Diskussion um schwarze Pädagogik im Film „Elternschule“

Eltern, Geschwister, Großeltern - die ganze Familie ist gefordert, wenn es um die Belange des besonderen Kindes geht. Häufig ist das Familienleben durch die besonderen Bedürfnisse von Sohn oder Tochter großen Belastungen ausgesetzt. Ein Austausch mit Familien, die auch ein besonderes Kind haben, tut gut und kann sehr hilfreich sein.

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Annika1
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Beitragvon Annika1 » 30.11.2018, 00:21

Hallo,
hm, aber HeikeLeo schrieb doch nur, dass das Kind JETZT 11 Jahre alt ist, nicht wann es in der Klinik in Gelsenkirchen war?
Gruß,
Annika

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Michaela44
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Beitragvon Michaela44 » 30.11.2018, 00:46

Annika1 hat geschrieben:Hallo,
hm, aber HeikeLeo schrieb doch nur, dass das Kind JETZT 11 Jahre alt ist, nicht wann es in der Klinik in Gelsenkirchen war?
Gruß,
Annika


Sie schrieb, sie waren "gerade" in der Klinik. Also ist es wohl nicht länger her.
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Silvia & Iris
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Beitragvon Silvia & Iris » 30.11.2018, 08:31

... also bräuchte man junge Erwachsene die vor ihrem 3. Geburtstag diese Behandlung durchgemacht haben und dann macht man Tests - oder?

Und wie will man dann verifizieren, was durch die Behandlung vor 17 Jahren oder so wirklich heute zurück geblieben ist und nicht durch andere Erfahrungen im Leben des Kindes entstanden ist? Es ist wahrlich nicht leicht...

LG
Silvia
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Engrid
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Beitragvon Engrid » 30.11.2018, 09:00

Hallo Silvia,

das ist das grundsätzliche Problem mit der komplexen Psyche und der sogenannten Evidenzbasierung, die häufig auf harte, messbare Daten und unmittelbare Folgen abstellt.
Eine ernsthaft gemeinte Evidenzbasierung müsste sich dafür interessieren und dann auch Wege finden, Längsschnitte zu erfassen. Deshalb muss man ja nicht bei jedem einzelnen „Tests“ (wieder sowas mit „harten“ Daten) machen, sondern nachfragen, Feedback einholen (das macht viel Arbeit). Aber auch: den wissenschaftlichen Diskurs pflegen, neuere Forschungen einfließen lassen. Dahingegen arbeitet die Gelsenkirchener Elternschule seit 30 Jahren mit ihren eigenen verqueren Konzept. Nicht mal eine Evidenzbasierung mit „harten“ Daten, nach wissenschaftlichen Kriterien, findet dort statt. Eine tiefergehende, wissenschaftlich fundierte Überprüfung der Evidenz von außen (!) durch unabhängige (!) Fachleute gibt es dort nämlich nicht. Auch das wurde in den Stellungnahmen der Fachgesellschaften moniert.

Grüße
Engrid
mit Sohn vom anderen Stern (frühkindlich autistisch)
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Sheila0505
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Beitragvon Sheila0505 » 30.11.2018, 09:55

Also für mich ist der springende Punkt der: solch kleine Kinder sind hilflos und schutzlos ausgeliefert. Sie umreißen Strategien und Handlungsplanungen noch gar nicht. Sie sind zu 100% auf ihre Bezugspersonen/Erwachsene angewiesen. Und genau dieser Aspekt verpflichtet alle Behandelnden Ärzte, Therapeuten und Schwestern, ihr Vorgehen genauestens zu reflektieren und im besonderen Maße gewissenhaft und vorallem würdevoll zu handhaben.

Was aber dieses Konzept beinhaltet ist alles andere als ein verantwortungsvoller und ein würdevoller Umgang. Es dominiert zumindest phasenweise ein absolutes Machtgefälle, Toddlers werden mit ihren übermächtigen Gefühlen wie Angst, Panik, Überforderung, Wut.. absolut allein gelassen - sich selbst überlassen und ihre engsten Bezugspersonen angeleitet sich zu distanzieren und dieses Vorgehen zu unterstützen.

Strategisch wird den Kleinen der sichere Hafen genommen, während sie in unbekannte Gewässer geschubst werden.

Daran KANN NICHTS gesund sein, selbstverständlich ist das traumatisierend für solch Kleine. Der Kleine, der sich unter dem Waschbecken kauert zeigt das wunderbar.

Und genau diese Seite der Therapie verdient ein jede Kritik.
Was betroffene Eltern dazu sagen ist für mich absolut zweitrangig. Denn das dieses Vorgehen "zieht", sich Verhalten "augenscheinlich" ändert/bessert, leugnet schlichtweg keiner. Es geht allein darum: mit welchen Methoden erreicht man das? Und diese Methoden gehören hinterfragt und diskutiert.

Dass jenes Vorgehen für Kleinkinder traumatisierend ist, steht für mich außer Frage. Es ist ein gravierender Einschnitt in ihr Seelenleben. Ob sie diese Verletzung dauerhaft kompensieren können ohne Spätfolgen davon zu tragen, hängt für mich stark am Individuum selbst und von weiteren (Er-)Lebenserfahrungen ab. Nicht ein jedes Kind wird spürbare, ersichtliche Spätfolgen davon tragen.

Das macht es aber noch lange nicht legitim/vertretbar, weder ethisch noch therapeutisch. Für mich sind die Erklärungen/Rechtfertigungsbegründungen und die Kompensation dieser Tarumata mit dem Bonding danach eine Farce.

Zuckerle und Peitschenhieb - das man darüber hierzulande im 21 Jahrhundert überhaupt noch diskutieren muss, finde ich erschreckend. Ja eine Diskussion ist offenbar bitter nötig, weil es diese "Anstalt" (ja - so nenne ich es, weil ich es am zutreffendsten emp-/finde) mit ihren hausgemachten Methoden offenbar tatsächlich gibt und Kleinkinder dort ein- bzw. ausgeliefert werden. Es ist m.E. furchtbar tragisch und es sollten viel mehr Institutionen und Gesellschaften, Verbände, Bünde und Vereine in ihren Stimmen laut werden!

Das bei einiger Kritik von anerkannten Stellen wie dem Kinderschutzbund der Verwurf der "Misshandlung" aufkam, ist wichtig und richtig.

Liebe Grüße, Sheila

HeikeLeo
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Beitragvon HeikeLeo » 30.11.2018, 10:02

Hallo Leute,

ich habe mich ja bei dem Film Elternschule und deren Methoden eindeutig dagegen ausgesprochen.

Aber die Mutter, mit der ich sprach, war mit ihrer Tochter dort, als Töchterlein knapp über 2 Jahre alt war. Jetzt ist das Kind 11 Jahre alt. Und die Mutter sagt, sie sind immer noch sehr begeistert. Ich habe gestern mit der Mutter gesprochen. Das Kind kenne ich nicht persönlich.
Aber gestern sagte mir die Mutter, der Kinderarzt springe ihr jetzt noch um den Hals, wenn er sie sehe, weil er so beeindruckt ist, von dem Ergebnis. Und ja, die Mutter sagte auch, dass das Aufbrechen der zu engen Bindung ein ganz wichtiger Hilfsfaktor war. Und das Behandlungsziel wurde offenbar mehr als erreicht und ist offenbar sehr nachhaltig.

Ich bilde mir ja ein, mich mit Neurodermitis gut auszukennen. Deshalb finde ich es schon schade, dass sie nach wie vor nicht wissen, was die Hautekzeme verursacht hat. Psychische Aspekte sind allenfalls Verstärker, aber nicht die eigentliche Ursache. Was die ursächlichen Zusammenhänge betrifft, kann man ja sehr schöne und eindrucksvolle Auslöseversuche machen. Mit noch so viel Stress, kann ich aber kein Ekzem provozieren. Wenn aber ein Ekzem da ist, wird es unter Stress sicherlich schlechter. - Aber ich war ja nicht dabei in der Klinik. Die Mutter ist eine sehr sanfte Frau. Die Mutter hatte zu dem Zeitpunkt bereits zwei größere Kinder - war also auch nicht "Anfängerin". Trotzdem befürwortet sie eindeutig das Vorgehen der Klinik.

Mich beschäftigt das. Im Januar wird sich sicher die Gelegenheit ergeben, nochmal mit ihr zu sprechen.
Ich denke, wie schon gesagt, immer noch, dass medizinische oder pädagogische Maßnahmen nur mit den Betroffenen gemacht werden dürfen, anstatt brachial die Kompensationsstrategien wegzubrechen und durch andere zu ersetzen. Aber es gibt weder für das Eine noch für das Andere wissenschaftliche Evidenz. Und möglicherweise ist es auch keine "technisches" Problem, sondern eher eine Sache der moralischen Wertung.

Liebe Grüße
Heike

jonasb
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Beitragvon jonasb » 30.11.2018, 15:01

Hallo,
der Verband der Psychologen und psychologinen hatte was geschrieben das echt erschütternd ist...Die fanden das wohl nicht gewaltsam, was da in der Klinik passiert, haben abe roffenbar keine Erfahrung mit Kindern.
Ich finde das aber gerade nicht mehr :(
Heike,
die tochter kann auch psychisch auffällig werden als Erwachsene mit eigenen Kindern.
Das ist denen offenbar nicht klar. Und vermutlich ist die Tochter auch unter druck, weil alle vielleicht erwarten, dass sie so tut wie die anderen wollen.
VG, Jonas mit Söhnchen:Periventr'ikuläre Leukomalazie, ICP, Z.n. West-Syndrom mit BNS, Button, Resektion links Parietal, Entwicklungsstörung, Epilepsie... ein heller Stern am Himmel sei 30. Dezember 2018
Vorstellung

rena99
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Beitragvon rena99 » 30.11.2018, 15:21

HeikeLeo hat geschrieben:Aber die Mutter, mit der ich sprach, war mit ihrer Tochter dort, als Töchterlein knapp über 2 Jahre alt war. Jetzt ist das Kind 11 Jahre alt. Und die Mutter sagt, sie sind immer noch sehr begeistert. Ich habe gestern mit der Mutter gesprochen. Das Kind kenne ich nicht persönlich.
Aber gestern sagte mir die Mutter, der Kinderarzt springe ihr jetzt noch um den Hals, wenn er sie sehe, weil er so beeindruckt ist, von dem Ergebnis. Und ja, die Mutter sagte auch, dass das Aufbrechen der zu engen Bindung ein ganz wichtiger Hilfsfaktor war. Und das Behandlungsziel wurde offenbar mehr als erreicht und ist offenbar sehr nachhaltig.


Kann man das jetzt nicht einfach mal so stehen lassen? Muss man da jetzt ausgiebig danach suchen, welchen psychischen Schaden das Kind bekommen haben mag?

Das ist reine Spekulation und geht mir an dieser Stelle zu weit. Das heißt ja nicht, dass man nicht immer kritisch schauen sollte.

Gruß
Rena
Rena mit Tochter (V.a. Autismusspektrumsstörung, Zwangsstörung)
"Jeder Zwang ist Gift für die Seele." (Ludwig Börne)

monika61
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Beitragvon monika61 » 30.11.2018, 15:23

jonasb hat geschrieben:der Verband der Psychologen und psychologinen hatte was geschrieben das echt erschütternd ist...Die fanden das wohl nicht gewaltsam, was da in der Klinik passiert, haben abe roffenbar keine Erfahrung mit Kindern.
Ich finde das aber gerade nicht mehr :(
.


Hallo,

https://twitter.com/KJPGehrden/status/1 ... 5467836416

LG
Monika

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Engrid
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Beitragvon Engrid » 30.11.2018, 15:24

Hallo,

Die Spekulation beginnt dann aber schon woanders.
Es wird ja jetzt ein bisschen spekulativ, ums Eck, was eine Userin sagt, was eine bekannte einzelne Mutter sagt ...
Aufbrechen der zu engen Bindung
??? Sorry, zu enge Bindung, bei Zweijährigen?? „Bindung aufbrechen“ - was ist das alleine für eine Formulierung :shock:


Vielleicht lässt sich das hier versachlichen: klare Linien, souveräne Eltern brauchen Kinder natürlich, auch kleine Kinder. Das hat mit Härte, Bindungsentzug, Schreien lassen überhaupt nichts zu tun.
Ich bin hier notgedrungen über Juniors Kleinkindjahre ziemlich klar geworden, ich bin gut im Grenzen setzen - ich hatte einen unerbittlichen Lehrmeister :mrgreen: Jede feinste Unklarheit flog mir um die Ohren. Aber es wurde hier keine Bindung „aufgebrochen“, im Gegenteil: Die innige Bindung, das „Band“, ist doch die Grundlage, auf der man Grenzen setzen kann. Grenzen, die keine Sanktion brauchen, sondern früher oder später einfach eingehalten werden. Grenzen setzen hat doch nichts mit emotionaler Distanz oder mit Härte zu tun, nichts mit Bindungsabbruch, nichts mit Alleinelassen.

Wenn Eltern Hilfe brauchen im Lernen, wie man ruhig und klar Grenzen setzt, wie man „bei sich bleibt“, dann doch nicht damit, dass von außen Beziehungsabbruch verordnet wird, um dann die Eltern-Kind-Interaktion „wieder neu aufzubauen“. Das ist doch kein Legoturm, den man umschmeißen und neu aufbauen kann. Da geht was kaputt beim „Abbruch“, „Aufbrechen“, „auf Null setzen“, oder wie sie das sonst noch so nennen dort. „Kind einmal durch die Stresskurve laufen lassen“ - alleine die Sprache, dieses Mechanistische, finde ich schon ziemlich entlarvend ... da wird ganz gezielt emotionale Distanz aufgebaut, da werden Zwangsläufigkeiten, Kausalzusammenhänge konstruiert, Bilder im Kopf erzeugt, die offenbar in der Not so eingängig erscheinen. Falsch sind sie trotzdem.

Grüße
Engrid
mit Sohn vom anderen Stern (frühkindlich autistisch)
"Wir sehen die Dinge nicht wie sie sind, wir sehen sie wie wir sind." (Anais Nin)


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