Komplette Schulverweigerung, was tun?

Hier könnt ihr euch rund ums Thema Autismus austauschen.

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Engrid
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Beitrag von Engrid »

In den Hort geht er also gerne? Hast du mal mit den Pädagogen vom Hort erörtert, ob sie sich das Verweigerungsverhalten erklären können? Ob sie Auslöser erkennen können über die zwei Jahre? Die sind ja dann ziemlich nahe an ihm dran, und der Hort gehört zur Schule?

Grüße
Engrid
mit Sohn vom anderen Stern (frühkindlich autistisch)
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eli
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Beitrag von eli »

Ja im Hort gabs noch nie Probleme. Er gehört zur Schule. Dort kann man sich das komplette Verweigern jetzt auch nicht erklären. Sie meinen nur er könnte vielleicht durch irgendwas traumatisiert sein.

Grüße
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eli
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Beitrag von eli »

Hallo Heike,

das Arbeiten in kurzen Intetvallen hat die Schule jetzt lange praktiziert. Es war bedingt erfolgreich. Jetzt geht aber gar nichts mehr. Er will ja nichtmal den Raum betreten. In den Ferien habe ich versucht, ihn zum Lernen zu bewegen. Er ist sofort aufgesprungen und fortgelaufen. Nach einem Satz lesen hat er boykottiert. Wir hatten schon alles: Belohnungssysteme, positive Verstärker usw. Zuhause spielt er nur noch Computerspiele.

Mein Eindruck ist, er hält Menschengruppen egal wie groß oder klein, nicht mehr aus. Er reagiert bei jeder Veränderung. Sind wir in einem Lokal oder auf einem Fest seilt er sich ab und dann schafft er das gut. In der Schule ist das anders. Aber im Hort hält er die Gruppe trotz Veränderung auch aus.

Eine Heimbeschulung halte ich nicht für sinnvoll. Heute hat er schon gesagt er will wieder zur Schule ihm wäre langweilig. Er braucht auch Kinder, sonst vereinsamt er total. Es ist so paradox.

Wie soll die Schulpflicht erfüllt werden, wenn er bei jeglichen Themen, die mit Schule zu tun haben, sofort dicht macht?

LG Petra
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HeikeLeo
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Beitrag von HeikeLeo »

Hallo Eli,

die Schule hält sich für Expertin. Da wäre es doch ganz schön, wenn die Schule Lösungsangebote machen würde. Das Arbeiten in kurzen Intervallen haben sie ja offenbar praktiziert - wahrscheinlich haben sie da etwas geändert. Wahrscheinlich müsste man die Intervalle wieder verkleinern und die Ruhezeiten vergrößern.
Es gibt auch sehr schöne Lernmaterialien, die nicht so schulisch aussehen und die sich selbst verstärken. Da müsste die Schule doch einiges parat haben. Wenn Hort funktioniert, liegt die Verantwortung ganz sicher bei der Schule. Was hat das Kollegium ausgefressen? Wie haben sie traumatisiert? Wie fragt man ganz unschuldig, damit das auch rauskommt? Autismusbeauftragte? Schulpsychologe? Schulsozialarbeit? Schulleitung?

Liebe Grüße
Heike

eli
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Beitrag von eli »

Hallo Heike,

die Schulleitung wehrt aus Prinzip ab. Entweder die Schuld liegt bei meinem Sohn oder bei uns. Es gab vor den Ferien eine Gewaltanwendung gegen meinen Sohn in der Schule. Aber die Verweigerung geht schon länger. Es hat sich jetzt über zwei Jahre zunehmend verschlimmert. Ich weiß auch nichts mehr. Frage ich in der Schule nach würde ich nie eine ehrliche Antwort bekommen. Hätte mein Sohn nicht von der Gewaltanwendung durch eine Lehrerin erzählt, hätte ich es nie erfahren. Wir hatten alles ärztlich dokumentieren lassen usw..

LG Petra
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Alexandra2014
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Beitrag von Alexandra2014 »

Hallo!

Ich habe jetzt nicht alles gelesen. Es gibt eine sog. Anstrengungsverweigerung, die gerne nach einer Traumatisierung auftritt.
Vielleicht gab es schon früher Gewaltanwendung durch die Lehrkraft (was ihr vielleicht nie erfahren habt, vielleicht auch „nur“ psychischer Natur?) und es steckt doch tiefer, aber er kann es so nicht verbalisieren?

Würde ich in jedem Fall mit einem KJP besprechen!

Auch eine Medikamentenunverträglichkeit (psychischer und/oder körperlicher Natur) der Epilepsiemedikation kann dafür verantwortlich sein.

Beides würde erklären, warum es im Hort besser klappt (weil der Medispiegel am Nachmittag abgesunken ist).

Gruß
Alex
R. *12/2007, Autismus-Spektrum-Störung, okzipitale Epilepsie mit Ausbreitung nach frontozentral

JennyK
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Beitrag von JennyK »

Mich erinnert das an meinen Großen... irgendwann konnte er formulieren, dass es ihn so sehr anstrengt, im Klassenraum anwesend zu sein, dass er gar nicht lernen kann... wir haben dann eine erneute Diagnostik gemacht, ich hatte Angst, dass er in eine Depression rutscht, er war ganz kurz vor der absoluten Schulverweigerung und wurde als nicht beschulber betitelt. Es stellte sich dann raus, dass er ADS hat. Vorher hatte er aber schon in eine Parallelklasse gewechselt und das Verweigern und das störende, provozierende Verhalten war allein dadurch wie weggeblasen. In der alten Klasse liefen viele Dinge nicht gut, sowohl von Seiten der Kinder als auch von Seiten des Lehrers. Das hat Lukas so extrem zu schaffen gemacht, dass bei ihm gar nichts mehr ging... nun nimmt er seit einem guten Jahr Medikamente, geht gut gelaunt in die Schule und hat super Noten.... er hat endlich Erfolgserlebnisse und das hat dafür gesorgt, dass er total motiviert ist und immer mehr bereit, sich auch mal ein bisschen anzustrengen.
Sohn 1 (2006), ADS und Asperger Autismus; PG 3; SBA 50 mit B, G, H
Sohn 2 (2013), Asperger Autismus, ADHS; PG 3; SBA 70 mit B, G, H

eli
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Beitrag von eli »

Hallo Jenny,

mein Sohn hat auch eine starke Aufmerksamkeitsstörung. Aber Klassenwechsel bringen erst recht große Probleme mit sich. Die Veränderung und die vielen neuen Eindrücke. Versuche ich in einer 1:1 Situation mit ihm zu arbeiten macht er auch zu.
Vielleicht hat es doch auch damit zu tun, dass er große Lernschwierigkeiten hat, aber mehr können will???

LG Petra
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Angela77
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Beitrag von Angela77 »

Hallo Eli,
es gibt Medikemente gegen Depressionen, die gleichtzeitig den Effekt von Reizfiltern haben.
Ich glaube, viele Menschen werden depressiv, weil sie von Reizen völlig überschwemmt sind und keine Chance haben, sich irgendwie zu erholen.
Hat er körperliche Symptomen: Appetit? Schlafstörungen? Unklare Schmerzen? Magen-Darm-Probleme?
Bene hat normalerweise zu wenig Serotonin im Blut. Er bekommt eine Vorstufe von Serotonin als Dauermedikation seit er 3 ist. Einmal mit 7 sollte es abgesetzt werden und er ist derart ausgeflippt, dass es sehr schnell wieder angesetzt wurde :shock: Er konnte von jetzt auf gleich keinerlei Geräusche, keinerlei neue Wege mehr ertragen und zum ersten Mal in seinem Leben war richtig autoaggressiv. Er hat sich geschlagen, bis er geblutet hat und wollte seinen Kopf gegen die Heizung rammen. Es war die schlimmsten drei Tage meines Lebens und ich war mehrfach kurz davor, ihn in die geschlossen KJP zu bringen oder zumindest ein Benzo zu erbetteln :shock: Niemand hat Bene mehr "gekannt". Alle standen unter Schock. Seitdem weiß ich, das der Menschen eben doch viele mehr Chemie ist, als ich das je wahrhaben wollte.

LG
Angue

Liebe Grüße
Angie
Bene (2008): regressiver Autismus, schwerste expressive Sprachentwicklungsstörung (bei sehr gutem Sprachverständnis!), Bildung von Casiomorphin und Gliadorphin
Vorstellung plus Diäteffekte:
http://www.REHAkids.de/phpBB2/ftopic73493.html

Primär nächtliche Epilepsie im motorischen Sprachzentrum (leider erst erkannt im März 2015!!!)

marianne
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Beitrag von marianne »

eli hat geschrieben:Ja im Hort gabs noch nie Probleme. Er gehört zur Schule. Dort kann man sich das komplette Verweigern jetzt auch nicht erklären. Sie meinen nur er könnte vielleicht durch irgendwas traumatisiert sein.

Grüße


Hallo ihr Lieben,

dieser Unterschied ist doch total aussagekräftig!

Ich tippe auf schmerzhafte Überreizung und Traumatisierung in der Schulsituation! Das gibt‘s bei Regelbeschulung genauso wie leider bei sonderpädagogischer Beschulung, denn vieles hat nicht mal was mit dem IQ zu tun, sondern ist Basis, bevor der IQ überhaupt zum Zuge kommen kann.

Schreiben und Lesen waren für Janosch immer grässlich, weil sich vor seinen Augen die Buchstaben bewegten und verdreht en, was ich irgendwann merkte daran, wie er las.
Da er als Autist sowieso Sprache nicht erworben, sondern auswändig gelernt hat, tat er das mit Lesetexten auch, das wurde ein bisschen viel mit all dem Auswendiglernen.

Er wirkte den Lehrern so fit, dass seine Besonderheiten übersehen wurden und er auch im Rechnen schneller sein sollte als er konnte, denn auch das lernte er auswändig.

Verstanden hat er das ganz anders wie alles.

So habe ich nach einigen Jahren mit den Hausaufgaben aufgehört mit ihm und den Lehrern gesagt, es sei zuviel.

Irgendwann, als ich ihn mal abholte, sah ich zufällig wie er vor der Klasse was vorlesen sollte. Ich sah, es war der Horror für ihn.

Nur, weil man in seiner Schule für geistige Entwicklung nicht m u s s t e, konnten wir das für ihn runterdrehen und zum Glück gab es genug Praktischeres.

Heute liest und schreibt er am Handy oder liest Schilder draußen,
mehr macht ihm Schmerzen.

Seit der Berufsschulstufe der letzten 3 Jahre liebte er die Schule und betont immer wieder, wie sehr er Lesen und Schreiben grausig fand und findet.

Die Tagesstätte liebte er immer viel mehr.

Auch Zeitdruck ist Gift für ihn, da Überreizungsschmerz!

Ich selber als ADHSlerin habe in der Regelschule Qualen des ständigen Überreizungsschmerzes erlitten und mit Rebellion und Alkohol und Rauchen als Jugendliche hilflos selbstmedikamentiert!

Das traumatisierte! Sowas traumatisiert! Und Erschöpfungsdepressionen können auch folgen!

Die Rebellion ist Notschrei und Wut, immer wieder diese Schmerzen ertragen zu müssen!

Hat euer Hort schon vormittags geöffnet?

Da Sonderpädagogen es offenbar nicht können müssten Ergotherapeuten oder Heilpädagogen mal rausfinden, w i e euer Sohn überhaupt lernt, w i e er wahrnimmt, speichert, ausführt.

Vielleicht kann auch a u t k o m helfen? Ich fand die sehr gut und hab die mal als Schulungsfachleute mitgenommen.

Dass Elias gar nicht heim will und im Hort gut klarkommt, zeigt doch, dass es kein soziales Problem ist, keine Verhaltensstörung, kein dringender Medikamentenbedarf, sondern in der Schulsituation liegt.
Janosch (06/00) Frühkindlicher Autismus, leichte geistige Behinderung, Aufmerksamkeitsstörung, Adoptivkind

There´s a crack in everything but that´s how the light gets in (Leonard Cohen)

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