wer geht andere Wege - Lebensformen außerhalb des Systems?

Unsere Kinder werden älter, verlassen die Schule und auch oft das Elternhaus. Wie sehen die Perspektiven für behinderte Jugendliche und junge Erwachsene aus? Wo können sie arbeiten? Wo finden sie geeignete Wohnformen? Hier können sich Eltern austauschen und informieren!

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Engrid
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Beitragvon Engrid » 18.04.2017, 12:08

Achja, wegen der Stiftung, das sogenannte "Behindertentestament" (geht wohl auch schon zu Lebzeiten des Erblassers): das muss hieb- und stichfest fachkundig gemacht werden, damit es im Zweifelsfall vor Gericht besteht, also erfahrener Fachanwalt. Da kann das Kind aber natürlich nur die Zinsen "verzehren", wird also ein überschaubarer Betrag bei den meisten bleiben.
http://www.hoffmann-gress.com/skripten/ ... t_2013.pdf

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Tania07
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Beitragvon Tania07 » 18.04.2017, 12:36

Hallo Rita,
so ist es gemeint: Geld und Unterstuetzung von der Pflegekasse ja. Den ganzen von Dir genannten Rest moechten wir uns zukuenftig sehr gern schenken. Die Aemter arbeiten ohnehin Hand in Hand mit Heimen, hinterfragt wird da hoechstens, ob du als Mutter noch ganz dicht bist, weil Du Behindertenunterbringungen oder - im Sozialjargon liebevoller ausgedrueckt -"Wohngruppen” alles andere als normal findest.

Ich bin schon der Ueberzeugung, dass Wohnen in Grosstaedten immer teurer wird, so dass Wohnen gegen Pflege vielleicht doch temporaer ein paar Semester lang ein Tauschgeschaeft fuer junge Leute waere.

Ich habe schon das Gefuehl, dass die vielen jungen Menschen, die mit meinem Sohn in der Schule und Freizeit zu tun haben, da deutlich positiver und entspannter mit dem ganzen Thema Behinderungen umgehen als die, welche damit jetzt so richtig durchstarten: Die jetzt das ganz grosse Geschaeft mit 24 Stunden Pflegeagenturen machen. Oder grosse Wohlfahrtorganisationen, die das meiste Geld in gute PR oder in ihr Verwaltungspersonal stecken. Achtung, spreche hier nur fuer mich mit meiner Erfahrung.

Zum Job hier meine naive Vorstellung: Sohn wird direkt sozialversicherungspflichtig angestellt, z.B. bei einer Baumschule, Landschaftsgaertner fuer ein Mini–Gehalt, er macht da halt irgendwas ausser Konkurrenz nach seinen Moeglichkeiten und das war es. Dazu muss ich nicht erst x ueberfluessige Sozialpaedagogen dazwischen schalten oder problemorientierte Erzieher oder burnoutgefaehrdete Betreuer, die mit sich selber schon genug zu tun haben. Achtung, ich spreche hier nur fuer mich, sicher liegen die Dinge fuer nicht nur stark geistig sondern auch koerperlich beeintraechtigte Kinder anders...

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Engrid
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Beitragvon Engrid » 18.04.2017, 14:03

Hall Tania,

Pflegegeld PG3 545€ x 12, 125€ x 12, plus 2400€ VP, also monatlich 870€, das reicht da aber nirgendwo hin.

Minijob am ersten Arbeitsmarkt: Wir haben Mindestlohn in Deutschland, Deine Rechnung hat also einen Haken, wenn keine ausreichende Produktivität erreicht wird.

Wenn man nicht steinreich ist, wird es ohne Eingliederungshilfe nicht gehen. Dafür wurde sie ja geschaffen, und ist das gute Recht des behinderten Menschen - die Hürden, sie durchzusetzen wie eine andere Geschichte.

Viele Vereine vor Ort leisten gute Arbeit, grade Selbsthilfeinitiativen, würde ich also nicht pauschal ablehnen. Alles komplett selber zu organisieren, rechtssicher, und fair für alle Beteiligten - eine ganz schöne Bienchenaufgabe :shock:

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Beitragvon Sabine » 18.04.2017, 14:22

Hallo Tanja,

habe gerade dein letztes Posting gelesen. Und, ja, ich denke schon, dass das dann für euch möglich wäre. Ich kenne einige behinderte Menschen, die es in den 1. Arbeitsmarkt geschafft haben, zum Beispiel als Gärtner arbeiten und ein kleines Gehalt beziehen. Mir sind auch Studenten bekannt, die für "kleines Geld" bei leicht geistig behinderten Menschen nach dem Rechten gucken, mit ihnen gemeinsam einkaufen gehen etc.
Ich hatte gedacht, du meinst junge Menschen mit schwersten geistigen und körperlichen Beeinträchtigungen, die noch nicht mal alleine etwas greifen können und eine Rund-um-die-Uhr Betreuung und -Pflege brauchen. Für so eine 24-Stunden-Betreuung, verbunden mit aufwändiger Pflege (Waschen, wickeln und füttern, Nachtwache) werden sich Studenten gegen mietfreies Wohnen nämlich kaum gewinnen lassen. Zudem müssen die ja auch zur Uni gehen, ihren Lebensunterhalt verdienen, sich auf Klausuren vorbereiten etc. Viele Studiengänge sind inzwischen so verschult, dass eine Nebentätigkeit kaum noch während des Semesters möglich ist, geschweige denn die aufwändige Pflege eines mehrfach behinderten Menschen.

LG
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Beitragvon Tania07 » 18.04.2017, 15:36

@Engrid, danke, sehr trocken und realistisch vorgerechnet.
Eingliederungshilfe wird sehr gern und in astronomischer Hoehe gezahlt, wenn es denn auf der Liste der von den zustaendigen Sozialpaedagoginnen fuer gut befundenen Liste der Traeger steht. Dies sind zumeist die "ueblichen Verdaechtigen" (Heime)

Habe noch nie gehoert, dass jemand Eingliederungshilfe fuer eine 24-Stunden-Kraft beispielsweise aus Osteuropa, bekommen hat, die im Haus der Eltern wohnt.
Ich wuerde das sofort beantragen, waere fuer mich eine echte Loesung des Problems. Kostet auch nur 2500 Euro im Monat statt ein Heimplatz, fuer den die Eingliederungshilfe waehrend unserer unschoenen Heimepisode 5400 Euro pro Monat hingeblaettert hat. Ich frage mich heute noch, wo eigentlich das ganze Geld gelandet ist....aber das ist ein anderes Thema.
Ich musste das System erstmal verstehen, wenn man es versteht, wird einem klar, wie irre das alles ist.....nach dem Motto "Wenn du unser Geld willst, dann sei auch zufrieden mit dem, was du kriegst." Und genau ab diesem Punkt bist Du nur noch ein nerviger Angehoeriger, dein Kind mutiert zum "Bewohner", Klappe zu, Deckel drauf und wieder ist ein Fall auf Jahre "eingetuetet".

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Beitragvon Engrid » 18.04.2017, 18:35

Brauchst Du denn eine 24h-Kraft? Das dürfte in der Tat schwierig werden, so wie Barbara das gelöst hat (s.o.) erscheint mir erstmal realistischer. Als Nahziel.
Wenn es eine Vollzeit-Betreuung braucht, dann versteh ich das mit der Anstellung als Minijobber auf dem Ersten Arbeitsmarkt nicht. Freizeit voll betreut, Arbeitszeit ohne??

Das Beispiel von Barbara zeigt doch, dass es mit Eingliederungshilfe geht.

Deutschland ist ein durchorganisiertes, also bürokratisches Land, mit allen Vor- und Nachteilen. Das gilt nicht nur für Menschen mit Behinderung. Da gibt es kein Entrinnen. :-P Mit oder ohne Behinderung. Mit oder ohne Eingliederungshilfe :drunken_smilie:
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Beitragvon Tania07 » 18.04.2017, 19:25

@Engrid, mir ist die humorige Sichtweise leider tatsaechlich vergangen, mit aller Macht moechte ich wirklich dem ganzen entrinnen. Gern wird ein Heimaufenthalt heruntergespielt, argumentiert, die Leute seien doch unter "ihresgleichen", Muetter haetten doch generell ein Problem mit dem Loslassen, " Lieber jetzt als spaeter", "Wollen Sie denn spaeter auch noch mit Ihrem erwachsenen Sohn durch die Gegend laufen?" "Sie sind doch auch nicht mehr die Juengste"All dies sind immer wieder gern genommene Argumente, die selbst die tougheste Mutter verunsichern.

Nun wird es doch ideologisch, ich hoere mal lieber auf und sollte mich mal mit einem Juristen zusammen setzen, vielen Dank allen fuer Eure Denkanstoesse! Liebe Gruesse

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Beitragvon Susanna.E. » 18.04.2017, 21:26

Hallo Tania,
in der letzten 37-Grad-Sendung wurde Wohnen gegen Hilfe dargestellt. https://www.zdf.de/dokumentation/37-gra ... e-100.html
Ein Beispiel zeigte einen körperbehinderten Mann und die bei ihm wohnende Studentin. Das funktionierte, aber nur aufgrund des immensen Engagements der Studentin, eine Nachfolge fand sich kaum und pflegen durfte die Studentin nicht. Das schließen m.W. alle Programme aus.
Und eine Anstellung bei einem Landschaftsgärtner gegen einen Mini-Lohn ist eine schöne Idee, aber in Zeiten des Mindestlohns zumindest derzeit m.W. illegal.
Die Haushaltshilfen aus Osteuropa arbeiten häufig am Rande der Illegalität. Eine 24-Stundenkraft für 2500 Euro - wie soll das denn gehen? Auch hier hat Mindestlohn zu gelten, Du kannst ja nicht andere ausbeuten. Geduldet wird das derzeit von den Behörden, ist aber häufig ein sehr fragwürdiges Modell. Auch diese Menschen dürfen im Regelfall nicht pflegen, sie sind Haushaltshilfen (zumindest für diesen Preis).
Ich kann gut verstehen, dass Du für deinen Sohn nach Alternativen suchst. Es gibt so etwas tatsächlich. Bekannte von Freunden haben für ihre Tochter u.a. http://www.stadthaushotel.com/Geschichte/idee_weg.php gegründet, also einen Arbeitsplatz über einen selbstverwalteten Verein gegründet, dem auch ein Wohnplatz angegliedert wurde. Mittlerweile hat aber auch hier ein größerer Verein die Steuerung übernommen, weil es eine unglaubliche Arbeit ist, die ganzen Förderungen und Richtlinien zusammenzubringen.
Ich wünsche Dir gutes Gelingen, aber es ist echt ein schwerer Weg.
Susanna

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Beitragvon Erica » 18.04.2017, 22:14

Hallo Tania,

Mir würde höchstens noch einfallen, dass es in einem Familienbetrieb eher gehen könnte.
Also dass Du/Ihr euch selbständig macht und euer Sohn im Betrieb mitarbeitet.
Ich weiß aber nicht, was ihr beruflich macht und ob das für euch eine Möglichkeit wäre.

Es gibt auch Wohnprojekte/Höfe, die ein eigenes Konzept für Miteinander-Leben-und Arbeiten haben.

LG
Erica
Mama von Lena (18 Jahre), Frühchen, occipitale Partialepilepsie/ Panayiotopoulos-Syndrom, Herzrhythmusstörungen, Z.n. Schädelbasisfraktur/ SHT/subduralem Hämatom/ Hämatotympanon im April 2006, räuml.-konstruktive Wahrnehmungsstörung, Gesichtsfelddefekte, etc

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Rita2
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Beitragvon Rita2 » 18.04.2017, 22:44

Hallo Tania,

hier die versprochenen Links zu Wohnprojekten:
http://www.iglu.gemeinsamleben-rheinlandpfalz.de/
http://www.elterninitiative-rhein-necka ... richte.htm

http://www.heidelberg.de/hd,Lde/HD/serv ... lberg.html

http://www.inklusion-duichwir.de/wohnen/

Aber alle diese Projekte werden neben den Pflegeleistungen auch über die Eingliederungshilfe finanziert.

LG
Rita
Rita mit Sohn *Dezember 1995, ohne Diagnose,
cerebrale Koordinations- und Tonusregulationsstörung mit Zehenspitzengang, kognitive und sprachliche Entwicklungsstörung, süßer Bengel


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