Führerschein und Autismus

Hier könnt ihr euch rund ums Thema Autismus austauschen.

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rena99
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Führerschein und Autismus

Beitragvon rena99 » 04.11.2016, 19:24

Meine Tochter möchte unbedingt den Führerschein machen. Ich bin da nicht so begeistert. Schon mit dem Fahrrad halbwegs sicher sein im Straßenverkehr hat ziemlich lang gedauert. Sie bekommt so viele verschiedene Eindrücke, dass sie nur schwer in der notwendigen Geschwindigkeit verarbeiten und nach Wichtigkeit sortieren kann. Wir sind lange Roller gefahren, bis es dann mit 15 auch mit dem Fahrrad ging. Das klappt jetzt aber ziemlich gut.

Ich weiß jetzt nicht, ob ich ermutigen oder eher abraten sollte. Dass es viele Fahrstunden brauchen würde, wäre für uns OK.

Hat da jemand Erfahrungen?

LG
Rena
Rena mit Tochter (V.a. Autismusspektrumsstörung, Zwangsstörung)
"Jeder Zwang ist Gift für die Seele." (Ludwig Börne)

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mijo
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Beitragvon mijo » 04.11.2016, 22:51

Hallo Rena

Ich kenn jetzt deine Tochter nicht.

Ich hab mich bewust dagegen entschieden,auch wenn ich es Inteligenz maesig Problemlos geschafft hätte.

Es fängt an mit dem mittel streifen der komischerweise immer wirkt als waehre er zu nah am Auto.
Dann "fliegt"links und rechts die gegend vorbei.
Auf den Vordermann sollte masn auch noch achten und auf Verkehrsschilder ect.

Ich bekomm das so schnell nicht geordnet.

Vor allem "fehlt"mir im Zweifelsfall ein Stück.
Beispiel:Es kamm genau vor dem Auto meines Onkels zu einem Tödlichen Motorad Unfall.
Das Stueck wo sie auf den Grün Streifen kamm und dann über die Fahrbahn in die Leitplanken schlitterte fehlt mir.
Ich konnte erst wieder "sachlich "reagieren als mein Onkel ausstieg.
Da "Funktionier"ich dann Automatisiert.

Folglich währe ich eine Gefahr für andere und mich.
Weil ich eben nicht wie NT aufnehmen/reagieren kann.

Aber vielleicht schafft deine Tochter es besser?

Vielleicht Probe Fahrstunden?
Weil ist doch noch mal anderst als Simulator.

VG
Fuer Wunder brauchen wir Augen,die sehen und EIN Herz,DAs versteht ,fuer EIN Wunder zu Danken.

michie
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Beitragvon michie » 05.11.2016, 00:33

Hallo Rena!

Wir haben in der SHG zwei Erwachsene im Spektrum, die beide den FS gemacht haben und auch benutzen. Wir sind hier allerdings nicht mitten in der Großstadt, vielleicht sind das optimale Rahmenbedingungen. Ich kenne deine Tochter nicht, doch sie scheint sich gut einschätzen zu können, oder? Wenn es mit dem Fahrrad klappt, dann wird es vielleicht auch mit dem Auto?
michie mit kleinem prinzen (11/2012; ASS) und kleiner fee (02/2015)
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Beitragvon claudia64 » 05.11.2016, 00:37

Wir haben hier die gleiche Situation, und meine Tochter möchte auch gerne, traut es sich aber aus ähnlichen wie von Mijo beschriebenen Gründen zumindest bis jetzt noch nicht zu.
Mal sehen, ob sich daran noch etwas ändert.
Praktisch wäre es in jedem Fall.

Aber wenn meine Tochter es sich zutrauen würde, würde ich auch sagen, versuchen!
Könnt ihr nicht mal auf dem Idiotenhügel :D üben gehen?
Dann siehst du ja, wie sie sich schlägt.
C., Hashimoto, Morbus Dercum,
mit R., ♀, * '96, ASS, HB, ADHS, Asthma, Gelenkschmerzen
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Beitragvon Dario » 05.11.2016, 01:02

Autismus ist nach meinem Kenntnisstand kein zwangsläufiger Hinderungsgrund für einen Führerschein. Allerdings kenne ich relativ viele erwachsene Autisten, die sich das Autofahren (ähnlich wie mijo) selbst nicht zutrauen und deshalb nie den Führerschein gemacht haben. Es gibt aber auch Autisten, die haben nach eigenen Angaben keine Probleme mit dem Autofahren, das muss jeder individuell für sich selbst einschätzen.

Ich habe den Führerschein nie gemacht, weil ich im frühen Erwachsenenalter viel existenzielle Probleme hatte und auch gar nicht das Geld dafür aufbringen konnte. Heute könnte ich ihn machen, aber ich brauche ich nicht unbedingt. Ich hätte auch Angst vor dem ganzen Stress, der damit auf mich zukämen. Nicht nur, dass man dass Autofahren als solches erst lernen muss, auch die ganzen administrativen Verpflichtungen, die damit auf mich zukämen, stelle ich mir stressig vor: Ein Auto muss angemeldet werden, man muss Steuern zahlen, muss Versicherungen abschließen und vieles mehr.

Und was ist, wenn man das Auto mal kaputt geht und in die Werkstatt muss? Wenn ich irgendwo mitten in der Landschaft eine Panne habe und liegen bleibe? Und was ist, wenn ich mal in einen Unfall verwickelt werde, möglicherweise noch als schuldhalter Verursacher gelte? Wenn ich all diese Punkte durch den Kopf gehen lasse, dann frage ich micht: Muss ich mir diesen Stress und die vielen Unabwägbarkeiten heute mit über 40 noch unbedingt antun, wo mein Leben doch im Großen und Ganzen gut läuft? :roll:

Was ich auch als großes Dilemma sehe, ist die Tatsache, dass Auto und Führerschein in dieser Gesellschaft (besonders wahrscheinlich unter jungen Leuten) als Statussymbole gelten. Auch ich habe es schon oft erlebt, dass ich ungläublich angesehen wurde ("Waaaaaaas, du hast KEINEN Führerschein?????"), so als wäre ich ein Aussätziger oder ein totaler Sonderling, nur weil man sich dem Druck bestimmter Statussymbole nicht beugt und vielleicht auch gar nicht beugen kann.

Manchmal hatte ich sogar Gefühl, dass man als erwachsener Mensch nicht für voll genommen wird, solange man keinen Führerschein hat. Das war auf der anderen Seite aber immer ein Grund mehr für mich, dieser Vergötterung des Autos und des Autofahren umso kritischer gegenüber zu stehen. Manchmal bin ich ehrlich gesagt froh, dass ich mit meinem Autismus einen Grund habe, mir zumindest sehr genau zu überlegen, ob ich den Früherschein wirklich machen sollte und machen kann.

GabySP
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Beitragvon GabySP » 05.11.2016, 12:11

Hallo Rena,

wir haben hier momentan die gleiche Problematik. Hat deine Tochter einen GdB? Ich habe mich auf der Homepage der TÜV Akademie letzte Woche mal umgesehen. Da mein Sohn einen GdB hat, ist es sowieso notwendig, eine ärztliche Bescheinigung über die Diagnosen, Einschränkungen etc. beim TÜV vorzulegen. Dann wird entschieden, ob der Fahrschüler in spe eine MPU machen muss, und dann werden Probefahrstunden gemacht. Erst dann kann ein Behinderter wohl den Führereschein machen.
Ohne GdB brauchst du dieses Verfahren dann wohl nicht, aber vielleicht kann deine Tochter tatsächlich im Vorfeld Probestunden nehmen. Dann solltet ihr klarer sehen.

LG Gaby
Asperger-Sohn, 01/2000

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Beitragvon NicoleWW » 05.11.2016, 12:32

Hallo,

meines Wissens ist man nicht verpflichtet einen Schwerbehindertenausweis vorzulegen.

Liebe Grüße
Nicole
Nicole (70, Morbus Bechterew, Asthma) mit

J.M. (92)
J.C. (93)
J.E. (95, ADHS, E80.4)
A.M. (04, F93.3, F98.8, F81,1)
S.F. (04,F84.5, F98.8, J30.3, E80.4, J45.0)
V.L. (07, J45.1, F98.0)
J.K. (07, F84.5, F98.0)

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Beitragvon GabySP » 05.11.2016, 12:46

Hallo,

ich habe hier nur weitergegeben, was auf der HP des TÜV steht.

Ich möchte hier aber bei meinem Sohn auf der sicheren Seite sein, wenn es um den FS geht. Immerhin gibt es hier eine große Gefahr für den Betroffenen selbst und für ganz viele Unbeteiligte.

Viele Grüße
Gaby
Asperger-Sohn, 01/2000

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Re: Führerschein und Autismus

Beitragvon Regina Regenbogen » 05.11.2016, 13:48

rena99 hat geschrieben:Ich weiß jetzt nicht, ob ich ermutigen oder eher abraten sollte.


Am besten weder noch. Ich versuche bei solchen Dingen eher neutral zu bleiben und schaffe meinen Kindern die Möglichkeiten, sich selbst besser einschätzen zu können.

Klingt vielleicht blöd, aber hat deine Tochter schon mal am PC solche Autorennspiele gespielt, vielleicht sogar mit anderen? Die sind mittlerweile dermaßen realistisch, dass ich als langjährige Autofahrerin schon ins Schlucken komme, wenn ich meinen Söhnen dabei zusehe. Beide spielen mehr oder weniger oft diverse Fahrsimulationsspiele und haben Lenkräder und Pedalen am PC. Für unseren Jüngsten ist das nicht so das Wahre, er ist sich auch nicht sicher ob er mal den Führerschein machen will - eher noch nicht, denn obwohl wir hier auf dem Land leben, kommt man mit den öffentlichen Verkehrsmitteln (und teils Mama-Taxi) ganz gut rum.

Es soll auch schon Fahrschulen geben, die mit Simulatoren arbeiten, vielleicht in diese Richtung mal gucken.

Hinsichtlich der rechtlichen Seite bzw. der Eignungsfeststellung mal hier gucken.
Wenn es einen Glauben gibt, der Berge versetzen kann, so ist es der Glaube an die eigene Kraft. (Marie von Ebner-Eschenbach)

Sohn * 01/2003 - Frühkindlicher Autismus mit komorbider ADHS
Sohn * 09/2001 - ADS
Tochter * 04/1998 - nix
Tochter * 08/1989 - Peronaeusparese

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Annette17
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Re: Führerschein und Autismus

Beitragvon Annette17 » 06.11.2016, 10:55

Ich habe zwar den Führerausweis, habe diesen jedoch in all den Jahren nur selten genutzt, da ich mir die ersten Jahre gar kein Auto leisten konnte und meine Lebenssituation ohnehin kritisch war. Später dann mit ca. 30 - 44-jährig bin ich dann lediglich Kurzstrecken gefahren. Seither besitze ich kein Auto mehr aus verschiedenen Gründen.

Den Führerausweis habe ich 21-jährig gemacht, aufgrund Druck meiner damaligen Chefin, die die Kosten auch fast komplett übernommen hatte. (Eigentlich war das unverantwortlich von allen beteiligten Personen, insbesondere von mir selbst (!), dass ich ein Fahrzeug lenkte, da ich zum damaligen Zeitpunkt ständig unter Drogeneinfluss stand, um überhaupt mit der (Gesamt-)Situation einigermassen zurechtzukommen....)

Einfacher als Autofahren fiel mir das Motorradfahren, was aber auch mit dem fehlenden räumlichen Sehen zusammenhängt. Ich habe im Auto immer eine verzerrte Wahrnehmung, d.h. ich kann die Abstände (seitlich, aber auch nach vorne oder hinten) nicht korrekt einschätzen, was u. U. gefährlich werden kann.
Mit dem Motorrad ging dies wie gesagt besser - dafür hatte ich damit mitunter ein "Geschwindigkeitsproblem" (zu schnell gefahren, kein Gefahrenbewusstsein).... weshalb ich dann nach ein paar Jahren (zum Glück!) auch nicht mehr gefahren bin.

Letztlich bin ich eine Gefahr für mich selbst und alle anderen Verkehrsteilnehmer, da ich in Stresssituationen falsch respektive verzögert reagiere, da reicht dann schon eine unbekannte Baustelle auf der Autobahn. Im schlimmsten Fall funktioniert dann auch die Hand-Fuss-Koordination nicht mehr...
Ich bin beim Autofahren extrem leicht ablenkbar und auch schreckhaft.
Erschwerend kommt meine Sehproblematik hinzu, weshalb ich ja schon von vornherein nicht bei Dunkelheit, Regen, Schnee, Nebel etc. fahren konnte, weil ich dann fast nichts mehr sehe. Ich erkenne Strassenschilder viel zu spät - das resultiert also aus der Sehproblematik kombiniert mit der Wahrnehmungsstörung -, d.h. bis ich wahrgenommen habe, wohin ich fahren muss, wo ich mich einordnen muss auf mehrspurigen Strassen, ist es schon (beinahe) zu spät. Schlechtes Wetter kann einen unterwegs überraschen und somit bin ich oftmals in sehr ungute Situationen geraten - Sehproblematik und dadurch noch mehr gesteigerter Stressfaktor als ohnehin schon aufgrund der autismusbedingten Stressoren....

Ich werde definitiv kein Fahrzeug mehr lenken!


Mein Sohn (22) hat bisher keinen Führerausweis gemacht, da er mit den Anforderungen im Strassenverkehr vollkommen überfordert wäre. Das kann er sehr gut selbst einschätzen.

LG Annette
Autistin


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