18 Jahre - Merkzeichen H

Unsere Kinder werden älter, verlassen die Schule und auch oft das Elternhaus. Wie sehen die Perspektiven für behinderte Jugendliche und junge Erwachsene aus? Wo können sie arbeiten? Wo finden sie geeignete Wohnformen? Hier können sich Eltern austauschen und informieren!

Moderator: Moderatorengruppe

Mamamarti
Stamm-User
Stamm-User
Beiträge: 360
Registriert: 15.05.2012, 14:35

18 Jahre - Merkzeichen H

Beitragvon Mamamarti » 30.06.2018, 15:28

Hallo,
geht es nur uns so, oder ist es normal, das es nach der Volljährlichkeit alles nochmals ein paar Stufen härter wird? Letzte Woche 3 Ablehnungen von der AOK, heute ein Brief vom Versorgungsamt. Seid die Jungs 18 sind, gibt es nur Ärger.
Mein Sohn hatte bis jetzt 100%, Merkzeichen G, aG, B und H. Nun wird nochmals geprüft und ich soll mich zu der Aberkennung des Merkzeichen H äußern.
Kann mir jemand helfen einzuschätzen, ob sich ein Widerspruch überhaupt lohnt?
Unsere Diagnosen sind :
Beinbetonte bilaterale spastische Cerebralparese GMFCS Stufe III
Leichte Intelligenzminderung mit diskrepanten Profil
Dystrophie
Diverse Orthöpädische OP´s
Mein Kind kann nach Jahrelangen Üben die Grundpflegerischen Verrichtungen, braucht aber trotzdem sehr viel Hilfe.
Er geht zwar allein aufs Klo,schmeißt aber kiloweiße Kloparier rein, sodas es nicht abfließen kann und wir dann halbe Stunde mit der Beseitigung beschäftigt sind. Putzt sich den Po nicht richtig, geht dann in sein Zimmer und sitzt sich aufs Bett und verschmutzt das Bettlaken. Wenn er unter Psychischen Druck steht, schmiert er ein. Got sei dank nicht mehr so oft wie früher. Er muss regelmäßig aus der Dusche geholt werden, weil er so lange duscht, das wir kein warmes Wasser mehr haben.
Er kann sich einigermaßen anziehen, kann aber wegen der feinmotorik die Hoße oder Jacke nicht zumachen, ohne Hilfe würde ihm die Hoße beim laufen einfach runterfallen. Er achtet nicht auf die Optik, das T-Shirt ist vorne in der Hose, hinten hängt es raus. Das eine Hosenbein ist unterm Knie, das andere unten. Achtet nicht auf die Witterung, zieht im Regen kurze Hosen an.
Braucht Hilfe zum anziehen von Orthesen.
Kann Hauswirtschafftlich gar nichts, kein Bett machen, kein Brot schneiden, kein Brötchen schmieren. Schaft er einfach körperlich nicht wegen der ICP.

Er hat ein Rollstuhl für längere Strecken. Es heißt aber nicht, das er kurze Strecken alleine laufen kann. Er kann nur auf ebenen Strecken laufen, spätestens bei nächstem Bordstein ist Schluß. In der Wohnung hällt er sich an den Möbeln, draußen am Arm der Begleitperson oder am Rolli seines Bruders. Ich muss ihm die Autotür aufmachen, schafft er Kraftmäßig nicht.
Er kann bis 20 zählen, kann aber nicht zusammenzählen, also kein 2+3 lösen. Bei bezahlen im Laden könnte ihn jeder ausnehmen wie eine Weihnachtsgans.

Er kann nicht lesen, also kann er nichtmal die Oma selbstständig anrufen, da er sie in der kontaktliste nicht finden kann. Deshalb hat er auch kein Handy. Malen kann er Strichmännchen, immerhin haben sie seid kurzem finger und Ohren. Schreiben kann er nicht.

Er würde wegen seiner Laufprobleme niemals bis zur Bushaltestelle gelangen. Und auch wenn er das tatsächlich schaffen würde, könnte er den Fahrplan nicht lesen, er kommt in den Bus nicht herein, und hat keinerlei Orientierung wohin er überhaupt will. Ein Taxi kann er sich auch nicht rufen, das er nicht im Telefonbuch lesen kann.
Er macht immer wieder ohne zu fragen fremden Personen die Tür auf.

Mir fällt tatsächlich nichts ein, was er ansatzweiße selbst ausführen könnte.

Sind diese Dinge für das Merkzeichen H wichtig, oder geht es um andere Sachen?


LG Marti

Werbung
 
Roy1969
REHAkids Urgestein
REHAkids Urgestein
Beiträge: 1187
Registriert: 18.02.2010, 13:39
Wohnort: Bayern

Beitragvon Roy1969 » 01.07.2018, 00:56

Hallo Marti,

alles was du anführst ist meiner Meinung nach relevant für das Merkzeichen H. Der tägliche Hilfebedarf muss mindestens 2 Stunden betragen bei Erwachsenen – bei Kindern ist die Bewertung für das Merkzeichen H anders (siehe Versorgungsmedizinische Grundsätze), deswegen diese Überprüfung bei Eintreten der Volljährigkeit.

Gerne wird anscheinend von den Versorgungsämtern die Gelegenheit zur Aberkennung des Merkzeichens H genutzt.

Just heute habe ich in einer Zeitschrift der Lebenshilfe dazu einen Artikel gelesen.
Es gibt ein Urteil des Sozialgerichts Aachen zu dem Thema (Aktenzeichen S 12 SB 642/16 vom 19.09.2017). Urteilsbegründung: Wenn weiterhin die gesundheitlichen Voraussetzungen vorliegen sei das Merkzeichen H weiter zu gewähren. Die Feststellung einer Behinderung, eines bestimmten Grades der Behinderung und des Vorliegens von Merkzeichen sei ein Verwaltungsakt mit Dauerwirkung. Dieser könne nur aufgehoben werden, soweit in den tatsächlichen oder rechtlichen Verhältnissen eine wesentliche Änderung eingetreten sei. Diese sei etwa dann anzunehmen, wenn sich der gesundheitliche Zustand dergestalt verbessert oder verschlechtert habe, dass sich hieraus eine Herabsenkung oder Erhöhung des Gesamt-GdB ergebe oder wenn nunmehr gesundheitliche Voraussetzungen für die Inanspruchnahme von Merkzeichen bestünden oder aber auch nicht mehr vorlägen. Das Gericht hat ausgeführt, dass der Eintritt in die Volljährigkeit mit Vollendung des 18. Lebensjahres eine berücksichtigungsfähige Änderung darstellt, denn die Besonderheiten für die Feststellung des Bestehens von Hilflosigkeit bei Kindern und Jugendlichen (geregelt in den Versorgungsmedizinischen Grundsätzen) könne bei Erwachsenen keine Anwendung mehr finden. Das müsse aber nicht zwangsläufig bedeuten, dass die gesundheitlichen Voraussetzungen für die Inanspruchnahme des Merkzeichens H nicht mehr vorlägen. Hierfür sei allein entscheidend, ob tatsächlich eine wesentliche Änderung eingetreten sei. Die Behörde müsse nachweisen, dass die Voraussetzungen des Merkzeichens H nicht mehr vorliegen, wenn sie ein Merkzeichen aberkennen wolle. Nach Auffassung des Sozialgerichtes stand aufgrund der Befund- und Arztberichte fest, dass der Kläger unabhängig vom nun erreichten Volljährigkeitsalters so erhebliche gesundheitliche Beeinträchtigungen hat, das er weiterhin Anspruch auf das Merkzeichen H hat. ....Nach der Norm sei derjenige als hilflos anzusehen, der infolge von Gesundheitsstärungen nicht nur vorübergehend für eine Reihe häufig und regelmäßig wiederkehrender Verrichtungen zur Sicherung seiner persönlichen Existenz praktisch an jedem Tag fremder Hilfe bedürfe. Der Umfang der wegen der Behinderung notwendigen zusätzlichen Hilfeleistungen müsse erheblich sein – Zeitaufwand mindestens zwei Stunden täglich. Zwischen ein und zwei Stunden kann die eingeschränkte Alltagskompetenz trotzdem zur Gewährung des Merkzeichens H führen.

Hast du denn ggf. noch eine ärztliche Bestätigung des Hilfebedarfs? Dies wäre natürlich enorm hilfreich.
Auch der Pflegegrad kann ggf. als Nachweis des Hilfebedarfs relevant sein - (muss aber nicht).

Viel Erfolg!

LG Roy
Roy 69, GöGa 74, D. 98, A. 05
D. HB mit ADS (ADS seit Februar 11 lt SPZ nicht mehr), A. seit 12/2010 Diagnose frühkindlicher Autismus
Alle mit Talent zum Glücklichsein :-)

Benutzeravatar
itsy
REHAkids Urgestein
REHAkids Urgestein
Beiträge: 3021
Registriert: 08.08.2006, 07:56

Beitragvon itsy » 01.07.2018, 08:25

Hi,

ich habe in einem anderen Thread schon einmal geschrieben. Bei uns gab es das gleiche Problem, grundsätzlich wird das H erst einmal aberkannt.
Wir sind in Widerspruch gegangen , es gab eine Amtsärztliche Untersuchung und siehe da, wir haben das H mit 23 Jahren immer noch.

Erkenne nichts an, leg Widerspruch ein .......

lg
ines

Petra62
Stamm-User
Stamm-User
Beiträge: 338
Registriert: 11.03.2016, 14:16
Wohnort: Niedersachsen

Beitragvon Petra62 » 01.07.2018, 10:31

Hallo Roy1969
Das ist ja interessant. Dieses Urteil könnte für uns interessant sein, da wir gerade im Klageverfahren sind. Allerdings hat der Gutachter das H auch nicht für relevant gesehen, sondern nur das B. Aber... mein Sohn hat eine eingeschränkte Alltagskompetent im erhöhten Maße. Und Pflegegrad 2.
Vielleicht kann man das anwenden.
Viele Grüße
Petra
Wenn jeder Tag mit einem Lächeln beginnt
ist es ein guter Tag.
Petra ( 1962 )
Sohn (1998) Asperger ( Diagnose 2016 ), ADS Träumer, Scoliose, Rechtsschenkelblock, fehlender Brustmuskel.
Sohn (2002) Fit
Sohn (2004) Fit

Susanne Th.
Stamm-User
Stamm-User
Beiträge: 210
Registriert: 15.03.2015, 10:24

Beitragvon Susanne Th. » 01.07.2018, 11:51

Hallo Marti,

natürlich Widerspruch einlegen! Sonst ist Dir (was hoffentlich nicht nötig ist) der Klageweg verschlossen!
Alles das, was Du hier grob geschildert hast, ausführlicher dem Widerspruch beilegen.Vielleicht kannst Du dies auch durch Atteste der behandelnden Ärzte untermauern,, dann beilegen.

Ist uns vor Jahren auch so ergangen, es kam zu einer amtsärztlichen Untersuchung an der ich natürlich auch teilgenommen habe. Ich legte nochmals alle Unterlagen vor, Sohn wurde gemessen und gewogen, wir führten ein ausgiebiges, nettes Gespräch zu dritt darüber, was er kann und nicht kann- das war es....
Es blieb alles beim Alten, Vermerk in der Akte, dass in Zukunft nicht mehr geprüft werden müsse..

Andernfalls hätten wir jedoch geklagt....haben wir ja Übung drin.


LG
Susanne

Mamamarti
Stamm-User
Stamm-User
Beiträge: 360
Registriert: 15.05.2012, 14:35

Beitragvon Mamamarti » 10.07.2018, 09:46

Hallo,
danke für die Antworten. Ich werde jetzt einen Brief verfassen und melde mich dann wie es gelaufen ist. LG Marti

Sabine1970
Stamm-User
Stamm-User
Beiträge: 862
Registriert: 11.01.2008, 17:00

Beitragvon Sabine1970 » 10.07.2018, 09:58

Hallo Marti,

mach das. Bei uns steht das auch an. SBA gültig bis 2021, Sohn wird aber diesen Monat 18. Und man weiß ja nie, ob das Versorgungamt vorher prüft.

Danke und Grüße,
Sabine

Mamamarti
Stamm-User
Stamm-User
Beiträge: 360
Registriert: 15.05.2012, 14:35

Beitragvon Mamamarti » 10.07.2018, 20:46

Hallo Sabine,
bei uns war es auch bis 2021 gültig :( . Ich wünsche dir, das du bis dahin Rhe hast, mit 18 kommt auf dich schon genug zu.
LG Martina

Mamamarti
Stamm-User
Stamm-User
Beiträge: 360
Registriert: 15.05.2012, 14:35

Beitragvon Mamamarti » 18.08.2018, 14:54

Hallo,
ich habe mich zu der Angelegenheit schriftlich geäußert, habe versucht den Alltag, so wie er ist darzulegen. Jetzt kam der neuer Ausweis mit dem Merkzeichen H. Hurra, eine Baustelle weniger.
Allerdings wird 2021, also in weniger als 3 Jahren wieder geprüft. Ist es normal, das so oft geprüft wird? Oder hat es damit zu tun, das der Schulbesuch noch nicht beendet ist? Da wir jetzt nicht mehr im SPZ sind, habe ich nicht mehr jedes Jahr einen Bericht. Keine Ahnung, wie ich es alle 3 Jahre glaubhaft machen soll.

LG Marti

Werbung
 
Benutzeravatar
*Sally*
REHAkids Urgestein
REHAkids Urgestein
Beiträge: 19675
Registriert: 26.11.2007, 09:33

Beitragvon *Sally* » 18.08.2018, 15:42

Hallo,

bei uns wurde mit 18 Jahren überrprüft, dann ein Jahr später wieder, dann wieder ein Jahr verlängert um dann mit 22 Jahren unbefristet auszustellen. Allerdings wollte man nie am GdB oder den Mz "rumrütteln"

LG
Evi mit Debbie-Maus * 95


Zurück zu „Erwachsen werden: Leben, Arbeit, Wohnen“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast