Antrag auf freiheitsentziehende Maßnahmen bei Kayserbett

Unsere Kinder werden älter, verlassen die Schule und auch oft das Elternhaus. Wie sehen die Perspektiven für behinderte Jugendliche und junge Erwachsene aus? Wo können sie arbeiten? Wo finden sie geeignete Wohnformen? Hier können sich Eltern austauschen und informieren!

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else
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Beitragvon else » 27.12.2017, 14:40

Hallo,

ich hatte in der Schule bereits zwei Termine wegen dieser neuen Gesetzgebung zu den freiheitsentziehenden Maßnahmen. Einmal mit dem Verfahrensbeistand und einmal mit Richter und Verfahrensbeistand. Mein Sohn ist minderjährig, wohnt zuhause. Wir müssen Rollstuhlgurt,-Tisch,-Bremse und das Bettgitter als Rausfallschutz fürs Schullandheim genehmigen lassen. Ich hoffe jetzt auf einen Feststellungsbescheid, dass es sich um reine Sicherungsmaßnahmen handelt. Wenn ein Bescheid ergeht, dass alles als freiheitsentziehende Maßnahme genehmigt wird, haben wir diesen Aufwand künftig jährlich, d.h. wir müssen das jedes Jahr neu beantragen mit ärztlichem Attest usw.

In unserer Schule sind Kinder aus verschiedenen Landkreisen mit verschiedenen Richtern. Es hat sich gezeigt, dass jeder Richter da anders entscheidet -auch bei gleich schwerem Behinderungsgrad.

Ich empfinde es so wie Stefan, dass hier in Deutschland etwas ganz gewaltig schief läuft.
Wo sind diese Leute, wenn man darum kämpft einen Aktivrollstuhl, E-Rolli, Therapierad, Autoumbau, Kommunikationsgerät usw. zu bekommen um den Kindern ein kleines bisschen Freiheit zu geben. Wer moniert da, dass ein Freiheitsentzug vorliegt, wenn man alle Möglichkeiten zur Mobilität und Selbstbestimmung verweigert? Wenn jemand wirklich Interesse an unseren Kindern hätte, dann müssten sich diese Richter und Verfahrensbeistände dafür einsetzen, dass unsere Kinder die best mögliche Ausstattung erhalten und nicht bereits erkämpfte HIlfsmittel überprüfen.
LG
Else

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Jörg75
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Beitragvon Jörg75 » 27.12.2017, 20:37

Moin,

den Richtern geht es nicht darum, es den Kindern besser oder schlechter zu machen - den Richtern geht es darum, entsprechend dem Gesetz und den gestellten Anträgen über diese Anträge zu entscheiden.
Viele Richtern halten diese neuen Regelungen für ebensolchen Blödsinn wie ihr - sie müssen aber bei gestellten Anträgen darüber entscheiden, ob sie das wollen oder nicht. Und sie brauchen dafür auch ein entsprechendes ärztliches Attest ... und auch die jährliche Prüfwiederholung haben sich die Richter nicht ausgedacht.
Nochmal - die Intention des Gesetzes ist gut und richtig, und vielleicht sogar auch eine Folge der Sendung von Team Wallraf, wo sie Fehlentwicklungen in Heimen aufgedeckt haben ... aber man kann halt bei einem solchen Thema nicht ein paar wenige Fälle "schützen", ohne nicht im Sinne einer Kollateralmitnahme viele andere Fälle auch unter Überwachung zu stellen ... Gesetze müssen "abstrakt" formuliert sein, und dann trifft es eben viel mehr Leute, als man eigentlich meint.

Etwas schwieriger wird es dann noch dadurch, dass Richter per se unabhängig sind - es hat ihnen also niemand zu sagen, wie sie zu entscheiden haben (nicht mal übergeordnete Instanzen, die können nur anders entscheiden, aber keinen Richter zu einer bestimmten Entscheidung zwingen). Daher kommt es eben auch dazu, dass bei einem Heim, wo die Kinder aus unterschiedlichen Amtsgerichtsbezirken kommen, unterschiedliche Richter unterschiedlich entscheiden ...


Und ja - Krankenhäuser dürfen eine bestimmte Zeit bestimmte freiheitsentziehende Maßnahmen selber machen, wenn diese ärztlich noitwendig sind. Die Einrichtung einer Eilbetreuung mit der Genehmigung freiheitsentziehender Maßnahmen bekommt man aber in Einfällen auch binnen weniger Stunden hin, das ist nicht so das ganz große Problem.

Gruß
Jörg
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Beitragvon Stefan M. » 28.12.2017, 13:18

Ja und was wäre eigentlich, wenn man mit Unterstützumg einer Interessensvertretung eine Petition anleiern würde.

Oder sich an die Presse wenden würde und einfach mal den ganzen Trara schildern würde ?

Meint Ihr, da würden sich genügend Betroffene melden ?

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Beitragvon Stefan M. » 28.12.2017, 13:21

Vielleicht mit dem Bundesverband BVKM oder so ?

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Beitragvon Stefan M. » 28.12.2017, 13:23

Irgendwie macht mich das Alles so wütend, dass ich irgendwas unternehmen muss

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Beitragvon Silke H-S » 28.12.2017, 15:53

Hallo Stefan,
Es ist noch nicht wahnsinnig lange her, da hat, auch in Deutschland, das jeweilige Heim oder auch der jeweilige Mitarbeiter, der gerade im Dienst war entschieden, wer wo wie lange fixiert etc. wird. Auch wenn die jetztigen Vorschriften sicher oftmals übers Ziel hinausschießen, die alten Gesetze wünscht sich ganz sicher niemand.
Silke

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Beitragvon Stefan M. » 29.12.2017, 19:53

Silke, mag sein. Aber jetzt entscheidet ein Richter, der noch wenig er Ahnung von der Sache hat.

Wie ist es eigentlich mit den Leuten, die zuhause betreut werden, wer kontrolliert da?

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Beitragvon Jörg75 » 29.12.2017, 21:40

Hallo Stefan,

der Richter soll auch nicht medizinische-/ pflege-fachlich Ahnung haben, dafür hat er ein medizinisches Gutachten. Der soll vor allem unter rechtlichen Gesichtspunkten entscheiden, ob die Freiheitsentziehung erforderlich und angemessen ist ... und der Richter kann auch nichts dafür, dass der Gesetzgeber ihm diese Aufgabe zugewiesen hat (abgesehen davon, dass der Kollege vom Betreuungsgericht diese Aufgabe schon seit Jahrzehnten hat und es bei Gericht durchaus bei einigen Richtern - insbesondere dienstälteren Betreuuingsrichtern - durchaus einigen auch pflege-/ medizinfachlichen Sachverstand gibt).

Bei Personen, die zu Hause betreut werden, kontrolliert die freiheitsentziehenden Maßnahmen keiner. Das ist übrigens insbesondere unter Betreuungsrichtern immer wieder Anlass zu Kopfschütteln ... in den Heimen, in denen es auch noch eine Heimaufsicht gibt und vielleicht Angehörige, die dem Heim auf die Finger schauen, muss der Richter hin und die freiheitsentziehenden Maßnahmen genehmigen, zu Hause aber, wenn die Angehörigen pflegen und das Pflegegekld einkassieren, schaut keiner danach, ob in irgendeiner Weise die Freiheit entzogen wird.
Die gesetzgeberische Theorie war wohl dabei, dass die liebenden Angehörigen zu Hause den Betroffenen natürlich NIEMALS die Freiheit entziehen würden, während die bösen Heime das immer und fortwährend machen ... inwiefern das eine oder andere mit der Praxis viel zu tun hat, lassen wir mal dahingestellt.

Okay, letztlich soll wohl gerade beim Bezug von Pflegegeld die regelmäßige Pflegeberatung schauen, ob etwas schief läuft - aber wie die Termine laufen, weiß hier ja so ziemlich jeder.

Gruß
Jörg
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Beitragvon else » 30.12.2017, 13:00

Stefan M. hat geschrieben:Silke, mag sein. Aber jetzt entscheidet ein Richter, der noch wenig er Ahnung von der Sache hat.

Wie ist es eigentlich mit den Leuten, die zuhause betreut werden, wer kontrolliert da?


Hallo,
das ist ja das neue, dass jetzt auch für minderjährige Schulkinder, die zuhause wohnen, das ganze Prozedere nötig ist. Mein Sohn wohnt definitiv zuhause, geht tagsüber in die Schule und kommt nachmittags heim. Für zuhause brauchen wir nichts genehmigen lassen, aber alles was in der Schule dabei ist schon. Für die eine Woche Schullandheim im Jahr eben auch noch das Bettgitter. Ich denke die Bayern sind hier besonders schnell gewesen und die Schulen in den anderen Bundesländern werden auch noch folgen müssen.
LG
Else

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Beitragvon Stefan M. » 30.12.2017, 19:46

Ja dann gute Nacht. Die werden sich alle freuen.

Vg


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