Lernziel: Angst selber kleinkriegen

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Engrid
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Lernziel: Angst selber kleinkriegen

Beitrag von Engrid »

Liebe Leute,

Ich wollte mal ein bisschen rumfragen. Mir fällt das bei mehreren autistischen Kindern auf, die ich kenne, beim Junior auch.

Sie entwickeln scheinbar (!) aus dem Nichts massive Ängste, zB vor Zimmern, Bienen, Nachtschnecken, Dübeln, wuseligen Hunden, vor bestimmten sozialen Situationen, Kopf unter Wasser bekommen, usw ...

Diese Ängste können sehr bestimmend werden, nehmen manchmal überhand. Manchmal sind sie aber auch plötzlich weg.

Bei meinem Sohn war es bisher so, dass die Ängste wieder abklangen, wenn man sie ernst nahm, aber trotzdem tief hängte, die Auslöser nicht groß vermied. Jedes Frühjahr hat Junior zB Angst vor Hummeln, aber er will ja auch raus, also wird die Angst von Woche zu Woche kleiner, im Herbst ist sie wieder weg.
Ich wurde gebeten, einem befreundeten Kind zu erklären, dass unser Haus nicht einsturzgefährdet ist, weil es ein paar (kosmetische) Risse hat. Damit habe ich aber kein gutes Gefühl, ihm da allzuviel zu erklären, ich denke, er steigert sich bloß noch mehr rein.

Ich finde - das gilt für die Kinder, die ich kenne - sie sollen unbedingt die Erfahrung machen, dass sie Ängste selber bewältigen lernen können. Dass sie sich da eben nicht ganz auf Mama verlassen dürfen (natürlich alles mit Augenmaß). Sie sollen lernen können, dass sie das mehr und mehr selbst in die Hand nehmen können, sonst wird zeitlebens eine Angst die andere ablösen. Und im Grunde stehen diese Ängste ja auch "stellvertretend" und austauschbar für ein generelles Gefühl der Ohnmacht/Hilflosigkeit - das kann ich schon verstehen, das man als autistisches Kind das leicht entwickelt in einer so unberechenbaren Welt.

Ich würde gerne Eure Erfahrungen hören, wie Eure Kinder gelernt haben, mit Ängsten konstruktiv umzugehen.

Ich setze mal ein paar Links dazu, alte Threads über Ängste:
Angst vor ... einem Dübel!?
Ängste und HFA
Nicht nachzuvollziehende Angst
Angst steigert sich immer mehr
Wovor/Wann haben Eure Kinder Angst?
Panik bei Gewitter, Wolken, Wind - wie damit umgehen?
Ängste sind doch manchmal merkwürdig
Angst vor Fliegen - wasmache ich im Frühling?

Grüße
Engrid
mit Sohn vom anderen Stern (frühkindlich autistisch)
"Wir sehen die Dinge nicht wie sie sind, wir sehen sie wie wir sind." (Anais Nin)

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Regina Regenbogen
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Re: Lernziel: Angst selber kleinkriegen

Beitrag von Regina Regenbogen »

Engrid hat geschrieben: Ich würde gerne Eure Erfahrungen hören, wie Eure Kinder gelernt haben, mit Ängsten konstruktiv umzugehen.
Leider lässt mich meine Erinnerung ein wenig im Stich, weil das irgendwie so ein generelles Erziehungsdings ist und ich das im Prinzip bei allen meinen Kindern angewendet habe: Ernst nehmen, selber ruhig bleiben und immer wieder versuchen lassen bzw. heranführen.

Beispiele: Mein Jüngster hatte (teils panische) Angst im Wasser, wenn er den Boden nicht sehen konnte (Badesee). Wir sind dann eine Weile ins Hallenbad gegangen und er traute sich zusehends immer mehr zu, so dass wir nach mehreren Versuchen auch wieder an den Badesee konnten.

Oder diese Kletternetze in Indoorspielplätzen: Er traute sich da nie drüber, er hatte (auch hier panische) Angst durch- oder runterzufallen. Sein Vater ist ein- oder zweimal mit noch oben, danach konnte man ihm zusehen wie er es immer wieder in Kleinstschritten selber probiert hat, oft genug auch einfach wieder umgekehrt ist.

Wir haben ihm nie Druck gemacht, aber zugesehen, dass er immer wieder in diese Situation rein KONNTE. Er hat auch sehr lange die anderen Kinder beobachtet wie die das so regeln. Das alles hat Wochen, teils Monate gedauert, aber er war unbändig stolz, wenn es das erste Mal geklappt hat. Ab dann ging das dann immer besser, er zögerte nicht mehr, musste auch nicht überlegen und probiert von alleine seine Grenzen aus. Meistens wird er dann sogar zu übermütig.

Mit Hummeln war das so ähnlich. Hatte er als Kleinkind noch panische Angst vor diesen dicken, kaum zu erkennenden Brummern, habe ich ihn 2 Jahre später dabei ewischt, wie er Hummeln mit der Hand fing. :shock: Leider machte er da keinen Unterschied zwischen Hummeln, Wespen, Bienen und Hornissen. :?
Wenn es einen Glauben gibt, der Berge versetzen kann, so ist es der Glaube an die eigene Kraft. (Marie von Ebner-Eschenbach)

Sohn * 01/2003 - Frühkindlicher Autismus mit komorbider ADHS
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GabySP
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Beitrag von GabySP »

Hallo,

So wie Regina das beschrieben hat, hatten wir die Situation auch eine Zeit lang. Aber jetzt mit zunehmendem Alter und in der Pubertät, nehmen die Ängste wieder zu und sind eigentlich nicht mehr nur über die Erziehung und "gutes Zureden" in den Griff zu bekommen. Von anderen Abschauen geht gar nicht mehr. Da hilft tatsächlich nur professionelle Hilfe.

Gruß Gaby
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Regina Regenbogen
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Beitrag von Regina Regenbogen »

GabySP hat geschrieben:Aber jetzt mit zunehmendem Alter und in der Pubertät, nehmen die Ängste wieder zu
Das möchte ich gerne verstehen. Dein Sohn ist ca. 13 Jahre alt? Wie ist denn sein Selbstbewusstsein generell (gewesen)?


Mein Sohn ist jetzt 11 und auch schon in der Pubertät, aber sein erworbenes Selbstbewusstsein ist bisher ungebrochen. Seine Ängste sind derzeit in einem durchaus normalen Rahmen, was früher definitiv nicht so war. Entweder er hatte panische Angst vor irgendetwas oder überhaupt keine, was teils genauso gefährlich war wie Panik. Jetzt bewegt er sich in einem gesunden Mittelfeld, das ich mal "respektvolle Neugierde" nennen möchte.
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GabySP
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Beitrag von GabySP »

Schwierig zu erklären, aber ich versuchs mal...
Anfangs normales Selbstbewusstsein, das durch gute Therapien noch verbessert wurde und gefestigt war. Jetzt, mit 14 Jahren, wird er sich immer mehr selber bewusst, dass er durch sein Asperger-Syndrom anders ist als seine Klassenkameraden.

Anfangs war er auf Förderschule, dort war er einer unter vielen und hatte recht ordentliche Kontakte. Jetzt im GU hat er keinerlei Kontakte, zieht sich zurück und meidet alle Situationen, die ihm unangenehm sind.

Bezogen auf die Ängste kann ich aber sagen, dass die Ängste zunehmen mit dem Abnehmen des Selbstwertgefühls. Die Ängste sind teilweise banal (für uns), sorgen aber dafür, dass er alles meidet. Wir wohnen im Rheinland und haben hier momentan haufenweise Karnevalszüge, zu denen er plötzlich nicht mehr will, da er ja Bonbons auf den Kopf bekommen könnte und Scherben auf der Straße liegen könnten, an denen man sich verletzen könnte. Früher hat er Karneval geliebt. Wir haben ihn gestern auf den Zug mitgeschleppt mit dem Ergebnis, dass er ein Buch mithatte und sich lesenderweise unsichtbar gemacht hat. Dieses Unsichtbarmachen erfolgt auch durch lange Haare, die ins Gesicht hängen.
Alle angstmachenden Situationen werden gemieden, zwingen ist auch nicht wirklich hilfreich, ich bin erziehungsmäßig am Ende angelangt
Wir haben jetzt eine Kinder-Reha beantragt, um sein Selbstwertgefühl steigern zu können durch Erfahrungen mit Gleichaltigen in der Gruppe. Hoffe auf ein Einsehen der DRV. Therapieplätze im ATZ sind hier Mangelware. Von der Anmeldung zum Erstgespräch bis zum Therapiebeginn Vergehen zur Zeit 4! Jahre.

Hoffe, meine Ausführung seit verständlich
Gruß Gaby
Asperger-Sohn, 01/2000

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Regina Regenbogen
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Beitrag von Regina Regenbogen »

Bist du dir sicher, dass es Ängste sind oder "nur" Angst vor Überforderung? Mein Sohn hat auch im Laufe der Jahre festgestellt, dass es Situationen gibt, die er besser meidet oder zumindest durch "Unsichtbarmachen" für sich abschwächt. Er fühlt sich allerdings gut dabei und er steht dazu, dass er nicht alles mitmachen möchte, erst recht nicht, wenn es ihm danach schlecht gehen würde. Wir fördern natürlich, dass er sich selbst einschätzen kann, schließlich ist er ein Individuum mit Stärken und Schwächen wie jeder andere Mensch auch. Wir fordern allerdings, dass er Pflichten wahrnimmt, daraus wiederum resultiert das Recht, sich seine Freizeit selbst zu gestalten.

Karneval war ihm schon immer zuviel, die kleine Faschingsfeier in der Schule hat er aber auf sich genommen und ist stolz, sie überlebt zu haben. :wink: Ich kann mir aber vorstellen, dass er sich komplett aussklinken würde, wenn er sozusagen mitten im Getümmel leben würde - ich bin im Ruhrgebiet großgeworden und Karneval war eine der Zeiten, in denen ich mich auf einen anderen Stern gewünscht habe. Als ich alt genug war, habe ich mich da auch rausgenommen und bin lieber freiwillig arbeiten gegangen. Meine Eltern denken bis heute, mir hätte das als Kind Spaß gemacht. :roll:
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GabySP
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Beitrag von GabySP »

Hallo Regina,

Laut KJP sind es definitiv Ängste. Karneval hat er schon immer geliebt. Ich muss aber zugeben, dass ihm unsere Sommerurlaube in Ostfriesland immer helfen, zur Ruhe zu kommen. Hier in der Großstadt ist vieles zu viel.
Aber mit zunehmendem Alter sinkt sein Selbstwertgefühl und die Ängste nehmen zu.

LG Gaby
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Regina Regenbogen
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Beitrag von Regina Regenbogen »

GabySP hat geschrieben:Karneval hat er schon immer geliebt.
Ungewöhnlich. Zumal sich das hier
Wir wohnen im Rheinland und haben hier momentan haufenweise Karnevalszüge, zu denen er plötzlich nicht mehr will, da er ja Bonbons auf den Kopf bekommen könnte und Scherben auf der Straße liegen könnten, an denen man sich verletzen könnte.
mehr wie für euch vorgeschobene Begründungen anhört.

Auf ähnlich phantasievolle Ausreden kommt mein Sohn auch, wenn er "nichtverstehenden" Menschen nicht erklären kann, warum er etwas nicht oder nicht so machen möchte wie es geplant ist.
Ich muss aber zugeben, dass ihm unsere Sommerurlaube in Ostfriesland immer helfen, zur Ruhe zu kommen. Hier in der Großstadt ist vieles zu viel.
Kann ich verstehen, bin ich doch selbst vor 20 Jahren deswegen hierher geflüchtet. :wink:
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GabySP
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Beitrag von GabySP »

Hallo zusammen,

Um noch mal zum Ausgangsbeitag zurückzukommen:

Unser KJP, spezialisiert auf Autismus, vertritt die Meinung, dass Autismus ganz viel mit Ängsten zu tun hat, in erster Linie nämlich die Angst vor Neuem und Unbekanntem.
Diese Ängste müssen sehr ernst genommen werden.
Ich bin der Meinung ( und habe eben selber diese Erfahrung gemacht), dass man den Kindern als Eltern schon einige Ängste nehmen kann, sei es durch Erklären, Vormachen etc.., aber irgendwann der Punkt kommt, wo man doch fachkundige, sprich psychologische Hilfe braucht.

LG Gaby
Asperger-Sohn, 01/2000

rena99
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Beitrag von rena99 »

Engrid hat geschrieben: Jedes Frühjahr hat Junior zB Angst vor Hummeln, aber er will ja auch raus, also wird die Angst von Woche zu Woche kleiner, im Herbst ist sie wieder weg.
Egal, ob autistisch oder nicht: bei Ängsten kann man sich grundsätzlich diese Regel vornehmen: " das Vermeiden vermeiden"

Insofern, Engrid, machst du das schon ganz richtig. Die angstauslösenden Situationen nicht vermeiden, sondern (notfalls gemeinsam) durchstehen, damit das Kind/der Jugendliche sehen kann, dass nichts passiert und die Ängste nach und nach abklingen können.

Autismus und Ängste sind durchaus eng verbunden, weil durch den Autismus insbesondere soziale Situationen, die man nicht gut kennt, Änste auslösen können (was z.B. beim Schulwechsel oder auch in der Pubertät vermehrt der Fall ist). Andere Ängste sind vielleicht auch ganz normal für das jeweilige Alter. In der Pubertät kommt noch hinzu, dass die Eltern als sicherer Hort langsam wegfallen, zumindest emotional.

Werden Ängste aber immer mehr und fangen an, viel Zeit in Anspruch zu nehmen, würde ich professionelle Hilfe suchen. Wie sagte meine (betroffene) Tochter neulich: Ich wünschte, ich würde da nicht so tief drinstecken. Anfangs ist der Weg zurück noch einfacher. Das soll aber nun niemanden hier ängstigen. Aber aufmerksam sein, schadet nichts.

Liebe Grüße

Rena
Rena mit (mittlerweile erwachsener) Tochter (V.a. Autismusspektrumsstörung, Zwangsstörung)

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