ABA

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Alexandra2014
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Beitragvon Alexandra2014 » 11.11.2018, 12:20

Hallo!

Wir sind ja noch ganz am Anfang, so kurz nach der ASS Diagnose. Im Januar/Februar soll die Therapie (1x/Woche) im Autismustherapiezentrum starten.

Wie sieht so eine Therapie aus, was soll sie erreichen, wenn nicht „neurotypischeres“ Verhalten?

Ich konnte damals schon die Vojta Therapie nicht durchziehen, wo das Kind fixiert und festgehalten wird, bis es sich blau schrie... Wir sind dann zu Bobath gewechselt.

Gruß
Alex
R. *12/2007, Autismus-Spektrum-Störung, okzipitale Epilepsie mit Ausbreitung nach frontozentral

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Engrid
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Beitragvon Engrid » 11.11.2018, 12:34

Hallo Alexandra,

Wie sieht so eine Therapie aus, was soll sie erreichen, wenn nicht „neurotypischeres“ Verhalten?
Wenn man versucht, aus einem Pinguin eine Giraffe zu machen, wird der Pinguin damit nicht glücklich werden können.
Autistische Kinder können nicht auf authentische, ganzheitliche Weise neurotypischer werden. Aber sie können - jedes auf seinem Niveau - quasi die Fremdsprache „Neurotypisch“ lernen, sie können verstehen lernen, dass „Autistisch“ für NT auch eine Fremdsprache ist. Und sie können mit therapeutischer Hilfe auf ihre Art autismusgerecht vieles lernen, was alleine schwierig ist (zb lernt mein Sohn mit viiiiiel mehr und am besten sehr gleichen Wiederholungen, lernt manches besser ohne soziales Beiwerk - also am Tablet, hat im Kopf ein reichlich anders funktionierendes System von Belohnung/Verstärkung/Vermeidung ...). Das ist ein Ansatz, der die Kommunikation, das Verstehen in den Mittelpunkt stellt.
ABA stellt die Formung von Verhalten in den Mittelpunkt. Und versucht da leider häufig, aus dem Pinguin eine Giraffe zu machen.
Wenn es Dich interessiert, dann lies mal in die Links in Andreas Posting.

Grüße
Engrid
mit Sohn vom anderen Stern (frühkindlich autistisch)
"Wir sehen die Dinge nicht wie sie sind, wir sehen sie wie wir sind." (Anais Nin)

HeikeLeo
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Beitragvon HeikeLeo » 11.11.2018, 12:39

Liebe Lisaneu

Lisaneu hat geschrieben:Bei Alexander bringt bestehen auf bestimmten Handlungen leider oft provokantes Verhalten mit sich. Wenn ich dann selbst stur bleibe kann sich leicht ein Muster entwickeln, denn Alexander findet wahnsinnig witzig, meine Gestik und Mimik zu beobachten, wenn ich mich ärgere. Und wenn so was ein paar Mal in der gleichen Situation passiert ist, dann ist es schnell Teil des Tagesablaufs. So gesehen ist es klüger, alle Versuche dann abzubrechen, wenn absichtlich provokantes Verhalten beginnt.


Genau so läuft es bei meinen Autisten auch. Das ist ja das autistische daran. Aber wie verklickert man das z.B. einer Lehrerin, die sich für die Weisheit in Person hält?

Und bei ABA hat man es mit "Fachleuten" zu tun, die zu dieser Erkenntnis oft noch nicht gekommen sind. ABA heißt ja applied behaviour analysis, das heißt sie nehmen für sich in Anspruch, genau hinzusehen und dann an den kleinen Problemchen zu arbeiten. Dann flutscht auch der große Rest. Aber wie überall gibt es Leute, die wissen, was sie tun, und solche, die ein So-Tun-als-ob-Spiel betreiben. Wir mühen uns in der Schule gerade auch mit einer Lehrerin, die so tut, wie wenn sie Unterricht machen würde. Leider durchschaut das mein Autist und kommt in die von Dir oben genannte Spirale rein. Da kann ich von außen nichts tun. Ich kann nur die Schulanwesenheit möglichst großzügig reduzieren.
Und eine Schulbegleitung würde da auch nicht helfen. Oder würde ein zusätzlicher Zuschauer bei Euch solche Negativspiralen verhindern können? Eine dritte Person ist ja noch viel weiter außen vor. Und das ist eben auch wieder ein Problem von ABA, dass mit vielen Personen gearbeitet wird. Es klingt aber hochglanzmäßig besser, als es ist. Genau, wie Schulbegleitung. Das Problem ist dann aber, dass, wenn man ABA nicht will, man als böser Therapieverweigerer gebrandmarkt wird. Deshalb ist es durchaus gut, wenn von mehreren Stellen ABA kritisiert wird.

Die Basis sowohl von ABA als auch von der Gelsenkirchener Klinik ist der verhaltenstherapeutische Ansatz. Verhaltenstherapie ist ja Übung im weitesten Sinn. Und Dinge üben und trainieren funktioniert ja auch nachweislich. Das ist auch das Prinzip vom Lernen schlechthin. Aber der ganze Zauber drumherum, der über den Lernkern hinausgeht ist eher Problem als Nutzen. Und das ist bei ABA so und in der Gelsenkirchener Klinik. Das Drumherum wird aber in aller Regel sehr nebulös gehalten, so dass nicht viel Angreifbares bleibt. Denn der Kern ist ja in Ordnung. Deshalb befürchte ich auch, dass trotz Ermittlungen keine echten Konsequenzen folgen werden - außer, wenn man sehr öffentlich wird.

Liebe Grüße
Heike

UrsulaK
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Beitragvon UrsulaK » 11.11.2018, 13:49

Hallo Zusammen,

ich glaube man muß sich klar machen, was ABA im Kern eigentlich bedeutet. Übersetzt heißt ABA angewandte Verhaltensanalyse. Das klingt erstmal nicht so schlimm.
Bei ABA geht man im Kern davon aus, daß jedes Verhalten per operationale Konditionierung erlernt werden kann. Das Kind ist ein leeres Gefäß, bei welchen "nicht angemessenes" Verhalten gelöscht wird und durch "angemessenes" Verhalten ersetzt wird.

Ein Beispiel für Lernen mittels Konditionierung im Alltag wäre z.B. ein Hund beißt mich. Und jedes mal in meinem späteren Leben, wenn ich einen Hund bellen höre, bekomme ich Angst.

Das angemessene Verhalten wird belohnt durch sogenannte Verstärker (was das Kind halt so toll findet), nicht angemessenes Verhalten wird entweder im besten Fall ignoriert oder im schlechteren Fall betraft.

Nehmen wir mal ein Beispiel aus dem Alltag. Zum Beispiel das autistische Kind beschäftigt sich vor dem zu Bett gehen sehr lange und intensiv mit zurecht rücken von Gegenständen. Das eigentliche ins Bett gehen zieht sich also stark in die Länge. Wie bringe ich es nun zustande, daß das Kind nun zügig ins Schlafzimmer geht, sich den Schlafanzug anzieht und sich ins Bett legt. Nach ABA würde ich kleinschrittig anfangen bestimmtes Verhalten durch Belohnen zu verstärken. Das Ganze kann sich dann über Monate und Wochen hinziehen.

Ein anderer Ansatz (nicht ABA) wäre hier, ich überlege mir, warum das Kind sich so verhält. Das Stichwort wäre für mich hier schwache zentrale Kohärenz. Das Kind ist sich zum Beispiel unsicher, ob morgen immer noch alles so steht wie heute usw.. Ich versuche nun Sicherheit herzustellen, indem ich visualisiere, Ablaufpläne erstelle. Ich akzeptiere, das mein Kind repetitive Verhaltensweisen benötigt, um sich zu beruhigen und versuche das lediglich zeitlich und örtlich zu begrenzen.

Ich hoffe, ich habe so halbwegs den Unterschied zwischen ABA und anderen Methoden darlegen können. Im Detail ist das natürlich sehr komplex.

VG,
Ursula
Eric, (März 2005), Autismus Spektrum Störung, Verbale Dyspraxie, Dysgrammatismus

Anjali
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Beitragvon Anjali » 11.11.2018, 14:11

Alexandra2014 hat geschrieben:Hallo!



Wie sieht so eine Therapie aus, was soll sie erreichen, wenn nicht „neurotypischeres“ Verhalten?


Gruß
Alex


Hallo Alex,

ich verstehe deine Frage so, dass du mit „so einer Therapie“ sogenannte „Autismustherapien“ im allgemeinen ansprichst und dich nicht speziell auf ABA beziehst. (Mit ABA habe ich keine Erfahrungen.)

Die Therapieziele setzt ihr, die Eltern, in Absprache mit den Therapeuten fest.

Die Therapieziele müssen nicht zwangsweise „neurotypisches Verhalten“ sein, sie können auch in Hilfe zur Selbsthilfe (z.B Erlernen von Hilfsstrategien), Abbau von Ängsten, Stärkung des Selbstwertgefühls etc. bestehen.
Therapieziele können auch flexibel angepasst bzw. variiert werden.

Das euch erwartende Therapiekonzept, die Arbeitsweise des Therapeuten müsstet ihr vor Ort, d.h. in dem Therapiezentrum selbst erfragen/klären.

Allgemeine Aussagen kann man zu Autismustherapien nicht machen.
Es kommt ganz auf das therapeutische Angebot eines Therapiezentrums und die individuellen Therapieziele an.
Viele Grüße
Anja

Mutter mit Sohn (18 Jahre / Asperger-Autist)

HeikeLeo
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Beitragvon HeikeLeo » 11.11.2018, 16:10

Wie sieht so eine Therapie aus, was soll sie erreichen, wenn nicht „neurotypischeres“ Verhalten?


Bei uns war es so: Der Therapeut hat Kind begrüßt. Dann gab es etwa 15 Minuten Hängesessel und Stimulation mit dem Massagegerät. Danach etwa 15 Minuten Trampolinspringen und danach 15 Minuten Versuche, etwas am Tisch zu machen. Da hat der Therapeut jedes Mal etwas anderes ausprobiert, weil eigentlich nichts so richtig gegriffen hat. Die 15 Minuten an den jeweiligen Geräten haben auch eher nicht so funktioniert, wie sich der Therapeut das vorstellte, weil das Kind eben anderes vorhatte - Kind wollte gerne Fenster putzen bzw. Fenster untersuchen. Wir haben dann mal der Einrichtung zwei abschließbare Fenstergriffe geschenkt, weil die größte Sorge des Therapeuten war, dass die Fenster kaputt gehen. Beim Trampolinspringen hat Sohn einmal einen Schlüssel verschluckt - was mir der Therapeut hinterher ganz betreten sagte - muss auf der Toilette in der Schule rausgekommen sein. Bei einer Röntgenuntersuchung zwei Monate später, war kein Schlüssel mehr im Bauch.
Therapieziel war erst einmal die Kontaktanbahnung. Auch noch nach einem Jahr. Wir sind einmal die Woche hingefahren. Fahrtzeit hin waren 45 Minuten. Therapie 45 Minuten. Fahrtzeit zurück 45 Minuten. Kind 7 Jahre alt, nichtsprechend.
Nach einem Jahr hat das ATZ andere Räume bezogen. Anfahrt für uns wäre 2 Stunden gewesen und Rückfahrt dito. Und es konnte uns nur ein Termin angeboten werden, der wöchentlich gewechselt hätte - aber natürlich jeweils 45 Minuten. Und wechselnde Therapeuten. Ich weiß gar nicht, was sich das ATZ dabei gedacht hat. Die Kosten hat das Sozialamt getragen. Es waren etwa 800DM pro Monat. Wir haben dann aber auf den Folgeantrag verzichtet.
Ach ja, Therapeuten waren psychologische Psychotherapeuten. An sich hat man uns wissen lassen, dass die Bezahlung zu wenig sei?!

Liebe Grüße
Heike

UrsulaK
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Beitragvon UrsulaK » 11.11.2018, 17:27

Heike hat geschrieben:
Bei uns war es so: Der Therapeut hat Kind begrüßt. Dann gab es etwa 15 Minuten Hängesessel und Stimulation mit dem Massagegerät. Danach etwa 15 Minuten Trampolinspringen und danach 15 Minuten Versuche, etwas am Tisch zu machen. Da hat der Therapeut jedes Mal etwas anderes ausprobiert, weil eigentlich nichts so richtig gegriffen hat. Die 15 Minuten an den jeweiligen Geräten haben auch eher nicht so funktioniert, wie sich der Therapeut das vorstellte, weil das Kind eben anderes vorhatte - Kind wollte gerne Fenster putzen bzw. Fenster untersuchen.



Hallo Heike,
na das klingt nicht gerade nach einer erfolgreichen Therapie. Ich denke mal das Therapieniveau an den verschiedenen ATZ ist wohl sehr unterschiedlich (vorsichtig ausgedrückt).

Wenn Euer Sohn nonverbal ist, habt Ihr eigentlich mal versucht mit Unterstützter Kommunikation zu arbeiten? Dazu könnte man dann eben auch die Spezialinteressen wie Fenster putzen prima nutzen. Es gibt dazu mittlerweile auch ganz gute Literatur dazu wie "Einander verstehen lernen".


Alex hat geschrieben:
Ich konnte damals schon die Vojta Therapie nicht durchziehen, wo das Kind fixiert und festgehalten wird, bis es sich blau schrie... Wir sind dann zu Bobath gewechselt.


Das war bei uns ganz genauso. Mein Sohn hat bei Vojta die ganze Zeit nur geschriehen. Ich bin jedesmal schweißgebadet gewesen und der Physiotherapeut hat mir erzählt, wenn ich das nicht durchhalte, wird mein Sohn NIEMALS laufen können. Irgendwann habe ich mit meinem Kinderarzt drüber gesprochen und mir ein Rezept nach Bobath ausstellen lassen. Die Praxis für Physiotherapie habe ich auch gewechselt. Und mein Sohn hat auch laufen gelernt.

VG,
Ursula
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Alexandra2014
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Beitragvon Alexandra2014 » 11.11.2018, 17:31

Danke für die Aufklärung!
Genau, ich meinte Autismusthetapie im Allgemeinen, was ja ABA zwangsläufig auch mit einschließt.

Heike, wir fahren zum Glück nur 15 Minute eine Strecke und dann gleich für 1,5 Stunden Therapie pro Woche (zur Logo fahre ich auch 45 einfache Strecke für 45 Minuten Therapie :roll: - das nervt schon ziemlich).
Mein Kind lässt sich mit Erwachsenen eigentlich auf alles ganz gut ein, kann Kompromisse eingehen, wenn sie eigentlich etwas anderes machen möchte. In der Logo arbeitet sie inzwischen die ganzen 45 Minuten relativ konzentriert am Tisch. Da mache ich mir eher wenig Sorgen. Auch die Therapeutin wird (soll) immer die gleiche sein.
Kind möchte ja auch eigentlich gerne Kontakt mit anderen Kindern, aber es ufert immer gleich aus. Das wird wohl eines der Hauptziele in der Therapie, neben dem Selbstbewusstsein.

Gruß
Alex
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Beitragvon HeikeLeo » 11.11.2018, 20:11

Kind möchte ja auch eigentlich gerne Kontakt mit anderen Kindern, aber es ufert immer gleich aus.

Da bieten manche ATZ Sozialtraining an. Zumindest hier bei uns gibt es wöchentliche oder zweiwöchentliche Termine in kleiner Runde. Das klingt so, als ob so etwas für Euch wäre. Wahrscheinlich wäre eine Kombination mit Einzeltherapie sinnvoll.

Viele ATZ haben auch individuelle Websites und Newsletter, Elternstammtische und Treffen. Da sieht man dann auch tatsächlich Bewegungen, Verhalten, Sprache wie man sie sonst auch kennt und dann versteht man manches gleich besser.

Liebe Grüße
Heike

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Engrid
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Beitragvon Engrid » 11.11.2018, 20:20

Manchmal ist es sinnvoll, soziale Fähigkeiten ganz konkret erst im Einzelsetting zu trainieren, bevor es dann in die Gruppe (Sozialkompetenztraining) geht.
Was dann grade das richtige ist, muss man natürlich immer individuell besprechen.
Engrid
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