Straßenverkehr mit extrem reizoffenem Kind

Hier könnt ihr euch über ADS und ADHS austauschen.

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rena99
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Beitrag von rena99 »

Hallo Angie,

ich möchte dich da mal beruhigen. Aber du brauchst: Geduld!

Nach deiner Beschreibung könnte das meine Tochter in dem Alter sein. Und ich habe mir die gleichen Sorgen gemacht. Beim Fahrradfahren wurde sie zwischendurch immer langsamer vor lauter Quatschen, fuhr völlig unvermittelt in die Straßenmitte, um sich da eine Raupe anzusehen (wie sie die überhaupt entdeckt hat....???) und und und.

Es ist tatsächlich eine Frage der Zeit. Mein Tochter hat einfach länger als das Durchschnittskind gebraucht, ihre reichhaltige Wahrnehmung zu sortieren in das, was Verkehrs-mäßig wichtig ist und das, was nicht. Bevor sie im Straßenverkehr Fahrrad fahren konnte, mussten wir erst wieder auf den Roller zurück, weil sie die Information in dem Tempo nicht sortiert bekam. Und jetzt beim Führerschein war es auch so, dass sie da viel mehr Zeit benötigt hat. Aber: es klappt letztendlich, auch wenn es dauert.

Was für dich leider heißt: solange begleiten, bis die Sicherheit da ist. Oder jemand finden, der die Begleitung macht. Schulweg allein ging daher bei uns auch erst später als der Durchschnitt so ist. Das scheint auch eine Frage der Reife zu sein. Ermahnungen haben da nicht viel genutzt. Es ging halt erst ab einem gewissen Zeitpunkt.

LG
Rena
Rena mit (mittlerweile erwachsener) Tochter (V.a. Autismusspektrumsstörung, Zwangsstörung)

PaulaB
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Beitrag von PaulaB »

Hallo,

das ist ja mal ein interessanter Thread! :D

Es ist als ob Du meine Tochter beschreiben würdest. Sie wird in zwei Wochen 8 Jahre alt, hat ADS und ich kann sie im Straßenverkehr keine Sekunde unbeaufsichtigt lassen.

Erst gestern wäre sie sonst wieder mal, ohne nach links und rechts zu gucken, auf die Straße gelaufen. Ich muss sie dann wie ein Kleinkind festhalten oder "Stopp" rufen.

Tja, sie ist so groß wie eine Zehnjährige, verhält sich im Straßenverkehr aber wie eine Zweijährige. Das lässt sich auch immer schwieriger anderen Muttis vermitteln, wenn sie mal bei einem anderen Kind zu Besuch ist.

Das mit dem Dauerquatschen hat meine Tochter übrigens auch.

Ermahnen hilft in beiden Angelegenheiten (quatschen und aufpassen) bei ihr übrigens auch nix.

In der Schule ist sie auch top und hat eher das Problem, dass ihr die Schule zu langweilig ist.

Zu Hause hat sie pro Woche 2-3 Unfälle, viele blaue Zehen, weil sie ständig irgendwo dagegen rennt, neulich ne offene Lippe nach einem Sturz aus dem Fenster (zum Glück war es das Erdgeschoss). Auch in diesem Jahr können wir selbst in der Adventszeit keine Kerzen anzünden.
Vor einer Woche brannte mal ein Teelicht auf dem Tisch, die Wurst, die sie haben wollte, lag dahinter ... Ihre langen, offenen Haare waren schon fast in der Flamme. Gott sei Dank hatte ich sie im Blick und konnte blitzschnell Schlimmes verhindern.

Mich trösten ja die Posts hier, die sagen, dass es irgendwann besser werden wird, wenn auch langsamer!

Liebe Grüße

Paula
Paula (*1970) mit Mann (*1971) und drei Mädels:
2 Asperger-Autistinnen (*2008, *2009) und
eine Dame mit ADS (*2009).

nicole06
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Beitrag von nicole06 »

Bei meinem Sohn habe ich mich erst in der 4. Klasse einigermaßen sicher gefühlt und ihm den Straßenverkehr zugetraut. Seit Beginn der 4. Klasse, da war er 9, geht er regelmäßig alleine zur Schule.

Als er noch deutlich jünger war, war es schlimm. Vor allem in der Kindergartenzeit. Andere Kinder sind schon mit 5 alleine vorausgelaufen und am Straßenrand stehengeblieben. Er aber nicht. Das war immer Stress pur.

Es ist aber noch heute so, dass ich den Eindruck habe, wenn ich mit ihm gehe, verlässt er sich auf mich. Würde ich danach gehen, dürfte ich ihn nicht aus dem Haus lassen. ;-)

Ich denke, es war ganz gut weitestgehend auf unser Gefühl zu hören und da etwas länger zu warten. War natürlich sehr unbequem für uns Eltern.

Mittlerweile ist das größte Problem das Smartphone. Ich hasse es, wenn er das unterwegs rausholt. Der Ablenkungsfaktor ist bei normalen Menschen ja schon hoch, aber bei jemandem wie ihm? Tausendmal ermahnt. Pfffff, Kind weiß es besser.
Neulich dann, hat es ihm jemand mit einem Fahrradlenker aus der Hand geschlagen. Spider-App, Bildschirm gesprungen. Funktioniert aber noch. Hoffe die Lektion hat gesessen. Lieber das Handy als der Kopf.
Sohn *2006: ADHS, Zwangsstörung, Depressionen, Angstzustände/Panikattacken, zeitweise V.a. Long-QT-Syndrom

Angela77
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Beitrag von Angela77 »

Hallo Ihr Lieben,
vielen Dank für die Ermutigungen. Habe Sie gerade erst gesehen :wink:
@Paula: Zu den blauen Zehen: Bin im letzten KITA-Jahr mit Mila mit Verdacht auf Leukämie im Krankenhaus gelandet, weil Kind blass (bei uns normal) war, um die 38 Grad Fieber und Schwindel - und unendlich viele blaue Flecken an den Unterschenkeln hatte (und einige andere am restliche Körper). Raus kam: Wohl banaler Infekt. Die unenedlich vielen blauen Flecken kamen, weil sie in der Kita sich tageland an der Rutschstange mit den Unterschenkel festgeklammert hatte, bis sie endlich perfekt rutschen konnte :? :twisted: - und der Rest der blauen Flecke ist erblich. Will heißen: Selbst im Erwachsenenalter rumsen Mama und Papa dauernd irgendwo gegen :oops: Nur unser Autist ist von jeher extrem gefahrenbewusst - außer im Straßnenverkehr. Dementsprechend hat ER so gut wie nie blaue Flecken ....

LG
Angie
Bene (2008): regressiver Autismus, schwerste expressive Sprachentwicklungsstörung (bei sehr gutem Sprachverständnis!), Bildung von Casiomorphin und Gliadorphin
Vorstellung plus Diäteffekte:
http://www.REHAkids.de/phpBB2/ftopic73493.html

Primär nächtliche Epilepsie im motorischen Sprachzentrum (leider erst erkannt im März 2015!!!)

Angela77
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Re: Straßenverkehr mit extrem reizoffenem Kind

Beitrag von Angela77 »

Hallo zusammen,
zwei Jahre sind seit meinem Ausgangspost vergangen und ich möchte kurz berichten, wie es weitergegangen ist.
Tochterkind ist seit August 2019 tatsächliugh an der weiterführenden Schule und fährt mit dem Bus dort seit dem ersten Schultag selbst hin - und mittlerweile zu auch zu zwei verschiedenen Sportangeboten in der Innenstadt, sogar mit Bus, Bahn und Umsteigen :mrgreen:
Sie macht das mittlerweile wirklich gut, und ich bin sehr stolz auf sie! Aber der Weg zu dieser Art von Selbstständigkeit war wirklich sehr, sehr, sehr steinig.
Wir mussten den relativ kurzen Schulweg zum Gymnasium (1,7 km mit Bus und zu Fuß) allen Ernstes geschlagene neun Monate ein bis zweimal (!) pro Woche üben :shock:, bis man sie ihn guten Gewissens alleine gehen lassen konnte.
Und wie Tochterkind nun mal ist, hat sie es bis zum Schluss spannend gemacht ... Das erste Mal alleine zum Gymi und wieder zurück fuhr sie in der letzten Woche der Sommerferien :shock: Aber ab dann hat sie ihren Aktionsradius in der Stadt plötzlich massiv erweitert. Ich traue ihr mittlerweile sogar völlig neue Strecken zu, wenn wir geklärt haben,an welchen Haltestellen sie umsteigen muss ... Das ist wirklich eine Riesenerleichterung, v.a. weil ich nun nicht mehr Bene zu Milas Terminen mitschleppen muss :mrgreen: :mrgreen: :mrgreen: Was uns übrigens sehr geholfen hat, war eine neue Brille, die bei starken Sonnenlicht selbstständig dunkler wird. Nichts konnte Mila, zumindest im Sommer mehr stressen und dadurch ablenken, als wenn sie sich geblendet fühlte. Da waren von jetzt auf gleich alle Regeln zum sicheren Überqueren der Straße vergessen ...
Liebe und ziemlich glückliche und stolze Grüße
Angie
Bene (2008): regressiver Autismus, schwerste expressive Sprachentwicklungsstörung (bei sehr gutem Sprachverständnis!), Bildung von Casiomorphin und Gliadorphin
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Angela77
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Re: Straßenverkehr mit extrem reizoffenem Kind

Beitrag von Angela77 »

Ups, letzteres war eine PN, die hoffentlich bald gelöscht wird ...
Bene (2008): regressiver Autismus, schwerste expressive Sprachentwicklungsstörung (bei sehr gutem Sprachverständnis!), Bildung von Casiomorphin und Gliadorphin
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rena99
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Re: Straßenverkehr mit extrem reizoffenem Kind

Beitrag von rena99 »

Hach wie schön, liebe Angie. Dann hat sich mein obiger Post ja bestätigt: Geduld, Geduld, Geduld und üben, üben, üben. Und es ist wirklich schön, zu erleben, wie schnell es dann danach weiter geht. Aber, wie geschrieben, der Führerschein hat dann wieder gedauert. Nun fährt mein Kind sicherer und selbstständiger als die meisten Alterskollegen.
LG
Rena
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Nadine.mit.Tino
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Re: Straßenverkehr mit extrem reizoffenem Kind

Beitrag von Nadine.mit.Tino »

Hallo,

da wir gerade aktuell ein begleitetes Fahrradtraining mit Kindern und Eltern in der Grundschule hatte, kann ich auch noch eine Idee beisteuern.

Und zwar ist meine Tochter mit ihren 9 Jahren auch noch nicht verkehrssicher und nächstes Jahr beginnt schon die weiterführende Schule. Der Polizist beim Fahrradtraining hat uns Eltern eindringlich darauf hingewiesen, dass auch Kinder im 4. Schuljahr immer noch blutige Anfänger im Straßenverkehr sind und gerade in unserer Stadt (sehr viele Fahrräder und auch viel Verkehr) das Fahrradfahren viel mehr Gefahren birgt als in ländlichen Regionen. Der Übergang zur weiterführenden Schule müsse längst nicht bedeuten, dass unsere Kinder verkehrssicher seien und man solle sie bei Unsicherheiten lieber noch länger begleiten.
Auch hat er darauf hingewiesen, dass Kinder nun mal kleiner sind und schon von einem Golf verdeckt werden und damit im Strassenverkehr einfach von vielen anderen Teilnehmer viel später wahrgenommen werden können, somit steigt die reelle Gefahr noch einmal an.
Vor ein paar Jahren habe ich übrigens mal ein Info-Schreiben gelesen, in dem stand, dass Kinder erst in einem Alter von ca. 12 Jahren dazu in der Lage seien, Entfernungen und die Schnelligkeit von fahrenden Autos richtig einzuschätzen.

Ich habe mir nun für mich vorgenommen, meine Tochter am Anfang auf jeden Fall noch zu begleiten zur weiterführenden Schule (je nachdem welche es wird liegt es sogar auf meinem Arbeitsweg, ich muss dann nur leider eine Stunde später losfahren) und vor allen Dingen in der dunklen Jahreszeit auf die Begleitung morgens nicht zu verzichten.

Aber wie ich es mache, wenn meine Tochter evt. mit einer Gruppe anderer Mädels fahren möchte, da bin ich mir auch noch nicht so sicher, denn dann wäre es ihr bestimmt peinlich mit mir als Anhängsel.

Viele Grüße
Nadine
Unsere Familie:
Nadine (*1979) und J. (*1975)
L. (*05/2010) 34. SSW, ADS
L. (*05/2010 - 07/2010) 34. SSW, Omphalozele, Fallot-Tetralogie, Multi-Organ-Versagen nach Herz-Katheter-OP
T. (*11/2014) Infektasthma

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