Wie erkenne ich eine gute/schlechte Wohneinrichtung?

Unsere Kinder werden älter, verlassen die Schule und auch oft das Elternhaus. Wie sehen die Perspektiven für behinderte Jugendliche und junge Erwachsene aus? Wo können sie arbeiten? Wo finden sie geeignete Wohnformen? Hier können sich Eltern austauschen und informieren!

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NorbertMN
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Beitragvon NorbertMN » 26.01.2016, 08:50

Hallo Ingrid und Sabine,

danke für die Hinweise! Österreichweit zu suchen oder den Radius zu erweitern hat allerdings keinen Sinn. Das Land ist ländlich und kleinstädisch geprägt, es gibt keine Ballungszentren, nur die Millionenstadt Wien. Graz, wo wir leben, ist schon die zweitgrößte Stadt. Ganz Österreich ist so groß wie Hessen, und Graz ist halb so groß wie Frankfurt. Wir leben schon im Zentrum. Je weiter es an die Peripherie geht, desto schlechter wird die Versorgung.

Dazu ist das Behindertenwesen in Österreich föderal organisiert. Niemand nimmt jemanden aus einem anderen Bundesland. Wenn wir in Tirol einen Platz bekommen wollten, müssten wir nach Tirol ziehen. Was aber sollen wir in Tirol? Da können wir nicht einmal arbeiten.

Spezialisierte Einrichtungen, die Autisten mit sehr hohem Betreuungsaufwand nehmen, gibt es hier nicht. Es gibt nur eine spezialisierte Einrichtung, die aggressive Klienten nimmt. Er ist aber nicht aggressiv, und ganz abgesehen davon, dass wir ihm das nicht antun würden, würden sie ihn deshalb dort wohl auch nicht nehmen. Das Problem bei Lorenz ist auch nicht der "sehr hohe Betreuungsaufwand", sondern einfach die Tatsache, dass alle Einrichtungen immer jemanden finden, der bei gleichem Personalschlüssel etwas weniger Betreuungsaufwand verursacht.

Wenn wir nichts finden, müssen wir irgendwann umziehen, das ist schon klar. Mangel an Mobilität ist nicht unser Problem. Aber dann würden wir wohl nach Deutschland, nach England oder in die Niederlande gehen, denke ich. Kommt allerdings alles erst in Frage, wenn wir das Rentenalter erreicht haben, denn wovon sollten wir dort leben?

Gruß,
Norbert
Vater von Lorenz, Jg. 1994, frühkindlicher Autismus mit schwerer bis schwerster geistiger Behinderung. Tochter Jg. 88, berufstätig und außer Haus

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Beitragvon Engrid » 26.01.2016, 09:14

Hallo Norbert,

die spezialisierten Einrichtungen, die ich im Kopf habe, sind damit auch auf selbst- und fremdaggressive Klienten "abonniert". Das ist nun aber nicht so, dass es da andauernd um Aggression gehen würde, siehe Gixis Sohn in der jetzigen Einrichtung, der sich ja offenbar dort ganz gut fühlt. Zumindest mit denen reden solltet Ihr mal.
Und auch wenn das erste Medikament jetzt nicht das richtige war, so ist doch zu hoffen, dass die richtige Medikation noch gefunden wird, womit Lorenz dann ja auch umgänglicher und zugänglicher würde. Auf den ersten Versuch hin scheint das ja häufig nicht gleich zu klappen. Wirkt halt auch bei jedem anders.

Grüße
Engrid
mit Sohn vom anderen Stern (frühkindlich autistisch)
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Beitragvon NorbertMN » 26.01.2016, 09:59

Hallo Ingrid,

es ist einfacher: Für auto- oder fremdaggressive Klienten kriegt eine Einrichtung einen sogenannten Betreuungszuschlag. Es gibt in der Steiermark eine Einrichtung, die nur solche Klienten nimmt. Weil Lorenz nicht auto- oder fremdaggressiv ist, kriegt er dort auch keinen Platz.

Gruß,
Norbert
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Sabine
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Beitragvon Sabine » 26.01.2016, 10:34

Hallo Norbert,

hm, also hier in Dt. werden wir mehr oder weniger behutsam darauf vorbereitet, bis etwa 67-70 arbeiten zu müssen... Meinst du, ihr schafft das noch so lange...?
Wir sind hier ja schon ziemlich lange mit Jan-Paul in Wohnheimen und Betreuungseinrichtungen "unterwegs". Hatten uns hier und da was angeschaut. Jetzt ist er ja schon 3,5 Jahre im Wohnheim. Mir sind aber in den letzten Jahren immer mal wieder Kinder und Jugendliche begegnet, die so sind wie Lorenz - und die wohnen hier auch in Einrichtungen. Es kann doch nicht sein, dass man euch so im Regen stehen lässt!
Für euch wäre es ja auch kein kleiner Umzug, sondern gleich ein Umzug in ein anderes Land. Was passiert, wenn ihr auf einmal nicht mehr da seid? Das ist hier mal bei einem schwer behinderten Jungen passiert. Die allein erziehende Mutter verstarb ganz plötzlich an Krebs. Damit hatte niemand gerechnet. Es gab keinen, der das Kind nehmen wollte. Es drohte buchstäblich auf der Straße zu stehen. Da aber keiner der Mitarbeiter diverser Einrichtungen das Kind über Nacht mit in seine Privatwohnung mitnehmen wollte, tat sich dann doch - oh, Wunder! - "auf einmal" ein Heimplatz auf... :roll:

LG
Sabine
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Beitragvon NorbertMN » 26.01.2016, 11:22

Hallo Sabine
Es kann doch nicht sein, dass man euch so im Regen stehen lässt!
Das sagen alle, denen wir von unseren Erfahrungen erzählen: Das kann es doch nicht sein! Doch, es kann.
Was passiert, wenn ihr auf einmal nicht mehr da seid?
Dann passiert genau dasselbe wie in dem Fall, den du geschildert hast: Es wird sich plötzlich in Platz finden. Das hat System. Man erfüllt den Rechtsanspruch auf einen Wohnheimplatz erst, wenn die Eltern tot sind. Das ist ja auch sehr rational: Mit jedem Jahr, das die Eltern ihr Kind länger betreuen, spart das Land sich ca. 48.000 Euro.

Gruß,
Norbert
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Beitragvon Gixi » 26.01.2016, 11:46

hi Norbert,

bei uns tat sich ja auch erst dieser wohnheimplatz auf, als die kacke ordentlich am dampfen war.

Moritz war für fast alle Einrichtungen hier in hessen zu "schwierig". nur die besagte spezialeinrichtung für Autisten (die wohl erst in 2017 an den start geht) wäre für uns und für die damaligen verhaltensauffälligkeiten bei moritz die passende gewesen.

jetzt ist Moritz in einer Einrichtung, wo man gerade auch mit verhaltensauffälligen menschen umgehen kann. Moritz ist nach der medi-Umstellung die Ausgeglichenheit in Person.

das personal ist sehr zufrieden mit ihm, weil er wohl auch wenig "arbeit" macht.

leider muss er nun aber das Geschrei einiger Mitbewohner aushalten, die weitaus schlimmer betroffen sind als er selbst.

bis dato war m. immer der schwierigste fall und nun dort ist er einer der leichtesten fälle. für uns ganz neues Terrain.

manchmal würde ich ihn lieber in einer Einrichtung sehen, wo generell nur "leichter" behinderte sind, nur kann ich mir leider keine schnitzen.

das ist dann halt der preis, den man zahlen muss.

nur ist es so, falls m. wieder in eine schlechte Phase rutschen sollte (Gott bewahre), dann wäre er dort halt auch gut aufgehoben.



lg
gixi

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Beitragvon NorbertMN » 10.02.2016, 08:41

Hallo,

gestern hatten wir wieder ein Vorstellungsgespräch. Sehr schöne Einrichtung, noch dazu in dem Ort, in dem Lorenz aufgewachsen ist und wo wir noch viele Leute gut kennen. Die Leiterin war freundlich und offen. Es gibt aber, wie immer, noch andere Kandidaten. Übernächste Woche erfahren wir, wie das Rennen ausgegangen ist.

(Ich bin schon froh, wenn wir irgendwo nicht sofort auf Ablehnung stoßen. Beim vorletzten Termin war es so: Die Leiterin musste Lorenz nur sehen, um zu wissen, dass sie ihn nicht wollte. Anschließend labert man dann noch eine halbe Stunde herum und tut so, als wäre die Entscheidung irgendwie offen. Wahrscheinlich wusste sie schon am Telefon Bescheid. Sonst hätte es nicht zweieinhalb Monate gedauert, bis wir uns überhaupt vorstellen durften.)

Gruß,
Norbert
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Beitragvon Sabine » 10.02.2016, 12:26

Hallo Norbert,

meine Daumen sind auch diesmal ganz tüchtig gedrückt für euch! Ihr müsst doch endlich mal Glück haben!

LG
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Beitragvon NorbertMN » 20.02.2016, 15:54

Hallo,

wir können es selbst noch kaum fassen: Wir haben einen Wohnheimplatz. Eintrittsdatum: 1. März - in dem Dorf, in dem Lorenz aufgewachsen ist.

Alles ist gut, und es gibt offensichtlich keinen Haken an der Sache. Bei der abschließenden Besprechung mit der Leiterin und dem Bereichsleiter für das Wohnen war Lorenz so gelassen wie seit Monaten nicht.

Gruß,
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Beitragvon angela » 20.02.2016, 15:56

Dann Norbert,

Glückwunsch!!!

LG - Angela

Ich wollte die erste sein die Euch gratuliert! :wink:
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