wer geht andere Wege - Lebensformen außerhalb des Systems?

Unsere Kinder werden älter, verlassen die Schule und auch oft das Elternhaus. Wie sehen die Perspektiven für behinderte Jugendliche und junge Erwachsene aus? Wo können sie arbeiten? Wo finden sie geeignete Wohnformen? Hier können sich Eltern austauschen und informieren!

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Tania07
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Beitragvon Tania07 » 18.04.2017, 23:03

danke, rita!

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osljudith
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Beitragvon osljudith » 19.04.2017, 09:43

Hallo,
Ich kann berichten, dass ich vor langer langer Zeit, zu Anfang meiner Arbeit als Erzieherin, mal eine Jahrespraktikantin im Kindergarten begleitet habe, die eine sog. geistige Behinderung hatte. Ich erinnere mich nur unscharf, damals hatte ich auch noch gar keine Ahnung vom ganzen System...
Die Eltern kamen auf uns zu: ihre Tochter sei mit der Förderschule fertig und sie suchten eine alternative Beschäftigungsform für sie jenseits der Werkstatt. Finanziell war sie abgesichert (Grundsicherung?), es ging den Eltern "nur" um Tagesstrukturierung bzw eine sinnerfüllende Tätigkeit. Diese fand sie dann bei uns und begleitete den Alltag in der Kita.
Wir hatten alle keine Ahnung und haben sie einfach als Menschen angenommen und einbezogen. Sie übernahm unter Anleitung Hilfstätigkeiten (Gruppenraum vor- und nachbereiten, Geburtstagsgeschenke einpacken, bei Spaziergängen wuselige Kinder an die Hand nehmen, trösten, Mittagessen vor/nachbereiten,...) spielte mit den Kindern und wenn ich micht recht erinnerte, las sie z. B. auch vor.
Wir als Kita hatten keinerlei finanzielle Mittel, aber das war ihren Eltern auch nicht wichtig. Die Teilhabe hingegen konnten wir bieten :-)
Wie es mit ihr weiter ging weiß ich nicht da ich dann selber die Stelle gewechselt habe und ihre Tätigkeit bei uns auch auf ein Jahr ausgelegt war. Was ich sagen kann: es erforderte eine Menge Entgegenkommen vom Träger der Kita und von allen Mitarbeitern. Es war nicht immer einfach (wir waren einfach unerfahren und es fehlten uns manchmal die Ideen Schwierigkeiten "richtig" anzugehen), aber insgesamt eine tolle Bereicherung für alle!
Wenn Ihr einen solchen Arbeitgeber findet ist das super, ich vermute jedoch, dass dieser als Mindestvoraussetzung eine sehr soziale Ader haben wird ;-)
Viel Erfolg!
Anne
Judith *09/07, Dupl. Xq27.3, Monos. 3p. Sitzt, robbt und versteht viel, kommuniziert nonverbal. Ein ausgeglichenes Kind.
Schlafbez. Hypoventilationssyndrom -> CPAP, PHT, verschlossener ASD2, neurog. Blasenentleerungsst., Z. n. ARDS, Port, Sonde für Medikamente. Sehr infektanfällig

mehr von uns: www.dasbewegteleben.wordpress.com

HeikeLeo
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Beitragvon HeikeLeo » 19.04.2017, 11:20

Hallo Tania,

Also wir leben das Prinzip Wohnen für Hilfe schon: Für ein Quadratmeter Wohnfläche kann man ungefähr eine Stunde Arbeit pro Monat rechnen - pi mal Daumen. Wir wohnen quasi in Stuttgart, da könnten wir vielleicht auch mehr Arbeit einfordern, aber erstens will ich niemanden ausbeuten und zweitens kommen wir damit jetzt hin. Außerdem können unsere Leute (eben auch SchülerInnen in Berufsausbildung) über zusätzliche Betreuungsleistungen, Verhinderungspflege noch etwas dazuverdienen. Sie haben jeweils einen Vertrag mit der Lebenshilfe und sind für niedrigschwellige Entlastungsleistungen dafür angestellt - das sind die zusätzlichen Betreuungsleistungen. Diese versuche ich immer als erstes zu verbrauchen, weil sie durch den bürokratischen Überbau am wenigsten attraktiv sind.
Unser Sohn ist leider nachtaktiv - damit fallen alle Einrichtungen gleich von Anfang an weg. Das war zu Schulzeiten auch schon so - steht im Zeugnis. Das heißt das Beschäftigungsprogramm bleibt so oder so bei uns.

Ich stelle mir immer vor, dass meiner entweder einen Verlag hat/gründet oder aber an Aussichtspunkten Postkartenstände bestückt. Ich habe auch schon über Stadtführungsapps nachgedacht. Die Stadtführungen müssten auf irgendwasfür Medien vorgesprochen sein (er kann nicht sprechen) und er würde den Weg führen. Er kennt sich gut aus. Aber ob er tut, was er soll, ist eine andere Frage. In jedem Fall kommt man da nicht an den Mindestlohn heran - was aber als Selbständiger auch nicht gefragt ist. Wenn er unbedingt angestellt werden soll, dann könnte man über verschiedene Praktika auch den Mindestlohn umgehen - macht die Lebenshilfe zum Teil auch. Für Einzelbetreuung zahlen sie unseren Leuten 9€ die Stunden (kostet 16€ die Stunde), für Gruppenbetreuungen bekommen sie aber zum Teil nur 6,50€. Und wenn ich es richtig verstehe, willst Du, wie auch wir, genau so etwas nicht.
Wir brauchen in jedem Fall eine Betreuung, die sich an unseren Sohn anpasst, denn er wird sich an eine Betreuungseinrichtung nicht anpassen. Er braucht es sehr reizarm, was nicht heißt, dass er keinen Lärm macht. Wir sind seit knapp vier Jahren aus der Schule raus mit ihm und leben seither Freestyle. Es funktioniert erheblich besser als vorher. Trotzdem werden wir am Normsystem gemessen. Das muss ich dringend ändern. Auch wenn Schulen es versucht haben. Man kann ihn nicht einfach umschnitzen. Stattdessen braucht er einen selbstgebackenen Job.

Liebe Grüße
Heike

Tania07
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Beitragvon Tania07 » 19.04.2017, 12:48

Hallo Heike,

hochinteressant, was Du da schreibst, das geht genau in die Richtung. Meiner spricht auch nicht, arbeitet auch nicht selbstaendig. Was man aber tatsaechlich arbeitstechnisch verwerten koennte ist, dass er super Schraenke, Kommoden tragen kann. Oder Unkraut sogar ganz akribisch aus der Einfahrt entfernt. Dann vielleicht tatsaechlich jemanden mit einer sozialen Ader finden, wie die Vorschreiberin postete und es so machen, wie Du es beschrieben hast.

Leider kann ich selber keinen Job backen. Positives Beispiel: der auch nicht sprechende und sichtbar behinderte Bruder bei unserem Italiener hat dort oefter das Geschirr abgeraeumt.

Ich finde, das ist sogar imagefoerdernd fuer einen Betrieb.

Ein wenig hoffe ich, dass es vielleicht doch auch en vogue werden koennte, einen Behinderten mitarbeiten zu lassen. Wenn es tatsaechlich als Anreiz eine Praemie geben wuerde.

kar_lotta
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Beitragvon kar_lotta » 19.04.2017, 13:17

Hallo Tania07,

hier ist eine Stellenbörse, deren Ziel es ist, Menschen mit Behinderung Stellen im ersten Arbeismarkt zu vermitteln: https://www.capjob.de/

Herzliche Grüße
kar_lotta
kar_lotta mit Tochter (*10/2012),
körperlich und geistig behindert.
Symptome: hypoton, hypertropher Corpus Callosum. Keine Diagnose
Sohn (*11/2018)

KatjaMausB
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Beitragvon KatjaMausB » 19.04.2017, 13:34

Hallo Tania,

was mir gerade einfällt: Es gibt ja auch die Möglichkeit des persönlichen Budgets und jetzt ganz neu das Budget für Arbeit (Bundesteilhabegesetz).

Vielleicht wäre auch ambulant betreutes Wohnen etwas für deinen Sohn - eventuell auch erst später. Dann kann er alleine in einer Wohnung leben und wird stundenweise nach Bedarf betreut.

Liebe Grüße
Katja

Tania07
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Beitragvon Tania07 » 19.04.2017, 14:37

Danke Katja, dazu ist er leider zu pflegebeduerftig und nicht in der Lage.

Das ist ja das Hauptargument fuer eine vollstationaere Unterbringung: Die absolute Verlaesslichkeit, die Moeglichkeit, Dein Kind 365 Tage dort lassen zu koennen.

Da es wahrscheinlich menschlich und erwartbar ist, dass Eltern es irgendwann aufgeben, andere Wege zu suchen, weil es zu kompliziert, unsicher, zu teuer ist, warten Sachbearbeiterinnen und Heimleiter bereits mit offenen Armen. Nach dem Motto "Jetzt ist alles aus einem Guss", "Jetzt ist alles unter Dach und Fach" "Sie werden sehen, wenn man es erstmal hinter sich hat" "Sie glauben ja gar nicht, wieviel Eltern den Absprung nicht kriegen "(alles O-Toene)

Das suggeriert tatsaechlich, dass Eltern, die diese Karriere nicht automatisch fuer ihr Kind auf dem Zettel haben, irgendwas nicht wahrhaben wollen, klammern und nicht loslassen koennen. Ich hab nie ein Problem mit guten Foerderschulen gehabt - aber dieses automatische davon ausgehen, dass im Heim leben und in der Tafoe oder Werkstatt arbeiten total normal sein soll...

Was wuerden die Leute wohl sagen, wenn man alle Menschen, die das 60.Lebensjahr in Deutschland erreicht haetten, automatisch ins Heim geben wuerde?Glaube nicht dass es fuer die Leute so okay waere....aber das ist ja nicht die Diskussion, es ging ja um konkrete Tipps. Vielen Dank fuer alle Anregungen also.

HeikeLeo
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Beitragvon HeikeLeo » 19.04.2017, 16:50

Hallo Tania,

Mir fällt auch gerade ein - man kann auch auch über eine kleine Teilzeitstelle nachdenken. Meiner schafft keine 20 Stunden pro Woche - das ging noch nicht einmal mit der Schule. Ich denke bei uns wäre das Maximum 10 Stunden in der Woche, aber allerhöchstens, eher weniger. Ich habe mal darüber nachgedacht, dass meiner als Nachtwächter Gebäude abschreiten könnte. Eigentlich sollen doch Gebäudeüberwacher zu zweit sein. Das wäre wahrscheinlich was für ihn.

Wir haben immer ein wenig Baustelle. Unserer trägt leider keine Eimer mit Steinen durch die Gegend. Möbel verstellt er nur nach seinem eigenen Gutdünken. Aber an sich ist das doch durchaus gut verwertbare Arbeitsleistung, ebenso wie das Unkraut jäten. Lass ihn doch eine Gewerbe anmelden als Unkrautjäter in Hauseinfahrten und stell es bei ebay Kleinanzeigen rein. Und schon ist ein Job fertig gebacken.

Liebe Grüße
Heike

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Beitragvon Engrid » 19.04.2017, 19:01

Hallo,

man muss aber schon aufpassen, dass man nicht ins andere Extrem fällt, auf der "Flucht" vor der WfMB: dass niemand ausgebeutet wird, dass Arbeitsschutz da ist, dass jemand, der vielleicht sehr naiv und leichtgläubig ist, nicht alleine bei fremden Auftraggebern arbeiten muss ...
Nachtwächter zb, das ist kein ganz ungefährlicher Job, man muss Situationen gut einschätzen können, kühlen Kopf bewahren, Langeweile aushalten ...

Ich wünsche mir selber im Idealfall einen maßgeschneiderten Job für Junior, später. Aber man muss da ohne Romantik, ganz nüchtern rangehen, denke ich.

Ich komme aus einem bäuerlichen Umfeld. Die gnadenlose Ausbeutung von behinderten Menschen auf dem Feld und auf dem Hof war da früher gang und gäbe, physische Gewalt nicht selten inklusive ...

Grüße
Engrid
mit Sohn vom anderen Stern (frühkindlich autistisch)
"Wir sehen die Dinge nicht wie sie sind, wir sehen sie wie wir sind." (Anais Nin)

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Beitragvon Sia » 19.04.2017, 19:55

... mh, sehr interessant ... bei uns gibt es praktisch nur "andere Wege" nach der "Schule" bzw. "Sonderschule". Es gibt nur ganz wenige Heimplätze ab 18 Jahre und für schwer mehrfachbehinderte Menschen, die überhaupt keine Selbständigkeit erlangen bzw. sogar pflegebedürftig sind, gibt es auch keine "Arbeitsplätze".
Für mich ist eigentlich klar, dass mein Sohn - sollte er das 18. Lebensjahr erreichen - zu Hause betreut wird. Er müsste schon ganz viel Glück haben, dass er einen Heimplatz bekäme - aber den streben wir auch nicht an.
Eine schöne Zeit wünscht
Sia (aus der Schweiz :wink:)
Stell' dich täglich dem Wind, dann trotzt du dem Sturm. Geh' lachend durch den Regen und du überwindest die Flut
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