Film auf youtube: 500.000 Kinder erhalten Ritalin

Hier könnt ihr euch über ADS und ADHS austauschen.

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Leela
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Beitragvon Leela » 10.06.2018, 01:46

Hallo,
ich kenne ein hyperaktives Kind, dass dringend ein Medikament braucht,
nur ist der Vater dagegen. Das Kind ist nicht dumm, kann sich aber leider nicht
normal entwickeln, es ist traurig, das anzuschauen, die Mutter ist völlig fertig,
nicht nur vor Sorge, auch die Betreuung des Kindes ist sehr kräfteraubend.
Immer wenn ich beide sehe, habe ich mit beiden Mitleid. ich hoffe sehr, dass der vater seine Meinung noch ändert, noch bevor das Kind eingeschult wird.
LG
Sohn geb. Juni 2013 (5 Wochen zu früh, nach vorz. Blasensprung), Hirnblutung.
leicht entwicklungsverzögert
V.a. NF1 (cal)

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helena_muc
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Beitragvon helena_muc » 10.06.2018, 11:38

Liebe Silvia,
sicher wird in der heutigen Zeit von manchen Ärzten und auch von manchen Eltern zu früh und zu oft in die Medikamentenkiste gegriffen. Das sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es für viele Kinder eine Erlösung ist, wenn sie dank Medikamente sich so verhalten können, dass sie wieder Spielkameraden finden und sich auf Spiel und Schule wieder einigermaßen konzentrieren können.

Viele Grüße
von
helena
Oldie, but goodie

Jakobspapa
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Beitragvon Jakobspapa » 10.06.2018, 22:03

Hallo Silvia,

es gibt auf Youtube unzählige Filme mit pseudowissenschaftlichem Charakter. Einige behaupten, die Erde sei in Wirklichkeit eine flache Scheibe, andere behaupten, HIV sei eine Erfindung, und manche behaupten, ADHS sei eine eingebildete Krankheit, deren Ursache eine Kombination aus unfähigen Eltern, Elektrosmog und anderen Zutaten nach Belieben sei.

Ich habe mich oft gefragt, warum Leute Energie aufwenden, um solchen Unsinn zu produzieren und zu verbreiten. Meine Antwort: Menschen brauchen einfache Erklärungen für Probleme, die ihren Horizont übersteigen. Dabei ist beinahe alles recht, Hauptsache, man hat einen Schuldigen gefunden.
Unsere Alltagserfahrung sagt, dass Menschen einen freien Willen haben, mit dem sie ihr Verhalten nach Belieben steuern können. Demnach will der ADHSler nur nicht "vernünftig" sein, und das kann nur an falscher Erziehung liegen. Damit geht der schwarze Peter an die Eltern, und weil Verschwörungstheorien auch immer ganz im Trend liegen, erfindet die Pharmaindustrie eine Krankheit, die es gar nicht gibt, und verdient sich daran dumm und dämlich, während sie eigentlich die Kinder vergiftet. Und etwas Esoterik (böse Handystrahlung) ist auch immer ganz beliebt.
Das gibt dann prima Stoff für viele Stammtischabende. Vorausgesetzt, man ist nicht selbst durch ein AD(H)S-Kind betroffen - denn dann könnte so ein Quark mitunter auch mal zu spontaner Selbstentzündung führen.

Liebe Silvia, ich habe zwei betroffene Kinder zuhause, einen ADSler, einen ADHSler. Beide sind, nachdem wir das Krankheitsbild ganz lange nicht verstehen konnten, und hilflos zusehen mussten, wie unser Großer immer mehr vor die Hunde ging, zum Glück medikamentiert. Der ADHSler, der vorher wie ein Gummiball durch die Wohnung gehüpft ist, wurde tatsächlich "ruhig gestellt" in Relation zu seiner extremen Hyperaktivität, und zwar auf ein Niveau, auf dem er sich sehr normal verhält, genau wie andere Kinder auch. Seitdem kann er sich wieder ganz normal mit Dingen beschäftigen. Vor der Behandlung konnte ich ihm nicht mal mehr eine Gutenachtgeschichte vorlesen (ob Rabeneltern sowas überhaupt machen?), nach wenigen Sätzen hüpfte er wieder quer durchs Zimmer. Für wie plausibel hältst Du es, dass so etwas an unserer Erziehungsunfähigkeit liegt?

Sein großer Bruder, der ADSler konnte trotz hohem IQ einfach nichts im Kopf behalten. Er wusste oft am Nachmittag nicht mehr, was Vormittags passiert war, wirkte sehr verwirrt z.T. regelrecht abwesend, "verstrahlt" (ganz ohne Handy). Dinge, die er konnte, waren z.T. wenige Wochen später komplett wie ausradiert, er musste wieder von vorn anfangen. Geringste Störgeräusche lenkten ihn ab. In der Schule wurde er gemobbt, und landete schließlich mit einer mittelschweren Depression stationär in der Klinik - mit gerade mal elf (!) Jahren. Auch schlechte Erziehung? Oder Handystrahlung (niemand von uns hatte damals eins)?
Er wird übrigens durch das selbe (!) Präparat, das seinen Bruder auf normales Aktivitätsniveau herunterfährt, aktiviert, auf ein ähnlich normales Aktivitätsniveau, kann wieder auf sein Gedächtnis zugreifen, seine Fähigkeiten nutzen. Seine Schrift, ein ehemals wirres, hässliches Gekrakel, ist wieder lesbar, die jahrelangen Rückenschmerzen (innerliche Unruhe kann sich bei ADSlern so auswirken) sind verschwunden.

Ich bin unglaublich froh, dass wir gerade noch rechtzeitig die Kurve bekommen haben, und uns nicht bis zum bitteren Ende mit Selbstvorwürfen, schlauen "Erziehungstipps" vom Stammtisch und unsäglichen Filmchen aus dem Internet aufgehalten haben. Es ist ohnehin schwierig, so eine Diagnose zu akzeptieren. Und dann müssen noch solche Filmchen sein, die Dir nochmal ins Gesicht schlagen, obwohl Du sowieso schon komplett am Boden liegst, die die Skepsis gegenüber so einer Krankheit erhöhen, und manchen von einer notwendigen Behandlung abhalten. Die Leidtragenden sind die Kinder, denn eine verpfuschte Kindheit und Jugend kann man nicht rückgängig machen und auch nicht nachholen.
ADHS-Medikamente wirken, zum Glück! Und sie machen weder aus den Kindern willenlose Zombies, noch machen sie die Erziehung "einfach". Ganz im Gegenteil - sie ermöglichen dem Kind eine einigermaßen normale Handlungsplanung, um den Verstand einsetzen zu können, und machen einen normalen Alltag - der bei vielen im Wesentlichen im Löschen der schlimmsten Brände besteht - inkl. Erziehung überhaupt erst möglich. Ich kann dabei ausschließen, dass die Tablette einen Handystrahlungsblocker oder versäumte Erziehung enthält. Und wir haben endlich wieder unsere Kinder zurück!

Wenn ich vergleiche, wie wenig Eltern mit neurotypischen Kindern erzieherisch tun im Vergleich mit uns, fällt es mir schwer, beim Vorwurf von Erziehungsunfähigkeit nicht wütend zu werden. Wer irgendwelche Weisheiten über die vermeintlichen Erziehungsfehler von ADHS-Eltern von sich geben möchte, der möge bitte mal für ein paar Wochen in deren Schuhen laufen. Ich kann mir vorstellen, dass mancher schon ziemlich bald schreiend davon laufen würde. Wir als betroffene Eltern können das nicht, und werden dafür noch von solchen Filmen abgewatscht. Na herzlichen Dank auch.

Kurz noch zur angeblichen Zunahme von ADHS, die die Pharmaindustriethese stützen soll: meine Großtante hatte keinerlei Schulabschluss, sie galt als schwachsinnig (früher eine offizielle Diagnose); erst im späteren Erwachsenenalter wurde ihre Schwerhörigkeit festgestellt, obwohl die Diagnostik dafür nun wirklich trivial gewesen wäre. Heut gehört der Hörtest zu den Früherkennungsuntersuchungen.
Jetzt muss man nur 1 und 1 zusammenzählen, um zu erahnen, wie viele ADHSler früher ebenfalls als dumm/schwachsinnig abgestempelt und aufs Abstellgleis geschoben wurden; ich kann ADHS-Symptome - zum Teil sehr heftig ausgeprägte - über mehrere Generationen meiner Blutlinie nachverfolgen. Eine Diagnose hat keiner davon. ADHS kannte damals noch niemand.


Gruß
Markus

NicoleWW
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Beitragvon NicoleWW » 10.06.2018, 22:14

Markus das hast du sehr gut geschrieben.

Und man muss vielleicht auch noch erwähnen, dass es auch früher schon die Kinder gab die in den Klassen und bei den Lehrern auf Grund ihres Verhaltens nicht gut ankamen und die ständig Ärger machten und Ärger bekamen. Genauso wie es die Träumer in fast jeder Klasse gab.

Und nur weil die keine Diagnose bekamen und nicht behandelt wurden heißt das noch lange nicht, dass sie auch keine Probleme hatten und dass das Leben für sie einfach war.

Teilweise hatte so ein Kind im ganzen Dorf einen schlechten Ruf.

Liebe Grüße
Nicole
Nicole (70, Morbus Bechterew, Asthma) mit

J.M. (92)
J.C. (93)
J.E. (95, ADHS, E80.4)
A.M. (04, F93.3, F98.8, F81,1)
S.F. (04,F84.5, F98.8, J30.3, E80.4, J45.0)
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Beitragvon toto35 » 11.06.2018, 17:21

Hallo Silvia,

es gibt auf Youtube unzählige Filme mit pseudowissenschaftlichem Charakter. Einige behaupten, die Erde sei in Wirklichkeit eine flache Scheibe, andere behaupten, HIV sei eine Erfindung, und manche behaupten, ADHS sei eine eingebildete Krankheit, deren Ursache eine Kombination aus unfähigen Eltern, Elektrosmog und anderen Zutaten nach Belieben sei.

Ich habe mich oft gefragt, warum Leute Energie aufwenden, um solchen Unsinn zu produzieren und zu verbreiten. Meine Antwort: Menschen brauchen einfache Erklärungen für Probleme, die ihren Horizont übersteigen. Dabei ist beinahe alles recht, Hauptsache, man hat einen Schuldigen gefunden.
Unsere Alltagserfahrung sagt, dass Menschen einen freien Willen haben, mit dem sie ihr Verhalten nach Belieben steuern können. Demnach will der ADHSler nur nicht "vernünftig" sein, und das kann nur an falscher Erziehung liegen. Damit geht der schwarze Peter an die Eltern, und weil Verschwörungstheorien auch immer ganz im Trend liegen, erfindet die Pharmaindustrie eine Krankheit, die es gar nicht gibt, und verdient sich daran dumm und dämlich, während sie eigentlich die Kinder vergiftet. Und etwas Esoterik (böse Handystrahlung) ist auch immer ganz beliebt.
Das gibt dann prima Stoff für viele Stammtischabende. Vorausgesetzt, man ist nicht selbst durch ein AD(H)S-Kind betroffen - denn dann könnte so ein Quark mitunter auch mal zu spontaner Selbstentzündung führen.

Liebe Silvia, ich habe zwei betroffene Kinder zuhause, einen ADSler, einen ADHSler. Beide sind, nachdem wir das Krankheitsbild ganz lange nicht verstehen konnten, und hilflos zusehen mussten, wie unser Großer immer mehr vor die Hunde ging, zum Glück medikamentiert. Der ADHSler, der vorher wie ein Gummiball durch die Wohnung gehüpft ist, wurde tatsächlich "ruhig gestellt" in Relation zu seiner extremen Hyperaktivität, und zwar auf ein Niveau, auf dem er sich sehr normal verhält, genau wie andere Kinder auch. Seitdem kann er sich wieder ganz normal mit Dingen beschäftigen. Vor der Behandlung konnte ich ihm nicht mal mehr eine Gutenachtgeschichte vorlesen (ob Rabeneltern sowas überhaupt machen?), nach wenigen Sätzen hüpfte er wieder quer durchs Zimmer. Für wie plausibel hältst Du es, dass so etwas an unserer Erziehungsunfähigkeit liegt?

Sein großer Bruder, der ADSler konnte trotz hohem IQ einfach nichts im Kopf behalten. Er wusste oft am Nachmittag nicht mehr, was Vormittags passiert war, wirkte sehr verwirrt z.T. regelrecht abwesend, "verstrahlt" (ganz ohne Handy). Dinge, die er konnte, waren z.T. wenige Wochen später komplett wie ausradiert, er musste wieder von vorn anfangen. Geringste Störgeräusche lenkten ihn ab. In der Schule wurde er gemobbt, und landete schließlich mit einer mittelschweren Depression stationär in der Klinik - mit gerade mal elf (!) Jahren. Auch schlechte Erziehung? Oder Handystrahlung (niemand von uns hatte damals eins)?
Er wird übrigens durch das selbe (!) Präparat, das seinen Bruder auf normales Aktivitätsniveau herunterfährt, aktiviert, auf ein ähnlich normales Aktivitätsniveau, kann wieder auf sein Gedächtnis zugreifen, seine Fähigkeiten nutzen. Seine Schrift, ein ehemals wirres, hässliches Gekrakel, ist wieder lesbar, die jahrelangen Rückenschmerzen (innerliche Unruhe kann sich bei ADSlern so auswirken) sind verschwunden.

Ich bin unglaublich froh, dass wir gerade noch rechtzeitig die Kurve bekommen haben, und uns nicht bis zum bitteren Ende mit Selbstvorwürfen, schlauen "Erziehungstipps" vom Stammtisch und unsäglichen Filmchen aus dem Internet aufgehalten haben. Es ist ohnehin schwierig, so eine Diagnose zu akzeptieren. Und dann müssen noch solche Filmchen sein, die Dir nochmal ins Gesicht schlagen, obwohl Du sowieso schon komplett am Boden liegst, die die Skepsis gegenüber so einer Krankheit erhöhen, und manchen von einer notwendigen Behandlung abhalten. Die Leidtragenden sind die Kinder, denn eine verpfuschte Kindheit und Jugend kann man nicht rückgängig machen und auch nicht nachholen.
ADHS-Medikamente wirken, zum Glück! Und sie machen weder aus den Kindern willenlose Zombies, noch machen sie die Erziehung "einfach". Ganz im Gegenteil - sie ermöglichen dem Kind eine einigermaßen normale Handlungsplanung, um den Verstand einsetzen zu können, und machen einen normalen Alltag - der bei vielen im Wesentlichen im Löschen der schlimmsten Brände besteht - inkl. Erziehung überhaupt erst möglich. Ich kann dabei ausschließen, dass die Tablette einen Handystrahlungsblocker oder versäumte Erziehung enthält. Und wir haben endlich wieder unsere Kinder zurück!

Wenn ich vergleiche, wie wenig Eltern mit neurotypischen Kindern erzieherisch tun im Vergleich mit uns, fällt es mir schwer, beim Vorwurf von Erziehungsunfähigkeit nicht wütend zu werden. Wer irgendwelche Weisheiten über die vermeintlichen Erziehungsfehler von ADHS-Eltern von sich geben möchte, der möge bitte mal für ein paar Wochen in deren Schuhen laufen. Ich kann mir vorstellen, dass mancher schon ziemlich bald schreiend davon laufen würde. Wir als betroffene Eltern können das nicht, und werden dafür noch von solchen Filmen abgewatscht. Na herzlichen Dank auch.

Kurz noch zur angeblichen Zunahme von ADHS, die die Pharmaindustriethese stützen soll: meine Großtante hatte keinerlei Schulabschluss, sie galt als schwachsinnig (früher eine offizielle Diagnose); erst im späteren Erwachsenenalter wurde ihre Schwerhörigkeit festgestellt, obwohl die Diagnostik dafür nun wirklich trivial gewesen wäre. Heut gehört der Hörtest zu den Früherkennungsuntersuchungen.
Jetzt muss man nur 1 und 1 zusammenzählen, um zu erahnen, wie viele ADHSler früher ebenfalls als dumm/schwachsinnig abgestempelt und aufs Abstellgleis geschoben wurden; ich kann ADHS-Symptome - zum Teil sehr heftig ausgeprägte - über mehrere Generationen meiner Blutlinie nachverfolgen. Eine Diagnose hat keiner davon. ADHS kannte damals noch niemand.


Gruß
Markus
Hallo Markus,

du hast das genauso beschrieben, wie es für die Betroffenen und deren Angehörigen ist.
LG

____________________________________
Sohn (17 Jahre): ADHS/ADS (Mischform), Fructoseintoleranz, v.a. Migräne, Kiss-Kind (Therapie endlich erfolgreich beendet!)

JohannaG
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Beitragvon JohannaG » 11.06.2018, 21:20

Hallo Markus,

danke, du triffst genau den Punkt.
Ich glaube, Eltern von "normalen" Kindern können sich überhaupt nicht vorstelle, wie viel Erziehungsenergie wir in unsere Kinder stecken. Das die Kinder, nur weil wir unglaublich viel mit ihnen arbeiten und sie struturieren, überhaut so weit kommen - wenn wir wirklich nicht erziehen würden, ich mag mir gar nicht ausdenken, wie da so manches Kind drauf wäre....

Liebe Grüße, Johanna
Johanna, *73, Morbus Bechterew;
C., (w), 11/2004, adoptiert, FASD, Bindungsstörung, lernbehindert, juvenile Polyarthritis;
J. (m) 01/2008, adoptiert, ADHS; Depressionen und ???,
M. (w) 01/2012 FG bei 23+6 SSW, Kleinwuchs, GÖR, Nahrungsmittelallergien, leichte ICP, Schielen, Weitsichtigkeit, allg Entwicklungsverzögerung

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Beitragvon toto35 » 11.06.2018, 22:08

Hallo Markus,

danke, du triffst genau den Punkt.
Ich glaube, Eltern von "normalen" Kindern können sich überhaupt nicht vorstelle, wie viel Erziehungsenergie wir in unsere Kinder stecken. Das die Kinder, nur weil wir unglaublich viel mit ihnen arbeiten und sie struturieren, überhaut so weit kommen - wenn wir wirklich nicht erziehen würden, ich mag mir gar nicht ausdenken, wie da so manches Kind drauf wäre....

Liebe Grüße, Johanna
genauso ist - viele Eltern von "NichtADS/ADHSlern" können sich überhaupt nicht vorstellen wieviel Energie wir in die Erziehung unsere Kinder investieren müssen - und - wie sehr doch dann unsere Kinder mitarbeiten müssen, um das ganze ertragbar zu machen (was dann meist nur mit den Medikamenten - zusammen mit den Therapien) funktioniert.

Bis heute strukturiere ich ganz haarklein den kompletten Tag meines Sohnes inkl. Schulzeit und Freizeit - praktisch seine ganzen 24 Stunden. Alle Versuche unsererseits, dies nach und nach ihm zu überlassen sind im absoluten Chaos gelandet - und am Ende - bei jeder Menge nacharbeiten und nachorganisieren gelandet, um das Chaos irgendwie wieder in geregelte Bahnen zu lenken.
LG

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Sohn (17 Jahre): ADHS/ADS (Mischform), Fructoseintoleranz, v.a. Migräne, Kiss-Kind (Therapie endlich erfolgreich beendet!)

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Beitragvon babyluca2002 » 11.06.2018, 22:18

Liebe Anke,

ja, ohne Medikamente... aber hat dein Großer nun eine Affinität zu Alkohol, Zigaretten oder ähnlichem entwickelt? - Zeigt er sich heute wirklich als frei und unabhängig, - was natürlich mit 20 noch nicht wirklich so gut beurteilbar ist, da sich - gerade die Jungs + mit dieser Diagnose noch formen...

Wie schaut es mit seiner persönlichen Entwicklung aus? Ist sie so weit, dass keinerlei Entwicklungsrückstand vorhanden ist? -

... Ich weiß, ich habe selbst genug zu tun, dennoch sehe ich auch mal über meinen Tellerrand und sehe da auch das Amt... - auch die machen es sich manchmal etwas zu einfach... -

Es wird ja auch in dem Film zugegeben, dass die Hälfte der behandelten Kinder tatsächlich diese Diagnose haben... -

Es sind halt einige Faktoren die hier mitspielen... - und, nein, man kann nie und nimmer alle in einen Topf werfen... - aber leider findet man immer wieder Vorurteile, auch bei Lehrern und anderen... - es sind ja auch nur Menschen...

Wenn Lehrer selbst betroffene sind, dann ändert sich dann auch häufig ihre eigene Sicht- und Verhaltensweise, auch das habe ich bereits erlebt!

Nein, es ist sicher so, dass viele Eltern sehr wohl abwägen, was für die Kinder passt - aber manchmal wird man schier gezwungen Dinge zu machen mit denen man nicht wirklich einverstanden ist...

LG
Silvia
Entschuldige, ich hab deine Fragen erst jetzt gelesen, war ne Weile offline....

Also, soweit kann ich dir berichten - Alkohol in Maßen, nicht extrem wie bei anderen Jugendlichen, Rauchen - nein, probiert ja - Zigaretten, E-Zigaretten, Pfeife - alles vorbei.

Ich würde als Laie beurteilen, dass der Rückstand aufgehol ist - man muss ja auch noch die extreme Frühgeburt (23. SSW) berücksichtigen. Er wohnt seit 1,5 Jahren allein, hat zwar eine mobile Betreuung,aber eben nicht täglich. Macht seine Einkäufe etc alles allein.

Abitur jetzt demnächst fertig, dann Studium.

Beantwortet das so weit deine Fragen?

LG
Anke
Anke (47), Carsten (45), Kevin * 27.03.98 (Frühchen 23. SSW, ADS) mit Sternenkind Luca * 27.12.2002, † 23.12.2007 (Muskeldystrophie Duchenne, chron. Niereninsuffizienz, Schlaganfall nach erfolgloser Nieren-TX, Gerinnungsstörung Faktor V-Leiden, verstorben nach akuter Peretonitis) und Finn * 05.01.2009 - kerngesund und quietschfidel

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Beitragvon babyluca2002 » 11.06.2018, 22:41

Ich kann nur sagen, dass ich mich heute ärgere, dass unser Kleiner nicht früher das Medikinet bekam.

Ich habe leider die letzten 2 Jahre zuviel auf andere gehört, Schule, die meinte, ach das wird schon, Psychologin, die meinte, man könne nix machen :shock: - keine Medis, keine Therapie, nix.

Ich glaube ganz stark, hätten wir schon vor 1 - 2 Jahren mit den Medis begonnen, hätten wir nicht im letzten Jahr diese lange Krise mit extremen Ausrastern bis hin zu Depressionen gehabt und ich würde auch behaupten, der Wechsel auf die Förderschule wäre nicht nötig gewesen.

Sicher bin ich niemand, der ganz schnell immer Medis geben muss, das war auch der Grund, warum ich vielleicht auch nicht doch auf eine weitere Testung gedrängt habe.

Unser ist jetzt zwar wirklich mehr "führbar" durch die Medis, jedoch noch nicht soweit, um aus dem Strudel seiner Aggressivität zu kommen. Wir warten jetzt händeringend auf die beantragte Begleitung, damit es in der Schule (und nur dort besteht das Problem, nicht beim Basketball oder privat) klappt um nach der 4. Klasse wechseln zu können. Intellektuell schafft er das, aber er lässt sich immer noch zu leicht provozieren und geht dann hoch.

Momentan macht er ja noch Heilpädagogik, die letzten 20 Stunden sind genehmigt, danach soll er in eine Gruppe - und schon fängt das Problem wieder an, Gruppen sind hier rar gesät.

Man kann noch so viel mitarbeiten, wenn es dann an fehlender Begleitung scheitert, wo sich auch die Schule etwas sträubt, obwohl ihr Job ruhiger werden würde (zwischenzeitlich läuft er schon mal aus der Klasse, nicht weit, aber immerhin) und an fehlender Therapie (die würde nur bei stationärem Aufenthalt erfolgen, der jedoch nicht gewünscht = weil nicht nötig ist), dann steht man auch etwas auf verlorenem Posten.

Den Film habe ich mich ehrlich gesagt nicht angeschaut. Mir langen schon die zb. in Facebook verbreiteten Aussagen von Impfgegner, die auch sagen, ADHS oder Autismus wird durch Impfungen ausgelöst.... :roll:

Ich denke, was ich hier von Betroffenen gelesen habe, trifft es gut, und ihr macht das gut ! Und ich denke auch, da kann niemand drüber urteilen, der nicht betroffen ist - so jemand hätte im letzten Jahr meinen Sohn sehen sollen, jeden Abend bis 22.30 Uhr weinend, weil er Angst hatte, wieder in der Schule am nächsten Tag auszurasten.... das wünsche ich niemanden, wenn man da als Mutter so hilflos neben steht....

LG
Anke
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Chaosmarie
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Beitragvon Chaosmarie » 04.07.2018, 08:27

Guten Morgen,

mal jenseits von A(H)DS zwei Erfahrungen aus dem Leben: Damals, als unser großes Kind eingeschult wurde, war der Klassenlehrer ein alter Haudegen kurz vor dem Ruhestand, vor dem unser Kind bald Angst bekam. Es dauerte nicht lange bis wir vom Klassenlehrer einbestellt wurden. Unser Kind sei unruhig und unkonzentriert. Wir mögen es bitte in der örtlichen KJP vorstellen damit es Ritalin bekäme. Da unser Kind außerhalb der Schule keines der bekannten A(D)HS Sypmtome zeigte, weigerten wir uns. In den folgenden Monaten ließ der Lehrer keine Möglichkeit aus, uns z. B. über die Schulleitung unter Druck zu setzen, und, was noch schlimmer war, er ließ seinen Unmut an unserem Kind aus! Das wurde immer unglücklicher, und gerade, als wir Eltern uns (noch ohne Wissen der Schule) zu einem Schulwechsel entschlossen hatten, verkündete der Lehrer, früher als geplant den Schuldienst zu quittieren. Die paar Wochen bis zu den Sommerferien hielten wir noch durch. Dann kam ein junger Lehrer, unser Kind blühte regelrecht auf und von A(D)HS und Ritalin war nie wieder die Rede.

Eine Zeit lang waren wir mit unserem mittleren Kind in einer KJP, die uns hartnäckig Ritalin empfahl. Unser Kind ist atypisch autistisch, ohne Begleiterkrankungen, also auch kein A(D)HS. Warum sollten wir ihm trotzdem Ritalin geben. "Damit es besser fokussieren kann", war die Antwort der KJP. Nach Rücksprache mit dem ATZ lehnten wir die Medikation ab.

Ritalin kann zweifellos sehr hilfreich sein bei Kindern, die tatsächlich unter dem Störungsbild leiden. Wir haben auch solche Kinder und sogar einen Erwachsenen in unserem Bekanntenkreis. Aber der Druck, unter den Eltern mitunter gesetzt werden, ist schon unverschämt.

lg

Marie
"Scheffin" *2006 gesund und topfit, hochbegabt
"Prinzesschen" *2007 fröhliche und charmante Kannerautistin
"kleiner Bruder" *2011 gesund, quietschfidel, Verdacht auf Hochbegabung.

Was glaubt Ihr, was hier los wäre, wenn noch mehr Leute wüssten, was hier los ist!


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