Charlie in Großbritannien: Ich bin so tief erschüttert!

Zum Teil unterscheiden sich die rechtlichen und organisatorischen Strukturen zwischen Deutschland und den verschiedenen Nachbarländern erheblich. Hier in dieser Rubrik sammeln wir alle landesspezifischen Infos.

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Jakob
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Charlie in Großbritannien: Ich bin so tief erschüttert!

Beitragvon Jakob » 24.06.2017, 22:50

Ich bin seit langer Zeit wieder hier und weiß nicht, ob mein Beitrag hier an der richtigen Stelle ist, sonst bitte verschieben.
Nun, auch wenn Großbritannien kein direktes Nachbarland ist, so beschäftigt mich die Situation des kleinen 10 Monate alten Jungen, der in London im Krankenhaus mit einer schweren Behinderung liegt so sehr, dass ich mich gerne mit Euch austauschen möchte. Vielleicht habt Ihr das auch schon getan?
Nun der kleine Junge hat das Pech, dass er in GB zur Welt gekommen ist.
Er wird beatmet und per Sonde ernährt und von seinen Eltern über alles geliebt. Da die Gesetze in England den Ärzten jedoch viel mehr Entscheidungsmöglichkeiten einräumen als den Eltern, kämpfen diese inzwischen vor dem Europäischen Gerichtshof der Menschenrechte dagegen, dass die Ärzte die Behandlung einstellen...Charlie Gard heißt der kleine Junge, für die die googlen möchten. Ich bin einfach nur erschüttert, dass dem Willen der Eltern in GB so wenig Befugnis eingeräumt wird mit der Begründung, Eltern seien zu emotional um richtig für ihr Kind zu entscheiden!
Ich bin erschüttert für diese liebenden Eltern, die anstelle sich dem kleinen Kerlchen widmen zu können, Zeit, Geld, Kraft und Energie bei Gerichten lassen und Angst haben müssen vor dem Tod ihres Kindes, Angst vor einem Staat der über Leben und Tod bestimmt. Ich habe mit Jakob dreizehn lange Jahre in der Angst vor seinem natürlichen Tod gelebt und weiß, wie heftig das für eine Mutter sein kann, wie mag es erst den Eltern des kleinen Charlie gehen. Angst haben zu müssen, dass der Staat einem das eigene Kind nimmt...Betet mit mir für die Menschlichkeit der Richter! In nur wenigen Wochen wird endgültig entschieden...

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Beccy mit Emilia
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Beitragvon Beccy mit Emilia » 27.06.2017, 10:46

Hallo,
ich habe gerade durch Zufall deinen Beitrag gelesen. Ich habe den Fall auch in den Medien verfolgt. Ich möchte mich aber mit einem Urteil über Eltern, Ärzte und Richter zurückhalten. Der Richter hat eine denkbar schwere Aufgabe, er steckt nicht in dem Kind, muss die Verzweiflung der Eltern, aber auch die (meiner Ansicht nach) berechtigten Argumente der Ärzte berücksichtigen und letztlich im Sinne des Kindes (und nicht der Eltern!) entscheiden. Aber was ist im Sinne des Kindes? Es auf Gedeih und Verderb unter Schmerzen und Qualen am Leben zu erhalten sollte es nicht sein. Denn das wäre genauso menschenunwürdig. Sollte es aber durch neue Therapieansätze eine Chance auf Besserung/Heilung geben, dann würde er sicher sofort im Sinne der Eltern entscheiden. Schließen Ärzte das aber aus, dann muss auch deren Expertise Gehör finden. Die Ärzte hier als unmenschlich darzustellen, finde ich unfair. Sie werden es sich mit Sicherheit auch nicht einfach machen, verfügen aber nunmal über Fach-und Sachverstand und können die medizinische Sicht der Dinge besser einschätzen als die Eltern. Letztendlich können wir als Außenstehende es nicht beurteilen.
Meine Tochter ist selber unheilbar krank. Wie schön wäre es, wenn ihr durch eine neue Therapiemethode geholfen werden könnte. Aber niemals würde ich dem zustimmen, wenn sie leiden müßte. Auch wir Eltern tragen Verantwortung und sollten nicht da klammern, wo loslassen die zwar emotional schmerzlichere aber für das Kind menschlichere Alternative wäre. Die Entscheidungsträger beneide ich in einem solchen Fall alle nicht und ich denke, es gibt hier kein richtig oder falsch, kein gut oder böse. LG
Beccy (*1975) und Emilia (*07/2012;), NBIA - BPAN durch Mutation auf dem WDR45-Gen. Globale psychomotorische Entwicklungsstörung mit Myelinisierungsverzögerung, Absence-Epilepsie, Muskelhypotonie. Pflegegrad 5. GdB 100, H, G, aG, B. Ausserdem ein sehr ausgeprägtes KKKQS (Knutsch-, Knuddel-, Kuschel- und Quengelsyndrom :) www.millys-mission.de

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Beitragvon dennis08 » 27.06.2017, 10:57

Hallo,

habe die Reportage auch gesehen und bin sehr traurig und hoffe sehr, dass es mit den Eltern zusammen über das Schicksal des kleinen Jungen entschieden wird und nicht über sie hinweg :cry:

LG,
Ina

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Beitragvon Yaron-Mama » 27.06.2017, 20:42

Hallo ihr lieben!

Seit heute ist es ja nun amtlich das der kleine Charlie sterben darf/muss.
Ich war ziemlich erschüttert als ich es gelesen habe.
Wie kann es sein das fremden Ärzten mehr Rechte eingeräumt werden als den eigenen Eltern?
Natürlich weiß niemand von uns wieviel der Kleine von seiner Umwelt wahrnimmt oder ob es eine Erlösung für ihn ist.
Aber Fakt ist, das die Eltern das letzte Wort haben.
Ich möchte mir auch nicht unbedingt ausmalen wieviel tatsächlich Ärztliches Wissen dabei eingeflossen ist oder vielleicht doch das eine oder andere zusätzliche Motiv eine Rolle spielte.
Ich hätte dem kleinen Kämpfer und seinen Eltern so sehr gewünscht das sie zumindest die experimentelle Therapie noch hätten machen können.
Es hätte sicher niemandem geschadet.
Ich finde es sehr traurig und hoffe niemals in meinem Leben in dieselbe Situation zu kommen wie die armen Eltern.

Lg Steffi
Lea (*2002) gesund
Yaron (*2012) therapierte Schädelasymetrie, frühkindlicher Autismus, V.a. ICP, fokale Epilepsie mit Statusneigung
Und unser kleines Sternchen, das wir leider nicht kennenlernen durften ( ✝ 06.12.2015)

Jakob
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Beitragvon Jakob » 27.06.2017, 22:18

Vielen Dank für Eure Antworten.
Ich glaube, dass wir uns einig sind, dass Leiden verhindert und gelindert werden sollte.
Das ist der Gedanke der Palliativmedizin und der Palliativpflege.
Schwierig wird es für mich an dem Punkt, wenn vermeintliche Experten darüber entscheiden, ob ein Leben lebenswert ist. Jakob konnte nicht sprechen, sich nicht fortbewegen, nicht sehen, nur unzureichend schlucken, hatte eine schwere Epilepsie, einen Hydrocephalus und einen Schädelkalottendefekt. Gott sei Dank durfte er in Deutschland dreizehn Jahre alt werden.
In England hätten andere über sein Leben entschieden.
Stell Dir vor, morgen kommt ein vermeintlicher Experte und sagt, Dein Kind ist zu krank, um weiterzuleben!
Mein tiefstes Mitgefühl gilt den Eltern von Charlie! Sie hätten eine glückliche Familie sein können, stattdessen wird ein Leben beendet und zwei für immer zerstört!

mariannna
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Beitragvon mariannna » 27.06.2017, 22:24

Yaron-Mama hat geschrieben:Hallo ihr lieben!

Es hätte sicher niemandem geschadet.
Lg Steffi


Hallo Steffi,
woher weißt du das denn so genau (sicher)?

Falls Charlie noch etwas mitbekommt, so wäre es sicher ein großer Stress für ihn, per Langstreckenflug in die USA gebracht zu werden und dort einer experimentellen Therapie unterzogen zu werden, deren Erfolgsaussichten wohl gegen Null tendieren.
Zudem kann ja nicht ausgeschlossen werden, dass der Junge jetzt schon unter Schmerzen leidet, und dieser Zustand dann natürlich verlängert würde.

Ich glaube nicht, daß sich der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte die Entscheidung leicht gemacht hat oder dass man ihm unlautere Motive unterstellen kann.


Die armen Eltern können einem natürlich leid tun! Aber trotzdem sollte das Kindeswohl bei einer solchen Entscheidung an erster Stelle stehen.
Lg,Marianna

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Beitragvon mariannna » 27.06.2017, 22:38

Jakob hat geschrieben:...
Schwierig wird es für mich an dem Punkt, wenn vermeintliche Experten darüber entscheiden, ob ein Leben lebenswert ist.


Naja, jemand muss ja entscheiden, wenn der/die Betroffene sich nicht äußern kann.

Jakob hat geschrieben: In England hätten andere über sein Leben entschieden.


So hart das klingt, aber das liegt in der Natur der Sache, dass andere über einen entscheiden, wenn man nicht selbst über sich entscheiden kann.

In dem einen Fall sind es halt die Eltern, in dem anderen Fall ein Ärzteteam bzw der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte.

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Beitragvon T.Sophie » 28.06.2017, 07:05

Ich mag mir kein Urteil darüber erlauben ob das richtig oder falsch ist...
Allerdings wäre es schon hilfreich, wenn man nicht erst lange hätte suchen müssen worum genau es geht.
Ein Link zu einem Bericht hätte wirklich geholfen.

http://www.spiegel.de/panorama/justiz/g ... 42958.html
Baujahr 1988 / diverese Traumafolgestörungen / Tinitus, Dysplasie im Knie / chronische Magen-Darm-Probleme (subtotale Dickdarmentfernung + Entfernung der Galle)
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Beitragvon Inge » 28.06.2017, 08:15

Egal, ob Charlie Lebensqualität hatte oder hätte erreichen können: es wird immer einen sehr fragwürdiges Gefühl zurückbleiben, wenn Fremde über den Tod eines Menschen entscheiden. Für mich hat das den bitteren Beigeschmack von einer Bewertung eines menschlichen Lebens.

Sie ist anders als die andern, und ihre Sprache geht weit an uns vorbei.
Doch wenn sie lächelt, lächelt sie mit Leichtigkeit dir dein ganzes Herz entzwei.

'Sommerkind' von Wortfront


Viele Grüße
Inge

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Beitragvon Jakob » 28.06.2017, 20:41

Danke Inge! Du bringst auf den Punkt was ich sagen möchte!


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