Warum klappt es im Kindergarten?

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AnnaTevka
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Warum klappt es im Kindergarten?

Beitragvon AnnaTevka » 07.01.2014, 10:26

Irgend scheinen sie dort anders zu machen (?).
Wenn er dort aufräumen soll, müssen es die Erzieher bloss sagen und er räumt auf. Wenn er nicht aufräumt, darf er am nächsten Tag mit diesem Spielzeug nicht mehr spielen.
Selbiges klappt hier zuhause nicht. Lieber bleibt er zuhause oder nimmt in Kauf, mit seiner heissgeliebten Holzeisenbahn einen Tag nicht zu spielen. Naja, was heisst "lieber". Es kommt ein Kreischanfall. :roll:

PS: Er liiiiebt den Kindergarten. Rennt dort den Gang auf und ab, klatscht die Erzieher ab und schiebt den Essenswagen. Zuhause höre ich nur Wortfetzen aus dem Kindergarten ("Mustafa, nicht kreischen", "Berat, kommst du rein", "Bisi hat aufgeräumt" "Die Eugenia ist Papier holen gegangen.")
Liebe Grüße
AnnaTevka
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Engrid
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Beitragvon Engrid » 07.01.2014, 12:35

Hallo AnnaTevka,

das muss noch lang nicht heissen, dass Du was falsch machst.  8)

Bei uns war es so, dass Junior auswärts im Kiga viel gelehriger und aufgeschlossener war als zuhause. :oops: Manchmal hatte ich das Gefühl, die reden von einem anderen Kind ("Also bei uns isst er alles" :shock: )
Inzwischen kann er immerhin Gelerntes in kleinen Dosen nach Hause exportieren. Es war und ist also bei uns immer wichtig, dass ich von den Erziehern gut informiert bin, denn Sohnemann würde freiwillig nieee zuhause sagen, dass er in der Schule lääääängst mit Messer und Gabel isst :shock:

Die autistischen Kinder schaffen oft einfach den Transfer nicht gut. Die Welten werden streng getrennt, zuhause gelten andere Regeln (aus Autistensicht). Nachdem sie es im Kiga von anfang an so kennen, dass alle Kinder aufräumen müssen, gehts da leichter. Nachdem sie es zuhause von Anfang an so kennen, dass das die Eltern machen, geht´s da schwerer (Mein Sohn hat ein Elefantengedächtnis, der erinnert sich Jahre zurück; und was nicht konkret erinnert wird, war halt einfach "schon immer so" für ihn) :roll:

Einerseits tut es der autistischen Seele sehr gut, wenn zuhause der Raum für Entspannung und weniger Anforderungen ist. Immerhin reissen sie sich ja in der Einrichtung auch mehr zusammen, und es ist dort ja auch sonst recht anstrengend. Irgendwann darf der Autist auch "Feierabend" haben. Andererseits muss man auch aufpassen, dass zuhause trotzdem was vorwärts geht und Gelerntes auch generalisiert werden kann.
Nicht einfach.

Ich hatte mit dieser Weltenteilung früher kein Problem. An uns Müttern bleibt ja normalerweise dafür das Krisenmanagement hängen, die fetten Aussetzer heben sie sich für den vertrauten Rahmen zuhause auf. Wir hatten hier lang gut zu tun damit, das Soziale zu trainieren ... auch noch Aufräumen, Manieren, usw zu trainieren ... das hab ich damals gerne dem Kiga überlassen *gg*
Das passt aber für ein "leistungsfähigeres" Kind natürlich weniger. Unterfordern ist ganz schlecht.

Viele Grüße,
Engrid
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Beitragvon Jenny66 » 07.01.2014, 17:03

An uns Müttern bleibt ja normalerweise dafür das Krisenmanagement hängen, die fetten Aussetzer heben sie sich für den vertrauten Rahmen zuhause auf.
Ja, ich kann das auch so bestätigen.

Aber inzwischen wurmt es meine Tochter, wenn ich sie unterschätze, ihr Dinge nicht zutraue, usw. Wir haben da mal richtig drüber gesprochen. Und sie musste mir sagen, was sie denn so außerhalb kann, was sie hier nicht kann und macht. Dann war für mich die Sache geklärt und in Ordnung so. Ich bin dann in erster Linie erleichtert, wenn ich weiß, dass sie sich zu Benehmen weiß und dass sie meinetwegen auch ihr Brötchen selbst aufschneiden kann, wenn sie woanders isst.

Ich habe nichts dagegen, wenn ich bestimmte Dinge machen muss, weil ihr Akku leer ist, sie ein wenig verwöhnt werden möchte.

Wichtiger sind mir da z. B. die Dinge in Sachen Ernährung. Wenn sie woanders mal probierfreudiger war - aus welchen Gründen auch immer - und ihr dann ein Teil geschmeckt hat, was sie hier zuhause noch nicht angerührt hat, dann freue ich mich, wenn sie das dann auf einmal hier tut und es isst.

Aber ansonsten darf sie ruhig auch mal launig sein oder träge. In den Ferien sieht das ja auch wieder anders aus.

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Beitragvon Regina Regenbogen » 08.01.2014, 08:47

Ich hatte mit dieser Weltenteilung früher kein Problem. An uns Müttern bleibt ja normalerweise dafür das Krisenmanagement hängen, die fetten Aussetzer heben sie sich für den vertrauten Rahmen zuhause auf. Wir hatten hier lang gut zu tun damit, das Soziale zu trainieren ... auch noch Aufräumen, Manieren, usw zu trainieren ... das hab ich damals gerne dem Kiga überlassen *gg*
Das passt aber für ein "leistungsfähigeres" Kind natürlich weniger. Unterfordern ist ganz schlecht.
Doch, Ingrid, bei uns klappt das mit der Weltenteilung heute sogar noch. :wink: Mein Sohn ist "ausserhalb" einfach leistungsfähiger, wenn er zu Hause in seinem Schutzraum einfach sein kann wie er ist und tun kann, wonach ihm ist.

Beispiel Tischmanieren: Ich weiß, dass alle meine Kinder diesbezüglich die gleiche Erziehung von uns genossen haben.Trotzdem bringt mein Jüngster es fertig, zu Hause mehr als unmanierlich zu essen (schiebt sich das Essen vom Tellerrand in den Mund trotz Ermahnungen) - er sagt dann immer, er weiß ja wie es richtig geht. Vor kurzem waren sie mit der Grundschule 3 Tage auf Klassenfahrt. Als ich hinterher beim Schulbegleiter vorsichtig nachgefragt habe wegen der Tischmanieren, guckte der mich an wie ein Auto und meinte: "S. hat sich tadellos benommen, da waren einige andere Kinder, deren Manieren bei den Lehrkräften sauer aufgestoßen sind."

Er weiß also tatsächlich wie es richtig geht. Und das bezieht sich bei ihm auf viele Bereiche des täglichen Lebens.
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Beitragvon Engrid » 08.01.2014, 09:34

Freut mich, das zu lesen, Regina. Und toll, dass die Klassenfahrt so gut gelaufen ist (das geht ihm sicher runter wie Honig :D ).
Wenn ich nicht aus dem Forum wüsste, dass es in vielen anderen Familien mit Autisten auch so ist, und dass es gut so ist, dann wäre ich in der Beziehung sicher schon völlig verunsichert. Obwohl ich sonst recht sicher bin in meinen "Bauchentscheidungen". Aber allein auf weiter Flur und das Kind ist überall fitter/höflicher/fleißiger/anstelliger/... als bei Mama - da kommt man sich doch schnell blöd vor.

Bei uns ist jetzt tatsächlich aber doch die Zeit reif, dass er Zuhause mehr leistet - aber dazu hat er auch erst jetzt, nach all den Jahren Verweigerung, die Bereitschaft. D.h., er hat eine innere Motivation entwickelt. :icon_cheers: :icon_cheers: :icon_cheers: (das ist die gute Seite von pubertärer Krätzigkeit und "Lachverbot" :wink: )
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Beitragvon Regina Regenbogen » 08.01.2014, 10:26

Und toll, dass die Klassenfahrt so gut gelaufen ist (das geht ihm sicher runter wie Honig :D ).
Er ist stolz, die Zeit geschafft zu haben obwohl man nach seinen Erzählungen von "überlebt" ausgehen muss. :wink: Die Quittung für das permanente Kompensieren waren nach der Ankunft wieder zu Hause drei Tage lang anhaltende starke Kopfschmerzen. Die Weltentrennung (gefällt mir das Wort, es passt) ist ihm aber so eine Selbstverständlichkeit geworden, dass er darüber gar nicht nachdenkt.

Witzigerweise hatte er im letzten Sommer nach 2 Wochen (!) Ferienfreizeit so gar keine Nachwehen, es ging ihm einfach nur gut und er freut sich schon auf die nächste (bereits gebuchte) Fahrt. Aber das war wohl auch wieder eine andere Welt, die Schulwelt fordert von ihm sehr viel mehr Kraft ab im sozialen Bereich. Im Moment kann er nach eigener Aussage auf weitere Klassenfahrten gut verzichten ..... dabei ist die nächste (1 Woche Norderney) schon im Mai fällig. :roll:
er hat eine innere Motivation entwickelt
Sehr schön, geht doch. Unsere Kinder sind eben einfach Spätzünder. Dafür knallt es eben umso heftiger. :lol:
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Beitragvon Nick02 » 08.01.2014, 10:33

Hallo,

@ Engrid, wie hat er eine innere Motivation entwickelt?

Bei uns ist es leider nicht so, dass Junior ausserhalb fitter, höflicher, fleißiger ist - eher zu Hause. Zu Hause räumt er nach Aufforderung auf, in der Schule nicht.
Tischmanieren und Sauberkeit sind beide gleich schwierig. Da ist er zu Hause und auch 'draußen' eher ein Schw...
Zur Zeit isst er 1x pro Woche in der Schule (ohne SB als Test) und es klappt fast nicht. Er isst mit den Händen, wenn man ihn nicht ständig an Messer und Gabel erinnert und bekleckert sich wie ein Kleinkind.
Mir graut vor dem Wechsel nach den Sommerferien, da er dann auf die weiterführende Schule soll. Dies ist eine Ganztagsschule mit Mittagessen.
Theoretisch weiß er, wie alles zu sein hat, da er ja andere maßregelt.

LG Lenka
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Beitragvon Regina Regenbogen » 08.01.2014, 10:43

Theoretisch weiß er, wie alles zu sein hat, da er ja andere maßregelt.
Habt ihr schon versucht, sein Verhalten zu spiegeln? Das kommt bei den kleinen Besserwissern immer recht gut an als Erfahrung.
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Beitragvon Engrid » 08.01.2014, 10:48

Hallo Lenka,
@ Engrid, wie hat er eine innere Motivation entwickelt?
das ist es ja: Im Grunde nur durch die Erfolgserlebnisse, die er in der jeweiligen Einrichtung über die Jahre hatte, bezüglich selbständiger werden, bezüglich Dinge lernen die schwierig erscheinen. (Bei und sind das einfache Sachen gewesen: Tisch decken, Reissverschluß zumachen, ...). Das gibt so eine Spirale: die massiven Probleme in der Handlungsplanung haben ihn lang davon abgehalten, überhaupt irgendwas selber machen zu wollen. Je mehr sie ihn dazu brachten, Dinge zu lernen, desto besser wurde und wird die Handlungsplanung.
Zuhause hätte er das mit meiner Toleranzmethode nie gelernt, :oops: ohne eine gute Arbeit in der Einrichtung wäre er stecken geblieben. Vielleicht hätte ich es dann aber auch anders angegangen.

Klingt bei Nick auch ein bisschen nach Problem in der Handlungsplanung. Warum sonst sollte er sich auswärts weniger Mühe geben? Oder er ist zu abgelenkt, dann wäre es wahrnehmungsbeeinflußt.
Vielleicht kann man da mit einer guten Ergo trainieren?

LG,
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Beitragvon Regina Regenbogen » 08.01.2014, 10:57

Je mehr sie ihn dazu brachten, Dinge zu lernen, desto besser wurde und wird die Handlungsplanung.
Zuhause hätte er das mit meiner Toleranzmethode nie gelernt, :oops: ohne eine gute Arbeit in der Einrichtung wäre er stecken geblieben.
Da hast du wohl Recht. Ich habe es fast vergessen, weil dieser Schritt bei uns schon im Kindergarten stattfand. Als er in die Schule kam, hatte er die innere Motivation bereits. Auch wenn sie ihm wegen der falschen Schulwahl dann mal kurzzeitig abhanden kam.
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