Nach der Schule kommt erstmal .... nichts?

Unsere Kinder werden älter, verlassen die Schule und auch oft das Elternhaus. Wie sehen die Perspektiven für behinderte Jugendliche und junge Erwachsene aus? Wo können sie arbeiten? Wo finden sie geeignete Wohnformen? Hier können sich Eltern austauschen und informieren!

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Beate139
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Nach der Schule kommt erstmal .... nichts?

Beitragvon Beate139 » 21.07.2018, 09:43

Hallo ihr,
ich komme aus SH, mir wurde bei meinem Sohn damals gesagt, das die Schulpflicht mit 18 Jahren endet. Mein Sohn wurde letztes Jahr ohne Abschluß aus der Förderschule entlassen und kam dann über das Arbeitsamt in eine 1-Jährige Berufsbildungsmaßnahme. Mein Sohn war auch hier restlos überfordert und er saß dort - als Lernbehinderter mit erheblichen kognitiven, sozialen und emotionalen Defiziten - mit jugendlichen Straftätern, Schulverweigerern und aggressiv Verhaltensauffälligen zusammen. Das war letztendlich keine gute Idee, aber hier die einzige Möglichkeit der Unterbringung, da er zu dem Zeitpunkt erst 15 war und seine Schulplficht noch nicht erfüllt hatte.
Um seine Schulpflicht zu erfüllen, hieß es nach einem halben Jahr, er müsse lediglich einmal die Woche dorthin gehen. Für wie lange, ist egal. Mein Sohn ist dann einmal die Woche für 2 Stunden hin.
Das hat mein Sohn nicht vorangebracht, aber es reichte aus, damit sie ihn dort "weiterführen" konnten und er die Maßnahme immerhin vollständig -wenn auch mit sehr schlechtem Ergebnis- beenden konnte. Anderenfalls hätte es auch für ihn Sanktionen gegeben von Seiten des Arbeitsamtes.

Jetzt ist er 16 Jahre alt und es heisst, er ist zu jung für eine WfB, und - laut Berufspsychologin des Arbeitsamtes, die wir letzten Monat besucht haben - zu instabil für ein BBW mit Unterbringung und auf dem normalen Arbeitsmarkt sieht sie ihn noch garnicht.
Die Berufspsychologin wird nun dem Reha-Team des hiesigen Arbeitsamtes schreiben, das ihre Empfehlung ist, ihn erstmal komplett aus dem Arbeitsleben und aus allen weiteren Maßnahmen heraus zu nehmen

Und nun frage ich mich natürlich : was kommt jetzt, wie solls denn weitergehen ... ??

Anne&Hannah
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Beitragvon Anne&Hannah » 21.07.2018, 10:24

Hallo Beate!
Wie fit ist Junior denn kognitiv? War er auf der Förderschule Lernen?
Vielleicht wäre eine Option, wenn die Kombi aus kognitiven und sozial-emotionalen Problemen so massiv ist, ihn auf Antrag in einer Förderschule für Geistige Entwicklung aufnehmen zu lassen? Wo er einen Schonraum hätte und noch einige Jahre individuelle schulische Förderung geniessen könnte...

Wir haben zum Teil auch Schüler, die kognitiv Grenzgänger sind zwischen LG und GB, deren sozialemotionale Probleme aber so massiv sind, dass ihnen durch die Kombi der Förderbedarf Geistige Entwicklung zuerkannt wurde, weil sie woanders hoffnungslos überfordert waren.

Einen Schulabschluß könnte er dort regulär allerdings nicht erreichen. Und den Stempel "Geistigbehindert" nimmt man auch nicht leichtfertig in Kauf. Aber er würde seine Kompetenzen weiter entwicklen können, hätte zeitlich und räumlich-sozial einen Schonraum. Lebenspraxis und Berufserprobung wird in den höheren Klassen ausführlich gefördert und bestenfalls findet er auch Anschluss an fitte Mitschüler.

Ansprechpartner wäre hier das Schulamt.

Nur mal so als Denkanregung...
Herzliche Grüße und ebensolche Wünsche für eine gute Lösung!
Anne
Anne&Thomas mit D. ,J. & HANNAH (12) - Mitochondriale Enzephalomyopathie/Morbus Leigh. dadurch Hirnschädigung mit Mehrfachbehinderung, Rolli, Button. z.N. Stammhirnschädigung und nächtlicher Beatmung. Tracheostoma zu seit 4/14. Chronisch fröhlich!

Sinale
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Beitragvon Sinale » 21.07.2018, 10:29

Hallo,
Die Berufspsychologin wird nun dem Reha-Team des hiesigen Arbeitsamtes schreiben, das ihre Empfehlung ist, ihn erstmal komplett aus dem Arbeitsleben und aus allen weiteren Maßnahmen heraus zu nehmen
tolle Idee :twisted: Dann hat das Amt Nichts mehr mit ihm zu tun und wie es weiter geht, ist dem Amt dann auch gleichgültig. Eine Möglichkeit des weiteren Vorgehens hat die Dame nicht genannt, oder?

Die Berufsbildungsmaßnahme hat für deinen Sohn am falschen Ort stattgefunden. Für sehr lernschwache Schüler gibt es sie grundsätzlich mit besonderer pädagogischer Betreuung auch zweijährig.
Die Schule hat hier meines Erachtens auch versagt, da sie nicht nach Möglichkeiten gesucht hat, eine Schulzeitverlängerung, speziell für ihn zu beantragen.

Auch wenn er nicht arbeitsfähig ist, ist es hier grundsätzlich möglich, ihn wieder zu beschulen. Hierzu ist jedoch die Hilfe und die Finanzierung eines Amtes nötig.

Ich wünsche euch sehr, dass ihr für ihn eine Möglichkeit findet, denn wenn er nun zuhause sitzt, bis ihn eine WfB aufnimmt, wird er sich ohne Anregungen vermutlich nicht weiter entwickeln. Ich drücke die Daumen!
Viele Grüße
Sinale

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Beitragvon Line86 » 21.07.2018, 11:43

Hi,
ich würde tatsächlich auch versuchen ihn in einem SBBZ GENT unterzubringen. Dort könnte er eventuell auch noch die Berufsschulstufe besuchen.
Grüße Line
Ich habe selbst viele Besonderheiten (u.a. Psoriasis Arthritis, Asthma, z.n 20 Operationen) und Sonderpädagogin mit FS GENT/L im SBBZ KMENT

Beate139
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Beitragvon Beate139 » 21.07.2018, 12:14

Hallo Anne&Hannah,
darüber hatte ich auch schon nachgedacht. Aber da gehen die Gutachten der Institute/Psychologen, die ihn begutachtet haben, auseinander.
Bei ihm wurden mehrfach Intelligenztest gemacht, der HAWIK-IV im Februar 2018 besagt einen IQ von 68, womit er dann, laut Psychologin, in die geistige Behinderung rutscht. Daraufhin habe ich ihn in einem renomierten Institut für Kindesentwicklung in Hamburg testen lassen, dort wurde der ABC-II Test im Mai 2018 gemacht, der den IQ von 68 zwar bestätigt, aber er wurde dennoch für schwer Lernbehindert eingestuft, weil er im Bereich Wahrnehmung im visuellen Bereich immerhin einen Grenzwertig durchschnittlichen Bereich errreicht hatte.
Er ist also irgendwie zwar geistig Behindert, aber doch nicht "behindert genug", um in Maßnahmen für geistig Behinderte hinein zu rutschen :roll:

Durch die Bestätigung seiner schweren Lernbehinderung wäre er normalerweise für eine Maßnahme in einem BBW mit Unterbringung (hier in der Nähe gibt es kein BBW, sodaß nur eine BBW in Frage käme, wo er dann auch untergebracht wird) geeignet.
Er ist leider viel zu unselbstständig in allen alltäglichen Bereichen. Er kann nicht alleine duschen, ankleiden geht nur mit den üblichen Schlupfklamotten, Schnürsenkel binden, Reißverschlüsse bei Hosen zumachen oder zuknöpfen gehen nicht. Alleine essen machen oder über einen Wecker selbstständig aufstehen ebenso wenig. All dies wird bei einem BBW mit Unterbringung allerdings vorausgesetzt.
Ich hatte ja anfangs die Überlegung über einen höhren Pflegegrad einen Betreuer zu finanzieren, der ihn dann in der Einrichtung jeden morgen weckt, ihm beim essen machen, anziehen und duschen hilft und ihn dann ins BBW verbringt. Aber mit Pflegegrad 1 sind die finanziellen Mittel nicht vorhanden.
Im sozialen Dienst heisst es lediglich, das eine solche Betreuung über die Lebenshilfe beantragt werden kann, die Lebenshilfe allerdings sagt, das sie zwar Betreuer stellen können, aber das man sie selbst tragen muss (in der Regel, so deren Aussage, über den Pflegegrad)

Aber nun heisst es, er kann generell zurzeit nicht dran teilnehmen, weil ihm die Selbstständigkeit dazu fehlt und er psychisch viel zu instabil ist

Ich hatte gehofft, er könne über ein BBW mit Unterbringung mehr Selbstständigkeit erlernen, ich kann mir gut vorstellen, das dort auch das Selbstbewusstsein und das Selbstwertgefühl gesteigert wird, wenn er die Möglichkeit hätte, trotz seiner Behinderungen einen Job zu erlernen.

Hallo Sinale,
doch, die Psychologin des Arbeitsamtes meinte, mein Sohn solle erstmal seine Psychischen Probleme (Angststörungen, emotional-soziale Defizite usw) in den Griff bekommen, erst dann würde sie eine Empfehlung für ein BBW befürworten.

Anmerkung : Bei meinem Sohn wurden bereits häufiger Intelligenztest vorgenommen. Mit 7 Jahren hatte er einen IQ von 88, mit 12 Jahren einen IQ von 75 und jetzt, mit 16 einen IQ von 68. Ich denke nicht, das er im laufe der Jahre "dümmer" geworden ist, ich glaube, er hat einfach keine Weiterentwicklung gemacht, die Tests werden ja in Altersstufen untergliedert und sobald er nach einer höheren Altersstufe gestestet wird, obwohl sein Entwicklungsstand gleichbleibend unverändert ist, verändert sich das Ergebnis nach unten.

Oder mache ich mir da nur was vor ?

Susanne Th.
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Beitragvon Susanne Th. » 21.07.2018, 12:23

Hallo Beate,

das ist oft so bei der Agentur für Arbeit...schnell in eine Maßnahme gesteckt, die völlig unpassend ist.
Wenn man nicht das Glück hat, an einen äußerst fähigen, kompetenten und bemühten Reha-Berater zu gelangen, ist das so. Unser Sohn hatte damals das Glück.

Du kannst dich auch an das zuständigen Integrationsamt wenden, hier bei uns gibt es dort z. B. Fachberater zum Thema Übergang Schule / Beruf. Über das Integrationsamt wurde unserem Sohn (vor Jahren allerdings) ein begleitetes Praktikum und anschließend eine EQJ (Einstiegsqualifizierung) finanziert. Dies mündete dann in eine Ausbildung, dann wiederum finanziert durch die Agentur für Arbeit.
Die Integrationsämter verfügen auch über andere Förderprojekte als die Agentur für Arbeit.
Letztendlich alles eine Frage der Finanzierung- wie immer. Und auch hier eine Frage des Fachberaters...auch hier hatten wir Glück.

Allerdings haben wir auch vehement Möglichkeiten und Perspektiven eingefordert.

Nicht locker lassen...

LG
Susanne

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Beitragvon Sinale » 21.07.2018, 14:32

Hallo Beate,

es wäre schön, wenn du für dein Kind eine geeignete Therapie finden würdest, solche Plätze sind sehr rar.

Ich denke, dass dein Kind nach wie vor intelligent ist, allerdings ist er aufgrund der massiven psychischen Probleme, die ihn schon sehr lange begleiten, vermutlich nicht in der Lage seine Intelligenz zu nutzen, zu fördern und zu entwickeln.
Viele Grüße
Sinale

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Beitragvon bettina_mal3 » 22.07.2018, 11:11

warum ist er für die Werkstatt mit 16 zu jung? Meine Tochter war auch erst 16,als sie in den Berufsbildungsbereich ging.Sie kam auch von einer Förderschule lernen und hat diese nach Klasse 9 mit dem Förderschulabschluss verlassen.
Liebe Grüße von Bettina(Rheuma,ADHS)
L.J.(2/99) ADHS,V.a.Asperger Syndrom,Dyskalkulie,Tourette Syndrom
L.F.(4/00) ADHS
H.J.(9/02) ADHS
P.K.(6/08)NF1,schwere auditive Wahrnehmungsstörung
N.K.(7/10) selektiver Mutismus
E.J. (10/14) NF1

Tina&Andi
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Beitragvon Tina&Andi » 22.07.2018, 11:50

Hallo,

bei uns sind auch einige die kommen direkt von der Schule.

In die WfbM im Berufbildungsbereich wird glaube ich auch die Schulpficht erfüllt.

LG
Tina
Tina : Tetraspastik, beinbetont,

Andi : Tetraspastik, armbeton, vorallem schreibfaul

Beate139
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Beitragvon Beate139 » 22.07.2018, 12:08

Hallo bettina mal3,

die Werkstätten sind hier erst für Menschen ab 18 Jahren. Geistig Behinderte sind in der Behindertenschule grundsätzlich bis zum 18. Lebensjahr und gehen danach direkt in die WfB.
Ich denke im nachhinein, das mein Sohn auch eher in einer Behindertenschule besser untergebracht gewesen wäre, denn er hat die Förderschule ohne Abschluß verlassen

Mein Sohn könnte dort lediglich ein Praktikum machen. Allerdings hätte er dann keinen Anspruch auf den Fahrdienst und müsste zusehen, wie er selbst dorthin kommt. Die WfB ist mit Bus und Bahn nur sehr umständlich zu erreichen. Für die Schule damals hatte ich eine Schulbegleitung, die mit ihm auch den Schulweg hin und zurück gegangen ist. Die Möglichkeit einer solchen Begleitung müssste ich dann selbst tragen, denn mein Sohn wird ihn ganz sicher auch mit vielen Übungen nicht selbstständig schaffen. So etwas wie eine Schulbegleitung für den Berufsweg wird von den Ämtern nicht unterstützt

Eine Berufsbildungsmaßnahme hat er schon hinter sich. Mit dem Erfolg des Mißerfolges, es hat ihn nicht voran gebracht. Aber ich hatte auch eher das Gefühl, das diese Einrichtung einem "Kindergarten für Jugendliche" entsprach. Die Jugendlichen konnten sich aussuchen, was sie machen möchten und nur die Jugendlichen, die mit Ehrgeiz auftraten und weiterkommen wollten, wurden auch gefördert. Mein Sohn gehörte nicht dazu


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