Komplette Schulverweigerung, was tun?

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Regina Regenbogen
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Re: Komplette Schulverweigerung, was tun?

Beitrag von Regina Regenbogen »

eli hat geschrieben:Das Thema Medikamente wird auch immer wieder diskutiert, aber die mögen ihn vielleicht ruhiger machen, aber die Lust aufs Lernen wird es auch nicht zurückbringen.
MPH macht NICHT ruhiger, aber aufnahmefähiger! Und Depressionen entwickeln sich auch aus dem jahrelangen Gefühl des Unvermögens, das Kind fühlt sich einfach nur dumm und macht irgendwann die Schotten ganz dicht. War so bei unserem älteren Sohn.

Unser Jüngster nimmt zur Zeit auch wieder MPH, dieses Mal nicht wegen einer Impulskontrollschwäche sondern wegen der Aufmerksamkeitsstörung. Der Autismus überlagert bei ihm das ADHS, aber von Zeit zu Zeit kommen diverse Symptome dann doch hoch.
Wenn es einen Glauben gibt, der Berge versetzen kann, so ist es der Glaube an die eigene Kraft. (Marie von Ebner-Eschenbach)

Sohn * 01/2003 - Frühkindlicher Autismus mit komorbider ADHS
Sohn * 09/2001 - ADS
Tochter * 04/1998 - nix
Tochter * 08/1989 - Peronaeusparese

eli
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Beitrag von eli »

Hallo,

ich stimme zu, was Marianne sagt. Ich glaube auch nicht an eine Depression. Man würde das auch in anderen Bereichen merken. Es gab mal eine Phase, da hat er sich ziemlich eingeigelte und hatte an nichts mehr Freude. So ist es jetzt nicht.

Auch der Neurologe, mit dem ich jetzt kurz sprechen konnte meinte, er denkt nicht an eine Depression, sonst würde es sich auch im Hort bemerkbar machen. Da geht es ihm aber gut und er hat auch wieder einen Freund gefunden, den er jetzt länger nicht hatte. Im Hort hat er zudem mehr Freiheiten. Sie trauen ihm mehr zu und lassen ihn. Da kann er sich frei bewegen, geht spazieren und wird nicht dauernd kontrolliert.

Ich glaube auch er ist in der Klasse einerseits reizüberflutet. Andererseits hat er ja schon immer viel mit der Schulbegletung außerhalb des Raumes gearbeitet. Also in einer reizarmen Umgebung. Er war früher auch immer gerne bei den Mitschülern.

Irgendwann mit Beginn der Pubertät fing sein massives Störverhalten in der Klasse an. Erst dachte man es hängt mit dem Klassenwechsel zusammen. Man wusste nie, wann sein Störverhalten Tics oder Stereotypien sind oder wann er es bewusst macht. Er machte laute Geräusche und signalisierte immer, dass er raus möchte.

Jetzt will er aber gar nicht mehr im Klassenraum bleiben. Ohne Schulbegleitung würde er es gar nicht aushalten, sagt er selbst. Aber auch mit einer Schulbegleitung schafft er es nicht mehr am Unterricht teilzunehmen. Ich weiß auch nicht, ob es mit Über- oder Unterforderung zu tun hat. Er nimmt ja auch nicht an Unterrichtsstunden teil, die keine großen Anforderungen an ihn stellen würden.

Irgendwer oder irgendwas an der Schule hat ihm jegliche Lust an Schule genommen.

LG Petra
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Sohn: Panayiotopoulos-Rolando-Epilepsie, Autismus, einfache Aufmerksamkeitsstörung

marianne
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Beitrag von marianne »

Hallo Petra,

wie war es genau vor der Pubertät?

Die Pubertät ist ja selbst schon Chaos, meine Probleme fingen da so richtig an, da war‘s mir endgültig zuviel Überreizung.

Freiräume und Reizreduktion waren und sind das Einzige, was half.

Wenn Janosch überreizt ist, auch.

Es kann auch Unter- und Überforderung gleichzeitig sein, weil alle Kraft schon drauf geht, die Überreizung überhaupt durchzustehen.

Der Mangel, überhaupt kreativ und engagiert eigenen Interessen, auch intellektuellen, nachgehen zu können, weil ewig erschöpft und innerlich wund, ist gleichzeitig Unterforderung.

Medikamente haben Vor- und Nachteile, ich brauche meistens eine leichte medikamentöse Unterstützung, Janosch brauchte sie 5 Jahre lang und dann nicht mehr, das ist individuell sehr unterschiedlich.

Da Elias schon andere Medikamente nimmt, ist Vorsicht angesagt!

Da er im Hort und mit Freundschaften gut klarkommt, scheint er doch ausgeglichen sein zu können.

Sowieso sind Medikamente wie Krücken, verändern keinesfalls die Grundbedürfnisse, nur graduell die Belastbarkeit.

Daher machen bei Janosch und mir die Verhaltensanpassung den Riesenanteil aus.

Wir leben unsere Eigenbrötlerbedürfnisse als Normalität in jeder Lebenssituation, anders geht es gar nicht.

Und so sind dann erstaunlich viele Leistungen möglich, wenn sicher ist, dass die so schmerzhafte Überreizung wie auch Paniktrigger durch Vorwrfahrungen vermieden werden.

Anscheinend weiß Elias da automatisch schon eine Menge, denn sonst gäbe es keine funktionierenden Lebensbereiche wie im Hort und mit seinem Freund.

Von daher ist sein Schulverhalten für mich auch kein Störverhalten, sondern ein Schmerzverhalten.

Störverhalten ist nicht so begrenzt.

Und er selber kann das nicht benennen, was da in ihm abläuft.

Vielleicht anders mit Mal- oder Gestalttherapie oder wie auch immer?

Ich selber habe geschrieben, bloß gab es damals kein Wissen über Reizoffenheit und ich kapierte mich selber nicht.

Janosch habe ich daheim von allem Schulischen freigestellt, damit er das stärken konnte, was ihn nicht überreizt.

Daher ist es extrem wichtig, therapeutisch und heilpädagogisch, wenn schon nicht sonderpädagogisch, Elias Leiden sichtbar zu machen und zu übersetzen und pädagogisch zu beantworten zur Reduktion von Über- und Unterforderung!

Multiprofessionelles Projekt!
Janosch (06/00) Frühkindlicher Autismus, leichte geistige Behinderung, Aufmerksamkeitsstörung, Adoptivkind

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eli
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Beitrag von eli »

Hallo Marianne,

Theater-AG und Kunsttherapie machen ihm Spaß. Ich denke auch an eine weiterführende Therapie, um seine Probleme sichtbar zu machen. Hier zuhause lassen wir ihn auch in Ruhe. Er ist viel in seinem Zimmer oder am Computer. Aber in der Schule sind sie ja oft an die Gruppe gebunden. Die Schule kommt nur immer mit dem Argument, sie wären halt eine Schule. Sie erwarten also, dass er sich anpasst und verstehen nicht, dass sie etwas verändern sollten.

Schmerzverhalten trifft es gut. Ich denke auch es ist ein Hilfeschrei. Ich will Medikamente vermeiden und ich hoffe die Ärzte sehen das auch so.

LG Petra
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marianne
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Beitrag von marianne »

Hallo Petra!

Das Gruppenverhalten kommt von selber, wenn nicht a l l e s zuviel ist. Wie im Hort, Gruppenverhalten und vieles andere, aber eben auch Rückzug.

Beides geht, muss passen und die meisten Bereiche hören sich doch schon richtig und gut an!

Gut, dass Elias viele Bereiche allein oder zu zweit oder zu Mehreren hat, wo er weiß, wie es ihm gut geht!

Pubertät ist oft Chaos! Aber sie geht vorbei!

Hier in D kann man Schulabschlüsse auch langsamer machen, Hauptsache, sichere und selbstsichere Räume gibt es auch!
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JasperJaspie
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Beitrag von JasperJaspie »

Hallo,

mein Sohn ist ein jahrelanger "Schulverweigerer".
Obwohl das Wort Verweigerung es wahrscheinlich nicht mal so trifft,
sondern eher "Blockade".
Ich glaube, dass die wirklich eher nicht können als nicht wollen (keine Lust haben).
Mein Sohn ging also viele Jahre lang nicht zur Schule, wir haben da auch
einen langen Leidensweg hinter uns.
Wir hatten dann das Glück, dass er in eine Autisten-Klasse wechseln konnte.
Aber auch da lief es nur eine gewisse Zeit gut, er war halt doch noch wieder anders (weniger betroffen - die anderen waren ihm zu autistisch).
Wieder "Schulverweigerung".
Er bekam dann wieder Hausunterricht bzw. zum Teil auch Einzelunterricht in der Schule, was sehr gut lief.
Damit hat er es jetzt bis zum MSA gebracht (mit sehr gutem Abschluss).
Jetzt macht er per Fernstudium Abitur.
Mal sehen, ob er das wirklich zu Ende bringt, ich hoffe es sehr.

Also, dieser Weg war über die ganzen Jahre nicht einfach, aber mit einigen Umwegen lief es dann doch irgendwie.

VG
Ann *1969 mit Tochterkind *1991* sowie mit Sohn Jasper *2001* Asperger-Syndrom (Diagnose Februar 2014)

eli
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Beitrag von eli »

Hallo Jasper,

ich bin auch davon überzeugt, wenn er sich anders verhalten könnte, dann würde er es auch tun.
Er selbst ist völlig erstaunt und traurig, welche Konsequenzen sein Verhalten hat. Jetzt hat es zum Schulausscluss geführt, weil sie ihn ohne Schulbegleitung nicht unterrichten wollen. Er empfindet es als Ungerechtigkeit, was es ja auch ist.

Ich weiß aber nicht wie man es gestalten kann, dass er sich so benimmt, das es funktioniert in der Schule.

LG Petra
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HeikeLeo
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Beitrag von HeikeLeo »

Liebe Petra,

die Lerninhalte müssen in solchen Schritten erfolgen, dass der Schüler die nächsten Schritte beinahe schon von sich aus anpeilt. Gegebenenfalls muss man in winzig kleinen Schritten gehen und vor allem dort abholen, wo das Kind steht. Da predigt man bei Lehrkräften leider tauben Ohren, besonders in Förderschulen.

Im WDR-Film über den Schüler Senat, der erfolgreich gegen das Land NRW geklagt hat, tritt ein anderer junger Mann auf, der zum Beispiel den Weg in Lesen und kompliziertere Sprache über ein Sexbuch gefunden hat. Das fand ich interessant.

Liebe Grüße
Heike

eli
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Beitrag von eli »

Hallo Heike,

das ist sehr interessant. Eigentlich müssen sie an Förderschulen ndividuell beschulen und das geht am besten über Interessen. Aber auch Förderlehrer ziehen stur ihren willkürlichen Lehrplan durch und keiner kontrolliert sie.

LG Petra
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Beitrag von marianne »

Meine Erfahrung mit allen sonderpädagogischen und heilpädagogischen Einrichtungen von Kita bis Schulen und Tagesstätten war immer, dass oppositionelles Verhalten sofort an die Eltern zurückdelegiert wird, auch wenn die Einrichtungen damit werben, gerade für diese Besonderheit Fachexperten zu sein.

Da ich zu diesem Thema 11 Jahre lang mit Janosch zu tun hatte, bevor mit 12 Jahren endlich der wundersame Umschwung stattfand, sehe ich aber klar, was bei Elias anders ist nach deinen Berichten, Petra:

Zuhause, mit Freunden und im Hort hat Elias bereits unbewusst oder vorbewusst gut lebbare Ausgeglichenheit gefunden! Wo eben möglich, das weiß ich auch aus meiner ADHS-Biografie suchen sich Körper und Psyche angemessene Gestaltungsräume.

Wäre es ein oppositionelles Störverhalten, träte es überall auf!

Es ist also schulisch für Körper und Psyche nicht erträglich und es steht keine verträgliche Variante der Kompensation und Anpassung ganz offenbar zur Verfügung, sonst würde sie wie anderswo auch gewählt!

Solche Erfahrungen der Auswegslosigkeit und des Austickens in Not sind traumatisch und demoralisierend und müssen beendet werden, um sich nicht zu verselbständigen!

Irgendwer schrieb hier von Tagesklinik mit eigener Schule! Hört sich für mich gut an!

Wenn da ein multiprofessionelles Team rausfände, warum und was genau schulisch falsch läuft, das wäre ein Segen!

Nur müsstest du, Petra, in jedem Gespräch und Bericht drauf achten, dass es n i c h t um Störverhalten und oppositionelles Verhalten geht, sondern um schulisch-situatives Verweigern!

Damit sie keine 0815-Schiene fahren, sondern alle Ressourcen mit beobachten, die Elias bereits in vielen Bereichen sicher hat!

Auch mit und vor ihm müsste das immer wieder betont werden für sein Selbstbild und damit sich seine Irritation nicht gegen sich selber wendet!

Denn es gibt nichts Schlimmeres als: Sie bereiten dir Not und verlangen, dem auch noch klaglos zuzustimmen!
Janosch (06/00) Frühkindlicher Autismus, leichte geistige Behinderung, Aufmerksamkeitsstörung, Adoptivkind

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