Konsequenz? Wenn ja, was?

Hier könnt ihr euch rund ums Thema Autismus austauschen.

Moderator: Moderatorengruppe

Dorit1979
Mitglied
Mitglied
Beiträge: 60
Registriert: 17.10.2016, 08:34

Konsequenz? Wenn ja, was?

Beitrag von Dorit1979 »

Ich muß mir mal aus aktuellem Anlaß Luft machen. Jonathans "Wutanfälle" und sein "oppositionelles Verhalten" werden zunehmend schlimmer. Gut, Ferienzeit ist sowieso speziell, aber irgendwo muß doch mal Schluß sein.

Eigentlich war für heute ein Besuch in der Skihalle geplant mit Jonathan, Leopold, Oma und Papa. (Geschenk von Oma an die Kinder, Anfahrt ca. 1 Std.)
Leopold hat sich heute Nacht 3x erbrochen, vormittags auch nochmal, Stuhlgang war auch kurz vor Durchfall.
Damit war klar, Skihalle muß verschoben werden.
Jonathan hat es mäßig aufgenommen, der Tag ist weitestgehend ruhig und friedlich zu Hause verlaufen.
Die Kinder haben mit Oma aus Papier eine Stadt gebastelt. Straßen aufgemalt, Häuser und Bäume ausgeschnitten und hingestellt, mit Siku Autos dazu gespielt.
Zur Bettgehzeit hat Oma sich heute um Jonathan gekümmert (ist noch bis Freitag zu Besuch), ich habe Leopold übernommen, mein Mann ist zur Feuerwehr.

Leopold hat sich zügig umgezogen mit helfen; Zähneputzen auch problemlos.
Dann sind wir ins Wohnzimmer gegangen und haben gewartet, daß Jonathan kommt, damit wir den abendlichen Film gucken konnten.
Der hat noch eine Klositzung gehalten und sich anschließend geweigert, einen Schlafanzug anzuziehen und Zähne zu putzen.
Oma hat dann gebeten, daß ich übernehme, weil ich ihn besser händeln kann.
Jonathan fing dann an zu diskutieren, er wolle erst nach dem Film Zävne putzen.
Hätte er dann aber nicht gemacht, hatten wir schon.
Ich einfach nur wiederholt: Jonathan, zieh Deinen Schlafanzug an, putz Deine Zähne. Leopold wartet. In 5min darf Oma den Film anmachen.
Daraufhin hat Jonathan das Toben angefangen und begonnen, die Stadt zu zerstören, angefangen mit Häusern, die Leopold gebaut hat.
Ich habe ihn dann dort weggezogen und das Zähneputzen für ihn übernommen.
Dagegen hat er sich dann gesperrt, auf die Zahnbürste gebissen und mir erwartungsgdmäß die Zahnpasta auf die Klamotten gespuckt. Kenn ich schon.

Oma ist nun der Meinung, wir können die Zerstörung von Leopolds Häusern nicht ungestraft lassen. Aber bitte was will man denn da machen?
Ich bin da komplett hilflos.
Neu aufbauen wird er sie nicht und alles andere prallt auch an ihm ab.
Man bekommt ihn da nicht zu greifen.

Und da Jonathan auch nicht der leibliche Enkel ist, ist die Situation sowieso total bescheiden...
Dorit *1979 - subklinisch autistisch (also entweder NT mit Special Effects oder ASS mit hervorragender Anpassung, konnte nicht festgestellt werden)
Jonathan *11/08 - F82.0, F82.1, F84.5, F98.0, F98.1
Leopold *08/10 - Q55.2, es wird beobachtet...

MamaMonika0912
Stamm-User
Stamm-User
Beiträge: 210
Registriert: 15.11.2016, 14:35

Beitrag von MamaMonika0912 »

Das mit dem Abprallen kenne ich nur zu gut: wieder aufbauen der Häuser -> nervliche Katastrophe für die Mutter und Frust auf Seiten des Kindes, Fernsehverbot -> egal, Taschengeld entziehen -> egal, Lerneffekt bei alldiesen Strafen -> Null.
In der Situation würde ich sehr spontan entscheiden. Wenn ich das Gefühl hätte mein Sohn kann das überhaupt als "Strafe" in diesem Moment aufnehmen würde ich sofortige Konsequenz walten lassen, d.h. nicht mehr runter und den Film anschauen. Wenn er allerdings so in seinem Anfall gefangen ist, dass er das überhaupt nicht mehr realisiert würde ich - je nach Gefühl - ihn einfach mitgucken lassen und am nächsten Tag in einer ruhigen Minute mit ihm über die Situation reden oder ihn in sein Zimmer setzen und warten bis der Anfall vorbei ist. Das geht aber nur wenn er nicht darauf versteift ist gleich fern zu sehen und dann nur noch mehr in Frust und Unverständnis gefangen ist. Dann artet der Anfall nämlich erst richtig aus.

Mit meiner Schwiegermutter gehe ich folgendermaßen um: Ich ignoriere doofe/unwissende Kommentare einfach (sie redet mir regelmäßig genau dann rein, wenn ich mit meinem Sohn anders umgehe als sie erwartet hat) und sage ihr bei Simon ist das einfach so und mit ihm muss man so umgehen. Sie weiß, dass mein Sohn Autist ist und anders reagiert, aber sie kann es nicht verstehen wieso man mit ihm anders umgehen muss und warum ihm Dinge durchgehen gelassen werden die bei anderen gar nicht gingen. Er kann die Situation oft wirklich nicht fassen. Für ihn sind solche einfachen Dinge wie Nase putzen viel schwieriger umzusetzen wie für einen "normalen" Siebenjährigen und er hat wirklich Probleme damit am Tisch sitzen zu bleiben wenn das Essen nicht kommt. Das macht für ihn einfach keinen Sinn und kann schon mal zu fürchterlichen Ausrastern führen wenn man ihn dazu zwingt. Auch solche Ausfälle wie du beschreibst kann meine Schwiegermutter überhaupt nicht nachvollziehen. Auch mein Sohn war lange der ungeliebtere Enkel, obwohl es der leibliche ist. Erst seit meine Tochter auch extrem dickköpfig geworden ist, ist es besser geworden mit Oma und Enkel. Allerdings hält mich meine Schwiegermutter wahrscheinlich für total unfähig meine Kinder zu erziehen  8)

Und nochmal zu der Situation: Nachdem es jetzt sowieso vorbei ist, würde ich nicht strafen sondern mit dem Großen die Situation besprechen. Und ich würde mit dem kleinen Sohn sprechen, dass der Große ihn nicht ärgern wollte sondern nicht anders konnte aber es trotzdem nicht ok ist was er getan hat.

Dorit1979
Mitglied
Mitglied
Beiträge: 60
Registriert: 17.10.2016, 08:34

Beitrag von Dorit1979 »

Hallo Monika,
aus lauter Angst, Jonathan könne heute morgen die Häuser weiter vernichten, hat meine Schwiegermutter die größeren Gebäude gestern abend noch abgebaut und die kleineren, die nur schlicht auf einer Klebelasche standen, hingelegt.
Das gab natürlich heute morgen Erklärungsbedarf, ging soweit aber.

Meine Schwiegermutter favorisiert ja einen "Time-Out-Room". Man könnte auch sagen, eine Gummizelle. Das wird nur nicht funktionieren. Jonathan im Fall der Fälle aus der Situation bringen, ist ok, aber allein lassen in reizarmer Umgebung geht gar nicht. Dann vergreift er sich an den letzten Dingen, die noch da sind, weil alleinsein in dem Moment gar nicht geht.

Das Thema Zähneputzen war wohl deswegen ein Drama, weil Jonathan die Pfefferminzpaste für Erwachsene nicht mehr schmeckt. Kinderzahnpasta will er auch nicht, weil er Angst hat, daß der rosa Farbstoff ihm schaden könnte...
Gut. Dann probieren wir halt mal Elmex mentholfrei. Oder die Elmex Kindervariante. Muß ja nicht Rossmann EIgenmarke sein.

Nach dem Film ging der Film in live noch weiter. Jonathan wollte partout noch eine zweite Folge "Dragons" schauen.
Meine Schwiegermutter, die gestern Abend für Jonathan zuständig war, hat gleich darum gebeten zu tauschen "sonst spring ich aus der Hose!".
Gut. ALso Schwiemu mit Leopold nach oben, ich Jonathan nach oben befördert. Wiederstand, Gezeter, ich habe ihn mir dann im Rettungsgriff über die Schulter geworfen. Anders geht es nicht mehr.
Im Bett dann das Gehampel mit der Windel. Kind liegt im Bett, grinst mich fett an (daß man echt nur schreien und reinhauen möchte) und windet sich von rechts nach links.
Windel irgendwie anbekommen, dann Kind festgehalten, Licht ausgemacht, Kind zappeln lassen.
Seinen rechten Arm zwischen meine Beine geklemmt, den linken Arm zur anderen Seite gestreckt, mein Kampfgewicht auf seinen Beinen (insofern ganz pracktisch, daß ich früher einige Jahre Ju Jutsu gemacht habe) und augepaßt, daß er mich nicht beißen kann.
Kind windet sich Richtung Matratzenkante und liegt irgendwann so blöd, daß er nicht mehr vor und zurück kann. Ist natürlich unangenehm und tut weh.
"Laß mich los!"
"Nein, aber ich kann Dich zurück ins Bett ziehen, ist das ok?"
"Laß mich los!" (Kind zurück ins Bett gezogen.)
"Laß mich los, geh weg!" (Ich lasse ihn vorsichtig los, mal schauen, was passiert.)
"Wenn ich jetzt rausrenne, kannst Du mich ja hauen!" (Würd ich nicht machen, warum sollte ich?)
"Soll ich gehen, Jonathan?"
"Ja!"
"Gut, dann gehe ich jetzt."
"Nein, Du sollst hierbleiben!"
"Soll ich mich zu Dir ins Bett legen und kuscheln?"
"Nein, Du sollst Dich auf den Sitzsack setzen!"
"Gut, dann mache ich das." Setz mich auf den Sitzsack und nehme mir ein Fleecedecke.
Jonathan wühlt im Bett, steht auf, baut sich im Dunkeln vor mir auf.
"Du darfst nie wieder in mein Zimmer kommen. Das verbiete ich Dir."
"Soll ich rausgehen?"
"Nein!"
"Soll ich mich zu Dir ins Bett legen und kuscheln?"
"Nein! Mir tut der Arm weh!"
"Soll ich mich zu Dir legen und Dir den Arm streicheln?"
"Ja!"
"Gut. Dann leg Dich jetzt bitte hin und dann leg ich mich daneben."

Dann war es ok. Kurz darauf kam Schwiemu und hat drum gebeten, daß ich zu Leopold gehe, der würde die ganze Zeit nach mir fragen. Schwiemu ist bei Jonathan geblieben. Mit Jonathan war es dann auch ok, ca. 20min später war er eingeschlafen.


Später im Wohnzimmer erzählte sie mir dann von der Idee des "Time-Out-Rooms". Ich wollte wissen, wo sie das gefunden habe. Sie hatte es aus Wikipedia und las draus vor.
U.a. daß das bei Störungen des Sozialverhaltens, oppositionellem Verhalten und ADHS angewendet wird.
Ja, schön.
Ich bin ja sehr davon überzeugt, daß Jonathan auch ADHS hat und vieles gezielt und bewußt macht. Aber er hat eben definitiv auch die ausgeprägte austistische Komponente, und da greift es mal überhaupt nicht.

Aktuell hilft eben wirklich nur, das Kind vor Selbst- und Fremdgefährdung zu schützen und wenn der Anfall vorbei ist, ruhig und sachlich drüber zu sprechen.

Mit klassischen Konsequenzen komme ich da nicht weiter und steh hilflos davor.
Schwiemu sagt, das darf nicht sein, daß er auf diese Art die Macht erhält.
Nein, natürlich nicht. Aber wie soll es dann gehen? Das Kind verprügeln, wenn er den Bruder haut oder Sachen zerstört? Einsperren? Hat doch nicht wirklich Erfolg.
Logische Konsequenzen (obligatorisches Entschuldigen, beim Reparieren der Sachen helfen) funktionieren auch nicht. Im schlechtesten Fall verweigert er komplett, schließlich sind ja sowieso die anderen schuld, oder er macht brav mit, lernt aber trotzdem nicht draus.

Schwiemu ist im Moment auf dem Standpunkt, Schutz von Leopold geht über alles und schmeißt Jonathan im Fall der Fälle auch aus ihrem Häuschen (sie hat ein kleines Ferienhaus neben unserem, das sie nutzt, wenn sie in den Ferien mal da ist) raus.
Und ich steh dazwischen, denn wenn die Ferien vorbei sind, bin ich unter der Woche nach der Schule bis abends wieder mit den Kindern allein und dann verarzte ich im Zweifelsfall Jonathan, wenn der wieder austickt...
Dorit *1979 - subklinisch autistisch (also entweder NT mit Special Effects oder ASS mit hervorragender Anpassung, konnte nicht festgestellt werden)
Jonathan *11/08 - F82.0, F82.1, F84.5, F98.0, F98.1
Leopold *08/10 - Q55.2, es wird beobachtet...

Miriel
Stamm-User
Stamm-User
Beiträge: 127
Registriert: 23.09.2016, 10:53

Beitrag von Miriel »

Hallo Dorit,
hier etwa so wie bei Monika (und ja, ich kenne diese Situationen 1:1): an dem Abend geht vermutlich eh nichts mehr. Egal ob mit Gesprächen, wiedergutmachungen oder Strafen, das würde bei uns endgültig zum Zusammenbruch führen.
Am nächsten Tag drüber reden, was da passiert ist, Alternativen für wütende Situationen besprechen, und dann (meist ist er dann eh ganz zugänglich) mit ihm überlegen, ob man vielleicht gemeinsam mit Geschwister die Stadt wieder aufbauen kann.
Bestrafungen finde ich schon an und für sich blöd, weil sie Situationen und Beziehungen nur verhärten und nichts lehren - außer sich der Strafe irgendwie zu entziehen... Rein aus Prinzip. Mache ich also normalerweise mit keinem der Kinder. Und erst recht, wenn ein Kind gerade abends schon mit sich und allem überfordert ist (der Tag klingt ja auch anstrengend, mit MagenDarm, Planänderung, Oma, ...). Die Energie lege ich in solchen Situationen lieber ins trösten des kleinen Kindes, je nach Lage würde ich z.b. dann mit ihr die Stadt aufbauen.

Und die Schwiegermutter - der kann man nur freundlich erklären und winken, mehr wird da nicht helfen...
lg
Miriel

Grüße,

Miriel


Kind (09), ADS, V.a. ASS, oder irgendwas ganz anderes..
Kind (11), wild und munter

Karina H BS
Stamm-User
Stamm-User
Beiträge: 333
Registriert: 23.01.2016, 09:11
Wohnort: Braunschweig

Beitrag von Karina H BS »

Dorit,
der Sohnemann wird älter- Du wirst ihn bald nicht mehr "zu Boden werfen" usw....

Welche Therapien macht ihr? Wer hilft dir und bespricht mit dir Situationen wie die beschriebenen?

Ich kenne derartige Ausbrüche bishin zu der Tatsache, dass das Kind dann irgendwann angefangen hat nicht nur zu schreien zu treten zu toben oder zu beißen sondern sich das Messer aus der Schublade holt oder die Schere, mit einem Holzscheit auf den Vater versucht loszugehen und natürlich die Drohungen die dazu kommen. Bislang hat er uns noch nicht wirklich verletzt sondern nur gedroht, aber das hat mir gereicht.
Kind ist zur Zeit in der Psychatrie, er ist mittlerweile fast 12 Jahre alt.
Du musst jetzt sehr konsequent die Weichen stellen sonst gehst Du daran kaputt.
In der Psychatrie gilt striktes Anfassverbot! - Ich weiß, haben wir anders gelernt- Festhalten war die Empfehlung. Unsere Jungs müssen anerkennen, dass wir als Erwachsene ansagen was getan wird. Ohne Diskussion und Widerrede. Vieles was sie durchsetzen wollen ist gar nicht autistisch bedingt sondern auch eine Art Machtkampf wie es bei allen Kindern vorkommt. Wir Eltern müssen also nicht ständig auf die Befindlichkeiten unserer Kinder Rücksicht nehmen sondern die Kinder müssen lernen, dass es Dinge gibt, die sie nicht entscheiden und um die sie auch nicht kämpfen müssen, weil es das Ergebnis nicht ändert. Ein Time out Raum ist eine Hilfe und Unterstützung. Dazu müsstest Du aber einen Raum haben der wirklich leer ist, sich die Fenster und Türen nicht einschlagen lassen und der Heizkörper so verkleidet ist, dass sich der junge Mann daran nicht verletzten kann nur weil er wütend ist. Time out im Kinderzimmer führt bei uns dazu, dass man so lange gegen die Tür tritt bis sie aus den Scharnieren ausbricht oder man reißt an der Klinke bis alles kaputt ist. Eventuell hilft auch, das klappte als meiner jünger war- Ablenkung wie Kissenschlacht bis zur Erschöpfung . Er durfte sich auch immer wieder auf so einen Big Sack schmeißen und dort reintreten, reinschlagen usw...Wichtig ist sicher, dass die Regeln klar sind - ein Zeichen muss vereinbart werden wann es Zeit ist für dieses "Time out". Ich zähle schon seit das Kind sprechen kann bis drei- mittlerweile ist man bei zwei schon oft auf dem Weg. Aber selbstverständlich verfalle ich immer wieder in die fruchtlose Erklärungsdiskussion. Da muss ich an mir noch mehr arbeiten. Wenn der Kuchen spricht, schweigen die Krümel :)

Benutzeravatar
Engrid
REHAkids Urgestein
REHAkids Urgestein
Beiträge: 14782
Registriert: 24.10.2011, 10:36

Beitrag von Engrid »

Hallo Dorit,

ich bin genau bei Monika und Miriel.

Für mich klingt es so, dass es ihm vorher schon längere Zeit zuviel war. Das Fass läuft quasi langsam voll. Vielleicht könnt Ihr einen Gang zurückschalten, mehr Ruhe reinbringen, vielleicht mehr 1:1 für ihn einbauen.
Vor allem aber klingt es für mich so, als würde Jonathan sich selbst die Schuld geben (und Ihr ihm auch), obwohl er einfach als Autist (und womöglich noch zusätzlich ADHSler) überfordert ist.

Wenn ein Kind so anstrengend ist, dann lässt man ihm äls Erwachsener vielleicht (ohne sich drüber bewusst zu sein) in Überlastungsphasen den Eindruck rüber, er sei "nicht richtig", er strenge sich zuwenig an, er gehöre in einen "Time-Out-Raum", er mache das mit Absicht. und bewusst. Wenn dann noch ein Kind da ist, das das alles viel besser hinkriegt, dann wird das noch ausgeprägter.

Damit fühlt das Kind sich ziemlich verloren, aus diesem Verlorenheitsgefühl heraus entsteht der hilflose Versuch, Bezug herzustellen durch das, was viel leichter ist als gutes Verhalten, nämlich Fehlverhalten. Das Kind ist Autist, und hat ohne Hilfe keine Chance, da rauszukommen.
Autisten und auch ADHSler haben oft sehr feine Antennen für athmospärisches, also auch für das Genervtsein von Mama und Oma, können aber gleichzeitig oft Grund und Zusammenhang nicht verstehen und nehmen alles absolut (als Autisten).


Wenn das Kind flippt, braucht es Konsequenz und Klarheit, das schon.
BEVOR aber das Fass vollläuft, braucht das Kind einen liebevollen Blick, viel Schonraum, viel klare Struktur, übersichtliche Abläufe, Vorankündigung.

Nachtrag:
Ich bin ja sehr davon überzeugt, daß Jonathan auch ADHS hat und vieles gezielt und bewußt macht.
auch ein ADHSler handelt nicht aus Bosheit "gezielt und bewusst", sondern kann sich nicht steuern.
Die Kinder haben sich ihr Päckchen nicht ausgesucht. Man muss ihnen mit vielen Erfolgserlebnissen, Raffinesse und unendlicher Geduld da Schritt für Schritt raushelfen. Leider braucht es dafür sehr gute Nerven, und die hat man nicht immer bzw die Kinder kosten auch viel Nerven.
Bei uns war sehr wichtig, den Alltag so zu strukturieren, dass einerseits Junior Energie spart, andererseits auch ich Nerven. "Vorausschauend fahren" :wink:

Grüße
Engrid
mit Sohn vom anderen Stern (frühkindlich autistisch)
"Wir sehen die Dinge nicht wie sie sind, wir sehen sie wie wir sind." (Anais Nin)

Anjali
REHAkids Urgestein
REHAkids Urgestein
Beiträge: 2991
Registriert: 15.02.2008, 11:15

Beitrag von Anjali »

Hallo,
Warum hast du ihn, nachdem er die Windel anhatte, noch festgehalten und eingeklemmt und auf ihn draufgesetzt?
Das finde ich grenzüberschreitend.

Es klingt für mich wie ein Machtkampf, der auch mit den Körperkräften ausgetragen wird.
Auf diese Weise wirst du dir keinen Respekt "erkämpfen."

Ich glaube, dass das schon so eingespielt ist, dass ihr da ohne konkrete und aktive Hilfe/Impulse von außen nicht mehr rauskommt.

Was ich mir auch vorstellen kann, dass Jonathan sich eineseits gegenüber Leopold zurückgesetzt fühlt (Eifersucht) und andererseits auch spürt, dass er ein "Problemkind" ist. Die Umstände des Tages waren wohl so, dass Leopold direkt oder indirekt im "Vordergrund" stand. Mich wunder es nicht, dass Jonathan zuerst Leopolds Häuser zerstörte.

Das spätere Häuser-Abbauen war zwar eine verständliche Vorsorgemaßnahme, aber andereseit auch ein deutliches Signal "gegen" Jonathan, das er vielleicht auch so interpretiert hat.

Ich vermute auch, dass Jonathan an diesem Tag mehr 1:1 - Betreuung und mehr individuelle "Aufmerksamkeit" gebraucht hätte.
Im Nachhinein scheint sich ja herausgestellt zu haben, warum das Zähneputzen so ein Kampf wurde. Vielleicht hätte sich das auch schon eher herausfinden lassen.

Ich vermute deshalb, dass ein Time-Out-Raum das Problem eher noch verstärken würde.
Viele Grüße
Anja

Mutter mit Sohn (18 Jahre / Asperger-Autist)

Benutzeravatar
Regina Regenbogen
REHAkids Urgestein
REHAkids Urgestein
Beiträge: 7561
Registriert: 12.07.2008, 18:37
Wohnort: Ostfriesland

Beitrag von Regina Regenbogen »

Ich kann meinen Vorschreiberinnen nur Recht geben, ihr befindet euch schon ganz tief in einer Negativspirale. Ein KJP würde das wohl als gestörte Mutter-Kind-Beziehung werten.
Dorit1979 hat geschrieben: Im Bett dann das Gehampel mit der Windel. Kind liegt im Bett, grinst mich fett an (daß man echt nur schreien und reinhauen möchte) ........
............
............
............

"Wenn ich jetzt rausrenne, kannst Du mich ja hauen!" (Würd ich nicht machen, warum sollte ich?)
Ich habe die (meiner Meinung nach völlig unnötige) Diskussion zwischen euch mal entfernt. Fällt dir was auf? Dein Kind spürt deine Stimmungen, deine Haltung ihm gegenüber. Du lässt dich auf Machtkämpfe (mit grenzüberschreitenden Körperlichkeiten) ein, die du nur verlieren kannst.

Dieser Timeout-Raum ist nicht die Lösung, da müsst ihr anders dran gehen.
Wenn es einen Glauben gibt, der Berge versetzen kann, so ist es der Glaube an die eigene Kraft. (Marie von Ebner-Eschenbach)

Sohn * 01/2003 - Frühkindlicher Autismus mit komorbider ADHS
Sohn * 09/2001 - ADS
Tochter * 04/1998 - nix
Tochter * 08/1989 - Peronaeusparese

Dorit1979
Mitglied
Mitglied
Beiträge: 60
Registriert: 17.10.2016, 08:34

Beitrag von Dorit1979 »

Ich weiß mir schlicht keinen Rat mehr.

Unseren Diagnosemarathon haben wir im Juni/Juli 2015 begonnen und erste Hilfemaßnahmen kommen jetzt erst langsam in Gang.
Seit Dezember 2015 bekommt Jonathan Ergotherapie. In der ersten Praxis, wo wir waren, war er kreuzunglücklich, zu August 2016 haben wir gewechselt, seitdem geht er wahnsinnig gern zur Ergo und ist tieftraurig, wenn sie mal ausfällt.

Autismutherapie ist seit Ende Dezember 2016 bewilligt, im ATZ erreiche ich vor Montag aber niemanden (um wenigstens mal zu fragen, ab wann wir ungefähr einen Platz kriegen).
Schulisch ist sonderpädagogischer Förderbedarf festgestellt und die Schulbegleitung startet am 10.01.2017.

Sobald die Schule wieder beginnt, ist das Leben sowieso wieder geregelter, Ferien sind ein absoluter Streßfaktor für alle.

Ich wünsche mir schlicht konkrete Hilfe. Ich weiß einfach nicht, wie wir unser Familienleben auf die Reihe kriegen sollen.

Ja, ich diskutiere viel und frage nach - aber in erster Linie will ich mein Kind verstehen. Mein Mann springt da immer noch anders/selbst provozierend drauf an. Das eskaliert dann noch schlimmer.
Und Leopold versteht auch nicht, daß er Jonathan besser in Ruhe läßt. Der piesackt genauso, wo er nur kann.

Ja, Jonathan ist ziemlich eifersüchtig. Das ist er, seit Leopold auf der Welt ist. Er fühlt sich zurückgesetzt, er fühlt sich ungerecht behandelt. Gerecht ist es nur, wenn alles gleich ist. Daß verschiedene Leute unterschiedliche Bedürfnisse haben oder verschiedenes wollen und gut finden, das gibt es nicht.
Selbst wenn ich Anziehsachen kaufe, müssen es für beide Kinder die gleichen Sachen sein, sonst ist es ungerecht.

Im Wutanfall geht es gar nicht anders, als Jonathan festzuhalten.
Wenn ich selbst aus der Situation gehe, dann rennt er hinterher, haut und tritt auf mich ein, beißt mich. Mache ich eine Tür hinter mir zu, schlägt er auf die Tür ein. Die Schlafzimemrzarge hat er schon einmal geschrottet in so einer Situation.

Die Kinderpsychiaterin, bei der wir sind, ist uns keine wirklich Hilfe. Die Mitarbeiter, die Jonathan mal gesehen und mit ihm gespielt/gearbeitet haben, sind nicht mehr da. Sie selbst hat immer nur die Berichte unterschrieben und sich mit mir und meinem Mann unterhalten.
Der letzte Termin war im Oktober. Da ging es darum, daß wir ja den Verdacht haben, daß komorbid ADHS vorliegt. Aus den Unterlagen, die bis dahin vorlagen, ging aber nichts hervor, so daß sie uns Fragebögen für uns und die Schule mitgegeben hat.
Den nächsten Termin hat sie uns damals für den 23.01. gegeben, vorher wäre nichts frei.
Damals haben wir schon leise über eine mögliche Medikation nachgedacht.
Zwischenzeitlich habe ich sie mal ans Telefon bekommen, weil die Weihnachtszeit auch haarsträubend war.
Jetzt will sie am 23.01. ein Aufklärungsgespräch über Risperidon und Methylphenidat machen und hat vorab entsprechend um eine Blutuntersuchung und ein EKG gebeten.

Das Zählen-bis-drei hat schon im Kindergartenalter nicht funktioniert. Ich hab alles mögliche durch an tollen Erziehungstips, da ich ein begeister Leser der "Eltern" und "Eltern family" bin.
Beim Leopold funktioniert das auch alles. Wenn das Kind Blödsinn macht, dann reicht ein strenger Blick, ein kurze Erklärung und zur Not mal ein lautes Wort, aber es läuft.

Bei Jonathan nicht. Wenn er nicht will(kann), dann macht er nicht.
Und wenn es um banale Dinge geht, wie Jacke aufhängen nach dem ins-Haus-kommen, Schuhe ausziehen und in die Schuhkiste packen, anschließend Hände waschen.
Ich sage es jedes Mal an; nein, anderes ist immer wichtiger. Ich muß jetzt dies, ich muß jetzt das.

Ich weiß nicht, wie ich an ihn herankommen soll.
Ich weiß nicht, wie ich ihn für irgendetwas motivieren/begeistern kann.
Ich weiß nur, daß er selbst todunglücklich ist, daß er denkt, keiner hat ihn lieb und daß er glaubt, daß er nichts kann. Denn wenn er was machen will, dann muß es sofort klappen. Wenn es nicht klappt, dann kann er es nicht und er will es auch nicht lernen.

Mein Mann fängt an, davon zu reden, daß er Jonathan, wenn es so weitergeht, nicht mehr in der Familie haben will. Um Leopold zu schützen.
Ich kann mein Kind doch nicht abschieben, nur weil es unbequem wird? Ja, die Situation ist scheiße, ja, wir laufen alle im Moment nur noch im Überlebensmodus. WIe, zum Teufel kommen wir da raus?
Dorit *1979 - subklinisch autistisch (also entweder NT mit Special Effects oder ASS mit hervorragender Anpassung, konnte nicht festgestellt werden)
Jonathan *11/08 - F82.0, F82.1, F84.5, F98.0, F98.1
Leopold *08/10 - Q55.2, es wird beobachtet...

Mariaa
Gast
Gast
Beiträge: 2971
Registriert: 03.03.2010, 21:01

Beitrag von Mariaa »

Hallo Dorit,

Jonathan sagt
Dorit1979 hat geschrieben: "Wenn ich jetzt rausrenne, kannst Du mich ja hauen!" (Würd ich nicht machen, warum sollte ich?)
und Du fragst Dich, warum Du das tun solltest, schreibst aber oben
Dorit1979 hat geschrieben: Kind liegt im Bett, grinst mich fett an (daß man echt nur schreien und reinhauen möchte) und windet sich von rechts nach links.
Da scheint Jonathan Deine Gefühle in dem Moment doch sehr gut deuten zu können!

Auch für mich liest es sich, wie Anjali es beschreibt und ich musste wirklich schlucken!
Ich kenne mich aber mit solchen Situationen überhaupt nicht aus und weiss nicht, ob körperliche Gewalt hier angebracht sein darf. Deshalb versuche ich, nicht zu werten!

Ich kann aber gut Jonathans Verzweiflung nachvollziehen, totale Überforderung, ein Bruder, der alles besser macht, eine Mama, die aus Verzweiflung in Gedanken am liebsten mal "reinhauen" würde und ein Papa, der das Kind bald nicht mehr in der Familie haben möchte....
Ich habe es jetzt natürlich total überspitzt geschrieben, aber ich denke, man sollte schon schauen, warum der Bub das Gefühl hat, dass er nicht geliebt wird und sich anscheinend sehr einsam fühlt!

Viele Grüße
Früher war alles besser.... vor allem die Zukunft!

Antworten

Zurück zu „Krankheitsbilder - Autismus“