wer geht andere Wege - Lebensformen außerhalb des Systems?

Unsere Kinder werden älter, verlassen die Schule und auch oft das Elternhaus. Wie sehen die Perspektiven für behinderte Jugendliche und junge Erwachsene aus? Wo können sie arbeiten? Wo finden sie geeignete Wohnformen? Hier können sich Eltern austauschen und informieren!

Moderator: Moderatorengruppe

Benutzeravatar
T.Sophie
REHAkids Urgestein
REHAkids Urgestein
Beiträge: 1676
Registriert: 08.09.2013, 11:38

Beitragvon T.Sophie » 23.04.2017, 08:31

Hallo!

Also zum Thema Arbeitsplatz und Mindestlohn...
Wenn es allein um die Tagesstruktur und Beschäftigung geht, reicht ein Praktikum auf Dauer ja eigentlich auch aus. Und für ein Praktikum gibt es keinen Mindestlohn.
Ich denke aber, das es generell schwer bis unmöglich wird, einen passenden Platz zu finden.

LG T.Sophie
Baujahr 1988 / diverese Traumafolgestörungen / Tinitus, Dysplasie im Knie / chronische Magen-Darm-Probleme (subtotale Dickdarmentfernung + Entfernung der Galle)
SBA mit 60GdB ohne Merkzeichen

ein.ZIG.Artig

Werbung
 
Christiane81
Stamm-User
Stamm-User
Beiträge: 111
Registriert: 27.01.2016, 08:11

Beitragvon Christiane81 » 23.04.2017, 10:00

Moin,

Mir stößt hier die Pflegekraft aus Osteuropa etwas sauer auf. Für 2500Euro, bei Beachtung der Arbeitszeitgesetze und Zahlung (mindestens!) des Mindestlohns wird das bei 24stündiger Betreuung aber verdammt knapp. Und alles andere wäre Ausbeutung, und ist hoffentlich für alle hier vollkommen indiskutabel.
Wie man sämtliche strukturelle/bürokratische Möglichkeiten und ggf. auch Pflichten (Auskünfte z.B) umgeht, gleichzeitig aber alle Rechte in Anspruch nimmt- keine Ahnung.

Auch bei der Lösung mit der Betreuung durch Studenten darf man nicht vergessen, dass deren Studium nicht mal eben nebenbei absolviert wird, die zur Verfügung stehende Zeit wird begrenzt sein. Vor allem kann ich mir auch vorstellen, dass dieses Konzept mit einem häufigen Wechsel der betreuenden Personen verbunden ist.

Ich hoffe, Du findest eine praktikable Lösung!

Viele Grüße
Christiane

HeikeLeo
Stamm-User
Stamm-User
Beiträge: 695
Registriert: 18.05.2015, 19:34
Wohnort: Baden-Württemberg

Beitragvon HeikeLeo » 23.04.2017, 16:21

Liebe Christiane81,

Also eigentlich kann man für osteuropäische Pflegekräfte auch nur 1300€ veranschlagen. Aber wir wollen hier ganz sicher niemanden ausbeuten - deswegen verordnen wir uns lieber von vornherein ausreichend große Denkscheuklappen. Wir wollen auf keinen Fall vom vorgezeichneten institutionalisierten Weg abweichen. Wir beuten nur uns als Eltern aus - und das dürfen wir, denn wir sind es ja selbst. In kleinen Grenzen ist es uns erlaubt Hilfe von außen dazuzubuchen - und um genau diese kleine Hilfe geht es, damit wir als Eltern trotz Ausbeutung überhaupt überleben.

Also: Es sollen keine Betreuungs-/Pflegekräfte ausgebeutet werden, es sollen keine behinderten Menschen ausgebeutet werden, aber der Umfang möglicher Hilfe darf ausgelotet werden. Es kann nicht sein, dass es immer nur um das ganze Paket geht: Einrichtung oder allein klar kommen. Es gibt auch alle möglichen Lösungen dazwischen. Und da gibt es viele kreative Ansätze, die man abwägen muss. Die Faktoren Ausbeutung, Legalität, Bürokratie, Flexibilität und natürlich restverwertbare Arbeitsleistung eines behinderten Menschen (Gesetzesjargon - auch wenn es weh tut) sind allesamt Aspekte, die man beachten muss. Aber man darf auch über osteuropäische Pflegekräfte nachdenken! Man darf auch über Studierende nachdenken! Man kann diese Ansätze ja auch verwerfen. Aber bitte nicht gleich von Anfang an, Ideen ersticken.

Liebe Grüße
Heike

Tania07
Stamm-User
Stamm-User
Beiträge: 106
Registriert: 15.06.2007, 17:18

Beitragvon Tania07 » 23.04.2017, 19:17

Danke, HeikeLeo,

ich glaube, besser kann man es nicht auf den Punkt bringen.

Ich fuer meinen Teil werde einfach mal machen, wahrscheinlich ist es sogar besser, darueber gar nicht gross zu reden, wenn man, wie eine userin schrieb, es ”freestyle" regelt. Bisschen Zeit zur konkreten Ausarbeitung ist ja noch, bis er 18 Jahre alt ist.
lg tania07

Josephine_M
Stamm-User
Stamm-User
Beiträge: 109
Registriert: 16.09.2014, 06:39

Beitragvon Josephine_M » 23.04.2017, 19:46

Grundsätzlich ist es , eine gewisse Kreativität vorausgesetzt, möglich auch (geistig) behinderte Menschen ganz normal zu beschäftigen.
An meinem früheren Arbeitsplatz hat eine geistig behinderte Kollegin erfolgreich einen Arbeitsplatz auf Lebenszeit (nach Tariflohn bezahlt) gefunden.
Der Weg dahin war allerdings nicht einfach.
Mein Mann hat zwei gewerbliche Mitarbeiter mit Behinderung , die zu ganz "normalen" Bedingungen bei ihm angestellt sind. Weil sie das Team freundlich, fleißig und fröhlich ergänzen schließen die Kollegen kleine "Leistungslücken " gerne.
Jemand, der gerne "einfache" Tätigkeiten ausführt kann ein großer Gewinn für einen Arbeitgeber sein und es gibt keinen Grund, ihn nicht auch "normal" anzustellen und zu bezahlen.
Jetzt komme ich leider zu dem Punkt, an dem ich mich bei manchen leider unbeliebt machen werde:
Zwingend erforderlich sind m. E. Anpassungswille, eine gewisse Ausdauer und die Bereitschaft, Anweisungen umzusetzen.
Diese Fähigkeiten könnte man bei vielen Menschen mit Behinderung sicher frühzeitig trainieren.
Inwiefern sich das Training der "Industrietugenden" jedoch mit der Erziehung zur Eigenständigkeit und Selbstbestimmung vereinbaren lässt muss sicher im Einzelfall abgewogen werden. Eine gesunde Mischung wird sich nicht bei jedem ergeben. Ich finde es nicht richtig, Selbstbestimmung und individuelle Entwicklung der "Industrietauglichkeit" zu opfern.
Kurz und knapp gesagt: Ich bin nicht nur für Inklusion am Arbeitsplatz, wir leben sie auch. Ob der 1. Arbeitsmarkt jedoch wirklich mehr Glück für den Einzelnen bedeutet sollte gut überlegt werden.

mariannna
Stamm-User
Stamm-User
Beiträge: 255
Registriert: 07.02.2015, 16:06
Wohnort: werl

Beitragvon mariannna » 24.04.2017, 01:42

Hallo,

also mal kurz überschlagen, bei 2500€ Lohn (brutto oder netto?) und einer 24 Std Betreuung bzw -bereitschaft verdient die "Osteuropäerin" ganze 3,42€ (brutto/netto?) pro Stunde. (2500€/Monat:30,5 Tage/Monat:24Std/Tag).......natürlich hat sie keinen Urlaub, wird niemals krank oder gar schwanger oder macht eine Kur etc. Und natürlich kann sie auch 24Std durcharbeiten....wozu braucht man schon festgelegte Pausen oder andere Arbeitszeitgesetze?

Also realistisch sieht die Rechnung so aus, wenn 24Std /Tag abgedeckt sein müssen:

24Std/Tag x 30,5 Tage/Monat = 732 Std pro Monat, die abgedeckt werden müssen.
Verteilt man die 732 Std auf reine Vollzeitkräfte,die jeweils 160 Std pro Monat arbeiten ergibt sich ein Bedarf von
732 Std/Monat : 160 Std/Monat= 4,6 (vollzeitbeschäftigte) Arbeitnehmer.
Da ist dann allerdings noch kein Urlaub, Kranktage oder gar Schwangerschaftsausfälle o.ä. eingerechnet. Also wird man schon 5-6 Vollzeitkräfte oder entsprechend noch mehr Teilzeitkräfte benötigen.

Aber klar , wenn man sämtliche Mindestlohn - und Arbeitnehmerschutzgesetze missachtet und lange genug sucht, findet man bestimmt eine Polin/Rumänin/Bulgarin....die verzweifelt genug ist, zu diesem Stundenlohn und diesen Bedingungen zu arbeiten.

Gruß
Mariannna
P.S. Das hat übrigens wenig mit "Denkscheuklappen" zu tun (cooles Wort übrigens), sondern mehr damit, dass ich Osteuropäer auch für Menschen halte. ;-)

Regina-Monika
Neumitglied
Neumitglied
Beiträge: 1
Registriert: 08.06.2017, 22:55
Wohnort: Sehnde

Wir sind andere Wege gegangen

Beitragvon Regina-Monika » 09.06.2017, 09:45

Ich konnte mir 18 Jahre lamg nicht vorstellen Niklas in eime stationäre Einrichtung zu geben. Also haben wir den Sprung ins tiefe, kalte Wasser gewagt. Ich habe 2 Doppelhäuser gekauft umd darais 1 großes Haus gemacht. Imgebaut, Eltern gesucht, die ebenfalls ihr Kind nicht stationär unterbringen wollten. Nun leben 8 junge Menschen zusammen, die 24 Stunden ambulant betreut werden. Ich habe ganz normale Mietverträge, mit jedem WG-ler abgeschlossen. Alle Kids bekommen Grundsicherung und profitieren von dem Konzept. In der Nacht sind immer 2 Betreuer umd tags 4 Betreuer anwesend. Es können so viele Unternehmungen stattfinden und, das allerwichtigste, es kann individuell geschaut werden. LG Regina

Rita2
REHAkids Urgestein
REHAkids Urgestein
Beiträge: 2677
Registriert: 30.09.2004, 09:07
Wohnort: Region Heidelberg-Mannheim

Beitragvon Rita2 » 09.06.2017, 10:15

Hallo Regina,

herzlich willkommen hier im Forum.

Toll, das ihr eine Lösung die für euch und noch für 7 andere junge Menschen passt, gefunden habt.

Aber ich frage mich, wie ihr diese Lösung finanziert? Denn nur aus der Grundsicherung kann ich nicht diese Menge an Betreuern finanzieren.
Kannst du bitte schildern wie ihr das macht. Wenn du das nicht öffentlich machen möchtest, dann gerne auch als PN, oder ich kann dir auch per PN meine Emaildaresse zukommen lassen.

Wir sind gerade dabei mit anderen Eltern etwas ähnliches zu machen und haben noch viele Fragen, ungeklärte Punkte und würden uns sehr über Erfahrungsberichte freuen.

Viele Grüße
Rita
Rita mit Sohn *Dezember 1995, ohne Diagnose,
cerebrale Koordinations- und Tonusregulationsstörung mit Zehenspitzengang, kognitive und sprachliche Entwicklungsstörung, süßer Bengel

monika61
REHAkids Urgestein
REHAkids Urgestein
Beiträge: 3602
Registriert: 09.06.2011, 16:17

Beitragvon monika61 » 09.06.2017, 12:08

Rita2 hat geschrieben:Toll, das ihr eine Lösung die für euch und noch für 7 andere junge Menschen passt, gefunden habt.

Aber ich frage mich, wie ihr diese Lösung finanziert? Denn nur aus der Grundsicherung kann ich nicht diese Menge an Betreuern finanzieren.
Kannst du bitte schildern wie ihr das macht.


Hallo Regina,

das würde mich auch interessieren. :wink:
Das hört sich so einfach an aber so einfach bekommt man eine
bedarfsdeckende Betreuung hier vor Ort nicht finanziert. :?

Hier hat sich ein Elternverein gegründet:

..."Wer sind wir?
Die IG Inklusives Wohnen entstand im Juli 2012 als Zusammenschluss von
Eltern im Raum Aschaffenburg und Miltenberg. Diese Familien haben sich
zum Ziel gesetzt, für ihre behinderten Töchter und Söhne familiäre, ambulant betreute Wohngemeinschaften aufzubauen."....
http://ig-inklusives-wohnen.de/ig/

Die sehr engagierte Sprecherin der
Interessengemeinschaft Inklusives Wohnen
(viele kennen sie sicher :wink: )
schreibt hier:
---------------------------------------------------------------------------------

..."Von Inge Rosenberger Montag, 3. Oktober 2016 12:26

Zitat Gisela Maubach:
"Mein eigenes Leben empfinde ich nicht mehr als lebenswert,
da es nur aus Kampf und Bürokratie besteht.
Eine Bundesrepublik, die mich dafür ehrt, dass ich ständig gegen
sie selbst kämpfen muss, damit wenigstens mein Sohn ein
lebenswertes Leben führen kann, kann ich nur als scheinheilig empfinden."

Diesem Zitat kann und muss ich mich (abgesehen davon, dass ich eine Tochter habe) vollumfänglich anschließen.

Bei unserer Tochter ist zwar die über die Tagesförderstätte angebotene Tagesstruktur der Lebenshilfe absolut
zufriedenstellend - wir möchten nicht darauf verzichten. Allerdings kämpfe ich seit März 2014 darum,
dass meine Tochter in eine (noch nicht existente) ambulant betreute WG ausziehen kann. Es gibt bürokratische
Hürden, nicht zu bewältigende Anforderungen an uns Eltern und schwammige Zusagen - die logischerweise nicht
eingehalten wurden - statt einer hilfreichen Unterstützung von Seiten der Verantwortlichen. Briefe mit der Bitte
um Unterstützung, die an die zuständigen Behinderten- und Inklusionsbeauftragten im Bereich des Kostenträgers
geschrieben wurden, blieben unbeantwortet - es gab nicht mal eine Art von Empfangsbestätigung!
So viel zur Wertschätzung von uns Eltern...

http://www.kobinet-nachrichten.org/de/1 ... 5?rss=true
-----------------------------------------------------------------------------------

LG
Monika

Werbung
 
ulrikez
Stamm-User
Stamm-User
Beiträge: 366
Registriert: 06.11.2008, 11:25
Wohnort: Elmshorn

Beitragvon ulrikez » 22.06.2017, 15:48

Spanendes Thema
Ich weiß das auf unserem Friedhof einge Lernbehindete Vollzeit arbeiten. Mein Neffe ( Lernbehindert) arbeitet in einem Kaffee und lebt alleine.

http://www.selbstbestimmtes-wohnen-elms ... /ueber-uns
Eine Freundin von mir wohnt da. Allerdings hatte sie plötzlich eine ältere Dame , die vollkommen über sie bestimmen wollte. Also alles garnicht so einfach..
Einige junge Erwachsene haben starke Probeme sich von zuhause zulösen.


Zurück zu „Erwachsen werden: Leben, Arbeit, Wohnen“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 0 Gäste