Ausgewogene Doku über Pro und Contra ABA (englisch)

Hier könnt ihr euch rund ums Thema Autismus austauschen.

Moderator: Moderatorengruppe

Konrad02
Mitglied
Mitglied
Beiträge: 26
Registriert: 22.04.2017, 09:49

Beitragvon Konrad02 » 13.11.2018, 12:21

Hallo Bika,

ich denke, dass sich Kinder mit ADHS oft mit sich selbst nicht wohl fühlen, sie haben deshalb einen hohen Leidensdruck. Da hilft ihnen dann Medikation.

Anders bei Autisten, die leiden vor allem an der verständnislosen NT-Umgebung, weniger an sich selbst.

Viele Grüße
Konrad02

Werbung
 
Benutzeravatar
Engrid
REHAkids Urgestein
REHAkids Urgestein
Beiträge: 13810
Registriert: 24.10.2011, 10:36

Beitragvon Engrid » 13.11.2018, 12:50

Hallo Konrad,

aber wenn Kinder mit AD(H)S sich „selbst nicht wohlfühlen“, dann liegt das doch grade auch an der unpassenden NT-Umgebung. Um es mal plakativ zu sagen: Vor der Einführung der Schulpflicht, und dem parallel sich entwickelnden Bild vom Kind als Unfertigen, und als zu Erziehenden, zu Disziplinierenden, war AD(H)S auch schon da, und war nichts mit Störungscharakter. Und deshalb auch noch nicht benannt. Seitdem ist es ja sukzessive nicht leichter geworden, sondern schwerer für nicht Neurotypische.
Und mein autistischer Sohn, das lässt sich schon klar sagen, leidet nicht nur an der Umgebung, sondern auch an seinen autismusbedingten neurologischen Besonderheiten (zb extremes Vermeidungsverhalten gegenüber Neuem, resultiert aus der Funktionsweise der neuronalen Impulse in seinem Gehirn, schränkt ihn sehr ein, direkt in seiner Teilhabemöglichkeit, und auch indirekt, weil man so natürlich weitaus weniger lernt)

Grüße
Engrid
mit Sohn vom anderen Stern (frühkindlich autistisch)
"Wir sehen die Dinge nicht wie sie sind, wir sehen sie wie wir sind." (Anais Nin)

Lisaneu
REHAkids Urgestein
REHAkids Urgestein
Beiträge: 1886
Registriert: 27.01.2017, 08:24

Beitragvon Lisaneu » 13.11.2018, 14:38

Es ist ein wenig wie die Frage, inwieweit sich AD(H)S- Kinder anpassen müssen.
Ist es legitim ihnen Medikamente zu geben, damit sie mit neurotypischen Kindern mithalten können?
Das ist eine sehr einseitige Sichtweise. Die Gründe für Medikation bei ADHS sind vielfältig. Ich würde bei ADHS niemals einer Medikation zustimmen mit dem primären Ziel, dass mein Sohn "mit neurotypschen Kindern mithalten" kann.

Wenn ich aber täglich sehe, wie er immer weniger soziale Kontakte zulässt und "schafft", wie er immer mehr in seine eigene Traumwelt abdriftet, wie Situationen, die für NT-Kinder ganz einfach sind ihn einfach sozial-emotional massiv überfordern und vor allem wie ER SELBST darunter leidet, schaut es schon mal anders aus.

Bis zum heutigen Tag hat keines meiner Kinder auf Grund der Wahrnehmunsstörungen Medikamente bekommen. Aber ich schließe absolut nicht aus, mich mal für Medis zu entscheiden, wenn der Leidensdruck zu groß wird.

Eine aktuelle Aussage meines Sohnes war z.B.: "Mama, ich habe da einen Knoten im Kopf. Meine Nervenzellen sind nicht richtig miteinander verknüpft. Irgend etwas ist bei mir ganz anders als bei anderen Kindern."

Das kam vor dem Einschlafen, ganz unvermittelt, ohne Vorwürfe oder schimpfen vorher. Dann kam noch die Hoffnung "Vielleicht wird es mit der Pupertät besser. Da verändert sich ja alles. Vielleicht auch das!".

Ich habe immer versucht, meinem Sohn das Gefühl zu geben, so in Ordnung zu sein, wie er eben ist. Trotzdem fühlt er all das, was ich auch in dem Alter gefühlt habe und zwar "So, wie ich bin, stimmt was mit mir nicht!"

Dieses Gefühl vermitteln ihm weder wir als Eltern noch (meines Wissens) die Lehrer, Hortpädagogen oder andere Erwachsene. Es kommt daher, dass sich andere Kinder trotz aller Mühe oft ablehnend verhalten. Ist auch verständlich, nicht jeder mag gut Freund mit einem Kind sein, welches sofort zu kreischen beginnt, wenn was nicht nach seinem Kopf geht. Nicht jeder mag immer dieselben Rollenspiele spielen, wo das Gegenüber beide Rollen vorgibt und keine Abweichungen möglich sind. Nicht jeder kommt gut damit zurecht, wenn das Brettspiel noch vor dem Ende durch das Zimmer fliegt, weil das ADHS-Kind im Begriff ist, zu verlieren...
Ist es legitim, sie durch Verhaltenstherapie darauf zu trimmen, sich bestmöglich zu disziplinieren und selbstzuorganisieren, sie zum Dauerkampf gegen ihre Impulse aufzufordern?

Ich habe darauf keine Antworten, bin als Mutter immer wieder sehr unsicher und hoffe, dass die gesellschaftliche Entwicklung nicht darauf abzielt,
Individualität zugunsten der Massenkompatibilität immer weiter zu reduzieren.

LG

Verhaltenstherapie ist nicht gleich Verhaltenstherapie. Und ABA ist noch mal was anderes, mMn extremeres.


Ich finde wichtig, gerade Kindern mit einer Wahrnehmungsstörung immer wieder zu erklären, welches Verhalten von der Umgebung in welcher Situation erwartet wird und warum. Hier geht es erst mal um erklären und nicht gleich um umsetzen.

Aber so, wie ein lernbehindertes Kind einfach mehr Wiederholungen braucht, um z.B. die Buchstaben zu lernen, so braucht ein Kind mit ADHS und/oder Autismus mehr Erklärungen, welches Verhalten wann angebracht ist.

Da mein Sohn sowohl ADHS hat als auch Autist ist, gibt es besonders viele Mißverständnisse. Es kann sein, dass er sich persönlich angegriffen fühlt, wenn ihm z.B. ein anderes Kind im Hort sagt "Heute gibt es Spaghetti zum Mittagessen!". Mein Sohn interpretiert so Aussagen oft falsch. Dann kommt "Der xxx (der das gesagt hat) will mich provozieren!". Genauer nachgefragt kommt dann z.B. "WARUM erzählt mir der, dass es Spaghett gibt? Es steht doch auf dem Speiseplan! Ich kann ja selbst lesen.Wenn mir der das also trotzdem sagt, dann ganz bestimmt, um mich zu ärgern!".

Dann ist es oft ein AHA-Erlebnis für ihn, wenn man z.B. andere mögliche Gründe für diese doch bekannte Aussage nennt. "Vielleicht sind Spaghetti das Lieblingsessen vom D.... und er erzählt es dir, weil er sich so drauf freut und seine Freude mit dir teilen will!"


Da geht es überhaupt nicht um Massenkompatiblität sondern vielmehr darum, andere Standpunkte aufzuzeigen. Mit seinen Störungen wird es meinem Sohn vermutlich immer schwer fallen, diese Standpunkte selbst zu erkennen. Aber so, wie das lernbehinderte Kind dir Buchstaben üben kann, kann er Sozialverhalten üben. Und es ist besser, als wenn man von Haus aus sagt "Lassen wir es, er kann es eben nicht!".

So eine Einstellung (wie meine) bedingt aber auch, dass man das Kind nicht erniedrigt oder fertig macht, wenn es wieder mal versagt. Genau DAS ist aber bei vielen Erwachsenen (leider auch manchen Pädagogen) noch nicht durchgedrungen. Jede Lehrerin, die ein lernbehindertes Kind einen Trottel schimpft, weil es nach 2 Jahren üben immer noch nicht lesen kann, wird zu Recht empört darauf hingewiesen, dass das Kind sich doch bemüht und so eine Reaktion einfach verletzend und unangemessen ist.

Wenn sich ein Kind jedoch nicht konform verhält dann hört man schnell was von "total verzogen" und sogar wildfremde Menschen fühlen sich manchmal bemüßigt, das Kind zu kränken und zu erniedrigen. Das MUSS einfach ein Ende haben!
Sohn 3/2010 hochfunktionaler Asperger-Autist + ADHS
Sohn 7/2012, gehörlos + kurzsichtig + frühkindlicher Autist
Mama und Papa stark kurzsichtig (Kommentar eines Optikers: Wie habt ihr euch überhaupt gefunden?)

Konrad02
Mitglied
Mitglied
Beiträge: 26
Registriert: 22.04.2017, 09:49

Beitragvon Konrad02 » 13.11.2018, 15:29

Hallo Engrid,
mit "sich mit sich selbst nicht wohlfühlen" meinte ich Situationen wie folgende z. Bsp.: ADHS-Kind spielt gerne Spiele, z. Bsp. Mensch-ärgere Dich-nicht, wird vom Mitspieler rausgeschmissen und wirft infolge der Impulskontrollstörung das ganze Spielbrett um. Da geht es dem Kind mit sich selbst nicht gut (ganz unabhängig von irgendwelchen Reaktionen der Umgebung), da es ja eigentlich spielen will und Spaß dabei haben wollte. Das ist kein Problem einer unpassenden NT-Umgebung und durch die Umgebung auch nicht zu verhindern.

Das eigene Verhalten nicht steuern können lässt ADHS-Kinder sehr leiden.
(Die NT-Umgebung natürlich auch.)

Viele Grüße
Konrad02

Benutzeravatar
Engrid
REHAkids Urgestein
REHAkids Urgestein
Beiträge: 13810
Registriert: 24.10.2011, 10:36

Beitragvon Engrid » 13.11.2018, 17:28

Hallo Konrad,

ich weiß. Das gibt es bei Autismus ja genauso, nur in anderen Aspekten. Impulskontrolle ist beim Junior übrigens auch ein größeres Problem (ohne AD(H)S).
... ich fürchte, das führt zu weit, weil offtopic ...
Engrid
mit Sohn vom anderen Stern (frühkindlich autistisch)
"Wir sehen die Dinge nicht wie sie sind, wir sehen sie wie wir sind." (Anais Nin)

HeikeLeo
Stamm-User
Stamm-User
Beiträge: 724
Registriert: 18.05.2015, 19:34
Wohnort: Baden-Württemberg

Beitragvon HeikeLeo » 13.11.2018, 18:25

Impulskontrolle
. ich fürchte, das führt zu weit, weil offtopic

Ich glaube, nicht, dass es zu weit führt, denn die "Verhaltenstherapie" nach ABA will ja genau mit ihrer "Training" auch solche Impulsdurchbrüche verhindern. Das funktioniert auch insofern, als die Kinder dann insgesamt mehr "normales" Verhalten zeigen - was aber für sie selbst einstudierte Stereotypien sind.
Wenn man den ganzen Tag nur maschinelle Abläufe reproduzieren soll, dann ist das sicherlich megaanstrengend - so wie bei Charlie Chaplin in "Modern times". Aber Menschen kann man sicherlich so konditionieren.

Der Erklärungsansatz von Lisaneu ist da viiiiel besser. Da kann die Authentizität des Kindes erhalten bleiben.
Mensch-ärgere Dich-nicht, wird vom Mitspieler rausgeschmissen
Eigentlich ist Mensch-ärgere-Dich-nicht ein total fieses Spiel. So wie Märchen. Meiner sagte: "Bei Aschenputtel werden den Schwestern die Augen ausgepickt. Und dann darf ich keine Horrorspiele spielen aber das muss ich mir antun..." - Was ist eigentlich die Idee von Mensch-ärgere-dich-nicht? Frustrationstoleranztraining? Wenn man die Ziele umdefiniert, dann geht da etwas... Wer schafft es, am häufigsten rausgeschmissen zu werden? Was ist eigentlich der Spaß? Gemeinsam mit anderen zusehen, wie einer Ärger runterschluckt, weil er rausgeschmissen wird?

So gesehen ist Mensch-ärgere-dich-nicht schon Hardcore-Training. Damit wird bei ABA aber auch trainiert.

Liebe Grüße
Heike

Michaela44
REHAkids Urgestein
REHAkids Urgestein
Beiträge: 1067
Registriert: 15.06.2016, 12:49

Beitragvon Michaela44 » 13.11.2018, 19:00

Wenn es denn so ist, dass ABA Impulsausbrüche verhindert, dann nur dadurch, dass das Kind sie unterdrückt und die überschäumenden Gefühle aushält. Der Grund dieser Gefühle und auch die Gefühle selbst bleiben aber bestehen.

Dies beides (eigene Gefühle negieren und Überforderungen erleben) führt irgendwann zu psychischen Problemen.

Dieses Gefühlenegieren ist auch das, was ich mit der Dissiziation gleichsetzte (siehe mein andere Thread zu ABA).
Asperger Autistin
mit neurodiverser Familie

Werbung
 
Bika
Stamm-User
Stamm-User
Beiträge: 211
Registriert: 12.04.2017, 13:25

Beitragvon Bika » 14.11.2018, 11:21

Hallo Lisa,
Es ist ein wenig wie die Frage, inwieweit sich AD(H)S- Kinder anpassen müssen.
Ist es legitim ihnen Medikamente zu geben, damit sie mit neurotypischen Kindern mithalten können?
Das ist eine sehr einseitige Sichtweise. Die Gründe für Medikation bei ADHS sind vielfältig. Ich würde bei ADHS niemals einer Medikation zustimmen mit dem primären Ziel, dass mein Sohn "mit neurotypschen Kindern mithalten" kann.
Das klingt vermutlich provozierend aber wenn ich es für mich auf das Wesentliche runterbreche, geht es nur darum, in Gemeinschaften klarzukommen. Diese werden zum größeren Teil aus neurotypischen Menschen/Kindern gebildet und sie geben den Maßstab vor, an dem die Orientierung stattfindet.

Meine Tocher bekommt Medikinet und wurde therapiert.
In einer Welt voll von träumenden, tranigen, phantasievollen ADSlern wäre das wahrscheinlich nicht nötig gewesen. :?

An sich selber leidet und litt mein Kind nie, immer nur an der Reaktion ihrer Umwelt, explizit an der ihrer Eltern, die natürlich
IMMER und TOTAL ungerecht sind.

Schuld sind sowieso ausschließlich die anderen.
(Mit Medikamenten geht die Selbstreflektion aber immerhin soweit, dass man son kleines Fitzelchen Eigenanteil anerkennt).



LG


Zurück zu „Krankheitsbilder - Autismus“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: MSN [Bot] und 6 Gäste