.2018, 20:48

Hallo,

ich gestehe, mein Hörverständnis in Englisch ist nicht sehr gut, hab's bisher eher überflogen. Vielleicht ist mir, weil ich also mehr auf die Bilder als den Text geachtet habe, das mehr aufgefallen: warum sind eigentlich die Consultants immer so bedrängend? So nah, teils noch von zwei Seiten, und es geht immer Zack: Anforderung, zack: nächste Anforderung. Und immer dieses zuckersüße übertriebene Freuen und Loben und "good boy", wenn etwas klappt (soll verstärken, schon klar) ... Das ist mir alleine schon vom Zuschauen zuviel. Gehört das zum Konzept? War mir bisher nicht bekannt (ist mir allerdings schon früher aufgefallen).

Der blonde Junge, der einen Bissen von der Gabel essen soll, sich eher angewidert wegdreht, und es dann brav doch isst - erinnert mich tatsächlich sehr an den Film "Elternschule". Der Arme. :?

Grüße
Engrid
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Beitragvon Anjali » 12.11.2018, 21:06

Hallo Engrid,

dieses Zack-Zack ist mir auch aufgefallen.
Es verbreitet eine ziemliche Hektik.
Es erfordert vom Gegenüber auch ein sehr schnelles Reaktionsvermögen und viel Spontaneität, oder? Zum Nachdenken bleibt da kaum Zeit.
Das Gegenüber kann bei dem Tempo ja eigentlich nur noch reagieren und nicht mehr agieren.
Aber das ist vielleicht auch die Absicht dahinter?
Vielleicht kann mich (uns) jemand darüber aufklären.
Viele Grüße
Anja

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Beitragvon Jojo111 » 12.11.2018, 21:21

Ich hab es immer nur so schnell und nah erlebt und gesehen, auch live (ich habe mal als Co-Therapeutin in einem ABA Heimprogramm gearbeitet und nach kurzem hingeschmissen, weil ich es unerträglich fand). Ebenso scheint das übertriebene Lob recht üblich zu sein.

Ob es integraler Bestandteil von ABA oder nur eine individuelle Interpretation ist, kann ich trotzdem nicht sagen. Das liegt schon daran, dass es mehr als schwer ist, an neutrale Informationen oder Schulungsmaterialien zu kommen, denn ABA-Anbieter (z.B. Knospe) sind recht wortkarg and geheimniskrämerisch. Das „Wissen“ lassen sie sich teuer bezahlen, ein Einführungsseminar (z.B. ein Wochenende) kostet Unsummen (das „Starterpaket“ bei Knospe mit individueller Programmerstellung und Einführung hat bei einer mir bekannten Familie rund 3000 Euro gekostet).
Anders als bei TEACCH o.ä. kann man bei ABA nicht einfach ein Buch auf dem freien Markt für 30 Euro kaufen. Ich hab’s versucht (nicht, um es anzuwenden, sondern um mir ein umfassendes Bild zu machen), aber sowas scheint es nicht zu geben.
LG, Jojo
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Beitragvon Engrid » 12.11.2018, 21:41

Das ist doch für kleine Autisten völlig überfahrend, so dicht, so schnell, so unmittelbar ...

Ich erinnere mich aber, als wir die Diagnose recht frisch hatten (Junior war drei), da erzählte mir meine KJP begeistert von dem Programm von Ronnie Gundelfinger in der Schweiz (eine ABA-Variante), und wollte mich für ein paar Monate mit Junior dahin schicken. Das wollte ich nicht (Alptraum: mit dreijährigem Junior 1:1 alleine in einer fremden Großstadt :shock: ). Dann hieß es, ich solle dann zumindest das übernehmen, meine Emotionen übersteigert auszudrücken, das sei sehr erfolgversprechend. Hab ich auch nicht gemacht, ich sture Mutter (da wäre ich ja völlig durchgedreht, da verliert man komplett seine Authentizität). Ich glaube einfach nicht dran, dass das gut sein kann. Das eigene Lächeln bewusst und übertrieben als Verstärker einzusetzen. Das hätten wir beide fürchterlich gefunden, Junior UND ich.

Wenn man bedenkt, dass viele Autisten eine hochsensible Gefühlsansteckung haben ... mindestens für die muss das fürchterlich sein ...

Grüße
Engrid
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Bika
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Beitragvon Bika » 13.11.2018, 10:40

Hallo,

Die Doku ist wirklich gut und ich habe mich ehrlich bemüht, mir das Ganze neutral anzuschauen.

Aber was ist das denn anderes als Dressur?

Der kleine Jerremiah ist ein Kind und ein Mensch mit einer besonderen. Wahrnehmung, kein Hund!!!! :x
Warum zupfen und zerren die ständig an dem rum. befummeln und bedrängen ihn geradezu (wird hoffentlich nur so komprimiert dargestellt) permanent?
Wieviel Herauszerren aus seiner Welt ist denn gerechtfertigt und wer bestimmt, wieviel Anpassung vonnöten ist?
Jeremiah scheint mir da der letzte zu sein, der ein Mitspracherecht hätte.

Wie akzeptiert ist denn die ABA - orientierte Therapie bei uns?
Laut der Ärztin meiner Kinder ist dieses Konzept bei uns weitestgehend verpönt, ändert sich das gerade?

Wollen wir Neurodiversität nicht mehr akzeptieren?

Anpassung durch Konditionierung/ Dressur kann vermutlich, nach einem intensiven Abwägungsprozess in Verbindung mit hohem Leidensdruck bei den Autisten selber und deren Familien,
eine Option darstellen, aus der Verzweiflung heraus entstanden, um Leiden zu lindern und Lebensqualität wieder herzustellen.

ABA jedoch grundsätzlich als heilsbringende Therapie zu verkaufen, die Autisten so nah wie möglich an das neurotypischen Empfinden heranführt, empfinde ich als
grundlegend falschen Ansatz.

Als wir die Diagnose für meinen Sohn erhielten,
sagte die Ärztin uns, dass wir uns in seine Wahrnehmungsart hineinfinden müssen, dass es wichtig sei, ihm das Gefühl zu vermitteln, dass er genauso sein darf, wie er ist,
dass man autistischen Kindern niemals das Gefühl vermitteln dürfe, dass sie “falsch“ wären.
Es muß keine zwangsläufige Orientierung an der neurotypischen Norm erfolgen, vor allem dann nicht, wenn beim Kind kein Leidensdruck besteht.
So banal das auch klingen mag, ich habe etwas gebraucht, um das mental für mich umzusetzen.

Es ist ein wenig wie die Frage, inwieweit sich AD(H)S- Kinder anpassen müssen.
Ist es legitim ihnen Medikamente zu geben, damit sie mit neurotypischen Kindern mithalten können?
Ist es legitim, sie durch Verhaltenstherapie darauf zu trimmen, sich bestmöglich zu disziplinieren und selbstzuorganisieren, sie zum Dauerkampf gegen ihre Impulse aufzufordern?

Ich habe darauf keine Antworten, bin als Mutter immer wieder sehr unsicher und hoffe, dass die gesellschaftliche Entwicklung nicht darauf abzielt,
Individualität zugunsten der Massenkompatibilität immer weiter zu reduzieren.

LG


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