Erkrankung und Defizite - wie in die Bewerbung schreiben?

Unsere Kinder werden älter, verlassen die Schule und auch oft das Elternhaus. Wie sehen die Perspektiven für behinderte Jugendliche und junge Erwachsene aus? Wo können sie arbeiten? Wo finden sie geeignete Wohnformen? Hier können sich Eltern austauschen und informieren!

Moderator: Moderatorengruppe

Iris15
Stamm-User
Stamm-User
Beiträge: 880
Registriert: 06.06.2008, 22:10
Wohnort: NRW

Erkrankung und Defizite - wie in die Bewerbung schreiben?

Beitragvon Iris15 » 31.10.2018, 09:46

Hallo ins Land,

mein Sohn macht nun eine BVB-Reha, inkl. Berufskolleg und Praktika... und genau darum geht es. Die Jungs und Mädchen sollen sich nun die erste Praktikumsstelle selbst suchen. Dafür muss nach meinem Verständnis ein Bewerbungsanschreiben geschrieben werden, dass man dann in der Firma "lassen" kann, persönlich abgegeben. So. Nun hat mein Sohn große Schwierigkeiten etwas schriftlich zu verfassen, es steht wohl außer Frage, dass er somit sehr sehr von mir dabei unterstützt wird. Aber, ich frage mich nicht erst seit gestern: Der Arbeitgeber, und wenn es auch "nur" ein Praktikum ist, muss doch wissen, dass da jemand kommt, der eben nicht als der "normale" Schulabgänger vor der Türe steht, sondern jemand mit Defiziten aufgrund der Krankengeschichte, der mehr Aufmerksamkeit und Geduld braucht vielleicht, mit Fingerspitzengefühl halt. Das wird ja schon schwierig genug, wenn er dazu mal direkt im Gespräch befragt wird (welcher Jugendliche redet schon gern über Schwächen?), aber mal im Ernst, ich kann doch jetzt nicht mit ihm eine übliche Bewerbung schreiben... da weiß die Firma doch garnicht was los ist! Und wenn ich es zackzack da rein schreibe, na hui, das wird ja wohl dann eh kein Erfolg leider....

Was meint Ihr dazu?
Nur zum Verständnis: Ich halte mich unterstützend im Hintergrund und nein, ich bin nicht die Mutti, die bei den Firmen vorher anruft und nachfragt grins.

Viele Grüße
Iris
Sohn mit ideophat. generalisierter GM-Epi

Werbung
 
JanaSnow
REHAkids Urgestein
REHAkids Urgestein
Beiträge: 1928
Registriert: 18.02.2010, 11:01

Beitragvon JanaSnow » 31.10.2018, 10:43

Hallo Iris,

nun mal aus Arbeitgebersicht. Ich habe selbst einige Jugendliche bei uns für Praktika "eingestellt".

Gerade bei den Kindern mit Defiziten war es tatsächlich gut, wenn wir vorher davon wussten. Denn dann konnten wir den Einsatz entsprechend planen. Wichtig war uns da dann ganz besonders, die Stärken zu kennen, damit wir den Plan so erstellen können, dass der /die Jugendliche auch was davon hat. Aber wir haben dann ganz bewusst auch aufgezeigt, was NICHT geht, denn aus meiner Sicht bringt es nichts, während eines Praktikums ALLE TÜREN zu öffnen, beim Jugendlichen dann Hoffnungen zu wecken und dann später eine Ausbildung abzulehnen, weil diese oder jene Voraussetzungen fehlen.

Wenn sich Dein Sohn aus einer BVB-Reha heraus bewirbt ist es den Betrieben schon bewusst, dass hier ein Jugendlicher kommt, der in Teilbereichen eventuell auch Probleme hat. Umso wichtiger, dass die Praktikumsstelle zu seinen Stärken passt. Dann ist es auch nicht schlimm, wenn das Bewerbungsschreiben weitgehend von Dir mitgestaltet wird. Ehrlich gesagt ist das bei ganz vielen jungen Bewerbern auch so - selbst wenn die in Deutsch eine 2 oder so haben, mit Bewerbungsschreiben sind ganz viele maßlos überfordert. Meine Meinung: Hilf ihm beim Bewerbungsschreiben, packt seine Stärken mit rein (eventuell auch in den Lebenslauf) und dann lass ihn die Betriebe anrufen oder besuchen, die er sich ausgesucht hat. Auf keinen Fall eben ein Bürojob, wenn er sich schriftlich nicht ausdrücken mag.

Viele Arbeitgeber mit Fingerspitzengefühl und dem Willen, jungen Menschen zu helfen, können ganz gut zwischen den Zeilen lesen. Hebt also die Stärken hervor. Ich denke nicht, dass Ihr die Schwächen explizit benennen solltet.

Bei uns ist es inzwischen so, dass wir zunächst gar keine Besuche wollen, sondern lediglich Onlinebewerbung. Dann melden wir uns. Das machen mittlerweile die meisten großen Betriebe so. Da solltet Ihr Euch informieren, bevor Ihr loslegt.

Und ich denke, Ihr dürft auch die Lehrer mit ins Boot holen. Wenn Dein Sohn weiß, was er machen will, dann haben diese vielleicht auch aus der Vergangenheit Tipps, welche Betriebe aus diesem Bereich für "besondere" Praktikanten offen sind.

Ich drücke Euch fest die Daumen.

Gruß
Jana

HannahKillian
Stamm-User
Stamm-User
Beiträge: 475
Registriert: 02.09.2014, 08:45

Beitragvon HannahKillian » 31.10.2018, 10:52

Hallo Iris,

hab dir gerade eine PN geschickt!

Viele Grüße,
Hannah
"Aufgeben?'" Komisches Wort, kenn ich gar nicht...

Meine Vorstellung: http://www.REHAkids.de/phpBB2/viewtopic ... hannah+icp

Silvia & Iris
REHAkids Urgestein
REHAkids Urgestein
Beiträge: 3672
Registriert: 20.03.2007, 18:32
Wohnort: Österreich

Beitragvon Silvia & Iris » 31.10.2018, 11:25

Hallo Jana,

Danke Jana. Wie viel darf man sich eigentlich auch erwarten an Rücksicht? -
ich meine hier z. B. - wenn ich weiß, dass es meinem Kind in großen Hallen und vielen parallelen Geräuschen, Schall und Hall nicht so gut geht... - kann man auf so etwas eingehen? (z. B. Schallschutz tragen... oder ähnliches) oder ist das dann ein Grund, warum man sagt, das geht nicht... (Ich habe hier eine Firma im Visier, wo es Monteure gibt und man auch im kleinen Team arbeiten muss...- an verschiedenen Arbeitsorten...) - da muss man doch so einen Schnupperlehrling nicht gleich in die größten Hallen und den größten Trubel mitnehmen, oder? -

LG
Silvia
Liebe Grüße
Silvia
Tochter *03/2003, PCH, HG-versorgt, ein Sonnenschein
Sohn *03/2006 AVWS + was so dazu gehört

JanaSnow
REHAkids Urgestein
REHAkids Urgestein
Beiträge: 1928
Registriert: 18.02.2010, 11:01

Beitragvon JanaSnow » 31.10.2018, 12:06

Hallo,

prima, wenn Du schon so genau weißt, welche Möglichkeiten es gibt, dann würde ich das durchaus in der Bewerbung auch schon schildern.
Wenn Ihr das positiv formuliert, dann kann das auch sehr positiv ankommen.

Ich persönlich habe Praktikanten immer ganz bewusst in kleineren Teams eingeplant, mit fixer Zuordnung wer Hauptansprechpartner ist.
Wer junge Praktikanten ernsthaft "reinschnuppern" lassen will, freut sich darüber, wenn der Bewerber schon weiß, welchen Bereich genau er sehen möchte. Ihr könnt also ruhig schreiben, was genau Dein Sohn sich vorstellt, wo er mitarbeiten will. Dass er super gerne im kleinen Team mitarbeiten möchte. Ich würde dabei die Vorteile in den Mittelpunkt rücken und nicht als Grund "weil es da leiser ist" in den Vordergrund stellen.

Sorry, seltsam formuliert. Bin nur mit einem Auge beim Schreiben.Mein Kopf ist gerade ganz wo anders. Hoffe, es kommt dennoch ein bisschen rüber, was ich meine. Wenn nicht, rück mir gerne den Kopf zurecht. Ich meld mich dann später.

LG Jana

r.bircher
Stamm-User
Stamm-User
Beiträge: 781
Registriert: 12.09.2005, 09:17
Kontaktdaten:

Beitragvon r.bircher » 31.10.2018, 12:07

Hallo zusammen

Erwähnt es, denn wenn die Beeinträchtigung ein Ablehnungsgrund sind, wirst du bei dem Arbeitgeber eh nicht glücklich.

Ganz wichtig bei der Sache, Spielt persönliche Kontakte aus. Vitamin B ist wohl die Hauptwaffe bei der Jobsuche.

Gruss Raphael
-------------------------------------------------------------------
Meine Vorstellung
Mein Blog
100m Sprint in Regensdorf (CH)

JanaSnow
REHAkids Urgestein
REHAkids Urgestein
Beiträge: 1928
Registriert: 18.02.2010, 11:01

Beitragvon JanaSnow » 31.10.2018, 12:10

Ach so,
klar kannst Du das mit dem Schallschutz erwarten.
Würde ich dann ansprechen, wenn die Firma Interesse zeigt.
Reicht dann auch noch und ist - bei echtem Interesse - auch unproblematisch.

LG
Jana

JanaSnow
REHAkids Urgestein
REHAkids Urgestein
Beiträge: 1928
Registriert: 18.02.2010, 11:01

Beitragvon JanaSnow » 31.10.2018, 12:15

Hallo Raphael,

kann man meiner Meinung nach so oder so sehen.
Manchmal kann es auch gut sein, erst zu zeigen, was man kann, bevor man die "Schwächen" in den Vordergrund rückt.

Wir hatten auch mal eine Praktikantin mit auditiver Wahrnehmungs- und Verarbeitungsstörung. In einem kaufmännischen Betrieb undenkbar?
Sie hat sich beworben als Praktikantin und schon deutlich reingeschrieben, dass sie ihre Stärken im IT-Bereich sieht - nicht im Kundenkontakt. Zwischen den Zeilen wurde mir einiges klar und ich habe sie aus Neugierde eingeladen.
Ja, sie war dann eine tolle Praktikantin und arbeitet mittlerweile in unserer IT. ABER: Ich vermute, wenn sie gleich mit der Tür ins Haus gefallen wäre, hätten wir vielleicht eine "unproblematische" Bewerbung bevorzugt - denn wir können da wirklich aus dem Vollen schöpfen.

Egal, für welchen Weg der Sohn der Fragestellerin entscheidet. Ich drücke fest die Daumen, dass alles gut läuft.
Jana

Werbung
 
Benutzeravatar
Jakob05
REHAkids Urgestein
REHAkids Urgestein
Beiträge: 2434
Registriert: 27.10.2005, 17:22
Wohnort: Rhein-Main

Beitragvon Jakob05 » 14.11.2018, 12:54

Da bei einem GdB von 90 schon bei einigen potentiellen Arbeitgebern die Alarmglocken klingelten, sind wir dazu übergegangen in das Anschreiben sinngemäß zu setzen:
"... meine Behinderungen können durch geeignete Hilfsmittel gut kompensiert werden..."
Details sind erstmal nicht so wichtig, finde ich, das sollte dann bei Interesse weiter vertieft werden. Medizinische Detailsl braucht man ja nicht bekannt geben, sofern sie die Arbeitssicherheit ncht gefährden.
Cordula (65) mit I. (86), M. (88 mehrfachbehindert, HF-Autist), J. (†28.07.05,*02.08.05,37.SSW) + K. 10/07 (GS, HD, Rachenfehlbildung,Tracheostoma)


Zurück zu „Erwachsen werden: Leben, Arbeit, Wohnen“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 6 Gäste