Darf ich trotz Betreuung ausziehen?

Unsere Kinder werden älter, verlassen die Schule und auch oft das Elternhaus. Wie sehen die Perspektiven für behinderte Jugendliche und junge Erwachsene aus? Wo können sie arbeiten? Wo finden sie geeignete Wohnformen? Hier können sich Eltern austauschen und informieren!

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Sascha1995
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Darf ich trotz Betreuung ausziehen?

Beitragvon Sascha1995 » 05.06.2018, 16:35

Ich bin 23 Jahre alt und habe eine Geistige Behinderung, ich wurde 2001 eingeschult und musste bis 2013 eine Schule für Geistig Behinderte besuchen. In der 11. Klasse habe ich an der IFD Teilgenommen, ich kam aber nicht in die UB, weil ich zu langsam gearbeitet habe und ich sehr viele Arbeitsschritte erklärt bekommen musste. Ich war nach der Schule 1 Jahr zuhause, weil ich nicht in einer Behinderten Werkstatt arbeiten wollte. Ich arbeite seit 2014 in einer Werkstatt für Behinderte Menschen. Ich konnte in der 4. Klasse Lesen und in der 5. Klasse Schreiben. In der Sekundar/Oberstufe habe ich Schulaufgaben von der 5./6. Klasse Hauptschule bekommen. Im Kindergarten wurde mir ein IQ von 53 und in der 9. Klasse einen IQ von 78 festgestellt. Ich wollte in der Sekundarstufe auf die Hauptschule wechseln, aber es hat leider nie geklappt. Theoretischerweise könnte ich sogar einen Autoführerschein machen, aber ich kam leider nie dazu.

Zurzeit wohne ich bei meinen Eltern. Meine Eltern bekommen von mir noch Kindergeld und Pflegegeld (Pflegegrad 2, vorher Pflegestufe 1), ich bekomme meine Grundsicherung weil man in der Werkstatt sehr wenig verdient (250 Euro im Monat) und meine Eltern haben für mich die Betreuung (Bei allen Bereichen) beantragt und sind meine Gesetzlichen Betreuer.

Das größte Problem ist, ich bin seit 2 Jahren mit meiner 20 Jährigen Freundin zusammen und möchten zusammen alleine ausziehen. Meine Freundin hat Abitur und ich möchte mit ihr nicht in einem Wohnheim oder in einer Betreuten Wohnung leben. Deswegen wollte ich euch fragen, ob ich einfachso mit meiner Freundin ausziehen darf ?

Ich lebe in Bayern.

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JustinsMum
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Beitragvon JustinsMum » 05.06.2018, 16:54

Ich gehe davon aus, dass Du Hilfe beim Schreiben hast und diese Anfrage einen ernstgemeinten Hintergrund hat, also kein Teenagerscherz ist:

Du kannst die Betreuung jederzeit selber bei der zuständigen Behörde aufheben lassen oder einen anderen Betreuer (z.B. Deine Freundin) einsetzen lassen. Die Freundin würde dann geprüft (Führungszeugnis, Einkommen usw.) und wenn sie den Kriterien entspricht wird es kein großes Problem sein - sofern Du überhaupt eine Betreuung möchtest.

Wenn Du nicht mehr zu hause wohnst könntest Du auch das Pflegegeld an Deine Freundin, die Dich wohl unterstützt weiterleiten. Du selber bekommst das Pflegegeld und nicht Deine Eltern - aber eben für Deine Pflege bestimmt. Wer Dich pflegt ist alleine Deine Sache. Bevor Du 18 wurdest haben sich Deine Eltern wohl als Pflegekräfte eingesetzt, was ja korrekt ist, jetzt ist es Deine Entscheidung. Bei der Pflegekasse kannst Du jederzeit selber die Kontoverbindung ändern und das Geld direkt an Dich überweisen lassen. Dann kannst Du es Deiner Pflegekraft selber geben. Aber eben erst, wenn Du die Betreuung geändert hast, denn im Moment nehmen Deine Eltern diese Rechte für Dich wahr.

In Bayern gibt es inzwischen wohl auch noch ein Landespflegegeld. Das sollte sofern nicht geschehen eventuell auch noch beantragt werden.

Grüße

justinsMum

Sascha1995
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Beitragvon Sascha1995 » 05.06.2018, 17:40

Hallo JustinsMum,

Muss man die Betreuung aufheben bzw. meiner Freundin beantragen lassen oder langt es schon, wenn meine Eltern mir erlauben, das ich ausziehen darf ?

HollysAnne
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Beitragvon HollysAnne » 05.06.2018, 18:47

Hallo Sascha,

ich denke, man muss die Betreuung gar nicht aufheben, wenn man damit zufrieden ist, dass sie bestehen bleibt.
Und wenn die Eltern, die jetzt die Betreuer sind, mit dem Zusammenziehen einverstanden sind, wer sollte sonst etwas dagegen haben? Man muss nicht mit seinem Betreuer zusammen wohnen.

Grüße, Anne
Anne (*83, Logopädin) mit Holly (*3/2012) Abszess zerstörte 2. HW, heute Dystrophie, beinbetonte Spastik, Skoliose,u.v.m. Fröhliche Rollipilotin und meine größte kleine Heldin, Labertasche und Dramaqueen :)
There are still faint glimmers of civilisation in this barbaric slaughterhouse that was once called humanity.

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Beitragvon Jörg75 » 05.06.2018, 20:25

Moin,
Sascha1995 hat geschrieben:langt es schon, wenn meine Eltern mir erlauben, das ich ausziehen darf ?

ja, das reicht aus! Eine Aufhebung der Betreuung oder Bestellung eines neuen Betreuers ist nicht nötig.

Gruß
Jörg
K., *2013, Extremfrühchen (27. +3 SSW), ICP, GdB 100 G aG H B, PS II+/ PG 4
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anner
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Beitragvon anner » 05.06.2018, 21:33

Und vor allem ist es sehr ungünstig einen Partner als Betreuer einsetzen zu lassen, gerade bei jungen Paaren.

Man denke nur mal in Richtung Trennung...


Anne
Benedict 06/99, Osteopathia striata, Z. n. Analatresie,neurogene Blasenentleerungsstörung, tracheotomiert, re. blind., Syndakt. beider Hände, Fibulaapplasie beidseits, Makrocephalie, Gaumenspalt, Skoliose, Kleinwuchs, Epilepsie u. e. mehr
Tochter A. 01/96, in der Grundschulzeit Absencen

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Beitragvon Sascha1995 » 05.06.2018, 22:29

Jörg75 hat geschrieben:Moin,
Sascha1995 hat geschrieben:langt es schon, wenn meine Eltern mir erlauben, das ich ausziehen darf ?

ja, das reicht aus! Eine Aufhebung der Betreuung oder Bestellung eines neuen Betreuers ist nicht nötig.

Gruß
Jörg


Muss der Auszug dann beim Gericht geklärt werden oder darf ich ohne Probleme ausziehen ?

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Beitragvon JustinsMum » 05.06.2018, 22:56

Ich bin davon ausgegangen, dass Deine Eltern nicht begeistert sind, dass Du ausziehen willst. Lass Dich doch bitte von den Sozialarbeitern in der Behörde beraten, die für Deine Betreuung zuständig sind. Ich denke sie werden Dir hier speziell für Deinen Fall wertvolle Informationen zukommen lassen und Dich hier unterstützen einen Weg zu finden, der Dir hilft selbstbestimmt zu leben und gleichzeitig einen gewissen Schutz zu haben.
Ich finde auf jeden Fall Anne hat Recht - die Freundin in Deinem Alter könnte vielleicht nicht die richtige Wahl sein, da dadurch vielleicht ein Abhängigkeitsverhältnis entsteht und das ist für Eure Beziehung vielleicht nicht hilfreich.

Michaela44
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Beitragvon Michaela44 » 05.06.2018, 23:04

Eine Betreuung ist keine Entmündigung. Soweit ich weiß, darfst Du selbst alle Verträge abschließen, also auch Mietverträge, außer die Betreuung enthält einen vom Gericht angeordneten Einwilligungsvorbehalt. Dann muss der Betreuer zustimmen.
Asperger Autistin
mit neurodiverser Familie

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chrissibaer
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Beitragvon chrissibaer » 05.06.2018, 23:19

Der zu Betreuende bekommt doch auch einen Anwalt zur Seite gestellt, vielleicht wäre dieser ebenso ein guter Ansprechpartner.


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