Diskussion um schwarze Pädagogik im Film „Elternschule“

Eltern, Geschwister, Großeltern - die ganze Familie ist gefordert, wenn es um die Belange des besonderen Kindes geht. Häufig ist das Familienleben durch die besonderen Bedürfnisse von Sohn oder Tochter großen Belastungen ausgesetzt. Ein Austausch mit Familien, die auch ein besonderes Kind haben, tut gut und kann sehr hilfreich sein.

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rena99
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Beitragvon rena99 » 07.11.2018, 15:16

Hallo MamaPina,

die berufen sich auf Leitlinien. Wenn ich die von Engrid verlinkten Seiten richtig verstanden habe, dann sind diese Leitlinien zumindest deutlich überholt. Und es gibt einige wisenschaftlich fundierte Ansätze, die da zu etwas ganz anderem raten.

Ich bin dann hier auch erst einmal wieder raus. Ich habe weiter oben schon mal geschrieben, dass sicher nicht alles scharz oder weiß ist. Wenn man die dunkelgrauen und schwarzen Ecken besser ausleuchten will, dann erreicht man das am besten mit einer sachlichen, deutlichen und fundierten Diskussion.

Gruß
Rena
Rena mit Tochter (V.a. Autismusspektrumsstörung, Zwangsstörung)
"Jeder Zwang ist Gift für die Seele." (Ludwig Börne)

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RikemitSohn
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Beitragvon RikemitSohn » 07.11.2018, 15:32

Hallo Rena,

ich weiß, nicht so ganz, was du erwartest, damit es eine gute Diskussion gibt. Die meisten gehen nicht von Sadisten aus, die dort in der Klinik arbeiten. Ich persönlich gehe eher von einem übermäßigen Ego des Herrn Langer aus, der es schafft Menschen gut um den Finger zu wickeln.
Ich empfinde doch eine gewisse Ähnlichkeit zu der von mir beschriebenen Familie. Auch diese Eltern sind keine Sadisten und lieben ihre Kinder sehr. Auch sie wollen wie die Klinik wahrscheinlich das Beste. Trotzdem kann man die Schläge nicht wegreden, wie auch bestimmte Behandlungsmethoden.
Der Unterschied zu einer Familie und einer Klinik ist für mich ganz klar im Umgang mit den Graustufen. In Familien können Dinge aus dem Ruder laufen, da muss man schauen, wo ist Hoffnung, wo kann gedreht werden. Eine Familie gleich abzuschreiben wäre falsch. Doch bei einer Klinik handelt es sich nicht um ein Beziehungsgeflecht, das entsteht. Da sind Professionelle am Werk, die den Nötigen Abstand haben. Und bei Fachpersonal sehe ich nicht die Graustufen. Da ist bei mir schwarz, schwarz. Egal was um die angesprochenen Methoden herum an gutem Läuft, wäre mir im Fall von Therapie egal, wenn meinem Kind trotzdem so etwas wiederfährt.

LG Rike
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Engrid
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Beitragvon Engrid » 07.11.2018, 15:34

Hallo Rena,

aus der Sicht vieler Kritiker, wie Brisch, Schulte-Markwort, dem Präsident und der Vizepräsidentin des Kinderschutzbundes, beide Fachleute, der DGSF, ... baut die Arbeit der Gelsenkirchener Elternschule auf einem nicht vertretbaren Menschenbild auf. Dieses Menschenbild zeigt der Film auch ziemlich offen, finde ich. Und dieses Menschenbild, bzw Kinderbild ist ja die Rechtfertigung für die Gewalt.
Da kann man nun nicht einzelne, sanfte Elemente lassen, und nur die schlechten, die psychische und physische Gewalt darstellen, rausnehmen. Zudem ist, wenn man sich mal den alten Veröffentlichungen von Langer, Lion und Stemmann beschäftigt, ganz elementar noch diese wissenschaftliche nicht haltbar Theorie drin, dass Neurodermitis, Asthma rein stressbedingt sei, und durch Erhöhung des Stresses ausgemerzt würden (verkürzt).
Deshalb werden ja die Kinder ABSICHTSVOLL und KALT unter Stress gesetzt, was Lion zb auch in der Untersuchungsszene ganz klar so benennt und durchzieht. Was der Grund ist, warum die Krankenschwester (?) dem Kleinen in der Mäuseburg den Schnuller wegnimmt, mit Erfolg, er schreit dann auch.

Und es ist ja auch wesentlicher Teil dieser drei Wochen Therapie, dass die Interaktion Eltern-Kind erstmal „auf null gesetzt wird“ und dann wieder „neu aufgebaut“, auch da stinkt der Fisch vom Kopf her. (das klingt im Film mehrfach klar an, dass den Eltern das so vermittelt wurde, und Regisseur Bücheler sagt das auch im Interview).

Nichts ist nur schwarz-weiß, Langers Team ist von seiner Mission sicherlich überzeugt (was es nicht automatisch besser macht), aber da stimmt das ganze System nicht. Nicht bloß einzelne Elemente. Auch wenn einzelne Elemente, wenn sie nur für sich stünden (!), okay wären oder hilfreich.

Du hast eine gute Urteilskraft und einiges hinter Dir an klinischen Erlebnissen mit Deiner Tochter. Sicherlich entstehen da beim Sehen Parallelitäten, das ist ja auch die Strickweise des Adolphschen Filmstiles, dass die Vorerfahrungen der Kinozuschauer „anspringen“. Aber diese Kinder sind Kleinkinder. Und der Ansatz, bei den Eltern Spannung rauszunehmen ist natürlich richtig, aber doch mit deeskalierenden Methoden, mit Bindungsstärkung, mit Empowerment. Der Ansatz, nach der Funktion von Verhalten zu fragen, ist richtig, aber doch offen, und nicht mit fixer Antwort: Kind testet strategisch die Grenze.

Grüße
Engrid
mit Sohn vom anderen Stern (frühkindlich autistisch)
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Beitragvon Bika » 07.11.2018, 16:17

@Engrid,
woher nimmst du die Gewissheit, dass das von Langer proklamierte Menschenbild nicht vertretbar ist?
Beruht das auf einem unumstößlichen gesamtgesellschaftlichen Diskurs?
Das ist, so finde ich, nämlich die zentrale Frage,
„welches Menschenbild legen wir zugrunde?“

Du gehst in deiner Argumentation schon vorab von etwas aus, was aus meiner Wahrnehmung keine allgemeingültige Akzeptanz besitzt.

Ich finde das auch extrem bedauerlich aber darum geht es ja nicht.

Als ich mit meiner Tochter früher Hilfe gesucht hatte (auch aufgrund von Schlafproblemen, wobei die Sorge um mein Kind ausschlaggebend war und nicht weil wir am Limit waren, da es uns allgemein immer gut ging)
habe ich zwei diametrale Ansätze erlebt:

1. die Nachtangst wird instrumentalisiert, um in Gesellschaft zu sein.
Angst zu haben und zu zeigen ist das wirkungsvollste Instrument, was Kinder im Umgang mit ihren Eltern haben, warum sollten sie freiwillig darauf verzichten?
Einfach ignorieren und unbegrenzt jammern lassen, dann verschwindet sie (versprochen spätestens nach 2 Wochen) von alleine und das Kind gewinnt ein Stück Selbstständigkeit dazu.
Wenn wir das nicht versuchen, sind wir schlechte Eltern.

2. das Kind braucht einfach noch die Nähe, Punkt!
bestimmte Hinareale reifen durch das Praktizieren eines Familienbettes am besten nach, wenn wir unser Kind aus dem Elternschlafzimmer verbannen, sind wir schlechte Eltern.

Empfehlung 2 entsprach meinem Bedürfnis als Mutter und ich war beruhigt.

Empfehlung 1 kam von einem sehr anerkannten, recht jungen Modearzt (Kinder- und Jugendpsychiater)
Empfehlung 2 aus der psychosomatischen Ambulanz des Kinderkrankenhauses Altona, welche jahrelang von Professor Schulte-Markwort geleitet wurde und der deutlich älter war als der Jungarzt.

Ich habe nicht den Eindruck, als wären bestimmte Therapieempfehlungen obsolet.

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Engrid
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Beitragvon Engrid » 07.11.2018, 16:35

Hallo Bika,

woher nimmst du die Gewissheit, dass das von Langer proklamierte Menschenbild nicht vertretbar ist?
Ich verstehe Deine Frage nicht, glaube ich. Die moderne Entwicklungspsychologie und Pädagogik folgen NICHT dem Menschenbild, dass Kinder von Natur aus quasi zwanghaft so lange Grenzen ausloten, bis Eltern an der Wand stehen, dass Kleinkinder und Babies schon strategisch denken, dass Zwangstrennung die Erfahrung von Selbstwirksamkeit fördert, dass kleine Kinder autoritäre Führung körperlich spüren müssen.
Der Film weist dieses Menschenbild in der Klinik dokumentarisch nach, diese Dinge werden im Film explizit vertreten, es gibt Zitate, zb.

Woher dieses leider offen oder latent recht verbreitete Menschenbild kommt? Ich empfehle als Buchtipp Miriam Gebhardt: Die Angst vor dem kindlichen Tyrannen.
Dieses Menschenbild mag verbreitet sein, vertretbar ist es nicht. Mit dem Grundgesetz vereinbar ist es auch nicht, wie ja auch die Anzeige und die Kritik des Kinderschutzbundes zeigt. Und freie, mündige Demokraten, die mit Autorität souverän umgehen, aktiv wie passiv, sozialisiert man so auch nicht.

Grüße
Engrid
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Beitragvon Bika » 07.11.2018, 18:04

Hallo Engrid,

Engrid hat geschrieben:

Dieses Menschenbild mag verbreitet sein, vertretbar ist es nicht. Mit dem Grundgesetz vereinbar ist es auch nicht, wie ja auch die Anzeige und die Kritik des Kinderschutzbundes zeigt.


Aber wer bestimmt denn, was vertretbar und und was nicht?
Autoritäre Erziehung flammt auch aktuell wieder auf, so mein Eindruck.

Versteh mich nicht falsch, ich bin ganz bei dir aber was nützt das, wenn ein Großteil der Gesellschaft das anders sieht?
Die Erkentnisse aus der Bildungsforschung interessieren ja auch keinen, explizit die Verantwortlichen aus der Politik nicht.
Und die Empfehlungen zur Schlafgewöhnung kommen mir, aus ganz persönlichem Eindruck, veraltet aber leider durchaus reaktiviert vor.

Der bedürfnisorientierte Ansatz wird nicht flächendeckend empfohlen.
Babies müssen so früh wie möglich lernen alleine zu schlafen, von Kleinkindern gar nicht zu sprechen, hat meine alleinerziehende Freundin, bezogen auf ihre heute 6jährige Tochter, eigentlich ständig gehört,
vom Kinderarzt bis zur Amtsärztin bei der Schuluntersuchung.

Ich habe einfach den Eindruck, dass du davon ausgehst, dass die allgemeine Akzeptanz auf die unverhandelbare Menschenwürde der Schwächsten, feststeht.
Das sehe ich anders.
So progressiv sind wir nicht.

Erklärungsansätze, warum das so ist, werden von vielen geflissentlich ignoriert oder gar abgelehnt, die lesen lieber
Michael Winterhoff. :(

LG

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Beitragvon HeikeLeo » 07.11.2018, 19:21

Bika hat geschrieben:Ich habe einfach den Eindruck, dass du davon ausgehst, dass die allgemeine Akzeptanz auf die unverhandelbare Menschenwürde der Schwächsten, feststeht.


Das ist vielleicht tatsächlich nicht so. Aber wir arbeiten daran, dass es so wird - nicht zuletzt hier. :wink:
Liebe Grüße
Heike

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Beitragvon Engrid » 07.11.2018, 21:11

Hallo,

Aber wer bestimmt denn, was vertretbar und und was nicht?

Das Gesetz gibt einen Rahmen, was verboten ist und unter Strafe steht, und es wird ja auch ermittelt.
Die Fachlichkeit gibt einen Rahmen, wie ethisch und inhaltlich gearbeitet wird. Auch hier gibt es klare Aussagen von Fachverbänden, dass Leitlinien nicht eingehalten werden und ethische Mängel da sind.
Und Interessenvertretungen gibt es auch, formelle (DKSB zb), und die informelle (wir Eltern, zb), weil wir nicht alles den Fachleuten überlassen wollen, und unsere Kinder vertreten.

Wie der Einzelne innerhalb der fixen gesetzlichen Rahmen seine Kinder erzieht, nach welchem Menschenbild, und wem er sie anvertraut, wie er sich dort in den Einrichtungen, Therapien usw engagiert, das muss jeder auf seine eigene Kappe nehmen.

Aber führt das jetzt nicht zu weit?

Grüße
Engrid
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Beitragvon Michaela44 » 07.11.2018, 21:27

Ein Interview mit dem Präsidenten vom Kinderschutzbund:

https://mobil.stern.de/gesundheit/-elte ... 34066.html
Asperger Autistin
mit neurodiverser Familie

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Beitragvon Engrid » 07.11.2018, 21:39

Was wir übrigens noch nicht diskutiert haben: auch die Dokumentarfilmer als Gruppe haben ethische Ansprüche, Leitlinien quasi. http://www.montage-av.de/callforpapers/ ... Praxis.pdf
https://www.fluter.de/man-kann-nicht-nicht-inszenieren
Zitat:
„Dieses Verständnis spiegelt sich auch in den journalistischen Standards, die sich im Dokumentarfilm durch den Aufstieg des Fernsehens zunehmend durchsetzten. Dazu gehören eine fundierte und nachprüfbare Recherche und die Kennzeichnung der Position des Autors. Seitdem gilt es als unethisch, den Zuschauer über gezielte Inszenierungen im Unklaren zu lassen.“

Wäre eigentlich wünschenswert, wenn die sich positionieren würden.

Grüße
Engrid
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