Wie erkenne ich eine gute/schlechte Wohneinrichtung?

Unsere Kinder werden älter, verlassen die Schule und auch oft das Elternhaus. Wie sehen die Perspektiven für behinderte Jugendliche und junge Erwachsene aus? Wo können sie arbeiten? Wo finden sie geeignete Wohnformen? Hier können sich Eltern austauschen und informieren!

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Engrid
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Wie erkenne ich eine gute/schlechte Wohneinrichtung?

Beitragvon Engrid » 16.01.2014, 21:58

Liebe Leute.

Es ist ja hoffentlich noch laaange hin ... aber ich will jetzt langsam schon eine Vorstellung haben, wie es vielleicht einmal sein könnte - und zwar so, dass es GUT ist.
Ich bin sicher, das beschäftigt nicht nur mich.

Wohneinrichtungen, die auch frühkindlich autistische Kinder/Jugendliche/Erwachsene aufnehmen, kann man ja an Tagen der offenen Tür besichtigen. Man wird durchgeführt und hat einen kleinen Eindruck.
Das echte Leben sieht man nicht, und das ist ja auch ganz gut so, da käme ich als Bewohner mir sonst auch vor wie im Tierpark.

Wie kann ich aber von außen, mit oberflächlichen Eindrücken, erkennen, wie gut die Einrichtung ist?

Schon klar, ein vernünftiges Konzept, Räumlichkeiten, Ausbildung der Betreuer, Personalschlüssel, ... aber wie macht Ihr Euch ein Bild davon, wie die Betreuer mit den Bewohnern umgehen?
Hospitieren wird schlecht gehen?
Mit "eingesessenen" Eltern reden?

(Mein Sohn ist einer, der sich kommunikativ sehr schwer tut, sich zb bei mir zu beschweren, oder etwas Emotionales zu erzählen - da muss ich vorher schon gut abklopfen, dass man mit ihm gut umgeht)

Viele Grüße,

Ingrid - heute mal ganz weit voraus  8)
Engrid
mit Sohn vom anderen Stern (frühkindlich autistisch)
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Roy1969
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Beitragvon Roy1969 » 16.01.2014, 22:23

Hallo Ingrid,

ich habe mich grade heute einer von unserem Elternbeirat organisierten Führung in einer Einrichtung angschlossen - und mir dabei die gleiche Frage gestellt wie du: was zeigen die uns und wie läuft es wirklich ab?

In den Führungen hört sich ja alles immer total super an - aber kann das auch so umgesetzt werden?


Nachdenkliche Grüße
Roy 69, GöGa 74, D. 98, A. 05
D. HB mit ADS (ADS seit Februar 11 lt SPZ nicht mehr), A. seit 12/2010 Diagnose frühkindlicher Autismus
Alle mit Talent zum Glücklichsein :-)

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Beitragvon Angela77 » 17.01.2014, 00:21

Danke Ingrid, da hänge ich mich mal ran :D

LG
Angie, die noch früher mit diesem Gedanken dran ist als du :)
Bene (2008): regressiver Autismus, schwerste expressive Sprachentwicklungsstörung (bei sehr gutem Sprachverständnis!), Bildung von Casiomorphin und Gliadorphin
Vorstellung plus Diäteffekte:
http://www.REHAkids.de/phpBB2/ftopic73493.html

Primär nächtliche Epilepsie im motorischen Sprachzentrum (leider erst erkannt im März 2015!!!)

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Beitragvon elke bernau » 17.01.2014, 11:47

Hallo Engrid,

wenn ein junger Erwachsener eine Pflegestufe hat und es einen Anspruch auf Verhinderungspflege gibt, kann man in manchen Einrichtungen diese Zeit als "Probewohnen" nutzen. Generell darf man Einrichtungen auch auf Probewohnen 1-3 Tage ansprechen. Nicht jede Einrichtung bietet es an. Ich würde auf jeden Fall auch Angehörige der Bewohner befragen. Außerdem ist es gut zu wisssen, was man selbst für den Angehörigen möchte. Soll jemand viel Zeit mit der Gruppe verbringen oder nicht. Gibt es Angebote allein oder in der Kleingruppe. Gibt es Wahlmöglichkeiten bei der Esseneinnahme (Zimmer oder Gruppe), gibt es interne/ externe Förder-, Arbeits- und Beschäftigungsmaßnahmen etc.
Außerdem ist es gut zu wissen, welchen aktuellen Hilfebedarf es gibt. Die Wohngruppen können nicht auf jeden Hilfebedarf reagieren. Der Personalschlüssel setzt Grenzen.

LG elke

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Beitragvon Rike04 » 17.01.2014, 11:58

Hallo,

mich interessiert dieser Thread auch.

VG
Viele Grüße
Rike

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Beitragvon NorbertMN » 17.01.2014, 12:38

Hallo,

bei uns ist das leider nicht so weit voraus.

Ganz wichtige, ganz schwierige Frage, irgendwie kaum zu lösen. Wir haben zum Beispiel bei der Wahl der Tagesstätte schon daneben gegriffen. Die äußerlichen Parameter haben gestimmt, aber es ist nicht gut da. Auch das Bauchgefühl (das bei mir sowieso immer den Ausschlag gibt) hat versagt. Lorenz hat eben einen ganz anderen Bauch, ich kann nicht reingucken.

Bei der Wahl des Wohnheims wäre es noch schwieriger. Auf die Methode "trial and error" geht es nicht, dafür ist der emotionale Aufwand bei einem Wechsel für ihn viel zu hoch. Schnuppern ist immer furchtbar, man kann nichts daraus ableiten. Wenn es überhaupt geht wird, dann erst nach Monaten.

Aber es ist noch komplizierter: Wenn wir uns die Entscheidung darüber vorbehalten, was ein gutes und was ein schlechtes Wohnheim ist, dann bilden wir uns unbewusst ein, wie behielten irgendwie die Kontrolle. Das Wohnheim ist dann sozusagen unser verlängerter Arm (Klappt natürlich nicht, nicht nur, weil die dort Arbeitenden ja ihre eigene Beziehung zu ihm aufbauen und auch aufbauen sollen, sondern auch deshalb, weil sie alles ständig ändert und wir gar keinen Einfluss darauf haben.)

Ablösung heißt aber: Nicht mehr kontrollieren! Nicht mehr kontrollieren wollen! Wie das gehen soll, ist mir schleierhaft. Ich stelle mir nur mal vor, dass sie ihm die Zähne nicht putzen, weil er das nicht will und sie ihn seine Autonomie nicht eingreifen wollen...

Gruß,
Norbert
Vater von Lorenz, Jg. 1994, frühkindlicher Autismus mit schwerer bis schwerster geistiger Behinderung. Tochter Jg. 88, berufstätig und außer Haus

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Beitragvon eli » 17.01.2014, 13:00

Hallo,

zum Thema "Wohnen und selbständig sein" bin ich kürzlich auf einen Film aufmerksam geworden. Vielleicht interessiert sich der eine oder andere ja dafür:

http://www.kabeleins.de/tv/challenge/ga ... anze-folge

Mir hat der Film ein bisschen Hoffnung gemacht.

LG Petra
"Ein besonderes Kind ist ein Geschenk, das uns jeden Tag daran erinnert wie wertvoll das Leben ist"

Sohn: Panayiotopoulos-Rolando-Epilepsie, Autismus, einfache Aufmerksamkeitsstörung

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Beitragvon Inge » 17.01.2014, 15:52

Hallo zusammen,

ich beschäftige mich schon seit ungefähr acht Jahren mit dem Thema und Annika wohnt immer noch bei uns. Das zeigt, dass es manchmal wirklich schwierig ist, eine passende Wohnmöglichkeit zu finden. Mit gut oder schlecht hat das oft gar nichts zu tun, weil einfach die Gegebenheiten und die Mitbewohner passen müssen.

Ich habe allerdings vor einigen Jahren auch mal Fragen zusammengestellt, die ich mir und den Einrichtungsträgern stelle:
  • Ist es eine Einrichtung der Eingliederungshilfe oder eine Pflegeeinrichtung?
    Wie ist die Größe und die Zusammensetzung der Gruppen?
    Wie sieht der Tagesablauf in der Einrichtung aus?
    Der Wochenablauf?
    Wie oft gibt es regelmäßige Aktivitäten (außer Haus)?
    Wie oft gibt es Sonderaktivitäten (außer Haus)?
    Können alle Bewohner an diesen Aktivitäten teilnehmen?
    Kann mein/e Sohn/Tochter über Jahre hinweg in der Einrichtung bleiben?
    Gibt es eine externe Förderstätte, die mein Kind besuchen kann?
Nach den - teilweise ernüchternden - Erfahrungen durch die Besuche in verschiedenen Einrichtungen in den letzten Jahren möchte ich noch hinzufügen: Schaut in die Gesichter und in die Augen der Menschen, die dort schon längere Zeit wohnen!

Sie ist anders als die andern, und ihre Sprache geht weit an uns vorbei.
Doch wenn sie lächelt, lächelt sie mit Leichtigkeit dir dein ganzes Herz entzwei.

'Sommerkind' von Wortfront


Viele Grüße
Inge

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Beitragvon Rike04 » 17.01.2014, 15:58

Hallo,

schöner Link. Danke!

Diese Wohnform erfordert aber schon ein gutes Maß an Handlungsfähigkeit.

Ich weiß in Deutschland zum Beispiel nur von einer Frau, welche eigenständig mit 24 h Assistenz lebt.

VG Tina
Viele Grüße
Rike

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Beitragvon Engrid » 17.01.2014, 16:05

Hallo,

[quote="NorbertMN"]Aber es ist noch komplizierter: Wenn wir uns die Entscheidung darüber vorbehalten, was ein gutes und was ein schlechtes Wohnheim ist, dann bilden wir uns unbewusst ein, wie behielten irgendwie die Kontrolle. Das Wohnheim ist dann sozusagen unser verlängerter Arm (Klappt natürlich nicht, nicht nur, weil die dort Arbeitenden ja ihre eigene Beziehung zu ihm aufbauen und auch aufbauen sollen, sondern auch deshalb, weil sie alles ständig ändert und wir gar keinen Einfluss darauf haben.) [/quote

]Also, ich bin gerne bereit, die Kontrolle abzugeben. Der Ablöseprozess hat bei Junior ja schon begonnen, und zwangsläufig eben bei mir dann auch. Ich bin nicht der Typ, der alles wissen will und muss, was in der Einrichtung passiert, solang ich weiß, Junior ist im Lot. Ich erwarte auch nicht, dass die perfekt sind, bin ich ja auch nicht.
Ich kann aber erst loslassen, wenn ich weiß, dass da gut gearbeitet wird. Dass sie wirklich professionell und empathisch mit herausforderndem Verhalten umgehen können, dass sie ihn da abholen, wo er steht, dass sie ihn "lesen lernen", dass sie ihn halt mögen wie er ist, dass sie ihn respektieren.

Schnuppern ist schwierig, denn aktuell würde ich meinem Sohn den Stress einer KZP-Einrichtung nicht antun.
Eigentlich hätte ich tatsächlich am liebsten Kontakt zu Eltern von Bewohnern.

@Petra: ich kann nur für meinen Sohn sprechen - damit er im Erwachsenenalter mit wenig Unterstützung selbständig leben kann, müsste etwas in der Größenordnung "Wunder" passieren. Sein kann alles mögliche, aber rechnen sollte ich damit nicht. Wenn es linear weitergeht, können wir glücklich sein, wenn er werkstattfähig wird.

Viele Grüße,
Engrid
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