Nach der Förderschule unbedingt immer über das Arbeitsamt?

Unsere Kinder werden älter, verlassen die Schule und auch oft das Elternhaus. Wie sehen die Perspektiven für behinderte Jugendliche und junge Erwachsene aus? Wo können sie arbeiten? Wo finden sie geeignete Wohnformen? Hier können sich Eltern austauschen und informieren!

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elfe
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Nach der Förderschule unbedingt immer über das Arbeitsamt?

Beitragvon elfe » 01.11.2018, 15:06

Hallo, mein Sohn ist jetzt 18 Jahre, Förderschule und nun gehts um die Zukunft. Werkstätten für behinderte Erwachsene geht nicht, das haben wir über den Integrationsdienst versucht, generell Praktikumsplätze sehr schwierig und nur mit Einzelfallhelfer für 2-3 Stunden. Jetzt haben wir gehört, dass wir nach der Schule über berufsbildende Massnahmen feststellen lassen müssen, welcher Arbeitsmarkt für ihn in Frage kommen. Vom Entwicklungsstand kommt keine Ausbildung mit mehreren Personen nicht in Frage, aber wir könnten meinen Sohn im Familienbetrieb unterbringen und er bekommt "Taschengeld", da kennt er sich aus und integriert sich gut.
Nun meine Frage, müssen wir wirklich übers Arbeitsamt bei anerkannter Schwerbehinderung und Pflegegrad oder können wir einfach Grundsicherung beantragen und ihn individuell beschäftigen??? Ich bin für jeden Rat dankbar, denn ich will keine Tortur bei den Ämtern mehr
Lieben Dank schonmal im Voraus
wende dich der sonne zu, dann liegen die schatten hinter dir

A und Floh 12/99, VSD, BPA,Asthma ADS, Autismus Spektrum Störung, Tiefgreifende Entwicklungsstörung,Sehschwäche, Hemiparese, Inkontinenz,Z.n. NEC,Neurodermitis ....a.F.einer Frühgeburt 26.SSW- aber wunderbar

Kaja
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Beitragvon Kaja » 01.11.2018, 21:48

Hallo Elfe,

ihr könnt Grundsicherung beantragen. Dann wird geprüft, ob dein Sohn dauerhaft voll erwerbsgemindert ist. Deshalb sollte er - auch in eurem Familienbetrieb - nichts wirtschaftlich Verwertbares für einen Zeitraum von mehr 3 Stunden täglich erledigen. Auch Geldzahlungen sollten nicht erfolgen. Aber da ihr euren Sohn ja beaufsichtigen müsst, könnt ihr das natürlich auch in den Räumlichkeiten des Familienbetriebes tun.

Ansonsten (also jenseits von Grundsicherung) könnt ihr deinen Sohn auch offiziell als Mitarbeiter (gegebenenfalls als Minijobber) mit Arbeitsvertrag und tatsächlicher Lohnzahlung auf ein Konto einstellen und damit den steuerpflichtigen Gewinn des Familienbetriebes mindern. Eventuell könnt ihr dann Leistungen aus dem Budget für Arbeit nach § 61 SGB IX in Anspruch nehmen.

Als "Zwischenlösung" fällt mit noch der Außerarbeitsplatz einer Werkstatt in den Räumen des Familienbetriebes ein (geht aber m.E. nur nach abgeschlossener Eingangsphase). Neu im Gesetz ist jetzt § 60 SGB IX. Euer Familienbetrieb könnte als "anderer Leistungsanbieter" anerkannt werden und damit als "Quasi-Werkstatt" fungieren. Leider gibt es zu dieser Regelung noch zu wenig praktische Erfahrungen.

Viele Grüße Kaja

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Jakob05
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Beitragvon Jakob05 » 15.11.2018, 09:25

Hallo Elfe,
auch wenn du - wie fast alle hier - des Kämpfens müde bist, weiss ich nicht, ob es ratsam ist, deinen Sohn völlig aus dem Blickfeld der Ämter zu ziehen. Als Sofortlösung scheint es angenehm, sein eigenes Ding zu machen, aber was ist, wenn Ihr als Eltern UND Arbeitgeber mal nicht mehr könnt ? Das kann aus vielen verschiedenen Gründen ja jederzeit passieren. Wenn er dann jahrelang ohne Hilfeanspruch durchgekommen ist, wird es erst recht viel Erklärungsbedarf über das Anspruchsrecht deines Sohnes geben und dann zu einer Zeit, in der ihr das bestimmt nicht brauchen könnt.
Ideen wie Kaja sie genannt hat, könnten ein guter Weg sein.
Auch wenn es anstrengend ist, würde ich jetzt erst klären lassen, welche Hilfen dein Sohn braucht und was er leisten kann, wer diese Hilfen dann leistet (ihr oder eine Institution) kann in einem 2.Schritt geklärt werden.
Cordula (65) mit I. (86), M. (88 mehrfachbehindert, HF-Autist), J. (†28.07.05,*02.08.05,37.SSW) + K. 10/07 (GS, HD, Rachenfehlbildung,Tracheostoma)

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Beitragvon Anne_mit_2 » 15.11.2018, 11:25

Hallo Elfe,

der Landschaftsgartenbaubetrieb hier im Nachbarort hat auch den geistig-behinderten Sohn eines der Inhaber in den Betrieb aufgenommen. Dieser arbeitet dort (übrigens sehr gut) mit, wobei er genau passende Aufgaben zugeteilt bekommt. Es wurde alles über die Ämter laufen gelassen und der Betrieb hat inzwischen insgesamt 3 Aussenarbeitsplätze der WfBM, von denen der Sohn einen belegt.

Ich weiss nicht viele Details, aber mir ist bekannt, dass dieser Mitinhaber sich bewusst aus der Diskussion über die Aussenarbeitsplätze herausgehalten hat, nachdem er sie angestossen hatte, und in dieser einen Entscheidung sogar seine Stimmrechte durch jemand anderen hat vertreten lassen, damit alles formal korrekt ist und niemand eine Bevorzugung seines Sohnes annehmen könnte. Der Sohn hatte vorher mehrere Praktika in dem Betrieb gemacht (natürlich vermittelt vom Vater!) und war daher sogar für die Ämter erste Wahl für die neu geschaffenen Aussenarbeitsplätze.

Wenn ich das damals richtig verstanden hatte, dann war man diesen Weg gegangen, um den Sohn entsprechend abzusichern, falls dem Vater etwas passieren sollte oder der Betrieb in wirtschaftliche Schieflage geraten sollte.

Viele Grüße,
Anne

KatjaMausB
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Beitragvon KatjaMausB » 15.11.2018, 11:34

Hallo Elfe,

das Budget für Arbeit nach § 60 SGB IX kann nur nach bereits erfolgtem Eingangsverfahren und Berufsbildung beantragt werden.

Es gibt aber noch andere Möglichkeiten. Selbst "Anderer Anbieter" nach § 61 SGB IX zu werden, wäre eine Herkulesaufgabe für einen Betrieb. Ihr müsstet z.B. Sozialarbeiter einstellen und ein Qualitäts- und Leistungshandbuch, das von den Kostenträgern "genehmigt" wird einreichen sowie eine Leistungsvereinbarung schließen. Geschickter wäre es, sich einen anderen Anbieter zu suchen, der in euren Räumlichkeiten die Betreuung übernimmt. Noch sind die anderen Anbieter rar gesäht, aber es ist nicht auszuschließen, dass ihr schon am Markt fündig werden könntet.

Die größte Hürde ist aus meiner Sicht aber das Eingangsverfahren und der Berufsbildungsbereich, die von der Agentur für Arbeit quasi vorgeschrieben werden. In diesen 27 Monaten (drei für die Diagnostik im Eingangsverfahren und 24 Monate im Berufsbildungsbereich) wird dann erprobt, für welches Tätigkeitsfeld euer Sohn besonders geeignet ist und was ihn interessiert. Danach würde er in den Arbeitsbereich kommen. Dieser könnte (siehe oben) auch bei euch sein. Entweder als betriebsintegrierter Arbeitsplatz oder als Budget für Arbeit, das aber auch an Bedingungen geknüpft ist. Ich würde mich an euer Stelle auch nicht gegen das staatliche System entscheiden, da es hier Ansprechpartner, Prozesse und Unterstützung für Menschen mit Behinderung gibt. Und wenn man das alles selbst stemmen möchte, hat man vielleicht weniger Bürokratismus, aber die Gefahr, dass man was übersieht oder nicht mitbekommt, ist vielleicht auch größer.

Herzliche Grüße
Katja

PS: Es gibt auch noch die Maßnahme "Unterstützte Beschäftigung" nach § 55 SGB IX, diese kann man über den Integrationsfachdienst erhalten. Vielleicht wäre das auch was für euren Sohn.


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