Asperger Syndrom - abendliches Zubettgehen

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Suza
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Asperger Syndrom - abendliches Zubettgehen

Beitrag von Suza »

Liebes Forum,

ich habe eine Frage bzw. suche Anregungen zum abendlichen ins Bett bringen. Ich hoffe einfach auf ein paar Tipps, da ich mit meiner Energie komplett am Ende bin.
Meine Tochter ist 13, verdacht auf Asperger-Autismus mit vielen Ängsten, Diagnostik läuft momentan. Ob und welche Therapien uns empfohlen werden muss ich noch abwarten.

Wir haben ein festes Zubettgehritual, das leider regelmäßig aus den Fugen gerät. Nämlich immer dann wenn etwas Besonderes ansteht, greift es gar nicht mehr.
Sobald klar ist, ich gehe raus und sage Gute Nacht, rastet meine Tochter aus. Das fängt mit Jammern an und endet in Gebrüll, Türen schlagen und Selbstverletzung (Beißen, Gliedmaßen verdrehen). Bleibe ich, ist der Verlauf derselbe. Gehe ich trotzdem wie angekündigt raus, rennt sie hinter mir her und es endet irgendwann auch wie immer. Am Ende (nach 2-3 Stunden) weint sie und es tut ihr leid und sie hadert sehr mit sich und ihrem Verhalten.

Ich bin ehrlich gesagt ratlos was ich noch tun kann. Ich bin auch schon zwei Wochen konsequent aus ihrem Zimmer gegangen und habe sie so wenig wie möglich beachtet bis sie sich beruhigt hat - so gut das eben geht bei einem durchs Haus tobenden Kind. Der Lerneffekt ist null.
Das Zubettbringen durch mich ist meiner Tochter total wichtig, aber es scheint kein Anreiz zu sein.
Wir haben einen festen Ablaufplan mit festen Uhrzeiten die wir einhalten, es passieren keine unvorhergesehenen Dinge, ich bin klar in meiner Haltung so gut es geht. Bei meiner Tochter spielt jedoch auch immer Angst mit rein, besonders jetzt zum Schulstart, sie hat Angst vor der Schule.
Ich denke, der Knackpunkt ist der Zeitpunkt zu dem ich aus Ihrem Zimmer gehe, davor läuft alles nach Plan. Hat vielleicht von Euch jemand alltagspraktische Ideen oder Anregungen? Ich wäre Euch sehr dankbar.

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nettie75
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Beitrag von nettie75 »

Hallo Suza,

Da klinke ich mich mal rein. Leider habe ich keinen guten Tipp für dich, nur die gleichen Probleme bei fast identischer Diagnose.
Weil wirklich nichts anderes hilft, sitzen entweder mein Mann oder (meistens) ich am Bett bis unsere Tochter eingeschlafen ist. Allerdings nur, wenn es dann ohne Theater geht. Fängt sie an die Situation "auszunutzen" bzw steigert sie sich grundlos zu stark in ihre Ängste rein, verlassen wir (zumindest für einen Moment) das Zimmer.
Versuche, sich davon zu lösen (durch Stuhl auf dem Flur, Verbindung durch ein Seil.. ) sind alle gescheitert. Da dauerte der einschlafprozess dann bis zu 3-4 Stunden. Wenn wir sitzen bleiben, klappt es auch schon mal in einer halben Stunde. Im Schnitt denke ich sind es so 45 min. Aktuell dauert es auch länger, da die Umschulung sie sehr verunsichert und stresst.
In der Reha wurde jetzt, neben der Medikation mit Concerta 27 morgens (vor allem gegen die Ängste eingesetzt), vorgeschlagen zusätzlich Intuniv zu geben. Das haben wir aber noch nicht versucht. Wir sind da unsicher, ob wir noch mehr Medis wollen .
Bin gespannt, was für tolle Tipps hier raus kommen.
Lg Nettie
N *1975 mit Mann *1974
T1 *2005 und
T2 *2008, Asperger, leichte LRS, Laktose- und Fruktoseintoleranz, ADS und Angststörung
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Suza
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Beitrag von Suza »

Hallo Nettie,

von Medikamenten habe ich bisher Abstand gehalten, da würde auch der Vater meiner Tochter nicht mitziehen.
Wenn ihr bei Geschrei kurz das Zimmer verlässt, kommt Eure Tochter dann nicht hinterher? Das ist bei mir ein großes Problem, sie rennt mir dann hinterher und ich schaffe es kaum eine Grenze zwischen uns zu schaffen.
Ich bin von dem Insbettbringen und all den anderen Alltagsschwierigkeiten inzwischen einfach komplett erschöpft. Auch tagsüber ist es nicht gerade ein Spaziergang mit meiner Tochter...

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nettie75
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Beitrag von nettie75 »

Hallo Suza,
unsere Tochter kommt dann schon hinterher, aber eher verzweifelt und weinend. Sie (und wir auch) versucht aber schonschon, es gar nicht so weit kommen zu lassen.

Medikamente waren auch nicht unsere erste Wahl, aber unsere Tochter zeigt und kommuniziert deutlich, dass die Medis ihr helfen . Die Notwendigkeit war auch deutlich gegeben, da überhaupt nichts mehr ging. Sie hat sich nach Schulschluss in ihr abgedunkeltes Zimmer verzogen und konnte es nicht mehr verlassen, oft noch nicht mal für die gemeinsamen Mahlzeiten und ist voll in Stereotype verfallen. Schule ging und geht nur mit Schulbegleitung, auch ansonsten braucht sie eine permanente Betreuung. Mit Medikamenten reicht es jetzt, dass ich mich in Rufweite aufhalte ( auch mal Keller oder Garten) ohne konnte ich mich max im Nebenzimmer aufhalten.

Und wenn dein Mann so gegen andere Hilfen wie Medikamente ist, kann er ja das abendliche Zubettbringen übernehmen. 😉
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IrisB
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Beitrag von IrisB »

Hallo,

Ängste hat unser jüngerer Sohn oft in größerem Maße. Wenn er deswegen nicht einschlafen kann, legt er sich in meinem Arbeitszimmer aufs Sofa und ich arbeite daneben noch ein wenig. Wenn ich ins Bett gehe und er immer noch nicht schläft, dann haben wir eine kleine Matratze, mit der er sich neben unser Bett auf den Boden legen kann, dann schläft er eben dort. Für mehrstündige Einschlafdramen haben wir alle eine Kraft.

Wir haben allerdings mal in einer Phase, in der es sehr schwierig war, ein ausführliches Schlafprotokoll geführt, das war ziemlich erhellend (1. zeigte es, wieviel Stress er wirklich empfindet, auch wenn er darüber nicht redet und 2. zeigte es, dass er zwar immer müde ist, aber wenig schläft. Unser Fazit daraus: er hat tatsächlich so viel Stress, also darf er abends auch ein Elternteil in Reichweite haben, wenn nötig. Und: er verbringt zwar so viel Zeit im Bett wie er Schlaf bräuchte um ausgeschlafen zu sein, aber da er ohnehin nicht so viel schläft, muss er auch nicht stundenlang wach im Dunkeln liegen, sondern kann, bis er wirklich einschlafreif ist, lesen.)

LG Iris

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Suza
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Beitrag von Suza »

@nettie:
Wir sind geschieden, insofern muss ich das abendliche ins Bett bringen selbst hinbekommen. Er sieht auch die Probleme nicht, aber das ist ein anderes Thema.
Meine Tochter braucht auch tagsüber permanent Betreuung, alleine geht sie fast nirgends hin. Nach wochenlangem Fernbleiben von der Schule bin ich inzwischen schon froh dass sie wieder vormittags geht.

@Iris:
Wie erstellt man denn so ein Schlafprotokoll? Ich bin froh über alles wo ich etwas machen kann und mich nicht nur hilflos fühle.
Bis vor einem Jahr hat meine Tochter abends nach dem gute Nacht sagen auch selbst noch gelesen, da hat es besser geklappt. Das macht sie aber seit geraumer Zeit nicht mehr.
Eine Matratze neben unserem Bett widerstrebt mir sehr. Ich brauche einfach auch ein paar Stunden alleine.
Dazu kommt, dass ich auch noch einen Sohn habe. Ebenfalls Asperger und betreuungsintensiv.

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IrisB
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Beitrag von IrisB »

Schlaftagebuch - https://www.dgsm.de/fachinformationen_f ... uecher.php - ist ein wenig Typsache, mir hilft so etwas öfter mal sehr (und man hat dann auch eine bessere Grundlage, wenn man das nächste mal zum Arzt oder KiPsych tingelt).

Das Alleinsein-Bedürfnis kann ich bestens verstehen... es ist halt immer die Frage, ob es im Moment realistisch ist, das zu erreichen. Wobei natürlich jede Veränderung tückisch ist, weil man ja auch immer aufpassen muss, dass aus einer Ausnahme keine neue Regel wird...
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HeikeLeo
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Beitrag von HeikeLeo »

Liebe Suza,

hilft ein Radio oder CD? Meine Schwiegermutter schwört darauf. Bei Radio-Musik hat es keine fünf Minuten gedauert, dass die Jungs schliefen.

Bei uns geht das nicht, da Sohn bei uns im Zimmer schläft und mich nervt Gedudel. Einschlafen ist aber auch megaschwer. Wir haben ein abgestufte Procedere, was sehr einengt - aber immerhin kommt ich zu etwas Schlaf.

Liebe Grüße
Heike

Suza
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Beitrag von Suza »

Ich habe bei meiner Tochter das Gefühl je mehr Reize umso weniger schläft sie. Das betrifft andere anwesende Personen, Musik, Geräusche von uns anderem im Haus,...

Sie hat ihr Zimmer in einem anderen Stock, dort brennt die ganze Nacht ein kleines Licht, die Tür ist nach dem Gute Nacht sagen geschlossen. So hat sie eigentlich immer relativ gut zur Ruhe gefunden.
Seit etwa zwei Jahren hat sie starke Ängste entwickelt und seither funktioniert das Einschlafen nicht mehr. Was ja auch irgendwie logisch ist. Aber eben auch so erschöpfend...

Lisaneu
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Beitrag von Lisaneu »

Wir schlafen getrennt mit jeweils einem unserer Söhne: mein Mann im Ehebett mit dem jüngeren Sohn und ich im Kinderzimmer mit Matratze am Boden mit dem älteren Sohn.

Keiner unserer Jungs schafft es, alleine im Zimmer (oder auch zu zweit, miteinander) einzuschlafen. Uns geht es wie Iris: für mehrstündige Einschlaf-Dramen haben wir keine Kraft!

Dabei haben immer wieder mal Schwierigkeiten mit dem Zähne putzen und wenn es mal 2 oder 3 Mal hintereinander in einem Meltdown geendet hat, müssen wir zwei Gänge zurückschalten um uns einfach nicht mehr so sehr in diese Kämpfe auf biegen und brechen (die unser Sohn dann bewusst herausfordert) einzulassen. Dazwischen sind immer wieder mal Phasen von ein paar Tagen bis zu 2 Wochen, wo das Zähne putzen gut klappt. "Gut" heißt dass die (elektrische) Zahnbürste etwa 1 Minute wirklich im Mund war und dass es ohne längeren Kreischanfall geklappt hat - trotzdem sind auch hier 10 bis 20 Minuten Zeitaufwand mit weglaufen, Provokationen usw. an der Tagesordnung.

Generell beobachte ich vor allem beim jüngeren Sohn, dass er manche Anfälle anscheinend bewusst einplant, wenn sie sich in der Vergangenheit aus einer bestimmten Situation mehrmals so ergeben haben. Da ist dann immer bewusstes "arbeiten" an der Situation notwendig, um aus diesem Kreis wieder raus zu kommen.

Vielleicht ist das mit dem einschlafen eurer Tochter ähnlich. Was spricht dagegen, ihr die Sicherheit zu geben, dass einer dabei bleibt, bis sie fest schläft? Nur, dass sie in dem Alter "eigentlich" schon allein einschlafen sollte? Wenn momentan dann ohnehin 2-3 Stunden keine Ruhe ist, kann man das (als Eltern) vermutlich auch einfacher haben :wink: .
Sohn 3/2010 hochfunktionaler Asperger-Autist + ADHS
Sohn 7/2012, gehörlos + kurzsichtig + frühkindlicher Autist
Mama ADHS (mit 49 diagnostiziert)

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