Förderplanziel: Anschauen lernen

Hier könnt ihr euch rund ums Thema Autismus austauschen.

Moderator: Moderatorengruppe

_Marta
Stamm-User
Stamm-User
Beiträge: 168
Registriert: 17.12.2016, 22:14
Wohnort: Hamburg

Förderplanziel: Anschauen lernen

Beitragvon _Marta » 24.10.2018, 10:20

Liebe Alle,

mein Sohn hat nur autistische Züge. Dieses gehört dazu: Er schaut Gesprächspartnern nicht immer ins Gesicht, das ist auch im ADOS als auffällig gekennzeichnet worden. Es könnte natürlich auch eine ADHS-Abgelenktheit sein. Er selber aber sagt: Ich mag nicht in Gesichter schauen, das ist mir unangenehm.

Die eigentliche Frage:
In unserem neuen Förderplan steht ganz richtig, dass es meinem Sohn manchmal schwer fällt, seine Gesprächspartner anzuschauen. Ziel ist dann, er soll sie anschauen.

Ich bin unsicher. Ich kenne TV-Sendungen und Trainings mit erwachsenen Aspergern, die systematisch üben, Gesprächspartner anzuschauen, um nicht so aufzufallen und sich besser zu integrieren. Grundsätzlich finde ich das total OK und nachvollziehbar.
Bei meinem Sohn aber liegt die Sache anders. Er sieht keinen Sinn darin, weil er ja auch genausogut hören kann. Er fühlt sich schrecklich, es ist ihm zu viel und er will das nicht. Und er kann auch nur einfache Gesichtsausdrücke erkennen, bei "gemischten" Ausdrücken ist er aufgeschmissen. Und er ist ja auch erst 8.

Also - ich habe nichts gegen frühes Üben. Natürlich wäre es schön, wenn er unauffälliger und intgegrierter wäre. Aber bei meinem Sohn kommt so eine heftige, verzweifelte "Es-ist-mir-unangenehm"-Reaktion. Macht das dann Sinn? Oder bin ich zu bemutternd?

Wäre ein besseres Förderziel nicht, bei den anderen Kindern Verständnis zu wecken, dass mein Sohn eben anders "teilnimmt"?

Gibt es da neue Therapie-Ratschläge? Oder Ratschläge für Integration?

fragt mit Gruß Marta
Sohn *09/10, Frühgeburt
F90.0G, F84.1V, Entwicklungsverzögerung Feinmotorik, HB, Funktionsniveau: 3 - 4

Werbung
 
Benutzeravatar
Alexandra2014
REHAkids Urgestein
REHAkids Urgestein
Beiträge: 2902
Registriert: 04.12.2014, 14:04

Beitragvon Alexandra2014 » 24.10.2018, 10:32

Hallo!

Das wird jetzt keine fachliche Antwort, weil wir selbst noch ganz am Anfang stehen, so kurz nach der Diagnose, aber ich entscheide sowas nach Bauchgefühl.
Bei meinem Kind wurde vor allem in der Logopädie früh darauf geachtet, dass Blickkontakt entsteht und gehalten wird. Für die Logo ist das auch nicht ganz unwichtig.
Jetzt kommt das Aber: ich habe sehr schnell gemerkt, dass bei Bestehen auf Blickkontakt, mein damals zweieinhalbjähriges Kind nicht mehr zuhören konnte. Es war so sehr mit dem Blickkontakt beschäftigt, dass nichts anderes mehr ging.
Das empfand ich als sehr kontraproduktiv.
Darauf wurde dann auch Rücksicht genommen.

Vielleicht wird es irgendwann leichter für deinen Sohn, wenn er den Zweck des Ganzen kognitiv besser erfassen kann, es also auch für ihn einen Sinn ergibt, warum ein Hinschauen nicht ganz unwichtig ist.

Gruß
Alex
R. *12/2007, Autismus-Spektrum-Störung, okzipitale Epilepsie mit Ausbreitung nach frontozentral

Benutzeravatar
Engrid
REHAkids Urgestein
REHAkids Urgestein
Beiträge: 13810
Registriert: 24.10.2011, 10:36

Beitragvon Engrid » 24.10.2018, 10:42

Hallo Marta,

Alex nennt den springenden Punkt: Zuhören und Augenkontakt gleichzeitig kann sehr schwierig sein (Autisten haben ja eine Reizfilterschwäche, und so kommen halt auf zwei Kanälen sehr viele, sehr dichte Daten, und darunter halt auch viele soziale Daten, die sind ja besonders komplex)
Guck mal hier: https://aspies.de/selbsthilfeforum/inde ... ckkontakt/
Hier sind auch ein paar Links zu Blickkontakt: phpBB2/ftopic113545.html

Ich würde sagen, einem Schulkind grundsätzlich zu lehren, wofür Augenkontakt aus NT-Sicht gut ist, wann er verlangt wird (Bewerbungsgespräch?) und wie man ihn simulieren kann (zb auf die Nasenwurzel gucken), und wann es wichtig ist, ins Gesicht zu gucken (Mimik lesen), ist gut und wichtig.
Es anzutrainieren als grundsätzliches soziales Verhalten halte ich für problematisch. Es strengt erstens viel zu sehr an, und entspricht zweitens einfach demjenigen Menschen nicht, verbiegt ihn also, nimmt seine Eigenart nicht an.
so eine heftige, verzweifelte "Es-ist-mir-unangenehm"-Reaktion.
Dann hast du völlig recht damit, dass du ihn damit ernst nehmen willst.

Besser integriert ist er, wenn er möglichst entspannt ist. Nicht, wenn er möglichst unauffällig ist. Anpassung als Königsweg - ein leider verbreiteter Trugschluss, der sich nicht nur im Antrainieren von Blickkontakt äußert, sondern auch in anderem. Guck also kritisch hin. Den Blickkontakt als allgemeines Ziel würde ich aus den Förderzielen rausstreichen lassen.

Für die anderen Kinder ist das wahrscheinlich eh nichts Zentrales. Wenn gemeinsame Interessen da sind und Sympathie, ist denen der Blickkontakt wurscht. :D

Grüße
Engrid
mit Sohn vom anderen Stern (frühkindlich autistisch)
"Wir sehen die Dinge nicht wie sie sind, wir sehen sie wie wir sind." (Anais Nin)

HeikeLeo
Stamm-User
Stamm-User
Beiträge: 724
Registriert: 18.05.2015, 19:34
Wohnort: Baden-Württemberg

Beitragvon HeikeLeo » 24.10.2018, 11:23

Hallo Marta,

Engrid hat vollkommen recht.

Beim 'Blickkontakt wäre es besser, wenn sich die Förderpersonen/Lehrkräfte auf ihn einlassen könnten und den Blickkontakt aufgreifen, wenn er ihn mal zeigt. Aber er soll vorgeben, was geht und was er braucht. Seine Initiative muss aufgegriffen werden.
Wenn er jetzt nur darauf abgerichtet wird, anderen ins Gesicht zu schauen, dann ist das nur Fake-Verhalten. Er wehrt sich ja auch dagegen.

Liebe Grüße
Heike

Bika
Stamm-User
Stamm-User
Beiträge: 211
Registriert: 12.04.2017, 13:25

Beitragvon Bika » 24.10.2018, 12:24

Hallo,

Mein Asperger ist jetz 12 und schaut, wenn überhaupt, seinem Gespächspartner nur kurz in die Augen. Er kann es, vermeidet es aber, weil er dafür zusätzliche Energie aufwenden muß.
Denn eigentlich überfordert ihn diese soziale Intimität und er folgt dann instinktiv diesem Impuls und unterlässt es. Für mich eine sinnvolle und folgerichtige Reaktion. Er wägt für sich selber ab, welche Ressourcen er,
wie, wann , wo und in welcher Stärke einsetzt, um sozial erwünscht zu handeln.

Augenkontakt steht dabei auf seiner Prioritätenliste ziemlich weit hinten. :?

Mir kommt euer Förderziel recht antiquiert und dogmatisch vor.

Warum soll er den Blick halten?
Damit er nicht so auffällt?
Das finde ich als Förderziel nur sinnvoll, wenn das Kind von sich aus den Weg der Anpassung gehen will und mit negativen Reaktionen aus seiner Umwelt nicht klarkommt.
Bei einem autistischen Kind ohne Leidensdruck, kommt mir so ein Therapieziel wie sinnlose Dressur vor.

LG

Michaela44
REHAkids Urgestein
REHAkids Urgestein
Beiträge: 1067
Registriert: 15.06.2016, 12:49

Beitragvon Michaela44 » 24.10.2018, 19:45

Ich würde sagen, einem Schulkind grundsätzlich zu lehren, wofür Augenkontakt aus NT-Sicht gut ist, wann er verlangt wird (Bewerbungsgespräch?) und wie man ihn simulieren kann (zb auf die Nasenwurzel gucken), und wann es wichtig ist, ins Gesicht zu gucken (Mimik lesen), ist gut und wichtig.
Es anzutrainieren als grundsätzliches soziales Verhalten halte ich für problematisch. Es strengt erstens viel zu sehr an, und entspricht zweitens einfach demjenigen Menschen nicht, verbiegt ihn also, nimmt seine Eigenart nicht an.
Genauso ist es! Engrid bringt die Dinge immer wunderbar auf den Punkt. Schlichtes Blickkontakteinüben, damit man weniger auffällt, ist Dressur und KEINE Inklusion. Erklären, warum die viele Menschen Blickkontakt halten, ist wichtig, es einmal auszuprobieren auch.

Auch ist es richtig, dass das Zuhören schwerer fällt, wenn man als Autist in die Augen gucken muss, obwohl es nicht die eigentliche Blickrichtung ist. Das hat aus meiner Sicht zwei Gründe: zum einen die Schwierigkeit, visuelle und auditive Informationen gleichzeitig zu verarbeiten, zum anderen ist es anstrengend, immer auf den Augenkontakt zu achten. Und dann muss man sich auch noch Gedanken machen, wie lange man in die Augen guckt, denn es soll ja nicht aufdringlich sein, usw.

Es ist keine Förderung, einen Autisten zum Blickkontakt aufzufordern! Was wird denn da "gefördert"? Ein Autist hat dadurch keine Vorteile, es werden lediglich die gesellschaftlichen Ansprüche nichtbehinderter Menschen bedient.

Inklusion wäre es, wenn die Gesellschaft umdenkt hinzu: Die meisten Menschen gucken sich beim Gespräch in die Augen. Einige tun es nicht und das ist auch in Ordnung.

Dann würde kein Autist negativ auffallen, weil er keinen Blickkontakt hält. Kein Autist müsste sich damit herumquälen - es wäre eine Barriere weniger. Und alle anderen Menschen hätten durch dieses Denkmuster keine Nachteile!

Liebe Grüße
Michaela
die sich gerade den Blickkontakt wieder abgewöhnt (Gründe siehe oben), den sie sich vor der Diagnose angewöhnt hat
Asperger Autistin
mit neurodiverser Familie

Benutzeravatar
Engrid
REHAkids Urgestein
REHAkids Urgestein
Beiträge: 13810
Registriert: 24.10.2011, 10:36

Beitragvon Engrid » 24.10.2018, 22:10

... ich als Nichtautistin finde es oft auch ganz angenehm, wenn ich meinem Gesprächspartner nicht frontal gegenübersitze. Grade wenn ich mich konzentriere beim Reden, gucke ich gerne aus dem Fenster zb. Ist sicher auch kein Zufall, dass sich oft im Auto gute Gespräche ergeben, da gucken beide vorne raus. Und beim Essen kann man bekanntlich ja auch besonders gut reden - da guckt ja auch jeder einen Gutteil der Zeit auf seinen Teller ...
Eigentlich müssten also auch Nichtautisten das gut verstehen - wenn sie mal über Konvention und Knigge hinwegsehen.

Grüße
Engrid
mit Sohn vom anderen Stern (frühkindlich autistisch)
"Wir sehen die Dinge nicht wie sie sind, wir sehen sie wie wir sind." (Anais Nin)

Werbung
 
HeikeLeo
Stamm-User
Stamm-User
Beiträge: 724
Registriert: 18.05.2015, 19:34
Wohnort: Baden-Württemberg

Beitragvon HeikeLeo » 25.10.2018, 17:24

na ja, ich als Nichtautistin sehe tatsächlich gerne anderen Leuten ins Gesicht beim Reden. Ich kann dann nämlich wirklich sehen, was sie denken! Das passt oft nicht zusammen, mit dem, was sie sagen. Aber wenn ich hinschaue, kann ich auf Beides reagieren. Ich kann aber auch meinen Autisten aufs Gesicht sehen, wenn sie wegsehen. Die lassen sich auch sehr gut lesen. Aber sie selbst müssen es doch nicht tun. - Ich habe mal ein Akkordeonorchester mit lauter taubstummen Kindern gesehen. Die haben super trainiert, auf den Dirigenten zu sehen, um dann richtig und im Takt gleichzeitig zu spielen. Damit wurde gezeigt, dass so etwas geht. Aber es ist genauso wenig sinnvoll, wie dass Autisten anderen in die Augen sehen müssen. Wenn es für sie nicht nützlich, sondern sogar schädlich ist, dann ist die Antwort eigentlich klar.
Als Förderziel ist das offenbar nicht zu Ende gedacht.

Liebe Grüße
Heike


Zurück zu „Krankheitsbilder - Autismus“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 5 Gäste