Diskussion um schwarze Pädagogik im Film „Elternschule“

Eltern, Geschwister, Großeltern - die ganze Familie ist gefordert, wenn es um die Belange des besonderen Kindes geht. Häufig ist das Familienleben durch die besonderen Bedürfnisse von Sohn oder Tochter großen Belastungen ausgesetzt. Ein Austausch mit Familien, die auch ein besonderes Kind haben, tut gut und kann sehr hilfreich sein.

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Sheila0505
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Beitragvon Sheila0505 » 19.10.2018, 09:27

Hallo Anja, das ist ja fein wenn es "mir selbst überlassen" bleibt was ich davon halte.

Ich finde es ja ganz schlimm, dass du dazu öffentlich aufrufst diesen Film anzuschauen und diesen Film somit auch noch zu fördern.
Ganz schlimm finde ich das und das tust du, obwohl du den Film noch gar nicht gesehen hast - man bedenke: Das ist ja deine Argumentation.

Die Frau von Kind im Glück hat ihn nicht persönlich gesehen, aber ihre Kollegen. Und den Trailer, welchen ich mittlerweile gesehen habe, finde ich auch - hingegen zu manch anderen hier -ganz furchtbar und vielsagend.

Unabhängig davon, was ich von den Methoden halte und von den Machenschaften dieser Klinik per se, so betitel ich JEDEN Film als Mist, welcher Kinder so zur Schau stellt und sie als unmündige Menschenwesen öffentlich in Situationen zeigt, welche sie als spätere Erwachsene mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit therapeutisch aufarbeiten müssen. Öffentliche Zurschaustellung Minderjähriger ist für mich Mist. Zumindest haben diese Kinder für die Aufarbeitung in späteren Therapien Filmmaterial - so wenn man dem ganzen noch ein Funken Positives abverlangen möchte.

Ganz ganz furchtbar. Wie in dem Trailer die Kinder und die Eltern dargestellt werden, ist der nächste Punkt. Ganz ganz schlimm und ich würde mich schämen diesen Film als Kinobesucher zu schauen.

Die Methoden an sich, sind dann nur das I-Tüpfelchen des ganzen Dramas.
Für mich macht es auch keinen so großen Unterschied, ob sich es bei diesen Kindern um neurotypische Kinder handelt oder nicht: Solche Methoden verdienen grundsätzlich popular outrage.

Niemals würde ich auch nur einen Cent in diesen Film investieren.

Bestürzend das Engrids Beitrag hier offensichtlich noch ungewollt Werbung für diesen Film bewirkt hat, gar ein Aufruf ins Kino zu gehen und sich ihn anzuschauen.

Mir kommt echt das Frühstück hoch. Schrecklich.

https://www.openpetition.de/petition/on ... ternschule

https://www.youtube.com/watch?v=7lqaxeSZY60

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Anjali
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Beitragvon Anjali » 19.10.2018, 09:49

Naja, es entspricht eben nicht meinem Demokratieverständnis, jemanden ohne „Gerichtsverhandlung“ und „Beweisaufnahme“ abzuurteilen. Man stelle sich einmal vor, es würde vor Gericht so zugehen.
Viele Grüße
Anja

Mutter mit Sohn (17 Jahre / Asperger-Autist)

kati543
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Beitragvon kati543 » 19.10.2018, 09:53

Hallo,
nun habe ich mir sowohl den Link von Engrid, als auch die Homepage der Filmemacher angeschaut (inklusive Trailer). Soweit ich das beurteilen konnte, handelt es sich bei den Kindern nicht um irgendwelche Behinderungsfolgen, sondern oft nur um falsche oder keine Erziehung. Die „Schlaftherapie“, nennen wir es mal so, lasse ich da mal außen vor.
Ich kann verstehen, was die Klinik und die Filmemacher ausdrücken wollten. Die Klinik ist oftmals überhaupt der letzte Ausweg für eine Familie. Die Eltern haben alles andere ja schon durch. Die Kinder benehmen sich in allen Richtungen noch schlimmer als unsere Kinder und bei denen gibt es absolut keinen Grund dafür.

Es gibt nicht nur diese Klinik, die solche Therapieansätze verwendet - diese Klinik ist nur die erste, die das öffentlich macht. Ich war damals mit meinem Jüngsten in einer anderen Klinik, auch Psychosomatik - wegen einer Ess- und Fütterstörung. Es waren genau die Therapieanätze, die dort genutzt wurden. Das Kind hatte ein bestimmtes Zeitfenster um zu essen (45 Minuten), war die Zeit vorbei, wurde der Teller weggeräumt und es gab bis zum nächsten Essen nichts mehr. Hunger bringt jeden zum Essen...irgendwann. Und unter permanenter ärztlicher Kontrolle stirbt man nicht wegen Hunger. Für uns war das damals die Erlösung. Das erste mal seit Geburt, dass der Kleine überhaupt etwas aß. Er war damals 4 Jahre und hatte bis dahin nur Milch getrunken. Die Alternative war damals eine Sonde.

Wer nicht erlebt hat, was diese Eltern erlebt haben, sollte diese Therapiemethode nicht verurteilen, denn ganz offensichtlich funktioniert sie. Es gibt reichlich andere Therapien, die den Kindern nicht gefallen, ja ihnen sogar direkt Schmerzen zufügen und trotzdem akzeptieren wir das. Warum also diese Therapiemethode, die erfolgreich ist, verteufeln?

Es gibt nur einen Punkt, der mir bei dem Film wirklich übel aufstößt. Hier in dem Film spielen „echte Menschen“ mit. Das sind keine Schauspieler. Haben die Eltern je überlegt, was passiert, wenn ihre Kinder erwachsen sind? Diese Kinder sind ja an sich gesund. Sie können normalen Berufen nachgehen. Wenn das mal irgendwann bekannt wird, wird das Kind zum Gespött des Unternehmens oder der Schule,...

LG
Katrin
Katrin (Epilepsie)
O. (Frühk. Autismus (HFA), Sprachentwicklungsstörung, Ptosis, Hypotonie, AVWS, LRS, Vd. Valproatembryopathie)
D. (geistige Behinderung, Frühk. Autismus, Epilepsie, Esstörung, Trigonoceph., Hypertonie, Opticushypoplasie, Amblyopie, Mikrodeletion 3p26.3, Vd. Valproatembryopathie, Z.n. Schädelbasisfraktur)

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Beitragvon Sheila0505 » 19.10.2018, 09:56

Macht nichts, der Umgang mit diesen Kindern in dieser Klinik entspricht auch NICHT meinem Demokratieverständnis.

Beweisaufnahme ist vorhanden, nur muss ich mir diese Schmach nicht selber "reinziehen".

LG

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Beitragvon Sheila0505 » 19.10.2018, 10:04

Hallo Kati, ICH habe diverse Methoden als Kind erlebt (BKH) - es mag dich überraschen: Ich habe meine Kindheit therapeutisch + psychologisch aufgearbeitet.
Wenn ich mich dann auch noch in einem Kinofilm wiedergefunden hätte, wäre ich wohl heute noch beim Psychologen und sehr wahrscheinlich auch beim Rechtsanwalt.

Erfolg: Ja, dass diese Kinder nach diesen 3 Intensivwochen zuhause parieren, steht für mich außer Frage. Aber welchen Schaden sie tatsächlich davongetragen haben, dieses Ausmaß kristallisiert sich erst viel später im Laufe der Jahre heraus.

konik
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Beitragvon konik » 19.10.2018, 10:33

Hallo zusammen ,

Seit einigen Tagen beschäftigt mich diese Klinik, der Film , das was dort abläuft.

Es ist unfassbar.
Muss denn jetzt wieder Zwang eingeführt werden ?
Müssen wir darüber wieder reden , wird das was in den letzten Jahrzehnten mühsam erkämpft wurde wieder zu Nichte machen?

Das Erste was mir durch den Kopf schoss : Gelsenkirchen ? Da waren schon mal vor einigen Jahren große Skandale um Kinder ....
Auch damals ging es um Macht .
Denn Nichts anderes ist das ja , pure Macht!

Ich sag mal so , wenn gesunde Kinder ein solches Problemverhalten entwickeln , läuft in der Tat was nicht rund , ob dann sowas nötig wird extrem fragwürdig .
Bei Kindern die offensichtlich behindert sind , eine Diagnose haben oder im Verlauf das klar wird sollte man unbedingt andere Lösungen finden .
Klar , es gibt Eltern , die das nicht können warum sei dahin gestellt oder nicht wollen .
Dann braucht es vielleicht Konsequenz auch mal schreien lassen . Aber es ist doch ein extremer Unterschied ob ich dann das Kind im Blick habe zwischendurch oder direkt danach rede , beruhige , da bin.
Aber Kinder in ein fremdes dunkles Zimmer packen , Tür zu und Tschüss ?! Das ist in meinen Augen Macht , den Willen des Kindes zu brechen. Es so an den Boden zu zwingen bis es aufgibt.
Genau das wird ja auch so kommuniziert.

Wenn ich an bestimmte Kinder denke im Film ( hab nur Ausschnitte gesehen) glaube ich schon das Kinder mit Beeinträchtigung dabei sind ( ob die diagnostiziert sind oder nicht ? ) dies aber keine Rolle spielt!
Sowas ist doch unfassbar.

Das die Presse es nicht versteht ist eine Sache , das kein Aufschrei kommt von Medizinern , Therapeuten finde ich skandalös . Auch wenn langsam dazu Artikel kommen!

In unserem Land ist es schon immer Thema das Macht und Zwang , wichtig sind .
Auch in der Erziehung , in der Pädagogik . Sätze wie lass dir nicht auf dem Kopf rumtanzen , hau ihm doch mal auf den Po , zeig ihm wer der Boss ist kennen wir Alle!
Ich hab im Laufe von Jahren auch genug Eltern getroffen die der Meinung sind das Kind hat zu machen was ich will. Ganz gleich was. Ich habe erlebt das Eltern von 3 jährigem ihrem eigenen Kind Böswilligkeit , Absicht unterstellen .
Die finden das dann vielleicht in Ordnung.

Für mich als Mutter ist es kaum aushaltbar. So viele Jahre werde ich immer mit dem Thema Zwang konfrontiert das ich einfach nicht will . Man kann natürlich auch Konzequenz dazu sagen oder , Regeln lernen , hört sich netter an. Einige Menschen verwechseln da auch gerne was und reden es sich schön......
Auch in der Behinderten Hilfe ist Zwang ein großes Thema.
Klar wenig Personal , unerfahrenes Personal , nicht ausgebildetes Personal spielt eine Rolle aber als Mutter will ich nicht das meine Kinder gezwungen werden .
Doch lehnt man etwas ab , muss man ordentlichen Gegenwind aushalten.

Tja passt zum Trend in unserem Land und mir wird übel .....


Konik

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Alexandra2014
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Beitragvon Alexandra2014 » 19.10.2018, 11:09

Mir ging gerade eine ganz andere Fragestellung (völlig wertfrei) durch den Kopf...

Wenn mein Kind eine Mandel-OP braucht, zwinge ich es nicht auch dazu? Und hat das nicht in vielen Fällen auch (emotionale) Folgen für das Kind? Für mich war die Mandel OP ganz schlimm mit vier Jahren, obwohl meine Mutter mit stationär war...
Das Kind ist aber krank und benötigt Hilfe. Bei körperlichen Problemen scheint das ok zu sein?!
Das lässt sich ja unendlich fortführen, ob beim Zahnarzt, wenn was „größeres“ ist, bei Blutabnahme (wir mussten mein Kind zu viert festhalten - wenn das kein Zwang ist...?), oder wenn ich da an die Vojta Therapie denke. :?

Warum aber ist es bei Verhaltensstörungen so verpönt, Zwang einzusetzen, während es einem bei körperlichen Erkrankungen scheinbar so leicht fällt?

Und vor allem muss man die Alternativen im Blick behalten. Was bedeutet es für das Kind, wenn sich nichts ändert.
Wie Kati schrieb, bei Essproblemen kommt ganz schnell die Sonde. Ist das kein Zwang? Ist das besser?

Wie gesagt, sind meine Gedanken dazu völlig wertfrei. Ich suche selbst nach den Antworten.
Für mich persönlich wäre es nicht möglich, mein Kind allein im Dunkeln (und ganz sicher verängstigt) zurückzulassen...
R. *12/2007, Autismus-Spektrum-Störung, okzipitale Epilepsie mit Ausbreitung nach frontozentral

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Beitragvon RikemitSohn » 19.10.2018, 11:18

Hallo,

natürlich müssen wir unsere Kinder auch mal zu etwas zwingen. Gerade bei körperlichen Erkrankungen ist das oft nicht zu ändern. Aber wir wissen auch, was das mit Kindern oft macht. Bei psychischen Therapie geht es doch darum, dass es beiden Seiten besser geht und nicht, dass ein Kind sich als Erwachsener noch an diese schlimme Zeit erinnert.
Ausserdem werden z.B. bei Zahnärzten auch nach besseren Methoden gesucht. Kinder werden nicht mehr festgehalten beim Zähne ziehen, sondern in Narkose gelegt. Also ist das für mich als Denkanstoß nicht haltbar. Denn wo ist da die Grenze.

LG Rike
Mama mit Sohn 2004 ADHS und HB

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Engrid
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Beitragvon Engrid » 19.10.2018, 11:27

Hallo Alexandra,

Beispiel Essstörung: die Essverweigerung hat ja eine Vorgeschichte. Zum Beispiel, dass das Kind im Krankenhaus intubiert wurde, Schmerzen litt, das mit Essen verknüpft hat. Oder eine Hypersensibilität im Mund. Oder ein autistischer Hintergrund. Physischer Zwang, also Festhalten und Essen in den Mund zwingen, wird das Problem verschärfen.
Wenn die Eltern monatelang oder jahrelang mit Druck auf problematisches Essverhalten des Kindes reagieren, dann verschärft sich die Problemarik. Das lässt sich nicht über Nacht auflösen. WENN es sich auflösen lässt, dann aber nicht mit noch mehr Druck bzw Unterwerfung, sondern mit Liebe und Geduld - denn das Kind soll ja zum Essen eine positive Einstellung bekommen. Und es nicht mit Zwang verbinden.

Es gibt Experten, zb in Graz, die gute Erfolge erzielen, an solche sollten wir Eltern uns wenden.

Essen ist etwas sehr intimes, persönliches. Hier ist Selbstbestimmung und Selbstwirksamkeit essentiell. Zwangsfüttern ist Gewalt.
Wie soll ein zwangsgefüttertes Kind eine positives Einstellung zum Essen bekommen? (Vom dem restlichen Vertrauensverlust zu den Bezugspersonen, und den schrecklichen Ohnmachtserfahrungen mal ganz abgesehen)


Mein Sohn hat als Autist von Anfang an ein auffälliges Essverhalten, isst sehr selektiv. Gottseidank ist er gesund genug, dass ich mir nie Sorgen um Unterernährung machen musste. Deshalb konnte ich mich da zurücknehmen, ihm seine Selbstbestimmung lassen, und siehe da: in den letzten Jahren hat er von sich aus eine Menge Lebensmittel dazugenommen, hat für seine Verhältnisse Neugier auf Essen entwickelt, und nicht zuletzt verbindet er Essen zu 100% mit Genuss, und nicht mit Stress. So sitzt er nun manchmal glücklich alleine vor einer Schüssel Beeren, oder Salat, oder Nudeln, lässt sich unheimlich Zeit beim Essen, konzentriert sich voll drauf, und kann so auch wieder ganz viel Kraft tanken.
Dass es bei untergewichtigen Kindern schwieriger ist, ist klar - dennoch muss es ohne Zwangsfütterung gehen. Es sind genug betroffene Eltern im Forum, die das bestätigen können.

Grüße
Engrid
mit Sohn vom anderen Stern (frühkindlich autistisch)
"Wir sehen die Dinge nicht wie sie sind, wir sehen sie wie wir sind." (Anais Nin)

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Beitragvon Alexandra2014 » 19.10.2018, 11:32

Die Grenze ist für mich dort, wo noch im Sinne des Kindes gehandelt wird. Wo es darum geht, dem Kind dauerhaft zu helfen, Schaden abzuwenden, ein normales Leben zu ermöglichen.

Wo eine Narkose möglich ist, prima. Aber keiner macht eine Narkose für Blutentnahmen, Impfungen etc. und ein Emla-Plaster lindert zwar den Schmerz, aber nimmt nicht die (panische) Angst vor der „Nadel“. Trotzdem muss es sein und trotzdem zwingt man sein Kind dazu. Genauso, wie man das Kind zwingt, in die Schule zu gehen, obwohl es weinend und verzweifelt vor einem steht und nicht will...
R. *12/2007, Autismus-Spektrum-Störung, okzipitale Epilepsie mit Ausbreitung nach frontozentral


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