Diskussion um schwarze Pädagogik im Film „Elternschule“

Eltern, Geschwister, Großeltern - die ganze Familie ist gefordert, wenn es um die Belange des besonderen Kindes geht. Häufig ist das Familienleben durch die besonderen Bedürfnisse von Sohn oder Tochter großen Belastungen ausgesetzt. Ein Austausch mit Familien, die auch ein besonderes Kind haben, tut gut und kann sehr hilfreich sein.

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Anjali
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Beitragvon Anjali » 18.10.2018, 22:24

Hallo Engrid,

In dem von dir verlinkten kritischen Statemant des Kinderarztes kommen die Eltern der verhaltensauffälligen Kinder aber gar nicht gut weg.
Ihnen wird ua. unterstellt, in ihrem Bindungsverhalten beeinträchtigt zu sein, „selbst ein Problem mit Bindung und Beziehung“ zu haben.
Den Kindern fehle es „an emotionaler Sicherheit, an Wertschätzung, an Nestwärme“.
„Kinder, die ein Gefühl von Heimat haben, verhalten sich nicht so wie die im Film gezeigten Kinder.“

Hier wird der schwarze Peter zwar nicht den Kindern, dafür aber den Eltern zugeschoben.
Viele Grüße
Anja

Mutter mit Sohn (17 Jahre / Asperger-Autist)

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Roy1969
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Beitragvon Roy1969 » 18.10.2018, 22:41

Anjali hat geschrieben:Hallo Engrid,

In dem von dir verlinkten kritischen Statemant des Kinderarztes kommen die Eltern der verhaltensauffälligen Kinder aber gar nicht gut weg.
Ihnen wird ua. unterstellt, in ihrem Bindungsverhalten beeinträchtigt zu sein, „selbst ein Problem mit Bindung und Beziehung“ zu haben.
Den Kindern fehle es „an emotionaler Sicherheit, an Wertschätzung, an Nestwärme“.
„Kinder, die ein Gefühl von Heimat haben, verhalten sich nicht so wie die im Film gezeigten Kinder.“

Hier wird der schwarze Peter zwar nicht den Kindern, dafür aber den Eltern zugeschoben.


Ich habe den Film nicht gesehen, den verlinkten Artikel aber gelesen.
Mir ging es wie Anjali. Ich finde es schon bedenklich wenn die "Schuld" an den "Verhaltensauffälligkeiten" der Kinder pauschal den Eltern zugeschrieben wird.

Viele Grüße
Roy 69, GöGa 74, D. 98, A. 05
D. HB mit ADS (ADS seit Februar 11 lt SPZ nicht mehr), A. seit 12/2010 Diagnose frühkindlicher Autismus
Alle mit Talent zum Glücklichsein :-)

mariannna
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Beitragvon mariannna » 18.10.2018, 23:03

Hi Ninona,
ninona hat geschrieben:„Oh bitte lass sicher gestellt sein, dass es sich bei den ( dort gezeigten)Kindern um neurotypische, nicht entwicklungsverzögerte oder mit einem Handicap ausgestattete Kinder handelt."

Das war auch mein erster Gedanke!
Aber da es sich um eine psychosomatische Station eines KKH handelt sollten sie schon in der Lage sein, zu erkennen, ob ein Kind wirklich an etwas leidet oder schlicht seinen Willen durchsetzen will, weil Mama und Papa es bisher versäumt haben, Grenzen zu setzen.
Hoffe ich jedenfalls! Das kann ich erst nach Ansehen der Dokumentation beurteilen.
ninona hat geschrieben:lch habe moch sofort an frühere Situationen mit meinem Kind erinnert gefühlt. Es ist für Außenstehende nicht nachzuvollziehen, wieso ( kleinste ) Irritationen zu massivsten (Ver-) weigerungen und Wutanfällen führen.(...)
Abgesehen von unfähigen Eltern ( ..) gibt es Kinder die sind Irritierbar, die fühlen sich angegriffen, weil sie nicht decodieren können.

Solche Fälle, wo Wutanfälle durch kleinste Irritierungen ausgelöst werden gibt es,klar!
Es gibt jedoch auch Wutanfälle , bei denen es ganz klar darum geht, seinen Willen durchzusetzen: Wer kennt nicht das Kind, welches sich an der Kasse auf den Boden wirft, um etwas Süßes zu bekommen. Viele Eltern geben hier (aus Angst, Scham, Mitleid...) nach, was für das Kind genauso fatale Folgen hat wie zuviel Strenge!!
ninona hat geschrieben:Gewaltformen ( zum Essen zwingen, Nähe und Trost verweigern) können niemals langfristig zum Ziel führen.

Das stimmt natürlich!
ninona hat geschrieben:Die von mir angesprochenen Kinder brauchen genau das Gegenteil, jemand der die Welt verlässlich macht, der ihnen hilft zu verstehen. Ja und Stabilität und Sicherheit.

Ja, genau. Sicherheit heißt aber auch:"Nein heißt Nein"... Und wird nicht nach 5 min Dauerquengeln zum Ja! Oder: Wenn es vor 10 min Mittagessen gab und ich nach 2 Löffeln gesagt habe, dass ich satt sei, darf ich mir nicht 10 min später einen Joghurt aus dem Kühlschrank holen. Etc ...
Es ist halt immer ein Drahtseilakt zwischen liebevoller Empathie und Konsequenz :)
Und natürlich besteht Erziehung _auch_ aus Belohnung (Verstärkung) und "Bestrafung" bzw negativer Konsequenz, ich weiß gar nicht, wie Dr.Renz das bestreiten kann.
ninona hat geschrieben:Ich werde mir den Film auf jeden Fall ansehen und ich finde es auch gut darüber zu diskutieren. Und @Engrid, den verlinkten Artikel finde ich in der Tat interessant.
ninona

Ich werde mir den Film auch ansehen, weil mich das Thema Erziehung total interessiert!
Mal sehen, ob die verhaltenstherapeutischen Maßnahmen wirklich so schlimm sind wie einige vermuten.

LG, Marianna

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Engrid
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Beitragvon Engrid » 18.10.2018, 23:23

Naja, der Kontext, warum die Kinder sind wie sie sind, und was bisher in ihrem Leben, in den Familien passiert ist, wird im Film ja gerade NICHT thematisiert. DAS wäre interessant zu zeigen gewesen, dass Kinder sich so ungewöhnlich, für Unbedarfte so schockierend (dem Presseecho nach) verhalten, weil sie zb eine andere Neuroausstattung haben, weil sie zb von Frühgeburt, Krankenhausaufenthalt oder oder oder geprägt sind. Und dass Eltern, wenn sie damit alleine gelassen werden, auch hilflos sein können, Fehler machen, ...

Stattdessen wird pauschal als „Arbeitshypothese“ unterstellt, die Kinder seien darauf aus, ihren Willen durchzusetzen. Und die Eltern seien bisher nur zu nachgiebig gewesen. Mhm. :shock:
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Beitragvon grace » 18.10.2018, 23:27

Hallo,

Ich habe mir jetzt mal den Trailer aus purer Neugier angeschaut: Nichts was ich nicht schon gesehen hätte und nichts was mich weiter interessiert....von kleinen ‘Monstern war aber nicht die Rede, auch nicht von ‘unmöglichen‘ Kindern...

Wenn man einen Film kritisiert, sollte man ihn allerdings schon gesehen haben, sonst kommt das irgendwie umglaubwürdig rüber.

Ich kann mir aber schon vorstellen das diese (alte)autoritäre Erziehung bei jungen und Verzweifelten Eltern im Zeitalter „Kind ist König“ was neues ist und in einigen Fällen auch helfen kann Grenzen zu setzen.

Ich finde die Erziehung hat sich von einem Extrem ins Andere entwickelt und „zuviel“ ist immer schlecht, genauso wie „zuwenig“!

Wie schwer da den berühmten goldenen Mittelweg zu finden, sowohl als Eltern als auch für Lehrer.

Abschließend muss ich aber sagen das ich nicht glaube das der Film an Eltern behinderter Kinder gerichtet ist.

Gute Nacht!

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Beitragvon Engrid » 18.10.2018, 23:40

Anmerkung: der Trailer ist offenbar gekürzt oder anders geschnitten worden.
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Beitragvon Sheila0505 » 18.10.2018, 23:56

Danke Engrid für diesen Thread.

Hingegen der Meinung mancher hier, bin ich fest der Überzeugung: Man muss nicht jeden Mist gesehen haben (gar diesen Mist auch noch mit Kinokarten fördern) um vorher schon zu wissen, dass es Mist ist.
Ich habe mir das hier angesehen

http://youtu.be/hqcL3QM-p0U

und sehe die Betroffenheit. Ich werde sicherlich keinen Cent für eine Kinokarte ausgeben und bin dennoch "mitschockiert" ohne diesen "Film/Doku wie man es auch nennen mag" gesehen zu haben.

Schönen Abend noch, Sheila

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Beitragvon HollysAnne » 19.10.2018, 00:12

Hallo,

ich habe den Film nicht gesehen und bin mir noch nicht sicher, ob ich es über mich bringe, mir das anzusehen. Wegen meinem eigenen Krankenhaustrauma. :?

Ich hatte schon in anderen Kliniken, die keine speziellen psychosomatischen oder was auch immer Kliniken waren, Erfahrungen, die auch in die Richtung schwarze Pädagogik gingen. Und mein Kind ist vom Gefühlsleben her "normal".

Normalität ist ja wohl hier das Thema. Was soll als normal gelten? Wieviel Abweichung von Normalität wollen wir tolerieren? Wie wollen wir auf Abweichungen von der Normalität reagieren? Welche Mittel sind uns dazu recht? Welche Mittel können als normal gelten?

Mir ist das schon immer ein Rätsel, wie die Menschen in weißen Kitteln annehmen können, dass (m)ein mit unsäglichen Krankenhauserfahrungen ausgestattetes Kind z.B. im Schlaflabor (das keins ist, sondern auf Station stattfindet) voll verkabelt und mit Kram im Gesicht, vor dem sie sich ängstigt, schlafen soll und kann. Und da bin ich immerhin dabei und mache Rituale uns sowas.
Da in der Klinik sollen so kleine Menschen an einem fremden Ort allein im Dunkeln beweisen, dass sie schlafen können?! Der Gedanke tut mir weh.
Anne (*83, Logopädin) mit Holly (*3/2012) Abszess zerstörte 2. HW, heute Dystrophie, beinbetonte Spastik, Skoliose,u.v.m. Fröhliche Rollipilotin und meine größte kleine Heldin, Labertasche und Dramaqueen :)
There are still faint glimmers of civilisation in this barbaric slaughterhouse that was once called humanity.

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Beitragvon toto35 » 19.10.2018, 06:07

Hallo,

mir gefällt es nicht, dass es über dieses Thema einen Kino(!)film gibt- das finde ich ganz, ganz schlimm.
LG

____________________________________
Sohn (16,5 Jahre): ADHS/ADS (Mischform), Fructoseintoleranz, v.a. Migräne, Kiss-Kind (Therapie endlich erfolgreich beendet!)

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Senem
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Beitragvon Senem » 19.10.2018, 07:25

Hallo,

mir macht das Thema ziemlich große Angst!

Ich hoffe echt, das diese Methoden nicht nur in der Kinder- und Jugendpsychatrie nicht angewandt werden, sondern auch bei Erwachsenen mit psychischer Störungen!

Ich finde es auch furchtbar, das es so ein Film überhaupt gibt!

Wird ja immer schlimmer!!
Gruß

Selbstbetroffen mit einigen Baustellen


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